Vergesst Rousseau – lest Kondiaronk: Die wahren Wurzeln der Aufklärung

Philosophie Als die Europäer Übersee „entdeckten“, fanden sie auch freie Gesellschaften. Berichte darüber starteten die Aufklärung mit
Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – aber wer hat es eigentlich erfunden?
Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – aber wer hat es eigentlich erfunden?

Illustration: Johanna Goldmann für der Freitag

Die „Prinzipien der Aufklärung“ sind sehr beliebt. Wenn immer zum Beispiel wir anderen Kulturen erklären wollen, was wir ihnen voraushätten. Oder dann, wenn die Nachfahren von uns Beglückter sich als Gruppe einen bestimmten Ton verbitten. Klar scheint jedenfalls: Die Aufklärung ist ein Exportgut von uns hier im „Westen“!

Das Problem ist nur: Das stimmt so nicht. Im Gegenteil wurden Berichte von Reiseschriftstellern im „Zeitalter der Entdeckungen“ zu Motoren dessen, was wir heute gern Aufklärung nennen. So zumindest beschrieb es das Anthropologen-Archäologen-Duo David Graeber und David Wengrow: Bei der Begegnung mit den Ur-Amerikanern erlitt Europa einen „Systemschock“, der die Aufklärung mit entfachte.

Für die Christen waren die Indigenen zunächst Heiden, damit Wilde, vogelfrei. Die Kolonialsoldaten, Siedler, Mönche und so weiter kamen aus rigorosen Standesgesellschaften, regiert von Befehl-Gehorsam-Strafe. Im Kontrast dazu die Freiheit und Gleichheit, auf die sie in Übersee oft stießen. Das verstörte zutiefst. Einerseits „Sünde!“ – doch andererseits auch süße Einladung, die eigenen Fesseln zu spüren.

Die „Wilden“ erwiesen sich zunächst als wenig untertänig. „Wild“, das waren aus ihrer Sicht die Invasoren: „Gefräßige Ungeheuer“, titulierten Mexikos Indigene den „Conquistador“ Hernán Cortés und seine goldgeilen Spanier. Weiter oben an den Großen Seen schimpften die Irokesen die Franzosen „Teufel“, sahen das Geld als „Quell alles Bösen“. Überall „Schwindel, Lügen, Betrug“ im „Schlachthaus der Lebendigen“, empörte sich ihr Häuptling Kondiaronk. Die Ureinwohner kannten keinen Privatbesitz und wirtschafteten kollektiv.

Das fand Eingang in Berichte. Die Memoiren des Barons von Lahontan oder die Reiseeindrücke von Pater Sagard wurden „Bestseller“, aus denen etwa John Locke und Voltaire zitierten.

Idealisieren darf man das freilich nicht. Die Stämme waren nicht minder brutal als Europas Dynastien. Nur: Während das „Ancien Regime“ von Sonnenkönig Ludwig XIV. – „Der Staat bin ich“ – alle Folterregister gegen Dissidenten zog, mobilisierten Indigene diese nur gegen äußere Rivalen. Untereinander galt Augenhöhe. Autorität erwuchs aus Rhetorik, Entscheidungen fielen im Konsens. Amerika zeigte Züge einer athenischen Polis.

Freiheit und Gleichheit! Mit der Literatur sickerten sie über den Großen Teich und befeuerten die Köpfe. Das löste im 18. Jahrhundert einen wahren Hype um die „Wilden“ aus. Die Schmähkritik etwa des Irokesen-Häuptlings verbreiteten deutsche, englische und italienische Übersetzungen: der angesagteste Lesestoff der Zeit, viral.

Ab 1721 feierte „Der wilde Hanswurst“ auf Pariser Theaterböden Erfolge. Die Komödie hielt Frankreichs Noblesse den Spiegel vor. Sie inszenierte einen „Wilden“, der Eitelkeit und Gier von Hof, Adel, Klerus, ihre Arroganz gegenüber dem Volke genussvoll geißelte: Dialogspiele aus Sicht imaginärer Außenseiter, das machte Furore. Es bedienten sich ihrer unter anderem Voltaire – als Halb-Wilder. „Alle borgten ihre Argumente von Kondiaronk“, so Graeber und Wengrow – und „entwickelten sie weiter“.

Auch der Baron de Montesquieu spielte mit. Seine Erkenntnis daraus: Gesetze müssen Freiheit lassen, atmen. Seine Gewaltenteilung, Hauptpfeiler der Aufklärung, Regelwerk demokratischer Verfassungen, tariert Kontrolle und Freiheit kunstvoll aus.

Ab 1750 sind Freiheit, Besitz, Geld beherrschende Themen der Pariser Salons. Einer der Debattierfreudigsten: Jean-Jacques Rousseau. Er glänzt mit „Zurück zur Natur“. Nicht Eva und die Schlange, das Einrammen des ersten Grenzpfahls war der Sündenfall der Menschheit.

„War Frankreichs Macht perverser Nebeneffekt unnatürlicher, gar pathologischer gesellschaftlicher Übereinkommen?“, wollen die Salonisten wissen. Der Diskurs wird schriller, Proteste lauter, es gärt. 1789 tobt die Französische Revolution los. Ihr Schlachtruf: „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“. Im Dunstkreis möglicher Paten – bisher absolut Unverdächtige.

So war er am Ende heilsam, der Hype um die „edlen Wilden“. Für uns, nicht für sie. Man denke daher stets an Kondiaronk, wenn man auf einen Winnetou trifft.

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