Moderner Wahn

Ahistorisch Der Salafismus sei die islamische Reformation, heißt es. Was ist da dran?
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Die Fotos des Themenschwerpunkts stammen von Kolja Warnecke, der das Reformationsjahr mit seiner Kamera begleitet hat

Foto: Kolja Warnecke

Historische Gebäude in Mekka und Medina werden zerstört, zahlreiche Bücher verbrannt und die schon immer vielfältige Glaubenspraxis wird gleichgeschaltet!“ Nein, diese Szenen stammen nicht aus einer Dystopie, die die Übernahme der beiden heiligen Städte der Muslime durch ISIS schildert, sie spielten sich im Jahr 1806 ab, als die wahhabitische Armee Mekka und Medina übernahm, nachdem sie diese Städte belagert und angegriffen hatte. Die Belagerung der beiden heiligen Orte kann auch symbolisch für die Belagerung der gesamten muslimischen Tradition durch den Salafismus stehen.

Der Salafismus wird, wenn man einige marginale Differenzierungen außer Acht lässt, als Synonym für die wahhabitische Lehre verwendet. Als eine Bewegung, die zum Islāh aufruft, verstehen sich die Salafisten selbst. Dass dieser Begriff eine Nähe zu „Reform“ hat, erkennt man schon daran, dass Luther in der arabischsprachigen Literatur als derjenige bezeichnet wird, der einen Islāh ausgelöst hat. Eigen ist den verschiedenen salafistischen Strömungen, dass sie zahlreiche Aspekte sowohl der muslimischen Theologien als auch der religiösen Praktiken abgelehnt haben. Ja sie sind quasi die Verkörperung dessen, was Navid Kermani als „Traditionsbruch“ bezeichnet.

Eine Reform muss nicht unbedingt progressiv sein. Das salafistische Gedankengut ruht auf einer Retropie, einer rückwärtsgewandten Utopie also, wie Richard David Precht den Begriff definiert. Salafisten sind überzeugt, dass das Verständnis der prophetischen Botschaft durch die frühen Muslime, genauer gesagt durch die ersten drei Generationen, das einzig wahre ist. Alles, was dem widerspricht, ist abzulehnen. Diese drei ersten Generationen, auf welche sich die Salafisten besinnen, werden im Arabischen „Salaf“ (die Altvordern) oder „as-Salaf as-Sālih“ (die frommen Altvordern) genannt.

Ein Wunsch nach „Reinheit“

Untersuchungen zeigen jedoch, dass die Vorstellung, das theologische Verständnis der Muslime sei in den frühen Jahrhunderten homogen gewesen, eine ahistorische Vorstellung ist. Denn gerade die ersten Jahrhunderte waren durch eine markante Vielfalt auf allen Ebenen gekennzeichnet. Diese Pluralität hat dann die gesamte theologische Entwicklung ab dem 10. Jahrhundert bis zum 19. Jahrhundert geprägt. Die frühe Geschichte der Muslime zu idealisieren als eine Zeit, in der die Lehre noch „rein“ war, ist Wunschdenken. Denn die meisten Differenzen unter den Muslimen haben ihren Ursprung in dieser Zeit. Diese Vielfalt wurde nicht per se als etwas Negatives wahrgenommen, sondern vielmehr als Gnade Gottes empfunden.

Um 1900 beginnen die salafistischen Bewegungen in dieser Diversität ein Problem zu sehen, und sie als Symptom für die gesellschaftliche Dekadenz zu empfinden. Für sie liefen viele Praktiken der Muslime dem Monotheismus und der richtigen Lehre zuwider. Daher wurden viele Formen der religiösen Praxis als eine Form des Aberglaubens, des Polytheismus und der Philosophiererei abgestempelt, die bekämpft werden muss. Das erklärt auch, warum die meisten Opfer der radikalen Ausprägungen des Salafismus die Muslime selbst sind. Und es erklärt, warum in Saudi-Arabien religiöse Minderheiten bis heute verfolgt werden. Indem die Salafisten diese Vielfalt in Frage stellen, handeln sie im Sinne der Moderne, die von der Logik des „Entweder – oder“ geprägt ist. Das postmoderne „Sowohl – als auch“ steht eher der frühen muslimischen Tradition näher, wie es der Islamwissenschaftler Thomas Bauer in seinem Werk Die Kultur der Ambiguität aufzeigt.

Ferner soll laut den Salafisten nur die Schrift für das Verständnis der prophetischen Botschaft ausreichen. Damit meinen die Salafisten natürlich ihr Verständnis von der Schrift. In den meisten Fällen spielen für sie die theologischen Strömungen der Muslime, die auf einem mehr als 1.300 Jahre alten Erbe ruhen, keine Rolle. Das ist auch der gemeinsame Nenner, den die Salafisten, wenn nicht mit allen, dann doch mit vielen anderen muslimischen Reformbewegungen haben: die Verwerfung des eigenen theologischen Erbes. Die Rolle des Kolonialismus, der abwertend auf die muslimischen Kulturen allgemein herabblickte, kann für die Bildung dieser Ressentiments nicht unterschätzt werden.

Der Mensch verschwindet

Es ist ein weiteres Merkmal des Salafismus, dass er statt des Menschen die Idee und die Lehre in den Mittelpunkt stellt. In der salafistischen Denkweise sollen sich die Menschen nach der Norm richten. Aus diesem Grund werden Abweichungen als ein Handeln gegen die Norm wahrgenommen und sind deswegen nicht zu dulden. Der Salafismus teilt diesen Aspekt mit den totalitären Ideologien. Diese Denkweise führte dazu, dass das bloße Vorhandensein einer Norm zum Synonym für das Religiöse geworden ist. Der Mensch verschwand dadurch allmählich in den Hintergrund. Dass gerade die meisten Normen vom Menschen und seinem Kontext abhängen und dass die Lehre für die Menschen da ist und nicht umgekehrt, prägte im Gegensatz zu der salafistischen Lesart das klassische Verständnis der Muslime. Ein Verständnis, das heute fast in Vergessenheit gerät.

Nicht zuletzt ist in der Öffentlichkeit die Vorstellung präsent, dass der Salafismus eine Form eines „Ur-Islams“ darstellt. So eine Vorstellung ist indessen weder historisch noch theologisch haltbar und spielt den Salafisten in die Hände. Die salafistische Ideologie ist durch und durch ein Produkt ihrer Zeit. Sie erinnert uns daran, dass die Moderne auch unangenehme Seiten hat. Denn sowohl die nach Eindeutigkeit suchende Denkweise der Salafisten als auch die mediale Art und Weise, wie sie ihre Lehre verbreiten, und letztlich auch die perverse Form der Gewalt, die sie anwenden, haben Gemeinsamkeiten mit anderen Schattenseiten unseres Zeitalters.

Ali Ghandour ist muslimischer Theologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Islamische Theologie an der Universität Münster

06:00 07.11.2017

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