Mondpalastpreise

Post-Hippies Further Future ist das Festival für die Siegertypen der Tech-Branche. Der Spaß ist die Kulisse, dahinter geht es ums Geschäft
Nellie Bowles | Ausgabe 20/2016

Ein Ferrari mit offenem Verdeck schlingert über die gewundene Piste auf etwas zu, das wie eine kleine Marssiedlung aussieht. Hubschrauber landen am Straßenrand, Empfangspersonal eilt herbei. Auf einem Bauernmarkt mit Ständen, die von Himbeeren, Wassermelonen und Focaccia überquellen, suche ich mir eine Mango aus. „Das macht sieben Dollar“, sagt der Bauer.

Zum zweiten Mal richtet eine Gruppe von Veteranen des Künstlerfestivals Burning Man außerhalb von Las Vegas ein dreitägiges Festival namens Further Future aus. Auf 20 Hektar finden sich rund 5.000 Besucher ein und machen Further Future zum Inbegriff eines neuen Trends namens Transformational Festivals: Ein Mix aus Vergnügen und Weiterbildung für Technikfreaks. Die billigsten Tickets kosten 350 Dollar, doch viele der Gäste wählen ein Upgrade auf Komfortunterkunft und Gourmetverpflegung.

Während beim Burning Man die versteckten Luxuscamps am Festivalrand von altgedienten „Burners“ verspottet werden, für die es noch dazugehört, in der Wüste richtig zu schwitzen, steht hinter Further Future eine Splittergruppe, der es um eine schöne Zeit ohne jede Mühe geht. „Hemmungslosen Luxus“ verheißt die Webseite. Beim Burning Man rümpft man die Nase über WLAN-Nutzer und Leute, die ihren eigenen Koch mitbringen. Further Future preist seine Signalstärke und seinen Verwöhnservice. Der japanische Promi-Küchenchef Nobu gibt am ersten Festivalabend ein Dinner für 250 Dollar pro Nase. Zu den Essern zählen Ex-Google-jetzt-Alphabet-Boss Eric Schmidt, Bob Pittman, Geschäftsführer des Konzerns iHeart Media (vormals Clear Channel), und Facebook-Vizechef Stan Chudnovsky. „Das ist das eine Prozent von Burning Man“, sagt Charles, ein Dokumentarfilmer mit Nadeln in den Ohren und einem Start-up im Segment Hirnwellenmeditation: „Die Auslese.“

Eric Schmidt steht gegen einen Stapel Paletten gelehnt, er trägt einen reich verzierten ledernen Zylinderhut und eine Weste aus kleinen Spiegeln. Bei Further Future sei er, um Freunde zu treffen, sagt er: „Es ist ja bekannt, dass ich zum Burning Man gehe. Die Zukunft wird von Menschen mit einem alternativen Blick auf die Welt gemacht. Du weißt nie, wo du auf Ideen stößt.“ Hier nun komme die Elite des Burning Man zusammen, fügt er hinzu: „Ein hoher Anteil sind Unternehmer aus San Francisco, also Siegertypen. Eine ausgewählte Gruppe von Erwachsenen mit Jobs.“ Und sein Kostüm, ist das ein Geschenk? „Nein, das sind natürlich meine eigenen Sachen. Gefällt es Ihnen?“ Stolz lässt er seine verspiegelte Brust anschwellen.

Green Juice …

Beim Burning Man sind die Planer peinlich darauf bedacht, die Luxusunterkünfte hinter hohen, als Kunstobjekte getarnten Mauern zu verbergen. Further Future verzichtet auf solches Versteckspiel. Hinter lockerem Maschendraht erstreckt sich das VIP-Gelände, mit Airstream-Wohnwagen für 5.000 Dollar Miete und „Mondpalästen“ für 7.500 Dollar – 18 Quadratmeter große, gut drei Meter hohe Luxuskuppeln mit Holzboden und vier Schlafplätzen. Im Preis inbegriffen ist ein sogenannter Entourage Concierge – „ein persönlicher, hingebungsvoller Lifestyle-Manager und Assistent, bereit, Ihnen bei allen Bedürfnissen und Wünschen zu helfen. Kein Auftrag ist unerfüllbar“. Der Assistent macht den Lifestyle perfekt, „vom Green Juice für Ihr tägliches Powerfrühstück bis zum altbewährten Cocktail, den Sie abends genießen“.

