Morgen. Später Abend

Kehrseite Babs Stanebein steht vor dem Spiegel, in einem schönen Kostüm und einem Lippenstift in der Hand steht sie vor ihrem Spiegel im Flur, wie gestern ...

Babs Stanebein steht vor dem Spiegel, in einem schönen Kostüm und einem Lippenstift in der Hand steht sie vor ihrem Spiegel im Flur, wie gestern steht sie da, und sie muss heute Vormittag etwas Wichtiges erledigen. Sie hat sich etwas Wichtiges vorgenommen für diesen Tag. Sie wird heute auf das Amt gehen. Vor zwei Wochen hat sie den Antrag mit der schönen, jungen Studentin von nebenan ausgefüllt und unterschrieben hat sie ihn, und sie hat ihn auf den Schreibtisch gelegt und da liegt er, er liegt immer noch an derselben Stelle, auf den Ordner mit den Kontoauszügen hat sie ihn vor zwei Wochen gelegt, und heute wird sie sich von nichts ablenken lassen. Heute wird sie den Antrag in ihre Handtasche stecken, und sie wird sich auf den Weg machen. Sie wird das Amt aufsuchen, und sie wird sich von einer Sachbearbeiterin registrieren lassen, und sie wird dort auf dem Amt um Hilfe bitten, jawohl, denkt Babs Stanebein, vor dem Spiegel steht sie, und sie hat den Lippenstift aufgelegt, einen unauffälligen Braunton hat sie aufgelegt, und sie denkt, das wäre doch gelacht, wenn sie da nicht eine Arbeit finden würde auf dem Amt, mit 44, das ist kein Alter, denkt sie, und heute hat sie ihr Kostüm aus dem Schrank genommen, und der Lippenstift hat den selben Farbton wie das Kostüm, und das Kostüm passt immer noch wie angegossen, nach all den Jahren sieht das Kostüm wie neu aus. Babs Stanebein hat es nicht oft getragen, das Kostüm, zehn Jahre hing es im Schrank, und heute hat sie es herausgeholt. Im Schrank hing es auf einem Bügel, und sie hat es gebürstet, mit einer Fusselbürste ist sie über den Stoff gefahren, und sie hat es einparfumiert, das Kostüm, erst gebürstet, dann einparfumiert, denn schön und sauber will sie auf dem Amt erscheinen, und heute Abend kommt der Frank Westmar, ja der Frank Westmar, denkt Babs Stanebein, heute Abend wird der Frank Westmar Augen machen, heute Abend wird Babs Stanebein dem Frank Westmar erzählen, dass sie auf dem Amt war, und sie wird ihm erzählen, dass sie sich jetzt endlich ein neues Ziel gesetzt hat. In ihrem schönen Kostüm steht sie da vor dem Spiegel, und heute will Babs Stanebein einmal wieder gutgelaunt sein. Sie will dort auf dem Amt eine neue Arbeit finden, und am Abend will sie dem Frank Westmar mit einer guten Laune die Tür öffnen, und sie will ihr Inneres nach Außen kehren, jawohl, auch dort auf dem Amt, das Innere nach Außen, vom Innen zum Außen, denkt Babs Stanebein, denn was soll man mit einem Tag nur anstellen, ohne Arbeit, das möchte sie auch einmal den Frank Westmar fragen, ob das nicht zu verstehen ist, möchte sie den Frank Westmar fragen, ob das wirklich so schwer ist, zu verstehen, dass man ohne Arbeit den ganzen Tag nichts zu erzählen hat. Wenn man niemanden zu Gesicht bekommt, gibt es auch nichts, was man da erzählen könnte. Und draußen auf der Straße eine Hektik. Und überall so ein Durcheinander. Ein schreckliches, geschäftiges Durcheinander. Auch hier im Haus. Die Nachbarn. Alle wollen sie plaudern. Reden. Und hören, was man den ganzen Tag getan hat, und was soll man da erzählen, denkt Babs Stanebein, jawohl, das möchte sie einmal auf dem Amt fragen, und sie möchte Frank Westmar