Jürgen Geuter
08.06.2012 | 13:40 10

Monopol auf Menschenbewertung

Datenschutz Das Problem mit der Schufa ist ihre Macht über unseren Alltag. Sollte sie aber künftig Informationen aus Sozialen Netzwerken verwenden, wäre das humaner als bisher

Die Schufa möchte gemeinsam mit dem Hasso-Plattner-Institut Technologien entwickeln, um Daten aus Sozialen Netzwerken in ihre Auswertung der Kreditwürdigkeit von Personen einzubeziehen. Die Reaktionen sind, wie es zu erwarten war: Viel relativ unreflektierte Panikmache.

Die Schufa sammelt Daten über Menschen, um eine Schätzung abzugeben, ob diese Menschen kreditwürdig sind. Das tut sie seit 1952. Diese Dienstleistung ist nützlich und manchmal sogar essenziell für viele Firmen, die sonst nicht in der Lage wären ihre Risiken um Umgang mit ihren Kunden einzuschätzen. Auch werden Menschen über diesen Mechanismus unter Umständen vor einer immer weiter eskalierenden Überschuldung geschützt.

Fast jeder Mensch in Deutschland hat über kurz oder lang nen Punktewert bei der Schufa. Aber wo ist der Unterschied zwischen Schufa-Punktzahl und einer Bewertung meiner Kontakte, die ich in mein Adressbuch eintrage? Der Schufa-Wert beeinflusst die Welt ganz nachhaltig.

Mit einem schlechten Schufa-Wert bekommt man keinen Kredit, keine Mietwohnung und gegebenenfalls keinen ordentlichen Handyvertrag. Die Zahl, die die Schufa hat, hat Macht. Ne Menge Macht sogar: Der Berater oder die Beraterin bei einer Bank, die über eine Kreditanfrage entscheidet, geht ein großes Risiko ein, wenn er oder sie sich gegen die Schufa-Empfehlung entscheidet. Der Einwand "Aber er hatte doch so nen guten Job" machts auch nicht kuscheliger - wenn man seinen Job bei der Bank verloren hat.


Monopol auf Menschenbewertung

Schon bisher arbeitet die Schufa mit öffentlichen Daten. Sie schätzt Bezirke und Straßen ein und sortiert die Einwohner entsprechend. Die Kategorisierung anhand solcher Daten ist aber wahnsinnig ungenau. Weil sie keine konkreten Daten hat, muss sie Annahmen machen, die Menschen oft schlechte Werte geben, weil die "in einer schlechten Gegend" wohnen. Wenn man dann noch hinzuzieht, dass die Schufa immer wieder Probleme hat, Menschen gleichen Namens auseinanderzuhalten ergibt sich eine nicht besonders hohe Qualität oder Fairness der Zahl: "Meine" Bewertung folgt nur zum Teil aus meinen Handlungen. Das wäre mir egal, wenn der Punktewert nicht so massive Konsequenzen für mein Leben hätte.

Wenn die Schufa ihre Bewertung nun klarer auf die Einzelperson stützen möchte, ist das zu begrüßen, denn es ist deutlich humaner. Die andere Alternative wäre, weiterhin anhand von Daten beurteilt zu werden, auf die man kaum Einfluss hat und die mit mir als Individuum nichts zu tun haben. 

Der Skandal besteht also nicht darin, dass die Schufa öffentlich zugängliche Daten aus Sozialen Netzwerken verwenden will. Er besteht vielmehr darin, dass diese eine Organsation eine Zahl auswürfelt, die massiven Einfluss auf das Leben eines Menschen hat. Obwohl es natürlich noch andere Auskunfteien in Deutschland gibt, hat die Schufa heute ein De-facto-Monopol auf intransparente Menschenbewertung. Anstatt sich schwammig über die Datensammlwut der Schufa zu echauffieren, wäre es viel wirksamer, dieses Monopol zu zerschlagen.

Jürgen Geuter ist Mitglied des datenschutzkritischen Autorenkollektivs Spackeria. Er bloggt unter dem Nutzernamen tante.

Kommentare (10)

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Ehemaliger Nutzer 08.06.2012 | 19:28

Der Artikel wirkt so, als ob der Schreiber die Schufa von Grundauf gutheisst! Peinlich.
Das die Schufa die Daten aus "sozialen Netzwerken" nicht ausnutzen darf ist doch wohl selbstverständlich - erstens haben die Menschen in "sozialen Netzwerken" nichts mit der Schufa zu tun und zweitens ist die angestrebte Sammlung von Daten nach dem Datenschutzrecht illegal!
Im übrigen wurde die Zusammenarbeit mit dem Hasso-Plattner-Institut von diesem beendet! Man hat erkannt, das die Schufa kein Recht auf die Datensammlung hat!

