Mohammeds Schwert

Der Islam und der Mangel an Vernunft Oder wenn ein Raubzug zum Kreuzzug wird

Der Kampf zwischen Kaiser und Papst spaltete in der europäischen Geschichte die Völker. Es gab für beide Seiten Siege und Niederlagen. Einige Kaiser setzten den Papst ab oder vertrieben ihn, einige Päpste setzen den Kaiser ab oder exkommunizierten ihn. Heinrich IV. "ging nach Canossa" und stand drei Tage barfuss im Schnee vor der Burg des Papstes, bis der sich herabließ, die Exkommunizierung aufzuheben.

Aber es gab auch Zeiten, in denen die Kaiser und die Päpste in Frieden miteinander lebten. Heute erleben wir solch eine Zeit. Zwischen dem gegenwärtigen Papst Benedikt XVI. und dem gegenwärtigen Kaiser George Bush II. besteht eine wunderbare Harmonie. Die jüngst in Regensburg gehaltene Rede Benedikts passt gut zu Bushs Kreuzzug gegen den "Islamo-Faschismus".

In seiner Vorlesung an einer deutschen Universität ließ der 265. Papst bekanntlich wissen, während sich das Christentum auf die Vernunft gründe, verleugne der Islam dieselbe. Als jüdischer Atheist habe ich nicht die Absicht, mich auf diese Debatte allzu sehr einzulassen. Es liegt außerhalb meiner bescheidenen Fähigkeit, die Logik des Papstes zu verstehen. Aber ich kann eine Passage nicht übersehen, die auch mich betrifft, der ich als Israeli an der angeblichen Grenzlinie des "Kampfes der Kulturen" lebe.

Um den Mangel an Vernunft im Islam zu beweisen, behauptete der Papst, dass der Prophet Mohammed den eigenen Anhängern befahl, seine Religion mit dem Schwert auszubreiten. Nach Ansicht des Papstes sei dies unvernünftig gewesen, weil der Glaube aus der Seele komme und nichts mit dem Körper zu tun habe. Wie könnte also das Schwert die Seele beeinflussen?

Um dies zu unterstreichen, zitierte er ausgerechnet das Wort des byzantinischen Kaisers Manuel II., der zur konkurrierenden Ostkirche gehörte und Ende des 14. Jahrhunderts in einem Disput geäußert habe: "Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten."

Als diese Worte fielen, war Manuel II. das Haupt eines Imperiums, das im Niedergang begriffen war. Er kam 1391 zur Macht, als dem einst so blühenden Kaiserreich nur noch wenige Provinzen geblieben waren. Zu diesem Zeitpunkt hatten die ottomanischen Türken bereits das Donauufer erreicht, Bulgarien und den Norden Griechenlands erobert sowie zweimal Europas Heere besiegt, die das östliche Kaiserreich retten sollten. 1453 - Jahre nach Manuels Tod - eroberten die Türken seine Hauptstadt Konstantinopel, das heutige Istanbul, und setzten einem Reich ein Ende, das mehr als tausend Jahre bestand.

Jesus sagte: "An den Früchten werdet ihr sie erkennen"

Während seiner Herrschaft hatte Manuel II. die Hauptstädte Europas besucht und versucht, die Trommeln des Beistands zu rühren. Er versprach, die Kirche wieder zu vereinigen, und schrieb religiöse Abhandlungen, um die christlichen Länder gegen die Muslime - die "Achse des Bösen" - anzustacheln und zu einem neuen Kreuzzug zu bewegen. Das Ziel war praktisch ausgerichtet, die Theologie diente der Politik.

In diesem Sinn passt das obige Zitat genau zu den Erfordernissen des jetzigen Kaisers George Bush. Auch er will die christliche Welt gegen den Islam - die "Achse des Bösen" - einigen. Außerdem klopfen die Türken wieder an die Türen Europas, dieses Mal friedlich. Es ist allgemein bekannt: Der Papst unterstützt jene Kräfte, die gegen den Eintritt der Türkei in die EU sind.

Benedikt XVI. hat nun freilich zur Vorsicht gemahnt. Als namhafter Theologe gab er zu, dass der Koran streng verbietet, den Glauben mit Gewalt zu verbreiten. Er zitierte die 2. Sure, Vers 256 (seltsam für einen Papst - er meinte den Vers 257) der lautet: "In Glaubenssachen darf kein Zwang herrschen."

Wie kann man eine so eindeutige Feststellung ignorieren? Der Papst behauptet einfach, dass dieses Gebot vom Propheten zu Beginn seiner Karriere festgelegt wurde, als er noch schwach und ohnmächtig war. Später aber habe er die Anwendung des Schwertes im Dienst des Glaubens befohlen. Doch solch einen Befehl gibt es im Koran nicht. Mohammed rief zwar in seinem Krieg gegen feindliche - christliche, jüdische und andere - Stämme in Arabien zum Gebrauch des Schwertes auf, als er seinen Staat aufbaute. Aber das war ein politischer - kein religiöser - Akt. Es ging grundsätzlich um Gebiete und nicht um die Verbreitung des Glaubens.

Jesus sagte: "An den Früchten werdet ihr sie erkennen." Wie der Islam mit anderen Religionen umging, sollte daher mittels eines einfachen Tests beurteilt werden: Wie haben sich muslimische Herrscher mehr als tausend Jahre lang verhalten, als sie die Macht hatten, "den Glauben mit dem Schwert zu verbreiten"?