fragen, was man da erzählen soll, wenn man den ganzen Tag im Bett gelegen hat und die Nachbarn plaudern wollen. Reden. Und hören wollen. Da liegt man den ganzen Tag im Bett, und da nützt auch kein schönes Buch und auch keine schöne Musik. Da kann man sich weder über ein Buch freuen noch über eine schöne Musik freuen. Da ist keine Freude mehr. Da ist die Zeit, und auch die Freude ist aus einem herausgefallen, wie ein großer fester Schiss ins Klo herausfällt aus einem. Jawohl, denkt sie, so fällt die Zeit aus einem heraus. Und die Freude. Und da ist nichts mehr in einem. Wenn man mit dem Tag ohne Arbeit nichts anzustellen weiß, ist da nichts mehr! Da ist der Tag nicht, und da sind die Wochen nicht, der Tag, die Wochen und die Monate, jawohl, da sind nur die Geräusche nachts im Haus, der tropfende Wasserhahn, das Rauschen der Wasserrohre und der Kachelofen und die Kohle, der Geruch der Kohle. Und man liegt im Bett. Und dann steht man auf. Und man geht auf und ab. In seiner eigenen Wohnung geht man auf und ab! Und kein Gedanke bleibt einem im Kopf! Da sind die Gedanken wie Luft, die durch einen hindurchweht! Und das muss doch einer wie der Frank Westmar verstehen, und das muss doch auch ein Amt verstehen! Dass man da, wenn die Zeit aus einem herausfällt, in seiner eigenen Wohnung auf und ab geht, bis man glaubt, jetzt reicht es mit dem Auf und Ab und dem Gehen in der eigenen Wohnung, und man legt sich wieder ins Bett, und da wartet man auf den Schlaf, jawohl, man wartet auf den Schlaf, und man wälzt sich hin und her. Im Bett wälzt man sich hin und her. Und man steht wieder auf. Man muss aufstehen! Weil das Hin und Herwälzen nichts anderes ist, als das Auf und Abgehen. Und dann geht man an das Fenster, und da sieht man hinaus. Man steht da am Fenster, und man sieht hinaus, und da zählt man die Schneeflocken. Wenn einem die Arbeit genommen wird und man keine Kinder hat, um die man sich sorgen kann und keinen Ehemann und es Winter ist, wie jetzt, jawohl, denkt Babs Stanebein, dann steht man da am Fenster, und man sieht hinaus, und man beschäftigt sich mit diesem Winter, mit dem Wetter, mit dem Schnee und den Schneeflocken, nachts und tags, und am Ende, irgendwann, verliert man sich in einer Schneeflocke! Man ist zu einer Schneeflocke geworden! Man hat sich zu einer Schneeflocke gemacht! Und dann kommt drei Mal in der Woche einer wie der Frank Westmar vorbei, und da steht er dann vor einem, und er sagt, reiß dich einmal zusammen! Was du da redest! Pah! Eine Schneeflocke! So was! Und er steht schon an der Tür, und er sagt, ich ruf dich morgen an, und denk dran, sagt er mit so einem leidlichen Gesichtsausdruck, der nicht Fisch und nicht Fleisch ist, sagt er, diese Katastrophe ist ein gesellschaftliches Problem, nicht allein ein individuelles, ein wirtschaftliches, vor allem ein wirtschaftliches, vielleicht auch ein politisches, da ist eine falsche Politik am Werk, wenn die Arbeit zu knapp wird, strukturell gesehen, ist das ein komplexes Versagen, ein geradezu unüberschaubares Versagen, da darf man sich nicht verzweifelt zeigen, da muss gekämpft werden, organisiert muss das werden, wie eine Arbeit muss das organisiert werden, die Verzweiflung und die freie Zeit. Da geht man weg von dem Staat zu seinem selbst und das muss auch einmal gesagt werden, dass man mit sich selbst ist, heute, nicht so wie