Mondo Canibale

"INPUT" in Kapstadt Auf dem diesjährigen Internationalen Fernsehtreffen in der südafrikanischen Metropole blieben zwar viele Stühle leer, doch es war einiges zu erfahren über das schwarze Kolonialschicksal

Was ich aus zehn Tagen Kapstadt mitgebracht habe? Vor allem große, überströmende Dankbarkeit dafür, hier leben zu dürfen, ohne Angst.

Hier im Berliner Wedding schaue ich aus meinem Erdgeschoß-Fenster über sechs Meter Blüten Grün bis zum Bürgersteig, und ich freue mich über jeden, der vorbeigeht: kein Zaun, kein Gitter, auch nicht an meinem Fenster. Ich komme gar nicht auf den Gedanken, mich vor irgend jemandem da draußen zu fürchten.

Die Fenster meiner Freundin Irma Engel in Kapstadt dagegen sind samt und sonders vergittert. Egal, aus welchem sie schaut, sieht sie eine Art Berliner Mauer: nur ein, zwei Meter weg vom Fenster, übermannshoch, roh gefügt aus schäbigen Beton-Elementen.

Irmas Mauer ist noch harmlos. Andere sind bewehrt mit Glasscherben, Stacheln, Nadelkissen - oder gleich mit NATO-Stacheldraht. Auf manchen wird "Armed Response!" angedroht, bewaffnete Gegenwehr.

Abends und am Wochenende ist das Stadtzentrum von Kapstadt wie ausgestorben. An jeder Hotel-Rezeption wird dem weißen Besucher eingebleut, nachts sei es draußen "not safe", nicht sicher. Zu Fuß gehen? Unmöglich! Man dürfe nur mit dem Taxi unterwegs sein.

Irma Engel will nachts nicht einmal mehr Auto fahren. Als aufstrebende Immobilienhändlerin, um Eindruck bei den Kunden zu machen, fährt sie einen brandneuen, schneeweißen Audi A4 - und lebt in ständiger Angst, ihm könne etwas zustoßen.

Nachts, so hört man, nachts kommen die hijacker: Bewaffnete schwarze Jungs aus den townships, die an Ampeln lauern und vorzugsweise Frauen das Auto abknöpfen. So ein Junge bekomme 1.000 Rand dafür (etwa 300 DM), hört man - sein Chef lässt den Wagen dann nach Mozambique fahren und dort für 300.000 Rand verkaufen: Bei solchen Gewinnspannen blüht das Geschäft.

Auch das Geschäft mit der Angst blüht: Die Parkhäuser sind fast so teuer wie bei uns und trotzdem voll; kein Restaurant ohne Parkwächter, der pro Wagen ein paar Rand bekommt. Für Sicherheitsfanatiker werden neuerdings handliche Flammenwerfer angeboten, die man unter die Vordertüren montiert. Wenn der hijacker nahe genug dran ist, drückt der Fahrer auf den Zündknopf.

INPUT in der Fremde

Für Fernsehmacher ist die TV-Konferenz INPUT, die jedes Jahr im Frühling stattfindet, ein Muss im Jahresplaner. Nur hier bekommt man fünf Tage lang eine so kompetente Auswahl der weltweit besten TV-Programme zu sehen, nur hier kann man sie mit den Filmemachern und Redakteuren ausgiebig diskutieren. Die INPUT ist so etwas wie die Herzkammer des öffentlich-rechtlichen Fernsehens - und ein Jungbrunnen für alle, die einfach nicht lassen mögen von der Vision dessen, was Fernsehen sein könnte.

Das Stammpublikum der INPUT bilden seit ihrer Gründung 1977 Amerikaner und Westeuropäer; normalerweise findet sie denn auch in Städten wie Nantes oder Stuttgart, Forth Worth oder Halifax statt. In der Regel kommen hier über 1.000 Redakteure aus öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten und FilmemacherInnen aus ihrem Umfeld zusammen: zum größeren Teil Frauen, zum kleineren Männer mittleren Alters, weiß, gebildet und politisch engagiert. Wohl auch deshalb hatte man für diese 24. INPUT zum ersten Mal eine Einladung aus Afrika angenommen, in die neue "Rainbow Nation" Südafrika, nach Kapstadt.

Die INPUT-Organisatoren, allesamt ehrenamtlich tätig, ohne Etat, Stab und festes Büro, hatten sich auf business as usual eingerichtet: ein paar Programme mehr über Afrika, eine demonstrative Verneigung vor Yizo Yizo, der Hit-Serie des SABC, dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen Südafrikas, aber ansonsten sollte dies eine ganz normale INPUT werden.