Rosa Sconto 08.06.2012 | 20:22

Im Breitschlag auf die Schufa auszuholen ist nichts weiter als kleinlicher Unfug. Da ändert auch das Bekenntnis im 2. Absatz nichts. Tendenziös richtet sich dieser Artikel an die geltenden Vorurteile über die Schufa. Die wirklichen Risiken einer solchen "Forschungsarbeit" die gemeinsam mit privaten Firmen und "unabhängiger"' Uniarbeit hervorgehen werden überhaupt nicht beleuchtet.

Die Schufa schützt mich vor solch miesen Leuten die chronisch keine Rechnungen bezahlen. Aber das kann längst mit Betrug etc verfolgt werden. Dazu brauchen keine technisch möglichen "Forschungsarbeiten" betrieben werden. Dafür werden Unis nicht vom Steuerzahler finanziert.

Fakt ist das die meisten gar keinen Kredit wollen brauchen. Und wenn jemand seine Handyrechnung zahlt gehört er/sie eben in die Schufa. Das Problem liegt vielmehr in den total unzuverlässigen Daten die im Cyberspace herumgeistern. Gerade weil im Internet nichts sicher ist, absolut nichts, sind es natürlich auch nicht die einzelnen Daten die dann die Summe der Wahrheit bilden; sondern die Mash-ups die aus dem Web 3.0, dem semantischen Web, generiert werden können. Und da sind die Möglichkeiten absolut endlos für jede die/der eine Identität konstruieren will.

heidenplejer 08.06.2012 | 20:53

Natürlich hat die Schufa kein Monopol auf Menschenbewertung. Menschenbewertung auf der Grundlage frei zugängiger oder gehandelter Daten ist längst gang und gäbe, die Unterschiede betreffen nur das interessierende Datenraster.

Das eigentliche Problem betraf nicht die Schufa, sondern das Hasso-Plattner-Institut und seine Bereitschaft, bei der "Menschenbewertung" wissenschaftlich mitzuarbeiten und zu untersuchen. Dieses Institut ist eine wissenschaftliche Einrichtung, die stark durch Fördergelder finanziert wird und gerade deshalb nicht auf die Zusammenarbeit mit der Privatwirtschaft angewiesen ist.

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Ehemaliger Nutzer 09.06.2012 | 00:35

Ach, das mit der schlechten Wohngegend..

Ich wohne in einer der "schlechtesten" Wohngegenden der Stadt - aber schon fast 11 Jahre unter der gleichen Adresse, was zeigt, dass ich entntweder Eigentum habe oder die Miete regelmäßig bezahle. Die Schufa guckt meines Wissens gar nicht, wie viel(e) Kretdit(e) jemand hat, sondern ob die Raten regelmäßig gezahlt werden. Außerdem wirkt sich Selbstauskunft negativ aus.

Eine Anekdote:

Eine gute Freundin, ich berichte an anderer Stelle bereits von ihr: Sparkassenfachwirtin. Sitzt an ihrem Schreibtisch auf der Arbeit und denkt: 'Och, guckste mal, was de für 'ne Schufa hast, wa?'. Holt eine Selbstauskunft ein: B. 'Ja wie, B? Kann doch wohl nicht sein..? Guckt nochmal nach: C! Kann es kaum fassen. Was ist denn da los? Guckt und guckt und ist irgendwann bei F. Entschließt sich kurzerhand, mal telefonisch nachzuhaken.
Sie hat sich selbst hochgelevelt, habta verstanden, oder..? Sie dann hinterher auch. Und weil Augenaufschlag mitunter auch telefonisch funktioniert, hat man sie wieder auf A zurückgedreht - ausnahmsweise..

Alex Drechsler 09.06.2012 | 00:46

Wenn akzeptiert wird, dass die Schufa existiert, kann dennoch nicht jedes Mittel recht sein um die Qualität der Zahl zu verbessern, und das aus drei Gründen:
Erstens, gerade die Ungenauigkeit der Schufa diskreditiert die Schufa selbst, zweitens, die Qualität der Zahl darf überhaupt nicht eine gewisse Güte erreichen und drittens, eine Qualität aus sozialen Netzwerken ableiten zu wollen kann eine gefährliche Illusion sein.

