Mord mit Merkwürdigkeiten

NSU Wie und warum wurde die Polizistin Michèle Kiesewetter umgebracht? Die Fragen werden nicht weniger, sondern mehr
Thomas Moser | Ausgabe 44/2015 25

Der Berg aus offenen Fragen wächst. Ungereimtheiten gibt es bei allen zehn Morden des Nationalsozialistischen Untergrunds. Am rätselhaftesten ist jedoch der Mord an Michèle Kiesewetter in Heilbronn. Die Polizistin wurde am 25. April 2007 bei einem Halt im Dienstwagen erschossen, ihr Kollege überlebte nur knapp. Der Fall könnte nun der Schlüssel zur Aufklärung des gesamten NSU-Komplexes sein, gerade weil er sich von den anderen neun Morden unterscheidet: Die Täter haben andere Waffen benutzt. Die Opfer waren keine Migranten. Auf sie wurde jeweils nur ein Schuss abgefeuert. Die Täter nahmen außerdem die Dienstwaffen und andere Gegenstände mit. Und doch gibt es eine Verbindung mit den neun anderen Taten – über das Trio Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos, Beate Zschäpe. Bei ihnen wurden alle Mordwaffen sowie die Dienstwaffen der Beamten sichergestellt.

In dieser Woche wird der Onkel von Michèle Kiesewetter vor dem NSU-Untersuchungsausschuss von Baden-Württemberg vernommen. Mike Wenzel ist selbst Polizist, hatte in den 90er Jahren als Staatsschützer mit dem rechtsradikalen Thüringer Heimatschutz zu tun. Eine Woche nach dem Mord an seiner Nichte stellte er einen Zusammenhang her mit den Morden an neun türkischen und griechischen Männern. Den hatte damals kein Ermittler gesehen. Oder wollte die Polizei gar nicht aufklären? Waren eigene Leute oder Geheimdienstagenten involviert? Bis heute gibt es viele Zweifel an der offiziellen Version der Bundesanwaltschaft zum Tathergang.

Nach dem Mord an Michèle Kiesewetter richtete die Polizei eine Sonderkommission ein. Doch die Ermittler konnten die Täter jahrelang nicht finden. Sie gingen davon aus, dass mindestens vier bis sechs Personen hätten beteiligt sein müssen. Alles änderte sich nach dem 4. November 2011, als Böhnhardt und Mundlos starben und der NSU entdeckt wurde. Seither erklärt die Bundesanwaltschaft die beiden toten Männer zu den alleinigen Tätern aller zehn Morde, unterstützt durch Zschäpe. Insgesamt zehn Untersuchungsausschüsse, die in den vergangenen vier Jahren in Bundestag und Landtagen eingerichtet wurden, dokumentieren allerdings die Zweifel an dieser Theorie. Auch im Mordfall Heilbronn passen viele Puzzlestücke nicht.

Blutverschmierte Männer

Michèle Kiesewetter und ihr Kollege Martin Arnold verbrachten am 25. April 2007 den Mittag im Polizeirevier in Heilbronn. Um 13.45 Uhr brachen sie mit ihrem Wagen zur Fortsetzung des Streifendienstes auf. Die zwei Beamten steuerten den Festplatz Theresienwiese an, wo sie bereits zwei Stunden zuvor Pause gemacht hatten. Warum sie erneut dorthin fuhren, ist unklar. Um 13.55 Uhr kamen sie an und parkten im nördlichen Bereich. Um 13.58 Uhr fielen die Schüsse, die Kiesewetter töteten und Arnold lebensgefährlich verletzten.

Die Täter oder Mittäter nahmen sich die Zeit und entwendeten Dienstwaffen, Handschellen und andere Gegenstände. Dabei müssen sie sich stark mit Blut besudelt haben. Tatsächlich sahen Zeugen zwischen 14.00 und 14.30 Uhr südlich der Theresienwiese drei blutverschmierte Männer, einer wusch sich die Hände im Neckar. Phantombilder dieser Männer haben jedoch keinerlei Ähnlichkeit mit Mundlos und Böhnhardt. Einer der Zeugen ist eine V-Person der Heilbronner Polizei. Diese nahm dessen Beobachtung deshalb besonders ernst.

