Mondsüchtig

Berliner Abende Kolumne

Vor 20 Jahren kam ich in die Stadt. Mein Gefühl fragt: War´s nicht erst gestern? Aber die Wahrheit ist: Es war schon vorgestern.

Berlin war mein Sehnsuchtsort. Dahin wollte ich, wie andere vielleicht auf den Mond. Als ich endlich glücklich landete - meine Triebwerke wussten genau, wohin - war es auf der dunklen Seite der Stadt. Dort, wo die Einschusslöcher noch in den Fassaden waren, die Häuser unverschlossen und allnächtlich die Taxen schwarz. All das störte mich nicht. Im Gegenteil. Für mich war Berlin ganz. Pink Floyd gab´s als Lizenzplatte. Das weiße Licht fiel durchs gläserne Prisma und erstrahlte als Regenbogen. Fehlte da was? Nein. Ich kannte es nicht anders.

Mit mir kam eine Freundin. Heute sind wir verabredet, unser Jubiläum zu feiern. Früher liefen unsere Verabredungen - ja, wie eigentlich? Auf Zuruf? Telefon hatten wir jedenfalls keins, nur eine schmale Papierrolle an der Tür mit einem Bleistift dran. Trotzdem verfehlten wir uns nie. Glaube ich. Die Stadt eroberten wir uns in langen Fußmärschen. Wir liefen und liefen. Hatten nie genug. Das Marschieren (aber das weiß man ja!) lag uns Ostlern im Blut.

Sie hat mich zur Bushaltestelle am Lustgarten bestellt. "Viertel vor acht." "Dreiviertel acht?" frage ich, um sie zu ärgern. Sie arbeitet mit lauter Westlern zusammen und hat sich deren Sprache angewöhnt. Sie hat jetzt Termine "unter der Woche" und Urlaub "zwischen den Jahren". Mir wär´s ja egal, aber ihr ist es peinlich, wenn ich sie bei ihrem neuen Westdeutsch erwische. "Dreiviertel acht", bestätigt sie zerknirscht.

Mein Bus hält, ich steige aus, pünktlich. Ich warte. Über mir der Mond. Tief und groß und orange. Darunter stehe ich, es geht inzwischen auf acht. Mein Handy liegt zu Hause, wahrscheinlich klingelt es sich dort dumm und dämlich, während ich mir hier die Beine in den Bauch steh. Der Mond steigt. Das Orange wird Gelb. Meine Freundin, ich muss der Wahrheit ins Auge sehen, sie kommt nicht.

Was tu ich nun mit dem angebrochenen Abend? Ich schlendere Unter den Linden entlang.

Musik ist in der Stadt. Vor der Staatsoper hat ein junger Mann ein Tischchen mit Wassergläsern aufgestellt. Streichelnd entlockt er den halbvollen Gläsern zarte Klänge - vermutlich. Zu hören ist nichts, dafür sorgt der Straßenverkehr. Außerdem quakt ihm noch ein Akkordeon dazwischen.

Direkt am Eingang zur Oper haben liebe osteuropäische Verwandte einen vielleicht 12-jährigen Jungen ausgesetzt, ihm eine alte Quetschkommode in die Hand gedrückt. Nun sitz du, Kleiner, und spiel! Da er sitzt er nun und - naja. Ich sehe den Jungen öfter in letzter Zeit, meist am Alex in der Nähe einer Dönerbude. Er schleppt sich mit dem blöden Akkordeon ab, setzt sich hier hin, da hin, wahrscheinlich aus sicherem Abstand von einem "Onkel" beschattet. Er zerrt und drückt und befingert das arme Instrument, dass es eine Qual ist. Immerhin hat er´s nun bis vors Opernhaus geschafft. (Was nichts heißt, denn da drin darf ja sogar eine Doris Dörrie inszenieren.) Dass ihm je ein Passant Geld gab für seine unsägliche Mühe, kann ich mir nicht vorstellen. Außer vielleicht, dass er damit aufhört.

Und schließlich ist da noch das Operncafé. Provinzler kehren ein. Damals, als meine Freundin und ich herkamen, war im Keller eine Disco mit langer Warteschlange vor der Tür. Die Mädchen trugen Karottenjeans, die Jungs Popper-Frisur, weiße Söckchen, Slipper. Wer nach Provinz aussah, fand schon gar keinen Einlass. Von dort her singt es jetzt: "Wenn ich einmal reich wär!" Der Ohrwurm schafft es bis über die Straße, wo er am Mahnmal unter dürren Bäumchen auf ein paar Punks trifft. Einer balanciert seinen Rollstuhl, immer auf der Kippe. Sie singen mit. Deideldidel deideldidel dideldideldumm.

Ich biege in die Friedrichstraße, komme am Admiralspalast vorbei, wo die Dreigroschenoper läuft, überquere die Weidendammer Brücke. Vergessene Wahlplakate, auf dem Trottoir steht: Berlin wählt ab 16. Die Friedrichstraße wird Chausseestraße. Ich laufe weiter...

Natürlich träumte auch ich damals davon, abzuhauen. Ich meine: wirklich! Es war wirklich ein Traum, und ich hatte ihn oft. Zufällig stieß ich auf eine Tür in der Mauer, steckte den Kopf durch, fasste allen Mut zusammen, wagte den Schritt - und ich war hinüber. Was ich dort tat? Ob´s mir gefiel? Keine Ahnung. Es war nicht wichtig.

Bei meiner Rückkehr fand ich die Tür nicht. Oder fand sie verschlossen. Oder sie klemmte. Kriegte sie jedenfalls nie auf und erwachte (wie wenn man träumt, dass man stirbt) mit panisch schlagendem Herzen. Tot oder drüben - kam es also aufs Gleiche raus? Später hörte ich, dass viele Ossis diesen Traum träumten, sozusagen kollektiv.

Jetzt ist der Mond klein und weiß und fahl. Steht am Himmel, vergessen. Wie ein alter Alu-Pfennig. Fühlst du mein Herz schlagen? frag ich ihn. Ich fühl es, sagt er.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 20.10.2006

Ausgabe 41/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare