Tom Kummer
30.07.2009 | 11:25

Moritz trinkt immer noch

Medien Auf Facebook bin ich Popjournalist, hier darf ich’s sein: Eine Reportage aus L.A. und über das WordWideWeb

Nacht in Los Angeles. Ich fahre meine Vespa ziellos über den Asphalt am Broadway, rote Ampeln, die auf mich warten. Eine Nacht ohne Plan. Überall werden Filme gedreht und verursachen Staus. Paranoia setzt ein. Vielleicht fühle ich mich bloß ein bisschen verloren. Dabei bin ich keineswegs allein, mein neues I-Phone vibriert pausenlos. Jeder neue Eintrag meiner 535 Freunde bei Facebook schickt ein leichtes Zittern von der Brusttasche zur Brustwarze. Noch habe ich nicht kapiert, wie ich diese Funktion ausschalten kann. Ich wechsle auf die andere Seite des Broadways, aber auch dort machen die Filmcrews die Straßen unpassierbar. Wieder ein Zittern. Kontrolle. Der Journalist Adriano Sack is I love Janet. Die Meldung ist schon ein bisschen alt. Aber nett. Der Art Director André Schlechtriem likes this.

Ich schiebe den Roller zwischen zwei am Straßenrand geparkte Limousinen, springe ab, stecke die Schlüssel ein und gehe nun sehr langsam, mit gezogenem I-Phone, den Broadway runter. Kontrolle, I-Phone dicht am Gesicht. Ariadne von Schirach is tweet, tweet, ariztweet. Der Journalist Nils Minkmar likes this. Mich verbinden 16 Freunde mit Ariadne von Schirach. Darunter die Medienschaffenden Borcholte, Ankowitsch, Canonica, Niermann, Lottmann. In den Exzessen von Facebook, kurz FB, scheinen sich Medienleute besonders wohl zu fühlen. Ästhetisierung des Lebens zwischen Dada light und Camp light.

Auf dem Gehsteig malen die Schaufensterbeleuchtungen den Schatten von jemandem, der mir folgt. Paranoia. Verloren in der Stadt. Habe im Augenblick nicht das geringste Interesse an der Außenwelt. Ich verstecke mich hinter meinem I-Phone, studiere das neue Profilbild von Anne Philippi, Beruf: Reporter. Sie hat wochenlang als „Catherine Deneuve“ für Auraverstärkung gesorgt. Jetzt scheint sie reif oder mutig genug, sich selbst zu präsentieren. Jedenfalls steckt in diesem clever fotografierten Porträt im Bett die ganze Belle de Jour-Mythologie, die sie anscheinend schon immer angestrebt hat. Nichts könnte da auf einen journalistischen Alltag bei Bild am Sonntag verweisen, einen Alltag an einem Schreibtisch im Springer-Gebäude, vielleicht auch ein bisschen Trostlosigkeit. Annes Welt ist viel mehr. Uns verbinden 75 Freunde. Darunter Gisela Getty und Mavie Hörbiger, sowie die Medienschaffenden Friebe, Fetisch, von Uslar, Baum, Nickel, Timmerberg, Matussek, Munz und so weiter. Die Liste ist lang. Kontrolle. 4:30 PM pacific time. Annes status: Bought all beach boys records. 4:32 PM pacific time: Beate Wedekind, Ex-Bunte-Chefin, kommentiert das neue Profilbild von Anne Philippi: Ist so ein geiles Foto!

Ich bleibe auf dem Broadway stehen, drehe nervös meinen Kopf, aber niemand ist da, nur dieses semi-elektrische Gefühl, das ich nicht richtig in den Griff kriege. Überlege, dass ich ganz früher, so Anfang der achtziger Jahre Leute nicht leiden konnte, die ständig versuchten, sich selbst zu finden – diese brütende, introspektive Art. Setze mich vor der neuen Martini-Bar Babyland auf den Boden und studiere die Welt meiner FB-Freunde und Nichtfreunde. Check. Kontrolle. Sehr aktiv sind: Georg Diez, Christian Kämmerling, Holger Liebs, Christoph Amend, Johanna Adorján, Marc Pitzke, ­Lothar Gorris, Maxim Biller, Peter Richter, Axel Brüggemann. Es ist ein großer Spielplatz, man beweist ein bisschen Kenntnis in Sachen Style, Surfing-Labels, Logos, Brands, Markenkulten, Kultmarketing, Nouvelle Vague, Neues Denken und so weiter. Meistens reicht ein Kommentar wie der von Moritz von Uslar. Kontrolle. Check. 07:23 PM, pacific time. Moritz is saufen. Dank solcher Kommentare ist die Avantgarde unter den Journalisten unendlich breit geworden. Wer leider fehlt, sind die Erklärer der Nation: Frank Schirrmacher, Florian Illies, Ulf Poschardt, Walter Mayer.

Aber die Action auf FB läuft heute nacht in Downtown eh woanders ab. Kontrolle. Check. Beate Wedekind um 4:45 PM, pacific time: Ihr Reporter habt es heute wirklich viiiiiiel schwerer als ich damals. Check. Anne, ganz sicher und cool, antwortet mit einem Verweis auf einen Film von Michelangelo Antonioni: Beruf: Reporter.