Doch das gelang schon deshalb nicht, weil gut die Hälfte der üblichen INPUT-Besucher die weite (und teure) Anreise nach Kapstadt scheuten. Die riesigen Räume im "Nico Theatre", einem hartkantigen Bunker aus Beton, Stahl und dunkel getöntem Glas, spürbar for whites only entworfen und hingeklotzt in den letzten Jahren der Apartheid, diese Räume waren meistens nur spärlich besetzt.

Es half auch nichts, die INPUT, eigentlich ein Experten-Treff, für jedermann zu öffnen: An den Lichtmasten im Stadtzentrum stand, wie man sich kostenlos akkreditieren und so der weltbesten TV-Programme teilhaftig werden könne. Auf knallbunten Plakaten, mit großen Bannern wurde für Africa´s Television Indaba (Indaba heißt: Zusammenkunft, Fest) geworben, vom "biggest Television event ever on the African Continent", schwärmte Peter Matlare, der neue Chef der SABC, zur Eröffnung der INPUT. Doch keiner kam hin.

Von den "locals", die sich angemeldet hatten, holten die meisten nicht einmal ihre Ausweise ab. Und die paar, die tatsächlich hereinschauten und sich in den Diskussionen zu Wort meldeten, erinnerten die INPUT-Profis daran, wie peinlich "vox populi" in einer Fachkonferenz wirken kann.

Eine ältere schwarze Dame etwa sah ihre Gefühle verletzt beim Anblick einer Finnin, die sich in ihrem Sauna-Film nackt auf einem New Yorker Dach vergnügt. Angesichts einer norwegischen TV-Reportage über Klitorisbeschneidungen in muslimischen Familien pochte eine andere schwarze Dame resolut auf "Respekt vor fremden Traditionen". Und ein paar schwarze Studenten mit dreadlocks kühlten ihr Mütchen, indem sie die Gäste mit aggressiv-lamentierender "Ihr tut nicht genug für uns!"-Rhetorik traktierten.

Welcome to Hell

Europäisches Kunst-Fernsehen, in früheren Jahren eine besondere Stärke der INPUT: In Kapstadt versanken Peter Greenaways Video-Oper Rosa. Tod eines Komponisten - üppigster Analfantasien zum Trotz - genauso im Orkus gähnend leerer Stuhlreihen wie virtuos vertanzte Plattenbau-Tristesse aus Ostberlin in Allee der Kosmonauten von Sasha Walz.

Voll war der Saal nur, spannend wurde es erst, wenn Blut floss. Wie auf Verabredung ragten aus dem diesjährigen INPUT-Programm einige TV-Arbeiten heraus, die klaffende Wunden der afrikanischen Kolonial-Geschichte besichtigten.

Mord im Kolonialstil von Thomas Giefer ist Teil einer höchst verdienstvollen WDR-Serie über politische Morde, die Massen-Appeal mit punktgenauer Analyse zu verknüpfen versteht. Giefer rekonstruiert hier die Verfolgung und Ermordung von Patrice Lumumba, dem ersten Präsidenten der eben in die Unabhängigkeit entlassenen Republik Kongo.

Offenbar gehörte auch Lumumba zum Typus der politischen Märtyrer, die es darauf anlegen, für ihre Message in den Tod zu gehen. Noch auf der Flucht vor seinen Mördern hielt er Reden unterwegs, in jedem Dorf. Belgischer Secret Service und CIA trieben ihn Mobutu und seinen Spießgesellen in die Arme, die ihn erschossen und begruben. Doch damit waren die beteiligten Amerikaner und Europäer nicht zufrieden: Sie gruben den Leichnam aus, zerstückelten ihn und lösten die Leichenteile in Batteriesäure auf; was übrig blieb, verbrannten sie.

Auch Peter Scholl-Latour war damals, 1960/61, mit von der Partie. Als ARD-Korrespondent mokierte er sich über Lumumbas Spitzbart, graute sich vor seinen rollenden Augen und erklärte ihn zum "Lenin von Afrika" - damals, auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, ein publizistisches Todesurteil. Sein Afrika-Buch von damals musste er zehn Jahre später, als es neu aufgelegt wurde, gründlich redigieren, unter anderem die vielen "Neger" herausstreichen.

