Mord an Journalisten

Wie damals in Kabul Der Fernsehsender »Al Dschasira« wurde gezielt angegriffen - der Tod weiterer Korrespondenten im »Hotel Palestine« zumindest billigend in Kauf genommen

Zuerst hatten die Amerikaner am Dienstag vergangener Woche den Korrespondenten von Al Dschasira getötet und seinen Kameramann verwundet. Vier Stunden später wurde das Fernsehstudio der Nachrichtenagentur Reuters in Bagdad angegriffen: Zwei Kameramänner starben, einer von Reuters und - im Nebenraum- ein weiterer des spanischen Senders Tele 5, vier Mitglieder des Reuters-Teams wurden verletzt. Handelte es sich um Unfälle oder vielleicht doch eher um gezielte Mordanschläge, einmal mit einer von einem Kampfjet aus kurzer Entfernung abgefeuerten Rakete und beim zweiten Mal mit einem Geschoss eines Abrams-Panzers?

Schon vorher waren Journalisten bei der anglo-amerikanischen Invasion des Irak getötet worden. Terry Lloyd vom britischen Sender ITV wurde von amerikanischen Truppen im Süd-Irak erschossen, offenbar weil sie das Auto des Korrespondenten für ein irakisches Fahrzeug hielten. Sein Team gilt immer noch als vermisst. Michael Kelly von der Washington Post ertrank auf tragische Weise in einem Kanal. Zwei weitere Journalisten starben in Kurdistan. Und schließlich gab es noch einen deutschen und einen spanischen Korrespondenten, die auf dem Gelände einer US-Basis zusammen mit zwei amerikanischen Soldaten von einer irakischen Rakete tödlich getroffen wurden. Selbstverständlich sollten wir nicht die bisher ungezählten Toten und Verstümmelten unter der irakischen Zivilbevölkerung vergessen, die - im Gegensatz zu den Journalisten - den Krieg und ihre Heimat nicht verlassen konnten.

Die Tatsachen sprechen eigentlich für sich: Am 8. April, morgens gegen 7 Uhr 45, feuerte ein US-Kampfjet eine Rakete auf das Büro von Al Dschasira in der Nähe des Tigris-Ufers. Zu der Zeit befand sich der Chefkorrespondent des Senders, Tariq Ayoub, ein Palästinenser aus Jordanien, zusammen mit seinem zweiten Kameramann, einem Iraker namens Zuheir, auf dem Dach des Gebäudes und berichtete über ein heftiges Gefecht zwischen amerikanischen und irakischen Truppen, das in der Nähe stattfand. Zwei amerikanische Panzer waren gerade auf die Jumhuriya-Brücke gefahren. »Auf dem Bildschirm verfolgten wir den Kampf zwischen diesen Panzern und irakischen Einheiten, als wir das Kampfflugzeug hörten«, sagte mir später Maher Abdullah, Ayoubs Kollege. »Der Jet flog so tief, dass wir in den unteren Geschossen dachten, dass er auf dem Dach landen würde, so nahe war er am Gebäude. Wir hörten sogar, wie die Rakete abgeschossen wurde. Es war ein Volltreffer - die Rakete traf den Elektrogenerator auf dem Dach und explodierte. Tariq war sofort tot. Zuheir wurde verletzt.«

Wie will Amerika diesen Zwischenfall erklären? Vielleicht sollte man sich an das Jahr 2001 erinnern, als die Vereinigten Staaten eine Cruise Missile gegen das Büro von Al Dschasira in Kabul abfeuerten - jenes Büro, von dem aus die Video-Aufnahmen mit Osama bin Laden in die Welt gingen. Für diesen ungewöhnlichen Angriff in der Nacht vor der »Befreiung« der Stadt hat es nie eine Erklärung gegeben. Damals wurde der Korrespondent in Kabul, Taiseer Alouni, nicht verletzt. Auch während des Angriffs in Bagdad befand sich Alouni im Al Dschasira-Büro und überstand zum zweiten Mal einen Angriff der US-Luftwaffe.

Diese wiederholte Attacke auf Al Dschasira geschah, obwohl der Sender bereits vor zwei Monaten dem Pentagon die Koordinaten seines Büros in Bagdad gegeben und die Rückversicherung erhalten hatte, dass dieser Standort nicht angegriffen werde. Noch am Montag zuvor hatte der Sprecher des US-Außenministeriums in Doha, ein Amerikaner arabischer Abstammung namens Nabil Khouri, das Hauptquartier des Senders besucht und, nach Aussage eines Mitarbeiters, die Zusicherung des Pentagon wiederholt. Knapp 24 Stunden später schlug die US-Rakete ein.

