Moskau im Schock

Russland Nach sechs Jahren kehrt mit den Anschlägen auf die Metro der Terror unerwartet wieder in die russische Hauptstadt zurück

Damit hatten die Moskauer nicht gerechnet. Heute kam es auf der ältesten Moskauer Metro-Linie, „der Roten“, zu zwei schweren Bomben-Explosion. Zunächst um 7:57 Uhr Ortszeit unweit der russischen Geheimdienst-Zentrale Lubjanka in der gleichnamigen Metro-Station. Als dort die Metro-Türen gerade wie üblich zugeknallt waren, explodierte die Höllenmaschine. Die zweite Bombe detonierte um 8:37 Uhr in der Metro Station Park Kultury, als sich die Türen der Bahn gerade öffneten. Nach bisherigen Angaben wurden 38 Menschen getötet und 64 verletzt. Morgen ist in Russland ein Trauertag.

Die Stadt befand sich über Stunden in einem Schockzustand. Mütter wollten ihre Kinder weder zur Schule noch zur Universität gehen lassen. Taxi-Fahrer machten das Geschäft ihres Lebens. In Radiosendungen klagten die Bürger über ihre Angst, überhaupt noch Metro zu fahren.
Die Metro ist in Moskau wie eine Lebensader. Sie funktioniert auch, wenn sich oben, über der Erde der Verkehr stundenlang staut. Nach den Explosionen und den folgenden Straßensperrungen erlebte die russische Kapitale heute den völligen Verkehrs-Kollaps. Die Menschen stürmten die Trolleybusse. Es kam zum wüsten Gedrängel.
Augenzeugen berichten von schrecklichen Szenen, blutverschmierten Opfern, rußgeschwärzten Gesichtern, dichtem Rauch, Weinen und Schreien. Es gab ein starkes Gedrängel vor den Rolltreppen nach oben, aber keine Panik. Die russischen Fernsehkanäle brachten Videos, die Augenzeugen unmittelbar nach den Explosionen mit ihren Handys aufgenommen hatten. Man sah blutende Verletzte am Boden liegen und ziellos umherirrende Überlebende.

Mit unverletzten Gesichtern

Es gab zwar in Russland und vor allem im Nordkaukasus immer wieder Terrorakte wie die Anschläge auf den Newski-Express 2007 und 2009 sowie den Selbstmordanschlag gegen die Polizeizentrale im inguschetischen Nasran vor einem Jahr. Doch blieb Moskau seit fünf Jahren von großen Terrorakten verschont. Der letzte Anschlag auf die Metro ereignete sich 2004. Damals tötete eine Bombe 41 Menschen.
Alexsandr Bortnikow Chef des Geheimdienstes FSB, erklärte inzwischen auf einer Krisensitzung mit Präsident Medwedew im Kreml, die Anschläge seien von zwei Selbstmordattentäterinnen aus dem Kaukasus ausgeführt worden. Man fand Überreste ihrer Leichen und die Verletzungen, wie sie der Einsatz eines Sprengstoffgürtels verursache. Die Gesichter der Frauen seien unverletzt, man suche jetzt nach deren beiden Begleiterinnen, die vermutlich aus dem Kaukasus kämen. Als Sprengstoff wurde Hexogen benutzt, wobei die Wirkung der Bomben durch Metallstücke verstärkt wurde.
Bisher hat sich keine Gruppe im Nordkaukasus zu den Attentaten bekannt, aber der FSB-Direktor scheint überzeugt, dass die Terrorakte „nach den bisherigen Untersuchungen“ von einer „terroristischen Gruppe ausgeführt wurden, die Verbindungen zum Nord-Kaukasus hat“.
Der Kaukasus-Experte Alexej Malaschenko vom US-finanzierten Carnegie-Institut meint, bei dem, was heute in Moskau geschehen sei, handele es sich vermutlich um einen Racheakt für den Tod des jungen islamistischen Ideologen Said Burjatski, der Anfang März bei einer Säuberungsaktion im Nordkaukasus von russischen Sicherheitskräften getötet worden war.
Präsident Dmitri Medwedjew ist überzeugt, mit den Terrorakten werde versucht, „die Gesellschaft zu destabilisieren“. Deshalb werde man den Kampf gegen den Terrorismus „ohne Schwanken“ zu Ende führen. „Offensichtlich, ist das, was wir bisher getan haben, nicht ausreichend.“
Die Worte Medwedjews wirken hilflos. Die Kette der Terroraktionen ist seit Beginn es zweiten Tschetschenien-Krieges (1999 - 2003) nie abgerissen. Es gab aus dem Kreml immer wieder die gleichen Aufrufe, den Anti-Terror-Kampf entschieden zu einem Anschluss zu bringen.

Harte Worte Putins

In den zurückliegenden Jahren hat sich der Terror zunehmend in den Nordkaukasus verlagert. In Dagestan wurde der Innenminister erschossen. Der Präsident Inguschetiens, Junus Bek-Jewkurow, kam bei einem Bombenanschlag nur knapp mit dem Leben davon. Doch wöchentlich – manchmal täglich – kommt es im Nordkaukasus zu Schießereien zwischen Sicherheitskräften und der islamistischen Guerilla. Auch in Tschetschenien, wo es lange Zeit relativ ruhig war, gibt es wieder Zwischenfälle.
Wladimir Putin, der sich gestern auf einer Dienstreise im sibirischen Krasnojarsk befand, war im Ton etwas schärfer als Medwedjew, auch wenn kein Dissens spürbar war. Der Premier ließ wissen, er sei überzeugt, „dass die Rechtsschutzorgane die Täter finden. Sie werden vernichtet.“ Putin kündigte an, dass die Überlebenden und die Familien der Opfer mit Entschädigungszahlungen rechnen können. Die Sicherheit in der Metro müsse verstärkt werden – eine Aufforderung an die Bürgermeister aller Städte, die eine Untergrundbahn haben, denn die gehört in Russland den Kommunen.

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20:00 29.03.2010

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