Monochromie an der Nordsee

Bühne Stephan Kimmig inszeniert am Hamburger Thalia Theater Henrik Ibsens "Hedda Gabler" als Frau ohne Vergangenheit

Wer mag Hedda Tesman, geborene Gabler, nur so missverstanden haben? Selbst wenn ihr der Wunsch, nach der Heirat mit Jörgen in der alten Villa Falk zu leben, nicht ernst war - das kann sie unmöglich gemeint haben: Nichts qualifiziert die weiß getünchte Welt, die Katja Haß auf der Bühne des Hamburger Thalia Theaters errichtet hat, als Lebensraum, in dem zwei Menschen, eine Ehe oder auch nur Blumen gedeihen könnten. Die sind als künstliche Grünpflanzen auf die Veranda verbannt.

Im Zimmer selbst gibt es weder Farben noch Mobiliar, das irgend Wohnlichkeit ausstrahlte. Dem Flügel, an den sich Hedda (Susanne Wolff) setzt, fehlen Korpus und Beine, die Noten sind an die Wand geklebt. Darüber hängt ein Bücherregal, in dem sich statt Büchern eine kleine Puppe befindet. Um zu ihrem stummen Freund zu gelangen und vor dem Absturz zu retten, den sie selbst provoziert, muss Hedda im Halbdunkel auf einen der wenigen Hocker steigen, die als Sitzgelegenheit dienen.

Gefahrvoll gerät auch der Gang durch den Raum, dessen Fußboden von tiefen Rissen durchzogen ist. Hoch über den bilderlosen Wänden ist eine Sprinkleranlage montiert. Zu löschen gibt es in dieser Leere jedoch nichts, weil sich der kaminähnliche Turm im Zentrum der Bühne als Treppe ins Untergeschoss erweist, in dem sich ein Arbeitszimmer befindet, das Jörgen in anderthalb Stunden nicht ein einziges Mal benutzt.

Wer mag Hedda Tesman, geborene Gabler, nur so missverstanden und in diese Gruft verfrachtet haben? Ihr Mann (Felix Knopp) kann es nicht gewesen sein. Als das neue Domizil gekauft wurde, war er mit Hedda auf Hochzeitsreise, von der sie erst am Vorabend zurückgekehrt sind. Auch Jörgens greiser Tante Juliane, die ihm einst Vater und Mutter ersetzte, ist kein Vorwurf zu machen, denn die existiert in der Inszenierung von Stephan Kimmig ebenso nur vom Hörensagen wie Jörgens drückende Schuldenlast, für die sie bürgt. Und Richter Brack (Werner Wölbern), der hier als Anwalt fungiert, hat schon bei Ibsen nicht das geringste Interesse, Hedda zu schaden.

Doch dieser Vorsatz ist letztlich allen Figuren Ibsens fremd, gleich ob aus Hedda Gabler oder den anderen Gesellschaftsdramen, die sich in einer Hinsicht gleichen: In ein vordergründig intaktes soziales Umfeld brechen nach und nach Konflikte ein, die schließlich tragisch eskalieren. "Schuld" daran trägt jedoch weniger die Personage selbst als vielmehr der Stand des bürgerlichen Bewusstsein, das sie repräsentiert.

Mit dem Bewusstsein haben sich auch dessen Deformationen seit der vorletzten Jahrhundertwende, an der Hedda Gabler spielt, so radikal geändert, dass Eingriffe in den Text nicht nur gerechtfertigt, sondern notwendig sind. Doch wo die Deformationen schon zu Beginn allumfassend sind, stellt sich schon zu Beginn die Frage, wie das soziale Umfeld kenntlich werden soll, in dem sie auch zu Beginn des dritten Jahrtausends entstehen.

Mit Jörgens erstem Auftritt wird die Bühne in gleißend weißes Licht getaucht, in dem deren Unbewohnbarkeit grell hervorsticht. Sehr direkt gerät auch die Sprache, mit der er seine Frau begrüßt. "Pummelig" sei sie geworden, spricht er Ibsens dezenten Hinweis auf eine Schwangerschaft unverblümt aus. Als Thea Elvsted (Fritzi Haberlandt) unerwartet auftaucht, tut Hedda es ihrem Mann gleich und fragt ihn, ob die nicht seine "alte Flamme" sei.