Sie haben genau dies nicht getan.

Viele Jahrhunderte lang herrschten Muslime über Griechenland. Versuchte jemand, die Griechen zu islamisieren? Im Gegenteil. Christliche Griechen besetzten die höchsten Ämter in der ottomanischen Regierung. Die Bulgaren, Serben, Rumänen, Ungarn und andere europäische Nationen lebten länger oder kürzer unter der ottomanischen Herrschaft und hielten an ihrem christlichen Glauben fest. Keiner zwang sie, Muslim zu werden. Alle blieben gläubige Christen.

Die Albaner und die Bosniaken konvertierten zwar zum Islam. Aber keiner behauptet, dass dies unter Zwang geschehen sei. Sie nahmen den Islam an, um Vergünstigungen der Regierung zu erlangen und sich der Früchte zu erfreuen.

Entweder zum Christentum konvertieren oder massakriert werden

Es gibt auch keinen Beweis für einen Versuch, den Juden den Islam aufzuzwingen. Wie allgemein bekannt ist, erlebten die Juden Spaniens während der muslimischen Herrschaft eine Blütezeit, wie sie die kaum je wieder erfahren haben. Dichter wie Yehuda Halevy schrieben arabisch, genau wie der große Maimonides. Im muslimischen Spanien waren Juden Minister, Dichter und Wissenschaftler, im muslimischen Toledo arbeiteten christliche, muslimische und jüdische Gelehrte zusammen und übersetzten die antiken Texte der griechischen Philosophen. Das war wirklich ein Goldenes Zeitalter. Wie konnte das nur möglich sein, hatte nicht der Prophet die "Ausbreitung des Glaubens mit dem Schwert" verordnet?

Was dann geschah, ist noch bedeutsamer. Als die Katholiken Spanien von den Muslimen zurückerobert hatten, begannen sie eine Herrschaft des religiösen Terrors. Juden und Muslime wurden vor eine grausame Wahl gestellt: entweder zum Christentum zu konvertieren, massakriert zu werden oder das Land zu verlassen. Und wohin flohen Hunderttausende von Juden, die sich weigerten, ihren Glauben aufzugeben? Fast alle von ihnen wurden mit offenen Armen in muslimischen Ländern aufgenommen. Die sephardischen "spanischen" Juden siedelten in der ganzen muslimischen Welt von Marokko im Westen bis zum Irak im Osten, von Bulgarien im Norden (damals ein Teil des ottomanisch- türkischen Reiches) bis in den Sudan im Süden. Nirgendwo wurden sie verfolgt. Sie mussten nicht die Folter der Inquisition, die Flammen der Ketzerverbrennungen und die Pogrome schrecklicher Massenvertreibungen erleiden, die in fast allen christlichen Ländern stattfanden.

Warum? Weil Mohammad ausdrücklich jede Verfolgung der "Völker des Buches" verboten hatte. In der islamischen Gesellschaft war ein besonderer Platz für Juden und Christen reserviert. Sie hatten zwar nicht vollends die gleichen Rechte, aber beinahe. Sie mussten eine besondere Steuer bezahlen, waren jedoch vom Militärdienst befreit - eine Übereinkunft, die vielen Juden sehr willkommen war. Es wurde gesagt, dass muslimische Herrscher die Stirne runzelten, wenn Versuche unternommen wurden, Juden zum Islam zu bekehren, das hieß weniger Steuereinnahmen.

Jeder ehrliche Jude, der die Geschichte seines Volkes kennt, kann gegenüber dem Islam nur große Dankbarkeit empfinden. Der Islam hat die Juden 50 Generationen lang geschützt, während die christliche Welt die Juden verfolgte und viele Male "mit dem Schwert" versuchte, sie von ihrem Glauben abzubringen.

Die Geschichte über die "Verbreitung des Glaubens mit dem Schwert" ist eine üble Legende, eine der Mythen Europas während des langen Krieges gegen die Muslime - aber ich habe den Verdacht, dass auch der deutsche Papst ehrlich an dieses Märchen glaubt. Das würde bedeuten: das Haupt der katholischen Kirche - wie gesagt ein namhafter Theologe - hat sich nicht der Mühe unterzogen, die Geschichte der anderen Religionen zu studieren.

Warum äußert er sonst diese Worte in der Öffentlichkeit? Und warum jetzt?

Man kommt nicht umhin, dies mit dem Kreuzzug George Bushs und seiner fundamentalistisch-christlichen Unterstützer sowie seiner Slogans vom "Islamofaschismus" in Verbindung zu bringen - nachdem "Terroristen" ein Synonym für Muslime geworden ist. Nicht zuletzt ein zynischer Versuch, um die Herrschaft über die Öl-Ressourcen der Welt zu rechtfertigen. Es wäre nicht das erste Mal im Laufe der Geschichte, dass ein religiöses Mäntelchen über nackte wirtschaftliche Interessen gebreitet wird; es wäre nicht das erste Mal, dass ein Raubzug zum "Kreuzzug" wird.

Die Rede des Papstes passt zu diesen Bemühungen. Wer kann uns die möglichen unheilvollen Folgen voraussagen?

Übersetzung: Ellen Rohlfs/Christoph Glanz

00:00 06.10.2006

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