Eine Jogginghose, entdeckt in der Wohnung des NSU-Trios in Zwickau, gilt heute der Bundesanwaltschaft als wesentlicher Beleg für die Täterschaft von Mundlos. Auf der Hose befinden sich Spritzer von Kiesewetters Blut, außerdem Haare mehrerer Personen, unter anderem von Mundlos und Böhnhardt, sowie ein Papiertaschentuch mit DNS-Mustern von Mundlos. Derjenige, der die Hose trug, war beim Mord dabei, vielleicht war es wirklich Mundlos. Tatsächlich weist die Hose aber noch auf etwas anderes hin: dass die Tat vermutlich von mehr als zwei Personen begangen wurde. Der Träger der Hose kann zumindest am Entwenden der Dienstpistolen nicht beteiligt gewesen sein, sonst müsste es auf der Hose noch mehr und andere Blutspuren geben, entstanden durch den Körperkontakt mit den Opfern.

Auch Augenzeugenberichte sprechen gegen die Zwei-Täter-Theorie: Drei fliehende Männer in nördlicher Richtung, drei Blutverschmierte südlich, dazu eine Frau und ein Mann, die einen der Blutverschmierten begleiteten, sowie mindestens ein Autofahrer, der zwei Blutverschmierte aufnahm – nimmt man alle ernst zu nehmenden Zeugenaussagen zusammen, kommt man auf mindestens neun Personen, die mit der Tat zu tun haben könnten oder unmittelbar Zeugen wurden und sich danach nicht bei der Polizei meldeten.

Die Bundesanwaltschaft hat sich festgelegt: Links des Streifenwagens hat Mundlos auf Kiesewetter geschossen, rechts Böhnhardt auf Beifahrer Arnold. Der Haken an der Geschichte: Böhnhardt war Linkshänder. Die Tatrekonstruktion ergab aber, dass beide Schützen Rechtshänder waren. Ein Linkshänder hätte anders stehen müssen, damit sein Schuss mit der Flugbahn der Kugel und dem Schusskanal im Kopf von Arnold übereinstimmt.

Michèle Kiesewetter war sofort tot. Ihr Kollege überlebte den Anschlag ganz knapp. Einen Sekundenbruchteil vor dem Schuss muss Martin Arnold den Kopf nach rechts gedreht haben. Die Kugel durchdrang nicht sein Gehirn, wie bei Kiesewetter, sondern streifte es nur. Warum drehte der Beamte den Kopf nach rechts? Hat er den Täter kommen sehen?

Sechs Wochen nach dem Anschlag wurde Arnold das erste Mal vernommen. Die Ermittler stellten fest, dass er sich von Mal zu Mal mehr erinnerte. Weil sie zu dem Urteil kamen, er habe „klare und konkrete Erinnerungen“ an die Anschlagssituation, beschlossen sie, ein Phantombild des Täters zeichnen zu lassen. Auch dieses Bild hat keinerlei Ähnlichkeit mit Böhnhardt oder Mundlos. Die Sonderkommission wollte es zusammen mit zwei anderen Phantombildern für die Fahndung herausgeben. Das scheiterte allerdings am Veto des verantwortlichen Staatsanwaltes von Heilbronn. Der traf sich obendrein mit dem Anschlagsopfer Arnold, und zwar an den offiziellen Ermittlungen vorbei, also quasi konspirativ. Danach zeigte Arnold plötzlich Angst vor der Veröffentlichung des Bildes. Weil er die Gefahr eines erneuten Anschlags auf sich sah oder weil der Staatsanwalt das gerne so wollte?

Bestelltes Gutachten

Schließlich gab der Staatsanwalt noch ein neurologisches Gutachten in Auftrag. Wie jüngst im NSU-Untersuchungsausschuss von Baden-Württemberg zu erfahren war, hatte er dem Gutachter, der eng mit der Behörde zusammenarbeitet, gleich beim Auftrag mitgeteilt, dass er von den Aussagen Arnolds nichts halte. Der Gutachter bescheinigte im Sinne seines Auftraggebers: Das Opfer könne sich nicht erinnern und werde sich auch nie mehr erinnern können. Das Phantombild war damit endgültig kassiert. Vor dem Ausschuss in Stuttgart sagte nun der damals zuständige Beamte des Landeskriminalamts, ein solches Verhalten eines Staatsanwaltes habe er in seiner ganzen Dienstzeit nicht erlebt. Hatte der etwas zu verbergen? Wollte der irgendwen decken, war der selbst in den Fall verstrickt?

