Monster der Zerfleischung

URAUFFÜHRUNG Claus Peymann inszeniert am Berliner Ensemble Franz Xaver Kroetz': 'Das Ende der Paarung'

Die alte Rivalität zwischen Mann und Frau scheint aus dem Tierreich zu stammen. Der homo sapiens bleibt in sei nen erotischen Kämpfen an die nie drig sten tierischen Instinkte gebun den. Auf diesen Nenner könnte man das Eröffnungsbild zu Franz Xaver Kroetz' Das Ende der Paarung bringen. Denn der erste Blick beim Betreten des renovierten Berliner Ensembles gehört einem sich im Clinch befindenden Tauben-Pärchen von Pablo Picasso. Nicht die klassische Friedenstaube mit dem Ölzweig ziert wie sonst den Bühnenvorhang, sondern eine Zeichnung, auf der eine Taube gebieterisch auf der anderen sitzt. Mit diesem Bild tierischen Dominanzverhaltens werden wir eingestimmt auf die Uraufführung von Das Ende der Paarung, das der auf Teneriffa lebende Dramatiker im Untertitel als ein "deutsches Trauerspiel" sieht.

Diesem Drama mit Vorspiel und drei Akten hat Kroetz außerdem eine "Bemerkung" vorangestellt, dass die Figuren am Morgen, wenn wir sie zum ersten Mal in der engen Welt eines Reihenhauses erblicken, am gesündesten sind. Während des Beziehungsdramas werden sie vom Verfall heimgesucht - wie Menschen, die Drogen nehmen. Am Abend ist der "Totalverfall" erreicht. Für Kroetz geht es um einen Schlagabtausch. Die Schauspieler sollen sich während der Vorbereitung, so der Ratschlag des Dramatikers, ein paar gute Boxkämpfe anschauen: "Nur, der Unterschied, klar: Boxer wollen siegen, die hier wollen mehr." Und als Nachsatz - gleichsam um das am eigenen Leib Erlittene zu beglaubigen - hat Kroetz das in die christlische Opfermythologie verweisende Epitheton hinzugefügt: "Es ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch."

Das Ende der Paarung ist eine auf die Innenwelt reduzierte Darstellung der Beziehung zwischen der prominenten Grünen Petra Kelly und dem ehemaligen General Gert Bastian. Die politische Dimension hat Kroetz in dieser Paarbeziehung weitgehend vernachlässigt. So erscheint Petra Kelly als eine klägliche Diva der Hysterie. Um aber keine eindeutige Zuschreibung zu ermöglichen, hat Kroetz die beiden Figuren einfach Bert ("er") und Sibylle ("sie") genannt. Bert geht auf die 70 zu, schleppt sich auf einer Krücke durchs Alter. Der einsame Mann erwartet vom Leben nicht mehr viel. In einer enormen Verschlossenheit bereitet er sich auf das Ende der Tage vor. Hin und wieder suchen ihn Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg heim, als er als General die Macht des Befehlens hatte und sich für das Schicksal seiner Soldaten verantwortlich fühlte. Sibylle ist eine über 40-jährige Frau, attraktiv, alterslos und annorektisch: "Die Figuren sind deutsch, radikal deutsch".

Wäre das Stück nicht mit dem Bezug zur tragisch endenden Lebensgeschichte von Petra Kelly und Gert Bastian aufgeladen, wir würden Szenen einer Ehe beiwohnen, in der eine jüngere Frau und ein am Rande des Todes stehender Mann in einer Strindbergiade unzählige Male den Showdown zum Nichts durchexerzieren.

Bereits im "Vorspiel" bekommen wir eine Ahnung von einem ins Extrem gehenden Hick-Hack. Die Diva und der Greis stehen regungslos an der Rampe und legen mit ihren Verwüstungen los. Sibylle (Therese Affolter) züchtigt sich selbst aufgrund ihres strengen politischen Über-Ichs. Jegliche Hilfe ihres Partners weist sie strikt zurück. Sie will in ihrer Qual allein bleiben. Bert weiß sich nicht mehr zu helfen, stopft Sibylle das Essen in den Mund und nimmt ihre Schläge unter die Gürtellinie hin - ohne mit der Wimper zu zucken. Nach außen hin lässt Bert sich nicht anmerken, wie sehr er durch die hysterischen Attacken seiner Lebensgefährtin verletzt wird. Traugott Buhre zeigt den Ex-General Bert als einen Mann, bei dem die Schläge tief innen nachwirken. Immer wieder versucht er so zu tun, als wäre nichts geschehen. Doch dann ereilt ihn erneut ein Tiefschlag, und mit aller Wucht schlägt er zurück. Die massive Kränkung, in den Fragen der Politik und Potenz als Versager dazustehen, treibt ihn zu einer Form der Grausamkeit, die kein Mitleid und kein Mitgefühl mehr zulässt.

Karl-Ernst Herrmann hat eine spitz zulaufende Reihenhauswohnung gebaut, um die Ausweglosigkeit dieser Beziehung zu visualisieren. Es ist ein Ort der Unbehaustheit, an dem Sibylle und Bert die ihnen noch verbleibende Lebenszeit totschlagen. Die Wohnung ist von einem Goldrahmen und kleinen Fluren umgeben. Doch diese Flure öffnen sich niemals zu einer Flucht. Aus dem Hintergrund ist in regelmäßigen Abständen das Ticken einer Uhr zu hören. Die Zeit tickt die beiden in einer Hassliebe verbundenen Figuren aus.

In diesem Mikrokosmos aus Selbst-Vorwürfen und gekränkten Zurückweisungen kommt es immer wieder zu tiefen Regressionsbewegungen. Sibylle flüchtet sich in eine Kindersprache, sieht sich und ihren Partner als "Rehlein" und "Bärli". Bert wird zur Mutter degradiert, die ein stets hungerndes Kind nähren und sättigen soll. Um die gespenstische Erstarrung zu zeigen, hat Franz Xaver Kroetz des öfteren in den Fluss der Dialoge das Wort "STARRE" gesetzt. Claus Peymann inszeniert diese Regieanweisung als freeze frames. Die beiden Akteure werden in ihren Bewegungsabläufen eingefroren und verharren für einige Sekunden völlig regungslos im Kerker ihrer Beziehung.

Die Spirale der gegenseitigen Vernichtung wird in die Höhe getrieben. Wenn im letzten Bild Bert zuerst Sibylle und dann sich selbst erschießt, ist dies nur der Schlusspunkt einer bis zum äußersten gehenden Destruktion. Die beiden ungleichen Partner haben ein Bündnis im Tod geschlossen, ein Bündnis, das ihnen zu Lebzeiten nicht möglich war. Von einer Starre ging es über kurze Zwischenspiele der Annäherung und Abstoßung in die nächste. Mit zwei Schüssen in den Kopf ist die letzte Finsternis angebrochen und die Erstarrung im Tod erreicht.

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00:00 11.02.2000

Ausgabe 41/2021

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