früher, wo man nur träumen durfte von seinem Selbst, ja, so ist das, sagt der Frank Westmar, und er hat schon die Tür geöffnet, der Frank Westmar, und immer noch steht er da, wie ein feiner Mann will er da erscheinen in seiner Größe und seinem ernsten Gesicht, so steht er da, und er sagt, ich ruf dich morgen an, ganz sicher! Und Babs Stanebein lehnt am Türrahmen, und sie gähnt, diese Müdigkeit, ein ständiges Gähnen, und sie sieht auf Frank Westmars Kehlkopf, so ein ausgeprägter Kehlkopf, denkt sie, und der Frank Westmar geht, und er schließt die Tür hinter sich, und er geht zur Arbeit, und Babs Stanebein weiß gar nicht, zu welcher Arbeit er da geht, seit einem halben Jahr kommt der Frank Westmar jede Woche drei Mal, und Babs Stanebein weiß nicht, was für einer Arbeit der Frank Westmar nachgeht, was könnte das nur für eine Arbeit sein, wenn er da zu so später Stunde immer gehen muss, eine Nachtarbeit, ja, vermutlich ist es eine Nachtarbeit, die der Frank Westmar da bewältigen muß, ein Nachtarbeiter ist der Frank Westmar, und er hat Frau und Kinder, und das ist nicht viel, was Babs Stanebein über den Frank Westmar weiß, dass er Frau und Kinder hat, das weiß sie, und dass er vermutlich eine Nachtarbeit hat und jeden Samstag Lotto spielt, seit acht Jahren immer mit denselben Zahlen und dass er einmal als Montagearbeiter in Köln war und dass Köln ein schönes Städtchen ist mit einem Dom und vielen gutgelaunten Menschen, und dass er gut riecht, der Frank Westmar, immer frisch und sauber kommt er durch die Tür, wenn er da drei Mal in der Woche Babs Stanebein besucht, da kann man nichts sagen, da kann Babs Stanebein nichts auszusetzen haben, der Frank Westmar hat einen guten Duft an sich, schon in der ersten Nacht ist ihr das aufgefallen, auch die Füße sind gepflegt und die Hände, und immer glattrasiert ist der Frank Westmar, und sein Körper ist weich, wie der Körper einer Frau, und heute Abend wird er wieder kommen, und heute möchte Babs Stanebein ihrem Frank Westmar eine Neuigkeit mitteilen, sie möchte ihm mitteilen, dass sie es endlich auf das Amt geschafft hat, dass sie zu einer Sachbearbeiterin gegangen ist, möchte sie ihm mitteilen, und vielleicht ergibt sich dann ein schöner Abend mit dem Frank Westmar in ihrer Wohnung, die sie noch aufräumen sollte, ja, sie sollte erst einmal die vielen Weinflaschen in der Küche zum Container bringen und staubwischen und ein paar Handtücher in die Waschmaschine schmeißen und das Geschirr abspülen, dass sich da so viel angesammelt hat über die vielen Tage, dass ihr das die Tage nicht aufgefallen ist, diese Unordnung, eine Verwahrlosung ist das in der Wohnung, und in Babs Stanebein steckt auch eine Verwahrlosung, etwas in dieser Art hat sie sich gestern Nacht gedacht, bevor sie da am Fenster die Schneeflocken gezählt hat, hat sie gedacht, eine Verwahrlosung ist das in mir und um mich herum, ja, und in ihrer Wohnung, und auch das Haus, dieses Wohnhaus, indem sie seit sieben Jahren lebt und die Gegend, auch die scheint verwahrlost ...

Claudia Klischat wurde 1970 geboren. Sie studierte am Leipziger Literaturinstitut. Der hier abgedruckte Text ist ein Auszug aus ihrem Romandebut Morgen. Später Abend, das im Frühjahr im Beck-Verlag erschienen ist.


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00:00 10.06.2005

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