Moskau 1250 - Sankt Petersburg 950 Kilometer

Haus ohne Hüter Kaliningrad nach der Osterweiterung der EU - alle Wege führen nach Russland

Langsam schiebt sich der Zug in den kleinen Bahnhof. Die Fenster sind beschlagen. Die müden Gesichter dahinter blicken kaum auf. Kissen aus Kleidungsstücken haben sich die Reisenden zurecht gerollt, seit ihre Fahrt vor 20 Stunden auf dem Weißrussischen Bahnhof in Moskau begann. Weitere drei bis vier liegen noch vor ihnen. Der Zug wird langsamer, schleicht mehr, bleibt stehen und nimmt wieder Fahrt auf. Niemand steigt aus. Der Provinzbahnhof liegt noch in Litauen, kurz vor der Grenze zum Kaliningrader Gebiet. Passieren werden diese Demarkationslinie fast ausnahmslos Russen, die mit einem "Dokument für den erleichterten Transit" ausgestattet sind. Auf dieses "Visum ähnliche" Papier für die einmalige Hin- und Rückreise per Zug hatten sich Brüssel und Moskau geeinigt, bevor die baltischen Staaten im Mai der EU beitraten.

Der Zug Kaliningrad-Moskau wird zur Nabelschnur für die russische Exklave um das ehemalige Königsberg - einer hermetisch abgeschotteten Nabelschnur, denn die Reisenden mit dem "Visum light" dürfen zwischen Kaliningrad und dem russischen Mutterland - beim Transit durch EU-Territorium - die Waggons nicht verlassen.

Wer dem Zug mit dem Auto folgt, fährt durch Viehweiden, durch frühherbstliche Bohnen- und Kartoffeläcker und erreicht schließlich die Königin-Sophien-Brücke - gegen Ende des Zweiten Weltkriegs kam es hier zu dramatischen Fluchtszenen - über den Fluss Nemunas (auf Deutsch Memel), der hier die Grenze markiert. Vor dem Tor der russischen Zollstation stauen sich etwa zwei Dutzend PKW und einige wenige Lastwagen. Die Schlange ist kurz, aber nur, weil die meisten wartenden Fahrzeuge auf einen Parkplatz gelotst werden. Umständlich, bürokratisch, oft schikanös sind die Kontrollen. Fast ist es, als wollten die Zöllner die Absonderung der Region ausdrücklich betonen.

Nach dieser Passage holpert der Wagen über die schlaglöchrigen Pisten von Sowjetsk, dem früheren Tilsit, auf der Autostraße Richtung Kaliningrad. Hier ist die Landschaft wild und üppig, sie wirkt auf den ersten Blick urwüchsiger als auf der litauischen Seite. Was blüht, ist Unkraut. Viel, viel Land liegt brach. Wiesen verbuschen. Wälder sind abgeholzt, die Stämme verkauft, nachgepflanzt wird nicht. An den Straßenrändern stehen handgemalte Schilder: Backsteine zu verkaufen. Die Ziegel aus rotem Ton, noch zu ostpreußischen Zeiten gebrannt, sind bei den Bauherren aus den Nachbarländern begehrt. Die Kaliningrad-Russen reißen dafür ihre Ställe ab, manche die Wohnhäuser. Und die wenigen erhaltenen Baudenkmäler, die unter Unkraut und Neubauten ohnehin kaum noch zu erkennen sind.