Das Problem ist doch dort zu suchen, wo Menschen diese Schufa Zahlen interpretieren. Der Gläubiger, der vielleicht sogar vom Verleihen lebt, und seinen Gewinn maximieren will, wird doch immer die Rückzahlungsmentalität der Schuldner pessimistisch beurteilen. Das Scoring der Schufa wird für alle gleich schlecht ausgelegt. Der einzelne Schuldner kann eine schlechtere oder bessere Rückzahlungsmentalität haben, würde aber in jedem Fall davon profitieren wenn der Gläubiger ihn optimistisch beurteilt. Die einzige Verteidigung der Schuldner, die in der Realität Rückzahlungswillig sind, ist der Verweis auf die Schwächen der Schufa. Es wird immer Fälle geben wo sich ein Schuldner plötzlich zum besseren bekehrt, aus welchen Gründen auch immer, und eine noch so genaue Zahl kann das nicht abbilden. Es muss Raum bleiben für den Zweifel. Und die einzige Möglichkeit den Gläubigern diesen Zweifel aufzuzwingen ist, den Zweifel im System, der Schufa, zu belassen.

Wäre die Zahl der Schufa genau, könnte man sie überall einsetzen. Wieso nicht in einem Prozess einen schlechten Schufa Wert als Beweis verwenden, dass der Angeklagte der böse Räuber war, wenn der Wert absolut genau ist. Dabei will ich gar nicht darüber nachdenken, was es für konformierende Auswirkungen für die freie Meinungsäußerung haben könnte, wenn die Schufa auch noch die Statusmeldungen im großen Panopticum Facebook liest.

Und gerade weil Gläubiger, Banken, Handyanbieter nicht ungezwungen reflektieren können, und die Kundenberater eben genau das im Artikel beschriebene Risiko haben, dürfen zu der Ungenauigkeit der Realität die Daten aus sozialen Netzwerken eben nicht beitragen. Das einzige was steigen würde, wäre das Vertrauen in die Daten der Schufa, und nicht die tatsächliche Qualität. Ich wage hier die Behauptung dass die Daten aus den Netzwerken mindestens den einzelnen Menschen schlecht abbilden, maximal sind sie aber grob falsch oder nicht vorhanden. Und was dann? Gibt es einen schlechten Scoring Wert wenn wenig Daten im Internet stehen? Kann der Wert erhöht werden wenn mehr Daten im Netz stehen? Wie groß darf der Druck sein, mehr von sich zu veröffentlichen? Wer kontrolliert das überhaupt?

Der einzige Ausweg ist die Schufa an die selbe Kette zu legen, an die alle Monopole gehören. Die des Datenschutzrechts. Wo Zahlen das Leben von Menschen so stark beeinflussen, sollten auch alle Menschen demokratisch entscheiden woher diese Daten stammen dürfen, und es muss durchgesetzt werden dass die Mehrheitsmeinung durchgesetzt wird. Kurz, es gehört verboten diese Daten zu erheben.

heidenplejer 09.06.2012 | 10:43

"Wo Zahlen das Leben von Menschen so stark beeinflussen, sollten auch alle Menschen demokratisch entscheiden woher diese Daten stammen dürfen, und es muss durchgesetzt werden dass die Mehrheitsmeinung durchgesetzt wird. Kurz, es gehört verboten diese Daten zu erheben."

Genau. Und es muß auch verboten werden, dass meine grundehrlichen Angaben für das Kreditinstitut durch dasselbe, oder die Schufa oder durch wen auch auch immer hinter meinem Rücken angezweifelt werden. Wie sollte ich denn sonst zu Geld kommen?

j.kelim 09.06.2012 | 14:12

Wenn sich jemand Geld leiht und zahlt es nicht zurück, ist er gesetzlich verpflichtet, nach etlichen erfolglosen Mahnungen und Einzugsverfahren eine Eidesstattliche Versicherung/Offenbarungseid abzugeben. Jeder kann bei Gericht eine Anfrage stellen, ob ein solcher Offenbarungseid geleistet wurde und dementsprechend zu handeln.
Die Schufa ist eine kriminelle Menschenverachtende Organisation und sollte auch als solche gesehen.

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Ehemaliger Nutzer 09.06.2012 | 18:23

Probleme nicht verstanden und/oder schlecht recherchiert?

Ein starkes Stück, zu behaupten, dass viel relativ unreflektierte Panikmache zu erwarten gewesen sei. Sprachlich schon falsch, weil Panikmache wohl immer unreflektiert ist, sonst wäre es keine solche, sondern begründete Warnung vor einer unmittelbaren, wirklichen und großen Gefahr. Nach den Berichten der WELT und des Radioprogramms NDR Info meldeten sich die Bundesjustizministerin, die Verbraucherschutzministerin, einige Abgeordnete, Datenschutzbeauftragte und Netzaktivisten zu Wort. Der Autor des obigen Artikels ist in allen Belangen natürlich kompetenter als diese Leute, zumindest muss man das folgern, wenn er all diese Leute abtut, weil ihre Reaktion ja zu erwarten gewesen sei. Das ist wohl eher ein weiterer journalistischer Tiefpunkt für den Freitag.