Antonioni wurde von Anne schon Wochen zuvor charmant und zärtlich ausgeschlachtet. Was soviel heißt wie: Antonioni – das bin ich. Monica Vitti – das bin ich. Die Deneuve – die war ich schon immer. Beach Boys – der Soundtrack meines Lebens. Dafür muss man Anne Philippi auf FB einfach lieben! Früher konnte mich keiner hindern, den schmalen Grad zwischen Schein und Sein, Maske und Gesicht, Leben und Kunst zu begehen, die subjektivistischen Exzesse, das Geklaute und Erfundene direkt in meinen journalistischen Texten unterzubringen. Ich glaube, das ist heute offiziell verboten. Das Spiel wird nun auf FB gespielt. Ein Deal: umgekehrt werden die journalistischen Texte supersauber gehalten.

Das eigene Leben, sonst nichts

Kontrolle. Matthias Matussek kommentiert: Anne, du weißt was gut ist... Good vibration ist der perfekteste Popsong der Geschichte, eine verdammte kleine Symphonie. Nicht genug. Anne kann da locker zulegen: Ich finde ja Wouldn’t it be nice und California Girls unfassbar. Recht hat sie. Klar. Da hilft die Flucht in die Poesie der Erinnerung – weil die Journalisten-Gegenwart vielleicht auch ein bisschen unerträglich geworden ist. Ein cooler Blick in den Rückspiegel auf der Fahrt durch den Alltag. Wie alte Gefangene eines längst überholten Wahrheitsbegriffs laufen sie auf FB als Ästheten dieses Alltags zu Höchstform auf: Erfinde dich neu! Es gibt eben kaum etwas, was tiefer bewegt als das eigene Leben, sagte schon Arthur Schnitzler. Kontrolle. Check. Real ist – so „Jean-Luc Godard“ auf seiner gefakten FB-Seite –, was zwischen den Dingen ist und nicht das Ding selbst.

Auffallend, dass gerade jene Journalisten, die vielleicht schon immer lieber Künstler geworden wären, sich – mit oder ohne Ironie – gegen die totale Vereinnahmung des Mediums zur Wehr setzen und dessen Bedeutungslosigkeit herausstellen. Von Nobodys wie von Größen der Branche mehren sich Kommentare oder Gesten, wie: „Ich verfolge auf FB keine Absicht, kein System, keine Richtung.“ Vielleicht soll so die eigene Narrenfreiheit gesichert werden. Es gibt nichts zu deuten. Kein Zeichen, das Einsicht wecken will. Völlig entgegen ihrem Auftrag als Journalisten, der Eindeutigkeit, Wahrheit und Botschaft fordert. „Sind sie eigentlich noch Journalist?“, wurde ich 1989 von einem Spiegel-Reporter gefragt, als ich eine Jagd auf Michael Jackson in einer Tempo-Reportage fingierte – reine Jagd auf die Realität zwischen den Dingen.

Das müsste man heute vielleicht meinen ehemaligen Förderer, den FAS-Feuilletonisten Claudius Seidl fragen, an den ich eher zufällig gerate, er hat meine Freundschaftsanfrage auf FB abgewiesen. Claudius scheint in diesem Kosmos richtig auf Touren zu kommen, bewegt sich mit großem Aktionsradius. Ich finde, er hat hier eine richtig nette Rolle als selbstironische intellektuelle Figur gefunden. Überall streut er feine, kleine, rührende Kommentare. Auf FB ist es leicht geworden, Leben, Kunst und Werk miteinander zu versöhnen, vielleicht macht das seinen Reiz aus. Videos von Youtube herunterladen, Verweise auf Bands, Denker, Filme und so weiter.

Schöne Sachen. Verwirrende Sachen: FB-Freund, Autor und Journalist, Eckhart Nickel is quatorze juillet. Check! Der Journalist Jose Redondo-Vega likes this. Check. Eckhart, zwei Tage zuvor, is train grand vitesse. Check. Two people like this. Check. Will jetzt noch ein bisschen tiefer bei Eckhart eindringen, fahre die Seite nach unten ab, registriere: Eckhart joined the group Dorian Gray Frankfurt Airportclub. Eckhart joined the group Hessisch, became a fan of Walden Frankfurt, became a fan of The Frankfurt School, fan of Radio X91.8 FM, Freund von Benedict Neuenfels, fan of Brandy Alexander, fan of James Ensor, fan of Erik Satie, joined the group Montherlant Sporting Club, The Duckworth Lewis Method Band, joined the group Brecht Weill...