Die Mörder von damals sind die Geschichten-Erzähler von heute. Liebevoll ausgeleuchtet präsentiert sie uns Thomas Giefer: ihren Beamten-Ruhestand sitzen sie in gemütlichen Wohnzimmern auf bequemen Sesseln ab. Zufrieden und stolz - ohne auch nur ein Anflug von Schuld oder Einsicht - breiten sie die monströsen Details der Lumumba-Vernichtung aus. Wie der Drahtzieher von damals, der belgische Polizist Gerárd Soete, die Vorderzähne auspackt, die er Lumumba herausgebrochen hat! Und wie stolz er immer noch auf seine Trophäe ist!

An die Stelle Lumumbas platzierten sie Mobutu, den sie verächtlich "Mr. Cashdesk" nannten, weil er Bestechungsgelder immer nur bar entgegennahm. Charismatische Führer liquidieren, dafür korrupte Marionetten an den Rohstoffquellen installieren: das war das Muster, dem die afrikanische Kolonialpolitik der Europäer und Amerikaner von da ab folgte, allen voran die der Franzosen.

ELF: Afrika unter fremdem Einfluss heißt ein Film von Jean-Michel Meurice, 1999 in Auftrag gegeben von Thierry Garrel (ARTE), in dem zum ersten Mal Schlüsselfiguren der "Affaire ELF" von Journalisten ›verhört‹ werden. ELF ist jener französische Staatskonzern, der die Versorgung der französischen Wirtschaft mit Rohöl aus den ehemaligen Kolonien sichern sollte. Da dieser Tage die skandalöse Bestechungspraxis der ELF in allen Medien Thema ist, hielten sich die hohen Herren diskret zurück - doch schon das wenige, was so nebenbei zur Sprache kam, ist ungeheuerlich. Offenbar war ELF ein staatliches Unternehmen, das jahrzehntelang, auch noch unter François Mitterrand, Banditen hofierte, Verträge durch Bestechung erkaufte und seine Vertragspartner dann belog und betrog.

Tatenlose Zeugenschaft

Cry Freetown schreit dann einer, Sorius Samura, ein schwarzer Kameramann aus Sierra Leone. Schockieren will er mit seinen Aufnahmen von "Rebellen", die (diesmal mit Diamanten im Rücken) gegen die Truppen eines demokratisch gewählten Präsidenten vorrücken. Vor unseren Augen, in Großaufnahmen, werden Menschen gequält und beiläufig erschossen, abgehackte Hände werden uns entgegengestreckt, blutenden Armstümpfe.

Sorius Samura hat über zwölf Monate warten müssen, bis er diese Bilder an westliche Fernsehstationen verkaufen konnte. 1999 war nämlich gerade der Kosovo an der Reihe, und mehr als einen auswärtigen Horror-Schauplatz verträgt der westliche Fernseh-Markt nicht. Zum Ausgleich dafür hat er inzwischen gleich zwei honorige Fernseh-Preise einheimsen können. Und in Cry Freedom! führt er nun vor, wie gut er das westliche Nachrichten-Geschäft inzwischen beherrscht. Ganz professionell stellt er sich vor die Kamera und erzählt in schönstem Sonnenlicht, mit wie viel Angst er damals das Morden filmte.

Ob man so etwas überhaupt filmen dürfe, wird er hinterher gefragt. Ob man nicht eingreifen, das Leben retten müsse? Nein, Zeuge bleiben, Zeugnis ablegen: darauf hat er sich zurückgezogen - und auf diese Position tatenloser Zeugenschaft nagelt er auch die Zuschauer fest: Einfach dazwischen gehen, ginge auch nicht, dann könne es einem so ergehen wie den Amis in Somalia, warnt Sorius Samura. Dort hatten sich die kriegführenden Gangs gemeinsam gegen die Amerikaner verbündet und sie an den Haaren durch die Straßen gezerrt.

Wozu soll man solche [Fernseh-]Bilder ertragen, wie sie gerade wieder aus Angola zu uns kommen (dort hat ELF übrigens beide Seiten geschmiert: die Regierungstruppen und die Unita), wenn man zum Nichtstun verdammt ist? Was richten solche Gräuelbilder an im Unbewussten? Sollte man ihnen ausweichen, sich vor ihnen schützen - oder müssen wir sie zur Kenntnis nehmen, da sie ja von realen Schrecken künden?

Könnte man, müsste man vielleicht doch etwas tun? Wird Afrika "der dunkle Kontinent" bleiben, das schlechte, pechschwarze Gewissen Europas, oder werden wir ertragen lernen, der Misere Afrika ins Gesicht zu schauen?

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00:00 01.06.2001

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