Monolog einer Passantin

Kehrseite 3 Wie das ist ganz unten angekommen zu sein, auf der alleruntersten Stufe, der da zum Beispiel kann jetzt nicht einmal mehr sitzen, vor ein paar Wochen ...

Wie das ist
ganz unten angekommen zu sein, auf der alleruntersten Stufe, der da zum Beispiel kann jetzt nicht einmal mehr sitzen, vor ein paar Wochen lief der noch in den U-Bahn Waggons herum zwischen der Stadt und ihren schmutzigen Rändern, vollkommen zugedröhnt, aber noch einigermaßen aufrecht, da hab ich ihm mal kurz in die Augen geguckt, so schön, dass ich gleich wieder weggucken musste, und jetzt liegt der am Treppenabsatz wie fortgeworfen und ist so schmutzig, dass es einen ekelt, wer drückt so einem denn noch Geld in die Hand, man müsste ihn ja anfassen, widerliche Vorstellung, da ist jemand auf die Idee gekommen, dieses Menschenüberbleibsel zu fotografieren, diesen Fetzen, das ist eine saubere Angelegenheit, nicht mal die Augen macht der jetzt noch auf, kriegt das alles gar nicht mehr mit, die Beleuchtung und so und die Leute drumherum, die bleiben sogar stehen, obwohl sie es eilig haben, zur Arbeit müssen in die Stadt wie rechtschaffene Menschen, am Morgen hinein und am Abend wieder hinaus, wir gucken nicht nach links noch nach rechts, nur heute Morgen schielen wir doch mal kurz in Richtung eines lebenden Leichnams, das Model ist diesmal ganz umsonst, wo gibt es das denn in Mailand, wo man alles teuer bezahlen muss, ich meine, so ein Foto zieht alle Blicke auf sich, die Leute sind abgestoßen und merken sich die Klamotten dafür umso besser, darum geht es schließlich, und für den da kann man jetzt sowieso nichts mehr tun, wenn jemand da angekommen ist, wo der angekommen ist, ich meine, das gibt es halt auch, und das muss so sein und ist im übrigen immer so gewesen, manche schaffen es einfach nicht zu leben, auf dem Foto ist ein Toter, das Foto ist riesengroß, man kann es nicht übersehen, der Schmutz auf dem Gesicht sieht irgendwie schön aus, ein tolles Foto, wer hat das überhaupt gemacht, ich kenne da noch einen, dieser da ist jung, der, den ich meine ist uralt, der schämt sich wahnsinnig zu betteln, das ist richtig lustig, der guckt immer runter, ist aber nicht so ekelhaft dreckig, und trinkt auch nicht, wie es scheint oder trinkt nur heimlich, auf jeden Fall stinkt er nicht, ich meine man könnte es auch mal mit dem versuchen, der andere, der junge, schöne, der machts ja sowieso nicht mehr lange, aber der nächste steht schon eine Treppe höher bereit, bald fällt er dem unten in den Schoß wie ein reifer Apfel, man bekommt richtig Lust, da draufzuschlagen, wenn gerade keiner guckt, das ist doch kein Mensch mehr, was da liegt an den äußersten Rändern, schlecht werden könnte einem von so einem Anblick, da ist das Foto viel besser, davor haben sie einen Kleiderständer gestellt, drauf ein schwarzer Pulli, ein Minirock, die Leute gucken und sind geschockt, ganz ehrlich, aber morgen kaufen sie sich das Zeug, und wenn sie ihn das nächste Mal sehen, sagen sie, ist das nicht der, sie geben ihm aber trotzdem nichts, weil er zu dreckig ist, vielleicht geben sie aber dafür dem anderen was, der aussieht, als sei er in Wirklichkeit ein ordentlicher Mensch und nur als Penner verkleidet, aber keinem Neger und keinem Nordafrikaner, und nicht den Zigeunern, die sind in Wirklichkeit nämlich steinreich, außerdem hat man schließlich wirklich Besseres zu tun, als sich darüber auch noch Gedanken zu machen, man muss nämlich immer gerade zur Arbeit oder will nach Hause, runter in die U-Bahn, da ist es schön warm, da kann man sich die Füße abtreten und draufspucken und zuschlagen, wenn grade keiner guckt, und manchmal geb ich ja auch was, wenn einer sauber daherkommt und freundlich lächelt und ich grad in Stimmung bin.

Stefanie Golisch, geboren1961 in Detmold, lebt, liest und schreibt seit 1988 in Italien.


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00:00 08.10.2004

Ausgabe 39/2020

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