Yeah, das Leben ist ein Rätsel. Das wissen schreibende Dandys wie Eckhart und lassen die Splitter aus Labels, Name-Dropping und Allerweltswissen funkeln. Nachdem alles gesagt, aber nichts erklärt worden ist, lohnt die Poetisierung der Welt. Wir hatten das mal gemeinsam in längeren Texten versucht. Vor acht Jahren, beim längst eingestellten Internetexperiment für deutschsprachige Autoren, Künstler, Journalisten: www.ampool. Ein loser Haufen, man nannte uns Pop-Autoren, die keine einsamen Gefangenen ihrer Träume bleiben wollten. Wir artikulierten uns als Ästheten des militanten Anfängertums. Korrespondenzen zwischen Leben, Kunst und Werk wurden besprochen. Die Ästhetik des Lebens spiegelte die Realität, kritisierte sie, bot neue Entwürfe – Ethik der Selbsterfindung. Bei Facebook wird das alles auf Splitterästhetikniveau heruntergebrochen.

Kontrolle. Check. Eckhart Nickel is Tesla Girls. Lukas Nikol likes this. Eckhart Nickel is migraning. Susan von Reusner: pure agony – condolences. Dark room, cool cloth, silence and pain. Sehr schön. Etwas später: Eckhart shared the music video Peek-A-Boo by Siouxie The Banshees with David Baum. David Baum: Siouxsie, wonderful! Ich habe zu The Strawberry Girl die halben Teenagerjahre vertanzt. Auch David Baum, einst stellvertretender Chefredakteur von Bunte, läuft auf FB zu Hochform auf. Ein neuer Mensch? Eine kristalline Existenz, fast ein Paradebeispiel für eine „Ästhetik der Existenz auf FB“ in zehn Schritten:

1. Eine Miniwelt löst die andere ab.

2. Wir sind die Protagonisten einer großen schönen Flucht.

3. Schafft Distanz zum alten Selbst.

4. Alles, was Distanz schafft, ist gut.

5. Distanz ist unbedingt nötig, um Verwirrung zu stiften.

6. Verwirrung schafft Freiräume.

7. Nähe vortäuschen!

8. Dem direkten Zugriff auf eine Person, die sich auf Instinkt, Erfahrung und Wahrnehmung eigener psychischer Strukturen stützt, keine Chance lassen.

9. Alles in Anführungsstriche setzen.

10. Die Facebook-Aura hat doppelte Anführungsstriche. 

Drama. Big Drama. Blau

Jemand läuft an mir vorbei, macht ein Foto, es ist Zeit, bei Moritz von Uslar vorbeizuschauen. Kontrolle. Check. 03:45 AM, pacific time: Moritz trinkt immer noch. Da spricht die große Erfahrung des Dandy. Mit dieser Feier des Unspektakulären liegt er ganz weit vorne, der Superstar. Erst auf der Seite von Moritz werde ich richtig glücklich. Für mich beginnt die Revolution von Facebook bereits in der Redaktion von Tempo, der legendären Zeitschrift der achtziger Jahre. 1987, das Copyshop-Feeling. Wir kamen an und gaben zu verstehen, dass wir dagegen sind und trotzdem dabeisein wollen. Die Dadaisten, diese Meister der Übertretung, hatten das Verwirrspiel auf die Spitze getrieben. Der Normalzustand des Menschen ist Dada. Aber die echten Dadas sind gegen Dada. Das machte es mir immer so schwer, Journalist zu sein. Man denkt, im genauen Sinn, in der Gesellschaft für die Gesellschaft gegen die Gesellschaft.

In Facebook haben die moderne Gesellschaft und ihre Beobachter (die Journalisten) eine weitere Form gefunden, um sich selbst zu beobachten; in sich selbst gegen sich selbst. Hallo Moritz, super lustig, was da bei dir wieder läuft. Lache mich so total voll in der Tiefe deines Gesichts. Deine Bilder sind so was voll von tollem Leben und natürlich noch viel mehr voll. Sehnsucht nach einem wirklich tollen Leben.

Moritz von Uslar: Bye bye, Dash Snow. Ich glaube, du warst kein besonders toller Künstler, aber dafür sahst du toll aus. Alles ist flüchtig und launenhaft wie ein verzogenes Kind. Wer nicht dazugehört, muss zuschauen, drückt sich die Nase platt und friert an den Füßen. Moritz von Uslar: T-Shirt in Brandenburg: ‚Wenn dir die Scheiße bis zum Hals steht, solltest du den Kopf nicht hängen lassen’. Thu at 3:31 AM, pacific time. André Schlechtriem, Timm Klotzek and 10 others like this. Moritz von Uslar is sweating it all out. July 14 at 2:17 PM, pacific time. Heike Makatsch: Also doch Yoga. July 15 at 12:25 AM, pacific time. Moritz von Uslar: Drama. Big Drama. Blau. Schwarz. Rosa. WOLKENFETZEN. LICHT. Es regnet aus dem Rosa raus. Was ist denn ditt? Guten Abend. Noch ein grandioser Abend. July 2 at 12:37 PM, pacfic time. Jose Redondo-Vega and Eckhart Nickel like this. Ich starre auf den Asphalt am Broadway. Das ist alles.

Tom Kummer, geboren 1963 in Bern, Journalist und Autor, löste im Jahr 2000 einen Skandal wegen fingierter Star-Interviews aus (Borderline-Journalismus), veröffentlichte 2007 die Autobiografie Blow up, lebt in Los Angeles