An der Küste rollt der Rubel, aber nur der

Der prächtig renovierte Bahnhof in Kaliningrad, in den der Zug aus Moskau und seit kurzem auch wieder ein "Königsberg-Express" aus Berlin einfahren, gehört zu den schönsten Gebäuden einer sonst eher trostlosen Stadt. Im Zentrum selbst stehen inmitten großzügiger Parkanlagen und breiter Straßen nur zwei Gebäude: der Dom mit dem Grab Immanuel Kants und das Dom Sowjetow - das Rätehaus -, in das Anfang der sechziger Jahre die Stadtverwaltung einziehen sollte, doch draußen bleiben musste, weil die Statik nicht stimmte, und so das Rätehaus bis heute Torso blieb. Ein paar skandinavische Touristen irren um den Dom und fotografieren einander vor den protzigen Säulen des Kant-Grabes - den bestirnten Himmel, der ihn immer wieder so in Erstaunen setzte, hat der Philosoph inzwischen nicht mehr über sich.

Essen zu gehen, das ist eine kostspielige Angelegenheit in dieser Stadt, in der selbst die Magistrale Moskovskij Prospekt auf das Mutterland weist. "Es gibt hier nur zwei Preisklassen: sehr teuer - Restaurantessen, Hotelzimmer, Luxusgüter - und sehr billig - Brot, Schnaps, Speck", sagt ein litauischer Diplomat. Ersteres leisten sich Neue Russen, Privatisierungsgewinnler und Geschäftsleute - Letzteres bleibt für alle anderen. Am Nebentisch im Lokal sitzen vier junge Männer - weiße Hemden, Anzüge, Aktentaschen, angehende Banker vielleicht. Zwei Flaschen Wodka stehen zwischen ihnen, dazu Orangensaft. Einer schwitzt schon sichtlich vom Alkohol. Ein anderer packt unter dem Tisch eine Pistole aus. Möglicherweise sind es doch keine Banker, zumal es kaum noch eine Wirtschaft gibt in der Kaliningrader Region.

Die Exklave, mit 15.000 Quadratkilometern etwa so groß wie Schleswig-Holstein, war für die Sowjetunion jahrzehntelang so etwas wie ein strategischer Vorposten. Von den bis zu 200.000 Soldaten, die noch zu Beginn der neunziger Jahre hier stationiert waren, ist weniger als ein Zehntel geblieben, was die regionale Wirtschaft regelrecht kollabieren ließ. 68 Prozent der Konsumgüter und mehr als 80 Prozent der Lebensmittel müssen zur Zeit eingeführt werden. In den Supermärkten stehen litauisches Bier und lettische Butter, liegen polnische Chips und skandinavischer Kaffee. Es hat wenig geholfen, dass die russische Regierung das Kaliningrader Gebiet zur Sonderwirtschaftszone mit günstigen Zoll- und Steuerregelungen erklärte.

Zögernd tasten sich immerhin Touristikunternehmen vor. Doch die Bevölkerung profitiert wenig von den Reisebussen, die aus Polen kommend über Kaliningrad und die Kurische Nehrung in die baltischen Staaten fahren. Auf der russischen Seite der Nehrung gibt es ein Hotel in Rybatschi (Rossitten), ein bis zwei private Zimmervermieter, mehr nicht.

Auf einem Parkplatz in den Dünen halten einige der Touristenbusse, die unterwegs nach Litauen sind; dort haben immerhin einige unternehmungslustige Frauen Bernsteinketten und Matrjoschkas auf Tapeziertischen ausgebreitet, ein Mann verkauft Zigaretten und Schnaps aus dem Kofferraum. Kein Vergleich zu den edlen Leinen- und Bernstein-Boutiquen in Nida, auf der litauischen Hälfte der Kurischen Nehrung: Das Nidden, in dem sich einst Thomas Mann ein Sommerhaus baute, ist ein gut erschlossener Urlaubsort. Es wimmelt von Touristen, viele aus Deutschland, Skandinavien, den baltischen Staaten.