Der Konflikt, der mit Thea Einzug hält, deutet sich vor allem in der giftgrünen Handtasche an, die inmitten der Monochromie ein Fremdkörper ist. Fremd stehen sich auch die beiden Frauen gegenüber, die sich aus Schulzeiten kennen. Während Hedda mit ihren schweren Stiefeln fest auf dem Boden steht, läuft Thea ständig Gefahr, in ihren Stöckelschuhen über eine der Spalten zu fallen, während sie aufgeregt von den Sorgen berichtet, die sie sich um Ejlert Lövborg (Hans Löw) macht.

Der war vor Jahren Heddas Geliebter und Jörgens Kollege als Kulturhistoriker, bis er sich um die private wie die berufliche Zukunft soff. In der Abgeschiedenheit der Provinz hat er zu sich selbst und in Thea eine Freundin gefunden, die ihre Berufung darin sieht, sich für ihn zu opfern. Mit ihrer Hilfe hat er nun ein Buch veröffentlicht, das ihm jene Karriere als Professor eröffnet, die Jörgen für sich reklamiert.

Diese unübersichtliche Frontlinie, wie Ibsen sie beschreibt, ist in Hamburg radikal begradigt. Vergangenheit ist als Biografie ebenso wenig präsent wie als Forschungsgegenstand. Und dass sich Ejlert in seinem nächsten Buch gar mit der Zukunft befasst, auch wenn man, wie Jörgen befremdet einwendet, über die nichts wissen kann, bleibt eine rein akademische Pointe. So ausschließlich ist die Inszenierung in der Gegenwart angesiedelt, dass Hedda ihrer eigenen unmöglich überdrüssig werden kann - nicht in jenem Sinne jedenfalls, in dem ihre Langeweile nicht privates Befinden, sondern objektive Zeit-Entrücktheit meint. Doch auch als herkömmlich Gelangweilte findet sie Zugang zum Hier und Jetzt allein in destruktiven "Taten" wie gelegentlichen Schießübungen und schließlich der Vernichtung Ejlerts.

Die Gelegenheit dazu bietet sich, weil Ejlert bei einem Rückfall in alte Zeiten das Manuskript für sein neues Buch verloren hat. Durch einen Zufall bekommt Jörgen es in die Hände, der es Hedda zur Aufbewahrung anvertraut. Statt es dem verzweifelten Ejlert zurückzugeben, händigt sie ihm eine ihrer beiden großkalibrigen Pistolen aus. Kaum ist Ejlert gegangen, beginnt Heddas Werk der Zerstörung. Bei Ibsen macht sie es sich dafür vor dem Kamin bequem, ehe sie Ejlerts und Theas "Kind" feierlich verbrennt. In Hamburg entledigt sie sich zunächst der langen Strickjacke und der schweren Stiefel, um in Stöckelschuhen nach lauter Musik von Janis Joplin zu tanzen. Treibt sie der Neid auf Thea, die kurz ins Zimmer schaut? Oder der auf Ejlert, dessen Aktentasche sie von der Bühne trägt, ohne den Inhalt eines Blickes gewürdigt zu haben? Oder hat sie es doch für ihren Mann getan? Immerhin zieht sie sich ein rotes Kleid an, ehe sie ihm erst von der Vernichtung des Manuskripts und dann von ihrer Schwangerschaft erzählt.

Der Effekt ist derselbe, denn kurz darauf überbringt Brack die Nachricht, Ejlert läge mit einer Schusswunde im Krankenhaus. Heddas stillen Jubel über die "Tat" nimmt Brack zum Anlass, ihr trotz Theas Anwesenheit einen Dämpfer zu versetzen, indem er ihr eröffnet, dass Ejlert schon tot und durch einen versehentlichen Schuss in die Geschlechtsteile umgekommen sei. Und Hedda? Bei Ibsen verlässt sie die Bühne, um sich durch einen Schuss in die Schläfe jenen "schönen Tod" zu versetzen, den Ejlert nicht zustande gebracht hatte. In Hamburg steht sie mit ihrem roten Kleid inmitten der tristen Monochromie ihres Zuhauses, in der Rechten eine Waffe, in der linken eine Scheibe Brot.

Solange sie daran zu kauen hat, steht sie auf der Seite des Lebens, das als bedrohliches Grummeln vom Band ertönt. Erst als der letzte Bissen geschluckt ist, kauert Hedda nieder und erschießt sich. Ob der Schuss die Schläfe oder ein anderes Körperteil trifft, lässt sich nicht ausmachen, weil im selben Moment das gleißend weiße Licht ausgeht. Wer mag Hedda Gabler nur so missverstanden haben?


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00:00 03.12.2004

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