Die 1952 neugegründete Schufa e.V. wurde wohl notwendig, weil nach dem Krieg die Kredit- und Ratenzahlungsgeschäfte und damit verbunden auch die Versandgeschäfte (z.B. Quelle, Otto, Neckermann und viele mehr) wieder zunahmen und die Unternehmen nicht in der Lage oder willens waren, die Risiken ihrer Verbrauchergeschäfte selbst abzuschätzen und sich gegen Risiken (Zahlungsausfälle) zu schützen.

Es gilt immer der Grundsatz: Ware/Dienstleistung gegen Geld.

Wer seine (Verbraucher-)Geschäfte absichern will, verlangte früher wie heute eine Garantie: Barzahlung, Vorauszahlung, Bürgschaft durch Dritte, selbstschuldnerische Bürgschaft einer Bank, einen von der Landeszentralbank bestätigten Scheck, einen Wechsel, Lohnbescheinigung, Kontoauszüge, Pfändungsfreiheit, Haus- und Grundbesitz oder sonstige bare oder unbare mobile wie immobile Sicherheiten. Die Banken schafften vor über 10 Jahren die sicheren und mit ihrer Zahlungsgarantie versehenen Euroschecks ab und verteilen seitdem geradezu grobfahrlässig Kreditkarten, die es vor 20-30ig Jahren nur für wohlhabende und gutsituierte (Geschäfts-)Leute gab, und schufen damit neue Probleme. Das alles erfordert Arbeits- und Prüfaufwand, den die Unternehmen und die Banken zu leisten haben. Diesen Aufwand verlagerte man zunehmend auf die Schufa, weil diese Wirtschaftsauskunftei sich auf die Verbrauchergeschäfte spezialisierte.

Der Übergriff weg von den reinen Geschäften, ihrer Prüfung und Risikoeinschätzung zu einer Bewertung der Menschen, ihres Verhaltens, ihrer Wohnumgebung usw. usf. fand dann irgendwann schleichend statt. Die Schufa mauserte sich zu einer privaten Stasi, die das Leben der Bürger beeinflusste und auch schon mal zerstörte. Das ist der Skandal.

Darauf wollte die Schufa jetzt noch etwas draufsetzten und ist erstmal gescheitert. Die Schufa wollte nämlich nicht nur einfach öffentlich zugängliche Daten sammeln , sondern, wie Mitarbeiter des Hasso-Plattner-Instituts einräumten, sich über vorgetäuschte Nutzerkonten (fiktive Personen) Zugang und Zugriff auf diese höchst privaten Daten in Zugangsgeschützten sozialen Netzwerken oder Karriereplattformen erschleichen. Das war der nächste Skandal.

Die übliche und vollständig ausreichende Riskikoprüfung, -abschätzung und -absicherung ist der Schufa vermutlich wohl zunehmend zu schwierig geworden, weshalb sie in der Art der Rasterfahndung oder des Minority Reports dann über Persönlichkeitsprofile die Menschen ein- und aussortieren wollte, neben der bisherigen Einschätzung aufgrund des bisherigen oder vermuteten und/oder zukünftig unterstellten Geschäftsgebahrens der Verbraucher. Skandalös ist auch dies. Denn eine bereits vorhandene soziale Segregation und Exklusion wird durch solche Methoden natürlich noch verstärkt und hat mit einer Risikoprüfung eines Geschäftsvorgangs nichts aber auch rein gar nichts zu tun.

Die der Schufa angeschlossenen Unternehmen und die Schufa selbst sollten wohl erstmal ihre eigenen Geschäftsmodelle und ihr Geschäftsgebahren prüfen, bevor sie den Bürgern etwas unterstellen und sie gar drangsalieren. Denn man wird ja zu der Einwilligung einer Schufa-Auskunft genötigt, sonst kann man das Geschäft nicht abschließen, auch wenn man genug Geld hat.

Bezüglich des Umgangs mit den Bürgern ist da die Schweiz ein Vorbild: Im normalen Leben, zum Beispiel für Bestätigungen für Vermieter, sind aber die Auskünfte und Bestätigungen der Betreibungsämter der Gemeinden – also öffentliche, unabhängige und demokratisch kontrollierte Stellen – maßgeblich. Das und nur das ist das Gegenmodell zu einer selbsternannten und (sich Hoheitsrechte) anmaßenden Schufa.