Moskauer Glamour

Berlins reiche Russen Nelja Veremej trifft ihren Freund Wladimir Fomin wieder. Er ist kein Oligarch, sondern Galerist - und will Oligarchen als Kunden gewinnen

Als der Zeigefinger meines Freundes an der Zeile mit dem teuersten Gericht stoppt, frage ich mich, ob er so handelt, weil er Appetit auf Wildbraten hat oder ob er sich dem Bild eines reichen Russen verpflichtet fühlt. Wladimir Fomin trägt ein schneeweißes Hemd, ein weiches Sakko und glänzende City-Schuhe mit spitzen Nasen und Fullbrogue-Lochverzierung. Seinen strengen Regenmantel à la Bogart hat er an die Garderobe gehängt. Er hat sich verändert, in den zehn Jahren, in denen wir uns nicht gesehen haben.

„Ist der Zweck deiner Berlinreise, so viel Geld wie möglich auszugeben?“, frage ich ihn, woraufhin Wladimir erstaunt die Brauen hochzieht, dass ich 100 Euro in die Kategorie „viel“ einordne, und mich aufklärt, in Moskau sei es üblich, in einem Restaurant das Zehnfache zu lassen. Nein, Wladimir ist kein Oligarch. Er ist ein Galerist, der Oligarchen als Kunden gewinnen will. Die Chancen stehen gut. Ein paar Dutzend Milliardäre sind in Moskau ansässig, es gibt eine ganze Reihe von Millionären und solchen, die Geld haben. Und der Rest der Moskowiten?

„Haben sie Whisky? Nein? Keinen Chivas Regal?“ – „Tjaaa“, summt er enttäuscht und blättert in der Karte. „Dann eben Rum, ich bin etwas vergrippt“, er unterdrückt ein Gähnen. Wodka scheint in Moskau nicht mehr angesagt zu sein. In manchem aber bewahren selbst russische Yuppies ihre Authentizität: „100 Gramm“, verlangt Wladimir fest – in Russland bestellt man Spirituosen in Gramm und nicht in Zentilitern. Der Kellner stutzt und rechnet um ins vertraute Maß.

Es gibt Maßstäbe, die in Russland einfach anders sind. Das betrifft nicht nur den Wodka. Die Großstädte sind größer, der Winter kälter, die Eisenbahnschienen breiter. Russische Hausfrauen ordern beim Händler Obst- und Gemüse nicht unter einem Kilo. Eine meiner Moskauer Freundinnen trägt stets Stiefel, die nicht unter 600-Euro kosten. Und in Moskau ist man nicht wohlhabend, sondern reich.

„Wenn du unter Reichen verkehrst, musst du der Herausforderung gewachsen sein“, sagt Wladimir, „und Stil beweisen“. Er betrachtet liebevoll sein spitznasiges Narrenschuhwerk. Dann greift er, wie alle fünf Minuten, zu seinem Handy, um wen-auch-immer anzurufen. Er fragt diesen, ob in der Moskauer Wohnung die Heizung repariert ist oder jenen, ob er auch zur Party kommt, und meistens fragt er seine Freundin, ob sie noch auf ist, ob sie ihn liebt und ob sie ihn vermisst. Träte man einen Schritt zurück, könnte man meinen, er zähme Ölpreise oder Börsenturbulenzen. Wladimir plaudert, ich langweile mich. Als er auflegt, langweile ich mich noch mehr. Wo man in Moskau für 1.000 Euro zu viert zu Abend essen kann, habe ich schon erfahren. Ich weiß, dass einer der Künstler, die Wladimir vertritt, sein letztes Bild für 392.000 Dollar verkauft hat, nicht in seiner Galerie, aber immerhin. „Wie geht es dir eigentlich, Wladimir?“, frage ich, weil ich die Zahlen leid bin. „Gut, wie du siehst“, sagt er und erzählt, wie viel sein Zimmer im Hotel Adlon kostet, wo er abgestiegen ist. „Hast was von Irina gehört?“, versuche ich es nochmal. „Die letzten zehn Jahren gar nichts, neulich aber hat sie mich irgendwie gefunden“, gibt er zurück.

„Und?“

„Wollte Geld leihen, 1000 Dollar“

„Und, hast du es ihr gegeben?“

„Nein. Es bringt nichts, du weißt ja, dass sie säuft.“

Vielleicht würde ich unserer gemeinsamen Kommilitonin Irina auch kein Geld leihen. Von Wladimir hätte ich anderes erwartet. Von ihm, der früher so freigiebig war, dass er einmal seiner Freundin wegen mangelnder Großzügigkeit den Laufpass gab. „Wir haben nichts mehr zu rauchen“, hatte er gesagt, damals, vor zwanzig Jahren, und mit der Faust auf den Tisch geschlagen. „Und sie? Sie schweigt, obwohl sie eine ganze Packung Camel bei sich hat!“ Geiz und Glamour galten als größte Sünden in unserem Leinigrader Studentenwohnheim. Wer am Geld hing, den schlossen wir aus. Und wer Lebensmittelpakete von zu Hause allein aufaß, nannten wir „Dunkelfresser“ und verachteten ihn. Wir lebten von 40 Rubeln Stipendium im Monat und einem Zuschuss von den Eltern. Es reichte für unser täglich Wurstbrot, mehr war nicht drin. Aber Wladimir drehte für jeden, der etwas brauchte, seine Taschen um.

