Morricones Klangfarben

Nachruf Der berühmte Komponist wird als Meister der Musiksprache in Erinnerung bleiben
Morricones Klangfarben
Bescheidener Meister: Ennio Morricone

Foto: Pascal Le Segretain/Getty Images

Das musikalische Hauptthema des Films The Good, the Bad and the Ugly, zu Deutsch Zwei Glorreiche Halunken ist so simpel wie revolutionär: Zwei Flötentöne, gespielt in einem Quartenintervall, sollen das Heulen eines Kojoten imitieren. Sie werden im Laufe der Geschichte auch von einer Okarina, einer komischen Tröte, und menschlichen Stimmen interpretiert. Der Gute, der Böse und der Hässliche, verloren in der Wüste, den hungrigen Kojoten nur um wenige Sprünge voraus – zwei Töne malen ein ganzes Bild. Und das im breitesten Techniscope.

Ennio Morricone, der am 6. Juli im Alter von 91 Jahren in seiner Heimatstadt Rom starb, arbeitete für diesen Film zum wiederholten Male mit seinem ehemaligen Schulfreund, dem Regisseur Sergio Leone, zusammen – man verstand und vertraute sich. Der in klassischer Trompete und Komposition ausgebildete Morricone hat sein erstes Stück angeblich mit sechs geschrieben und vor seiner Filmarbeit bereits eine lange Karriere als Komponist von Radio- und Fernsehmusik, Melodien für Pop- und Schlagerkünstler*innen und Klassik hinter sich.

Nach den ersten beiden Teilen der so genannten „Dollar“-Trilogie (Für eine Handvoll Dollar, Für ein paar Dollar mehr) waren Morricones musikalische Sprache und sein Mut in Zwei glorreiche Halunken in den 1960ern auf dem Höhepunkt. Seine Instrumentenwahl hatte sich schon in früheren Werken von der US-Western-typischen Opulenz abgehoben: Vom Riesenorchester und percussiv-fröhlichen Reitrhythmen eines Elmer Bernstein in Die Glorreichen Sieben (1960) unterschied sich Morricones zugleich reduzierter und emotionaler Sound enorm, indem er neben elektrischen Gitarren, groovigen Beats oder dem Englisch Horn wiederholt Stimmen und Kunstpfeifer*innen einsetzte.

Zudem spielte Leone die bereits vorher fertiggestellte Musik am Set seinen Darsteller*innen vor, damit diese rhythmisch und atmosphärisch damit arbeiteten – eine äußerst ungewöhnliche Produktionsweise. Im fertigen Film machte Morricones Klangfarbenwelt beim ersten Ton klar: Das ist keine saubere, teure US-Produktion über patriotische Revolverhelden. Das ist der wilde italienische Westen: Billig, schmutzig, eindringlich. Ohne Morricones bildhafte, differenzierte, deutliche und nie verkopfte Musiksprache wären die Spaghettiwestern wohl im B-Movie-Fach stecken geblieben. Und hätten es vielleicht nicht in die Popkultur geschafft.

Morricones Liste von Produktionen ist ellenlang – neben italienischen Western wie dem ebenfalls ikonischen Klassiker Spiel mir das Lied vom Tod sowie einigen Horrorfilmen arbeitete er mit Regisseuren wie Don Siegel, John Huston, Brian de Palma, Mike Nichols und Terrence Malick. Er wurde eine Hauptinspiration für den Genreliebhaber und Musikafficionado Quentin Tarantino, dessen Talent vor allem in der Bildkomposition liegt. Nachdem Tarantino, der die Western-Grundthemen fast immer mitdenkt, Morricone-Melodien bereits als Zitate, Hommagen und Stilmittel eingesetzt hatte, überredete er 2015 den damals 87-Jährigen zu einer Zusammenarbeit. In The Hateful 8, für dessen Score Morricone mit seinem zweiten Oscar (nach einem Preis für sein Lebenswerk) ausgezeichnet wurde, lässt er die Streicher so tiefe, bedrohliche Töne spielen, dass die Leinwand zittert wie Espenlaub. Etwas später heult der Wind über eine Schneelandschaft und begleitet das beunruhigende Geigenmotiv auf dem Weg abwärts. Höchstwahrscheinlich sind es doch ein paar Gespenster, die mitsingen.

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15:40 08.07.2020

Ausgabe 33/2020

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