Modern Talking

Medientagebuch Sehnsucht nach der Werbeunterbrechung: Das Kanzlerduell und sein Sieger

Der Auftrieb hat sich gelohnt. Die Reklame für das "Duell" zwischen den Kanzler und seinem Konkurrenten, dem Kanzlerkandidaten von CDU und CSU, brachte den erhofften Erfolg. Zusammengerechnet 15 Millionen Zuschauer schalteten sich zu dem von RTL und SAT 1 gemeinsam live aus Berlin-Adlershof übertragenen Gespräch ein. Selbst die anschließenden Talk-Sendungen, die neben RTL und SAT 1 auch ARD, ZDF, n-tv und N24 anboten und in denen das "Duell" nachbereitet wurde, sahen noch mehrere Millionen Zuschauer. Die privaten Sender werden also hoch zufrieden sein. Gelang es ihnen doch erstmalig mit einer politischen Sendung in Quoten-Dimensionen vorzustoßen, die sie sonst höchstens mit Übertragungen der Formel 1 oder mit dem Quiz Wer wird Millionär? erreicht haben.
Mit diesen beiden Fernsehformen, also der Sportübertragung und dem Quiz, hatte das Duell denn auch mehr zu tun als etwa mit der "Elefantenrunde", zu der sich früher kurz vor der Wahl die Spitzenkandidaten aller im Bundestag vertretenen Parteien in einem öffentlich-rechtlichen Studio versammelten. Dieses erstmalig in der deutschen Geschichte im Fernsehen stattfindende Duell war nämlich vollkommen durchformatiert. In einem vermutlich umfangreichen Katalog waren nicht nur die Regeln des Spiels aus journalistischen Fragen und Politiker-Antworten festgelegt, sondern auch die Erscheinung der Politiker selbst (Höhe des Stehpultes, Abstand zwischen den Kandidaten, Kameraeinstellungen, Farbdesign des Studios). Daran trugen nicht nur die Fernsehanstalten schuld, sondern auch die Beraterstäbe von Kanzler und Kandidat. Nichts wollte man einem wie auch immer parteipolitisch engagierten Zufall überlassen.
Diese Formatierung der Live-Sendung schlug sich wie Mehltau auf das Gespräch nieder. Während die Politiker eisern an den feuilletonistisch überspitzten Fragen der Journalisten Peter Kloeppel und Peter Limbourg vorbei antworteten, achteten diese weniger auf das, was die Politiker von sich gaben, als auf die Zeitbudgets und auf das Regelwerk. So kam ein schematischer, vollkommen überraschungsloser Austausch von Stellungnahmen zustande, einem konventionellen Standardtanz gleich, bei der eine Pirouette schon Minuten zuvor erahnt werden kann. Das löste selbst bei eingefleischten Fans der beiden Politiker - die soll es tatsächlich geben, wie es ja auch Menschen gibt, die Modern Talking für Musik erachten - nichts als Müdigkeit und Ermattung aus. Nicht wenige werden mit dem Wunsch gespielt haben, zum Tatort im Ersten Programm zu wechseln oder auf das Traumschiff des ZDF zu entfliehen. Und andere werden sich bei dem Gedanken ertappt haben, dass sie zum ersten Mal in einer Sendung des privaten Fernsehens die Werbung vermissten. (Beide Sender hatten während des neunzigminütigen Gesprächs auf jeden Werbeblock verzichtet.)
In den nachfolgenden Debatten auf fast allen Sendern stritt man lange um die Frage, wer von den beiden nun das Duell gewonnen habe. Beide Bewerber bilanzierten Plus- wie Minuspunkte. Stoiber vermied die gröbsten sprachlichen Schnitzer, ließ den oft bei ihm besserwisserisch erigierten Zeigefinger unten, reduzierte die bei ihm notorischen Angaben in Prozentzahlen auf unter 50 Prozent seiner Aussagesätze. Schröder gab den Staatsmann, der sich von dem Herausforderer nicht aus der Ruhe bringen lässt, sich statt dessen auf die selbst gesetzten Aufgaben mental konzentriert. Stoiber versagte bei der Schlussfrage nach der Rolle seiner Ehefrau, als er sichtbar in jene Rolle des erzkonservativen Politikers zurückfiel, die er zuvor mit seinem fast schon maskenhaften Lächeln hatte vergessen machen lassen. Und Schröder missrieten die Antworten auf Stoibers Fragen nach dem Desaster der Arbeitslosigkeit zu leicht durchschaubaren Ablenkmanövern.
Bei aller Schulung, die man Stoiber in den letzten Wochen angedeihen ließ, wirkte er vor den Kameras immer noch hölzern. (Die Betonung seiner politischen Kompetenz soll seine mangelhafte mediale Präsenz kompensieren.) Dass er den Kanzler nicht anschaute, wenn er ihn persönlich ansprach, dürfte sein größter Fehler gewesen zu sein. Schröder drehte sich jedes Mal zu Stoiber hin, wenn er sich direkt auf ihn bezog. Das wirkte selbst dann noch höflicher, als er Stoiber zu unterbrechen versuchte. Leider wurden diese Interventionen, die das Duell aus dem engen Korsett des Fernsehformats befreit hätte, von den ängstlichen Journalisten unterbunden. Kein Wunder, dass die SPD am Tag nach dem Duell die Regeln nachbessern, sprich liberalisieren will. Ihr Kanzler gewinnt im direkten Schlagabtausch an Energie. Im In-Fight weiß er nicht nur besser auszuteilen, sondern auch einzustecken. Stoiber wiederum muss jeden schnelleren Wortwechsel so meiden wie der Teufel das Weihwasser. Mit seiner bürokratischen Sprache und den verschachtelten Bandwurmsätzen ginge er im verbalen Schlagabtausch schnell zu Boden. Deshalb wird die Union auf der Beibehaltung der Regeln drängen.
Der Kanzler wiederum wird - Regeln hin oder her - beim Rückkampf härter zurückschlagen müssen. Aus dem Staatsmann muss für eine bestimmte Zeit der Wahlkämpfer werden, der allen zeigt, dass er wirklich gewinnen möchte. Dafür spricht eine Erfahrung des Debattentages. Nachmittags übertrug die ARD live das Duell der Tennis-Legenden aus Berlin. Es gewann mit Boris Becker nicht der Elegantere noch der Kompetentere, sondern schlicht der, der den größeren Siegeswillen besaß.
Das Fernsehduell selbst kannte nur einen Sieger: Das Fernsehen in der Gestalt der privaten Sender RTL und SAT 1. Können ARD und ZDF beim Rückkampf kontern?

00:00 30.08.2002

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