In einem zum Kontrollraum umfunktionierten Schiffscontainer treffe ich Russell Ward, Further-Future-Organisator und überhaupt Guru des Konzepts Transformational Festival. „Dies ist Networking auf höchster Ebene“, schwärmt er. „Der Spaß ist die Kulisse, dahinter geht es ums Geschäft. Nach außen hin steht die Musik im Mittelpunkt, aber eigentlich ist es das Business. Hier werden tonnenweise Deals gemacht. Unternehmer tun Sponsoren auf, Investoren finden ihre Linie, Dienstleister knüpfen ihre Kontakte.“

Ehe er diesen heißen Trend in der Tech-Welt anschob, betrieb Ward einen Hedgefonds mit Onlinegames. „Das wurde aber haarig, es ist ein zwielichtiges Geschäft. Wir taten nichts Illegales, trotzdem ließ die Regierung uns filzen, das ging mir zu sehr an die Nerven. Ich wollte umsatteln, und da fiel mir mein Faible für Festivals ein.“

Ästhetisch ist bei Further Future Steampunk-Futurismus angesagt: Latex-Unterwäsche, Pelzmäntel, Plateaustiefel, Metallhüte. Ward trägt ein ärmelloses Hawaiihemd, eine helle Gucci-Sonnenbrille und eine versilberte Luchskralle an seiner Halskette. „Wir sind große Burning-Man-Verehrer“, sagt er, „aber Burning Man hat immer so etwas Mühseliges. Hier bieten wir Wellness und Detox-Säfte. Das Leben ist doch eh hart genug.“

Neben Further Future hat Ward inzwischen weitereFestivals auf die Beine gestellt, darunter MaiTai, die Kiteboarding-Sause für Milliardäre rund um die Privatinsel des Virgin-Gründers Richard Branson. „Kiteboarding ist das neue Golf“, weiß Ward. „Alle machen es. Branson, Elon Musk, Sergey Brin.“ Justin Shaffer, ein ehemaliger Facebook-Mitarbeiter und heutiger Spekulant, sagt, er erwarte von Further Future Antworten auf ganz neue Fragen: „Was passiert im Postkapitalismus? Oder gar in der Postdemokratie? Und was ist mit der Post-Arbeitswelt, wenn wir alle das bedingungslose Grundeinkommen haben? Körperliche Nähe wird wichtiger in einer Welt, in der du die Pyramiden als Erstes in der virtuellen Realität besuchst.“

Glamping in Europa

Gut situierte Besucher lockt das Cornbury-Festival mit einer „typisch englischen und zivilisierten Atmosphäre“. Auch David Cameron samt Familie ist ein treuer Besucher. Den VIP-Pass mit Lunch- und Dinnermenü sowie Glamping-Option gibt es ab 450 Pfund. Glamping heißt der Trend, der Komfort und Camping verbindet. Einen Mittelmeertraum in Wales ver-spricht das Festival No. 6 in Portmeirion. Der Ort wurde von Sir Bertram Clough Williams-Ellis im Stil eines italienischen Städtchens errichtet. Wem Airstream-Wohnwagen und VIP-Bell-Tents nicht luxuriös genug sind, der kann ins Castell Deudraeth ziehen, ein viktorianisches Schloss in Festivalnähe.

