Morbider Reiz

Hype Musste die "FAZ" derart distanzlos die Trommel für Jonathan Littells Roman rühren?

Was für ein Almabtrieb! Die Landtagswahl samt dem politischen Bankrott der Gruppe Koch innerhalb der hessischen CDU waren ein Nullum, ein Nichts verglichen mit der Aufregung, die insbesondere die FAZ um das Erscheinen Jonathan Littells Roman Die Wohlgesinnten veranstaltete. Halbseitige Eigenanzeigen mit Reproduktionen von Historienschinken aus dem frühen 19. Jahrhundert zeigen einen von den Erinnyen gejagten Orestes, um geneigte Leser auf den Vorabdruck des Romans aufmerksam zu machen.

Da schadete es nichts, dass die Wohlgesinnten, die Eumeniden, gerade nicht mehr die erbarmungslosen Rachegöttinnen sind, die Orestes´ Mord an seiner Mutter Klytaimnestra ahnden sollen und wollen. Es war die Kopfgeburt Athene, die, da als Kopfgeburt mutterlos, in causa des Muttermordes schon einmal fünfe gerade sein lassen oder, wie im Drama des Aischylos, die gerade Zahl der Stimmsteine beim Richterspruch des Areopags durch das Hinzufügen des ihren ungerade machte und damit Orestes frei sprach und die Erinnyen zu eben: "wohlgesinnten" Schutzgöttinnen der Stadt Athen, ja nun, zivilisierte.

Na, plus oder minus ist doch egal, mag man sich im FAZ-Feuilleton gedacht und sich stattdessen daran gemacht haben, ein schon fast furchterregendes Board an geballtem Expertenwissen zusammenzustellen, das dann die Aufgabe hatte, im Internet die von der Redaktion aber so was von beinhart schonungslos gestellte "Frage des Tages" zu beantworten. So nach dem Muster: "Der morbide Reiz des Terrors - Warum wird der Nationalsozialismus in der Kunst so oft sexualisiert?" Und auch der einfache Leser ist aufgefordert, seine Meinung zu äußern.

Die Antwort lautete zwar nun nicht: Wir wissen es nicht und müssen uns bescheiden. Aber viel ertragreicher war die intellektuelle Ernte, die jene Expertengruppe da einfuhr, allerdings auch nicht. Und bei allem Verständnis für die Pflege der Leser-Blatt-Bindung zu der das deutsche Presswesen auch per Internet gehalten ist: Könnte man dies nicht auch weniger distanzlos veranstalten? Das unfreiwillig Komische dieses Hypes, die den Roman auch noch auf seinen klandestin transportierten geschichtswissenschaftlichen Gehalt abklopft, bringt es zum Beispiel fertig, den Namen der Schwester-Geliebten des Protagonisten wohl zu erwähnen. Sie heißt Una und verweist schon mit ihrem Namen auf die unio mystica, jene Vorstellung über die innere Einheitlichkeit von synagoga und ecclesia, die bis in das vierte nachchristliche Jahrhundert hinein bestimmend für das Verhältnis von Christen und Juden war. Erst danach kommt es zu jenen sich akzelerierenden Projektionen der Christen auf die Juden. Unas, aber auch Aues Vorstellungen über "die Juden" sind zum Teil nahezu wörtliche Zitate aus dem "Dialog zwischen Ecclesiae und Synagogae" des Pseudo-Augustin (über viele Jahrhunderte Bestandteil der Karfreitags-Liturgie) oder den scharfmacherischen Predigten des Johannes von Antiochia, den sie heute noch Chrysostomos (345 bis 407) nennen.

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