Anderswo an der Küste rollt der Rubel, aber auch nur der - Ausländer und ihr Geld finden kaum nach Swetlogorsk. Das Städtchen mit der scharf nach Westen abschwenkenden Küstenlinie ist so etwas wie das Lloret de Mar der russischen Ostseeküste: Ukrainische und rumänische Popmusik wummern durch verkehrsberuhigte Straßen, ein Glasbläser lässt auf dem Trottoir seinen Gasbrenner fauchen. Besternte Limousinen parken vor Restaurants, deren Preise wegen der ausgesprochen lausigen Qualität des angebotenen Menüs "stolz" genannt werden dürfen. Halbstarke flanieren über die Uferpromenade und telefonieren ununterbrochen mit ihren Handys: "Wassili kommt mit dem Flieger morgen nach, wenn Papa es ihm erlaubt", feixt einer. Alle schlenkern halbvolle Bier- oder Alcopop-Flaschen. Die liegen dann leer am Strand, den barfuß zu betreten ein Wagnis ist.

"Die kommen alle aus Moskau", sagt eine Frau, die privat Zimmer vermietet, "die Hotels gehören Moskauern, die Wohnungen, die Bars, die Restaurants. Und was sich dort an Gästen einfindet, auch das sind fast nur Leute aus Moskau." Von den Besitzern der Fahrzeuge mit deutschen Nummern abgesehen, die vor dem Hotel Zum alten Doktor oder dem Rauschen II parken. Rauschen, das war einst der Name von Swetlogorsk.

Die Menschen sind gleichgültig geworden

Dass in der russischen Exklave der Tourismus nicht floriert, führen manche auf die besondere Mentalität ihrer Bewohner zurück: "Die Menschen hier sind gleichgültig geworden, sie kommen irgendwie durch, und das reicht ihnen", meint der bereits zitierte Diplomat aus Litauen. "Vielleicht liegt es daran, dass viele nicht sonderlich tief verwurzelt sind in diesem Gebiet und es wohl nie als ihre Heimat empfinden werden."

In der erbärmlichen Notzeit nach dem Zweiten Weltkrieg wurden viele Familien aus den zerstörten Städten Russlands hier angesiedelt. Tausende kamen als Berufssoldaten in die Kaliningrader Garnison und blieben. Nun fürchten manche einen Ausverkauf an Ausländer, womöglich ausgerechnet an Deutsche, hier im Norden des ehemaligen Ostpreußens.

Kaliningrads Bürgermeister Jurij Sawenko pflegt derartige Sorgen in Interviews zu dämpfen: "Solche Geister der Vergangenheit schrecken hier keinen mehr." Kaliningrad sei doch die "Brücke zwischen der Europäischen Union und Russland". Das gelte weniger für die "alten" EU-Länder, sondern mehr für die neuen - 75 Prozent der Auslandsinvestitionen kämen augenblicklich aus Litauen.

Kurz hinter Kaliningrad steht ein Wegweiser an der Straße nach Osten: Moskau 1.250 Kilometer, Sankt Petersburg 950 Kilometer. Schluss. Kein Vilnius, kein Riga, kein Tallinn, kein Minsk: Die Kapitalen des Baltikums und Weißrusslands liegen zwar viel näher, von Kaliningrad bis Berlin ist es nur halb so weit wie bis Moskau. Warschau liegt fast, Gdansk nur um die Ecke - doch für Kaliningrad zählt nur Russland, zählt nur die Nabelschnur nach Moskau. Dass für Reisen durch das Baltikum selbst in einem russischen Zug das eingangs erwähnte Reisedokument nötig ist, stört manchen russischen Staatsbürger sehr. Im Mai, kurz nach dem EU-Beitritt, wurde im Zug eine litauische Grenzschützerin überfallen und verletzt. Neben ihr stand auf Russisch geschrieben: "Litauen den Russen!"

Es wird darüber nachgedacht, die Schienentrasse so zu modernisieren, dass ein Non-Stop-Express alle Kontrollen und Reisepapiere erübrigt. Viel Geld, vermutlich aus der EU, müsste fließen, damit gilt, was der Wegweiser an der Autostraße kundtut: nächster Halt - Sankt Petersburg.


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00:00 15.10.2004

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