Hierzulande gibt es unweit von Hamburg bei A Summer’s Tale Popkultur gepaart mit Dinnerbanketts in Bioqualität und komfortabler Ecolodge. Deutschlandweit ver-mietet der Anbieter „Mein Zelt steht schon“ die passende Unterkunft. Das Luxus-Panoramazelt für ein vier-tägiges Festival kostet 949 Euro. Der Rolling-Stone-Weekender ist der Pionier unter den Komfortfestivals, seit 2009 treffen sich im Ostsee-Ferienpark jene, die das Kopfschütteln im Matsch hinter sich haben, dem Rock aber niemals abschwören werden. Antonia Märzhäuser

Im Wellnesszelt hopst eine Work-out-Gruppe unisono auf und ab. Ein paar Schritte weiter bietet eine Frau psychologische Beratung als „Werkzeug und Technik, zugeschnitten auf Business-Profis“ an, eine andere hat eine indianische Rauchzeremonie zur Aura-Reinigung in petto. Neben der Vortragsbühne hängt ein Mann am Tropf. Er lässt sich einen Liter hellgelbe Flüssigkeit in die Armvene träufeln – eine Mischung aus Salzen und Vitaminen, genannt Push IV – und dämmert vor sich hin, bis jemand versehentlich den Infusionsständer umstößt. Am Kaffeestand beträgt die Wartezeit auf einen Lavendel-Latte 45 Minuten.

Bei einer Diskussionsrunde zum Thema „Abenteuerurlaub: Reisen als Wellness“ kommt die Frage nach Privilegien auf. „Wir sind privilegiert, an spirituelle Orte wie diesen hier zu reisen, aber das kann ja nicht jeder“, sinniert ein Zuhörer und will vom Referenten Fabian Piorkowski wissen, wie er damit klarkommen soll. „Es geht alles um die Balance“, tröstet ihn der. „Wir sind diejenigen, die Luft sein sollen, nicht Erde. Dies ist die Gruppe, die reisen kann. Das Ziel kann niemals sein, dass alle zum Reisen imstande sind, denn das würde ein Ungleichgewicht schaffen.“

… und Geistesblitze

Draußen auf der Konzertbühne trägt der französische Internetunternehmer Loïc Le Meur einen kompletten Fuchs als Kopfbedeckung und interviewt Eric Schmidt. Er stellt ihm Fragen zum Finanzbuchungssystem Blockchain (findet Schmidt gut), zur Eugenik (Schmidt ist dagegen) und zu Mobiltelefonen (Schmidt sorgt sich um ihr Suchtpotenzial). Die Frau hinter mir brüllt, Schmidt solle als Präsidentschaftskandidat antreten, und eine andere fleht: „Heirate mich, Eric!“ Da er kurz zuvor Geburtstag hatte, singen alle noch Happy Birthday für ihn, und beim Dinner gibt es für jeden ein Stück Kuchen.

Schmidt sitzt lächelnd auf dem Boden, die Augen fast geschlossen. Zum Dinner gehört auch eine Bierverkostung, und der Barmann verzweifelt, weil die Foie gras au torchon zu fettig war, um ein geeignetes Bier dazu zu finden. Also ziehen Schmidt und seine Leute in die Nacht hinaus.

Für eine Erleuchtung brauche man nicht zu schwitzen, sagt Robert Scott, der 42-jährige Mitgründer des Festivals: „Es gibt viele Wege zum Geistesblitz. In die Wüste zu gehen und dich ihrer Härte auszusetzen, ist vermutlich eine Art, dich in so einen empfänglichen Zustand zu versetzen. Aber alles, was du hier hast, bringt dich auch dahin – auf die sanfte Tour.“ Scott streicht sich das wirre braune Haar aus der Stirn. „Was wir hier tun, ist wichtig, das müssen wir immer wieder sagen. Wir gestalten die Zukunft. Dies hier sind nicht nur die Leute, die das können – sie sind die Einzigen, die es können.“

Nellie Bowles berichtet für den Guardian über Technikthemen aus San Francisco

Übersetzung: Michael Ebmeyer

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06:00 25.05.2016

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