Als Wladimir zwanzigsten Geburtstag hatte, lud er uns in ein Café ein. Wir, das hieß alle seine Freunde – eine Gruppe von der Größe einer Fußballmannschaft. Wir wollten Straßenbahn fahren, und weil die Bahn nicht kam, wanderten wir an den Schienen entlang. Es war früher Abend, es regnete, das spärliche Licht der Straßenlaternen schwebte über dem nassen Asphalt und schimmerte auf den Gleisen davon. Die feuchte Luft dämpfte alle Geräusche, nur das Quietschen der nahenden Straßenbahn schmerzte in den Ohren. Dann quietschte noch etwas anderes, so durchdringend, dass wir erschrocken stehen blieben. Ich sah ihn zuerst. Ein angefahrener Hund lag auf dem Asphalt. Er heulte nicht, er zuckte nur noch und versuchte, mit dem Maul seinen verletzten Hinterkörper zu berühren. Ein paar Passanten eilten weiter, eine alte Frau blieb stehen und weinte. Irina weinte auch. Eine Notaufnahme für Hunde, gibt es das? Einen Augenblick lang blieben wir wie gelähmt. Dann sprang Wladimir auf die Straße, einem Taxi entgegen. Der Fahrer bremste, kurbelte die Scheibe herunter und schüttelt heftig den Kopf: „Ne, keine Lust“. Der Hund blutete nun auch aus dem Maul. „Keine Lust, ’nen Kadaver zu fahren.“ Wladimir zog seine Wildlederjacke aus und hüllte den zuckenden Hund darin ein. „Er stirbt gleich, lass sein“, sagte der Fahrer. „Ich bezahle das Dreifache“, gab Wladimir zurück, riss die Wagentür auf und hob das zuckende Bündel hinein.

Der Hund starb noch unterwegs.

Bald darauf verstreuten uns die Wendewinde. Anfang der neunziger Jahre schlug ich Wurzeln in Berlin, und Wladimir kam als Rowdy einer russischen Rockband in die Stadt, der auf Tournee deren Trompeten bewachte. Immer noch liebten wir Punk und kleideten uns meist in Schwarz. Aber es kam bald zu ersten Farbtonabweichungen. Ein Traum, einen alten orangenen Opel Rekord für 400 Mark zu erwerben, nahm von Wladimir Besitz und zwang ihn zur Umwertung einiger Werte. Um das Auto zu kaufen, nahm er sich vor, in Berlin nichts auszugeben. An den Vormittagen wanderte ich mit meinem sprach-und hilflosen Gast durch Automärkte, Behördengänge und TÜV-Labyrinthe, an den Nachmittagen jobbten wir auf einer Kirmes als menschliche Beine einer überlebensgroßen Plüschraupe. Abends saßen wir zu sechst um meine größte Pfanne und stärkten uns mit Bratkartoffeln für die Night in the City. Zwei Wochen lang hielt das orangene Monster mich im Schwitzkasten. Als es fort war, fühlte ich mich ausgenommen aber erleichtert.

„Berlin hat sich sehr verändert“, sagt Wladimir und tupft sich mit der Serviette die Mundwinkel ab. Der Rum hat seine Wangen gerötet.

„Schick ist es geworden“, stimme ich zu. „Erinnerst du dich noch, wie wir aus Hühnerklein von Aldi Pilav machten? Und diese Tetrapacks mit Wein – wie hießen die gleich noch?“ Er schiebt seinen Teller mit dem kaum angeschnittenen Wildbraten beiseite.

„Sangria! ... Und weißt du noch, wie wir mit diesem Tausendfüßler stolperten, und in den Stand mit dem Strass-Schmuck krachten? Wie das ganze Bling-Bling-Zeug über uns fiel, super, eine Plüschraupe aus armen Schluckern, die von allen Seiten glitzert wie verrückt.“

Nach dieser kurzen Berührung im gemeinsamen Präteritum gleiten wir wieder auseinander. Wladimir wundert sich, dass ich noch immer nur U-Bahn fahre und erzählt von seinen 160 Pferdestärken. Er sagt es nicht, aber ich weiß, dass sowohl die Pferdestärken als auch seine Galerie eigentlich seiner Partnerin gehören, die wohlhabender und um einiges älter ist. Ich weiß auch, dass sie neulich pompös ihren Sechzigsten gefeiert hat, dass sie ihr Haar rot färbt und gern Pelz trägt, was ihrer ohnehin korpulenten Gestalt majestätische Züge verleiht. Ich weiß auch, dass Wladimir nicht weiß, dass ich all das weiß und dass er über seine Partnerin nicht gerne spricht.

„Gibt es hier ein Taxi?“, fragt er, als er das nächste mal auf sein Handy sieht. Kurz darauf zieht er vor dem Restaurant eine Mercedestür zu und saust in Richtung Hotel Adlon, zu seiner Freundin, die eben ihren Pelz über den Sessel legt, ihr rotes Haar über ihre rundliche Schulter wirft und zum Handy greift, um Wladimir noch einmal zu beteuern, wie sehr sie ihn vermisst.

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