Mosaik der Liebe

Literatur André Aciman hat seinen Welterfolg „Call Me By Your Name“ fortgeschrieben
Mosaik der Liebe
Es gibt keine reuevolle Suche nach der verlorenen Zeit, auch wenn Aciman ein Proust-Verehrer ist

Foto: Morteza Yousefi/Unsplash

Zwanzig Jahre hast du das Leben eines Toten gelebt. Alle wissen es“, gesteht Oliver sich kurz vor dem lang ersehnten Wiedersehen mit Elio ein. Zwei Jahrzehnte sind vergangen, seit die beiden einen Sommer voll heimlicher Liebe, gegenseitiger Erkenntnis und tiefem Schmerz erlebt haben – und getrennte Wege gegangen sind.

Call Me By Your Name, der Roman über den 17-jährigen Intellektuellen Elio Perlman, der sich in den Doktoranden seines Vaters verliebt, wurde spätestens 2017 durch Luca Guadagninos preisgekrönte Verfilmung zum Welterfolg. Auf Drängen der Fans und Bewunderer hat André Aciman die Geschichte der einst jungen Männer nun fortgesponnen, was ein riskantes Unterfangen darstellt. Oft enttäuschen Fortsetzungen und erwecken den Eindruck, die größte Inspirationsquelle habe in einem üppigen Verlagsvorschuss gelegen, selten wird der Geist des Originals wiederbelebt. Davon weiß nicht nur die Populärliteratur, sondern ganz besonders das Kino zu berichten. Um diese Fallen weiß Aciman, und glücklicherweise entgeht er ihnen geschickt: Eine konventionelle Fortsetzung ist dieser Roman nämlich nicht.

Der alte Professor

Die Weiterentwicklung der ursprünglichen Liebesgeschichte steht nicht im Fokus von Find Me, Finde mich, mehr als 100 Seiten dauert es, bis Elio, der Ich-Erzähler von Call Me By Your Name, selbst in Erscheinung tritt. Stattdessen verschiebt Aciman immer wieder die Perspektive zwischen Oliver, Elio und dessen Vater.

Letzterem gehört die Eröffnungssequenz, die zweifelsohne die schönste des Romans ist und fast die Hälfte der Erzählung einnimmt. Nach dem Auszug des einzigen Sohnes hat sich Samuel Perlman von seiner Frau getrennt und geht seit Jahren alleine durch die Welt. So auch zu Beginn des ersten Kapitels, als er auf dem Weg nach Rom ist, um dort einen Vortrag zu halten. Im Zugabteil begegnet er der Fotografin Miranda, die sein vereinsamtes Leben mit ihrer ungenierten Art auf den Kopf stellt: Aus einem zwanglosen Smalltalk entspinnt sich ein vertrauensvoller Dialog zwischen zwei Intellektuellen, die keine Scham dabei empfinden, sich dem anderen zu öffnen. Von Anfang an herrscht zwischen dem alten Professor und der jungen Frau ein gegenseitiges Verständnis vor, das nur als schicksalhaft bezeichnet werden kann, und die poetischen Wortwechsel lassen die unwahrscheinliche Romanze beinahe selbstverständlich werden. Dabei folgen die Leser Samuels Gedanken, seinen Ängsten, von Miranda fallengelassen zu werden, aber auch seinen Hoffnungen und Sehnsüchten, die zu seiner eigenen Verwunderung eingelöst werden. Die feine Psychologisierung der Protagonisten lässt dabei die Liebe Acimans zu Marcel Proust sichtbar werden, dessen Hauptwerk Auf der Suche nach der verlorenen Zeit er 2004 als Herausgeber einen eigenen Band gewidmet hat, der Essays über Proust und Kapitel aus dessen Jahrhundertroman vereint. Zwar ähnelt Acimans klarer und schnörkelloser Schreibstil nicht im Geringsten den halbseitigen Schachtelsätzen des großen französischen Schriftstellers, doch dessen Sujets und Gedanken tauchen immer wieder auf: Schon in Call Me By Your Name erinnerten Elios taktische Versuche, Oliver näherzukommen, an die Manie, mit der Prousts Erzähler in Im Schatten junger Mädchenblüte Frauen und Liebesglück verfolgt, und auch in Find Me schimmert die Proust’sche Philosophie durch die Gedanken und Dialoge, etwa wenn Mirandas Vater über eine Doktorarbeit spricht, die er betreut: „Niemand von uns wird behaupten wollen, er lebe sein Leben auf zwei parallelen Bahnen, aber wir alle haben viele Leben, sie stecken hinter oder direkt neben einem anderen. Manche Leben warten darauf, dass sie an die Reihe kommen, weil sie noch gar nicht gelebt wurden, während andere erlöschen, noch ehe sie ihre Zeit ausgelebt haben, und manche wollen noch einmal gelebt werden, weil man sie nicht ausreichend gelebt hat.“

Oliver und Elio finden sich

Für Samuel beginnt jetzt ein solches Leben, das nur darauf gewartet hat, an die Reihe zu kommen. Im fortgeschrittenen Alter wird wahr, woran er nicht mehr zu glauben gewagt hat: eine radikale Liebe, die sein gesamtes bisheriges Dasein umwirft. Doch auch das gemeinsame Leben von Elio und Oliver ist eines, das noch einmal gelebt werden will. Getrennt, davon zeugen die ihnen gewidmeten Kapitel, war ihr Leben nur ein halbes – wenn überhaupt. Ganz gleich, wie weit die beiden Männer voneinander entfernt sein mögen, sie denken immer aneinander: In seinen neuen Beziehungen und Affären gelingt es Elio nie, seine Verletzung zu überwinden, und der verheiratete Oliver hört Elios Stimme auf seiner Umzugsfeier: „Nach mir suchst du, nicht wahr? Ich bin’s, den die Musik heute Abend heraufbeschwört.“ Als sie am Ende des Romans zum ersten Mal seit Jahren aufeinandertreffen, gibt es daher keine spektakuläre Wiedervereinigung, keine reuevolle Suche nach der verlorenen Zeit. Nein, so natürlich wie Oliver und Elio sich einst in ihrer gegenseitigen Liebe erkannt haben, so selbstverständlich finden sie wieder zueinander.

Aciman entwirft in Find Me in sich abwechselnden Perspektiven ein Mosaik der Liebe, die keine Grenzen kennt und keine Worte braucht, um verstanden zu werden. Samuel und Miranda, Oliver und Elio: Sie alle sind Charaktere von einer solchen Feinsinnigkeit und mit einem solchen Verständnis füreinander, dass die ausgefeilten Dialoge mitunter ins Kitschige abgleiten. Doch das schmälert Acimans Roman nur wenig. Auch wenn es manch einen, der sich in Elio und Oliver verliebt hat, enttäuschen wird: Find Me setzt weniger die Handlung als die Gedanken von Call Me By Your Name fort, es ist ein philosophischer Roman über die Zeit, die Liebe – und über jene Leben, die wir leben könnten.

Info

Find Me, Finde mich André Aciman Thomas Brovot (Übers.), dtv 2020, 296 S., 22 €

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06:00 24.07.2020

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