Der folgende Angriff, diesmal auf die Nachrichtenagentur Reuters, erfolgte gegen Mittag, als ein Abrams-Panzer auf der Jumhuriya-Brücke plötzlich sein Kanonenrohr auf das Hotel Palestine richtete, wo mehr als 200 ausländische Journalisten untergebracht sind. David Chater vom Fernsehsender Sky Television hatte das bemerkt. Auch der französische Sender France 3 hatte ein Team im Nachbarraum von Reuters und filmte den Panzer auf der Brücke. Die Video-Kassette zeigt, wie der Panzer eine Salve abfeuert. Zu hören ist auf der Kassette der Einschlag des Geschosses und das Geräusch zu Boden fallender Gegenstände. Auch das Vibrieren der Kamera ist deutlich zu sehen.

Das Geschoss explodierte im Reuters-Büro, das sich im 15. Stock befand. Taras Protsyuk, ein ukrainischer Kameramann im Dienste von Reuters, der ebenfalls gerade den Panzer filmte, wurde schwer verwundet. Paul Pasquale aus Großbritannien und zwei weitere Journalisten, unter ihnen Samia Nakhoul, die Reuters-Korrespondentin für den Libanon und für Palästina, erlitten ebenso schwere Verletzungen wie José Couso, der Kameramann von Tele 5, der in der Nähe arbeitete. Kurze Zeit später starb Protsyuk. Seine Kamera und das Stativ lagen noch im blutverschmierten Büro. Couso wurde ein Bein amputiert, er starb eine Stunde nach der Operation.

Die Amerikaner antworteten nach all dem, was bekannt geworden ist, mit einer glatten Lüge. General Buford Blount von der 3. Infanteriedivision, deren Panzer auf der Brücke standen, verkündete, dass diese vom Hotel Palestine aus mit Raketen- und Gewehrfeuer angegriffen worden seien. Nach dem Gegenfeuer des Panzers sei es dann still gewesen. Diese Stellungnahme des Generals ist jedoch erwiesenermaßen falsch. In dem Moment, als der Panzer auf das Hotel feuerte, fuhr ich auf einer Straße, die sich zwischen dem Standort der Panzer und dem Hotel befindet. Ich habe vorher keinerlei Schüsse gehört. Auch die Video-Kassette des französischen Fernsehteams, die den Zeitraum vor dem Panzerangriff vier Minuten lang lückenlos dokumentiert, enthält keinerlei Gefechtsgeräusche. Es gab auch keine Heckenschützen im Gebäude. Dutzende von Korrespondenten und ihre Teams achteten im Hotel argwöhnisch darauf, dass keine bewaffneten Kräfte das Hotel als Stellung nutzen konnten.

Vielleicht sollte man sich in diesem Zusammenhang daran erinnern, dass genau dieser General Blount vor gut einem Monat damit prahlte, dass seine Leute Munition benutzen, die abgereichertes Uran enthält - also jene Munition, die für den steilen Anstieg der Krebshäufigkeit im Irak verantwortlich gemacht wird, wie sie nach dem Golfkrieg von 1991 zu beobachten war. Wenn nun General Blount zu verstehen gibt, das Kamerateam von Reuters sei in einen Angriff auf Amerikaner verwickelt gewesen, dann ist das eine niederträchtige und verleumderische Erklärung.

Drei tote und fünf verwundete Journalisten sind natürlich noch kein Massaker und nicht zu vergleichen mit den Hunderten von Zivilisten, die von der Invasionsarmee getötet wurden. Wahr ist auch, dass das irakische Regime Journalisten und Zehntausende Iraker umbringen ließ. Dennoch sollte man sich klar vor Augen halten, dass am 8. April etwas sehr Gefährliches geschah. Die Erklärung des Generals Blount ähnelt den Stellungnahmen der Israelis, die immer dann abgegeben werden, wenn Unschuldige getroffen worden sind.

Enthalten solche Vorfälle eine Botschaft an uns Reporter? Kann es sein, dass Teile der amerikanischen Streitkräfte nicht wollen, dass aus Bagdad berichtet wird? David Blunkett, der britische Innenminister, hatte seinerseits bereits arglistig auf Journalisten hingewiesen, die »hinter feindlichen Linien« arbeiten. Wollte er damit ausdrücken, dass internationale Korrespondenten praktisch mit dem »Feind« kooperieren und ein solches Verhalten tödliche Konsequenzen haben kann?

Ich kannte Ayoub. Dort, wo er starb, habe ich selbst bereits während dieses Krieges Filmaufnahmen gemacht. Ich hatte ihn noch darauf hingewiesen, dass sein Büro ein leichtes Ziel sei, falls die Amerikaner sich entschließen sollten, die Berichterstattung - vor allem über zivile Opfer - zu unterbinden. Auch den Reuters-Kameramann Protsyuk habe ich oft im Aufzug des Palestine-Hotels getroffen. Samia Nakhoul, 42 Jahre alt, ist eine gute Bekannte und Kollegin seit den Tagen des libanesischen Bürgerkrieges. Am Dienstagnachmittag lag sie mit Verletzungen am ganzen Körper in einem Krankenhaus in Bagdad, als gerade General Blount seine Stellungnahme über die angeblichen Heckenschützen abgab.


Übersetzung aus dem Englischen: Hans Thie

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