Zu den ungeklärten Spuren zählen Streifenwagen, die mehrere Zeugen kurz vor dem Mord bemerkt haben. Kiesewetter und Arnold waren zu dem Zeitpunkt noch auf dem Polizeirevier. Um 13.20 Uhr wurde ein parkender Polizeiwagen am südlichen Rand der Theresienwiese entdeckt. Zwischen 13.40 und 13.45 Uhr sahen zwei Zeugen in der Nähe des Tatorts jeweils ein Polizeifahrzeug. Und gegen 13.53 Uhr, fünf Minuten vor dem Mord, sichtete ein Autofahrer einen Streifenwagen auf der Theresienwiese, etwa 150 Meter vom Anschlagsort entfernt. Möglicherweise handelt es sich um ein und dasselbe Fahrzeug, es könnten aber auch mehrere gewesen sein. Jedenfalls ist keines identifiziert worden. Wer sie gefahren hat, lässt sich in den Ermittlungsakten nicht erkennen. Die Ermittler sind diesen Spuren offenbar nicht nachgegangen.

Kiesewetter und Arnold wurden angegriffen, weil sie Repräsentanten des Staates waren, erklärt die Bundesanwaltschaft zum Motiv der Tat. Persönlich seien sie aber Zufallsopfer gewesen, es hätte auch andere Polizisten treffen können. Warum aber wurden nicht andere Polizisten angegriffen? So machte am Tag vor der Tat der Streifenbeamte Patrick H. zusammen mit seiner Kollegin Elke S. auf der Theresienwiese Pause. Wie Kiesewetter und Arnold gehörten auch die beiden zur Bereitschaftspolizei Böblingen. In den Ermittlungsakten steht dazu höchst Merkwürdiges. Angeblich soll Patrick H. in einer Vernehmung durch die Kriminalpolizei Heilbronn im Juli 2007 angegeben haben, am Tatort „noch nie Pause“ gemacht zu haben. H. erfährt von seiner angeblichen Aussage erst Jahre später, im Oktober 2010, als das Landeskriminalamt viele Polizisten noch einmal befragt. H. ist überrascht und bestreitet, die Aussage jemals gemacht zu haben. Damals sei er nicht einmal vernommen worden. Ist diese angebliche Vernehmung also konstruiert? Wenn ja, von wem und warum? Vielleicht, um davon abzulenken, dass der Anschlag gezielt Michèle Kiesewetter galt?

Dann gibt es da noch eine andere Spur. Am 1. Dezember 2011 berichtete der Stern, der Mord in Heilbronn sei vor den Augen von US-Sicherheitskräften verübt worden, die aus anderen Gründen in der Stadt waren. Deutsche Stellen wie die Bundesanwaltschaft stritten das reflexartig ab. Allerdings gibt es einen internen Schriftverkehr vom Dezember 2011 zwischen den Geheimdiensten BND, MAD und dem Bundeskanzleramt, der etwas anderes nahelegt. Demnach hat ein US-Verbindungsoffizier den deutschen Behörden mitgeteilt, zwei Männer des US-Kriminalamtes FBI seien am Tag der Tat in Heilbronn gewesen. Nach den Schüssen auf Kiesewetter und Arnold hätten sie ihre Operation abgebrochen. Die US-Seite bot der deutschen Seite an, darüber zu sprechen. Die lehnte das Angebot allerdings ab.

Einen Reim ergibt das alles nicht. Schon gar nicht den der Bundesanwaltschaft. Das sieht auch Martin Arnold so. Vor dem Oberlandesgericht in München sagte er, das Motiv für das Attentat auf ihn und Michèle Kiesewetter fehle für ihn nach wie vor.

06:00 30.10.2015

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