Monotonie in Farbe

Besser als Fernsehen Bertram Kober macht Bilder vom packenden Einerlei

Ludwig Wittgenstein hat es gewusst: "Die Welt ist alles, was der Fall ist". In der Regel ist das nicht viel. Und so plätschert die Sache dahin wie ein langer ruhiger Fluss. Echte Hingucker gibt es selten. Manchmal aber springen sie einen aus der Eintönigkeit regelrecht an. Der Leipziger Fotograf Bertram Kober hat solche Momente gesammelt. Eine lächelnde Mona Lisa über dem Pissoir einer Autobahnraststätte oder ein totgefahrener Fuchs auf einer Straße in Thüringen. Legitime Aspekte des Alltags hat er diese bunten Motive genannt, die er in einem kleinen Fotobuch veröffentlicht hat.

Der Titel, er hat etwas Zynisches. Wenn da ein roter PKW an einem Kran über das Gewerbegebiet des brandenburgischen Örtchens Züldorf schwebt oder pastellfarbener Religionskitsch in einer Londoner Kathedrale feilgeboten wird, dann mag das mit der Legitimität noch hinhauen. Solche Momente sind spaßig und geben der Monotonie ihren täglichen Kick. Spätestens aber bei dem ölverschmierten Vogel am Strand der Bretagne, bei den schmierigen Klumpen, die der Atlantik auf den hellen Sandstrand gehustet hat, sollte mit der begriffsstutzigen Grinserei eigentlich Schluss sein.

Nicht so für Bertram Kober. Der Fotograf, der bei Evelyn Richter und Arno Fischer studiert hat, reiht Bagatelldelikte sauber hinter geifernde Schockfotografien. Ganz so, als wäre in der sogenannten Spaßgesellschaft der Thron der Moral ohnehin längst vakant. Zwischen einem röhrenden Hirschen in einer Frittenbude und einem ausgebrannten Autowrack bestehen im medialen Spektakel allenfalls noch farbliche Differenzen. Die Erregungskurve aber ist längst eben so ausgeglichen wie die Zusammensetzung der Zielgruppe.

Und so bestechen Kobers Bilder vor allem durch ihre nüchterne Teilnahmslosigkeit. Als wolle da einer sagen: "Bleibt mal locker, so ist das mit dem Leben!", hat er eine Bildfolge zusammengestellt, die sich ganz unserer Zapp-Gewohnheit angepasst hat. Da steht Romantik neben Betroffenheit und auf den Schocker folgt verhältnisblöde Gackerei. Der Directors-Cut der Wirklichkeit, er wird so oder ähnlich von den Tagesthemen bis zum Boulevardmagazin durchgereicht. Warum also sollte es da in der Kunst noch anders zugehen?

Hochkultur, so hat man immer schon gemutmaßt, Hochkultur habe einen direkten Draht zum wahren Leben. Ob es dies nun nachahmt oder überhöht - wichtig ist, dass die Kunst nach Erde schmeckt. So gesehen ist Kobers Bildband eine konsequente Fortschreibung der ältesten Ästhetik. Denn bei all dem Geplapper von virtuellen Realitäten muss Kunst fortan nicht nur das Leben, sondern ebenso schlechtes Fernsehen imitieren.

Bertram Kober: Legitime Aspekte des Alltags. Faber Faber, Leipzig 2002


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00:00 27.02.2004

Ausgabe 39/2020

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