Mottenfraß

Tuberkulose Am 24. März 1882 präsentierte Robert Koch erstmals das Tuberkel-Bakterium, doch es dauerte ein halbes Jahrhundert, bis eine wirksame Kombinationstherapie gegen die hochansteckende "Arme-Leute-Krankheit" entwickelt werden konnte. Mit der weltweiten Armut steigt auch das Tbc-Risiko wieder

Nur noch wenige Tage, dann beginnt für Peter S. ein neues Leben. Nach neun Monaten wird der 41-Jährige endlich entlassen - aus der Infektionsabteilung der Berliner Charité. Fast 300 Tage verbrachte der hoch ansteckende Patient mit einer komplizierten, offenen Lungentuberkulose in seinem kleinen Krankenhaus-Zimmer. Anfangs musste er täglich 30 Tabletten schlucken, Mottenkugeln, wie es im Volksmund heißt. Denn Herr S. hat die Motten: Seine Lunge weist aufgrund der ausgedehnten Tuberkulose richtige Löcher auf - wie Mottenfraß.
An den Ostertagen vor genau einem Jahr erkrankte Herr S. Zunächst litt er unter Husten, Anzeichen einer Grippe, begleitet von Appetitmangel und Gewichtsverlust. Bis seine Tbc als eine besonders gefährliche Form diagnostiziert werden konnte, verging wertvolle Zeit, während der manches Medikament nicht anschlug.

Antibiotika hilft nicht im jedem Fall


Dabei ist die Standardtherapie - eine effektive chemotherapeutische Kombinationstherapie, die alle Tuberkuloseformen abdeckt - überschaubar. "Kernstück der Behandlung ist heute eine Antibiotika-Therapie", erklärt der Berliner Lungenfacharzt Professor Robert Loddenkemper, Generalsekretär des Deutschen Zentralkomitees zur Bekämpfung der Tuberkulose. "Die beiden hauptsächlich verabreichten Medikamente sind Isoniazid (INH) und Rifampicin (RMP). Sie wurden in den vierziger und fünfziger Jahren entdeckt. Man hat sehr schnell gesehen, dass man mindestens drei Medikamente verabreichen sollte, um die Resistenz zu vermeiden. Mit der Zeit hat man Medikamente entwickelt, die eine Verkürzung der Therapiedauer bewirken. In der Regel kommen wir heute mit sechs Monaten aus, unter der Voraussetzung, dass diese Medikamente wirksam sind und der Patient sie auch einnimmt. Das heißt, er muss sie auch vertragen."

Genau das war bei Peter S. nicht der Fall: "Ich bin abgesackt, innerlich richtig zusammengefallen. Bis auf 42 Kilo bin ich runter. Mit 59 Kilo kam ich ins Krankenhaus. Ich hing an die hundert Tage am Tropf. Bis August ging es mir richtig dreckig. Ich vermute, das waren die Medikamente. Dadurch hatte ich ein Vierteljahr Fieber, jeden Tag so an die 40 Grad. Wenn es mir früh gut ging, ging es mir mittags wieder schlecht. Da wollte ich meine Ruhe haben und niemanden mehr sehen."
Seit 13 Tagen ist auch Iwan I. Patient in der Berliner Charité und darf sein Zimmer nicht verlassen. Der aus Bulgarien stammende Informatik-Student weiß schon heute, was er am Tag seiner Entlassung als Erstes tun wird: "Die Tür zuknallen. Mich bei den Ärzten bedanken. Die sind ja sehr nett. Und unbedingt meine Frau küssen. Aber davon träumt man ja die ganze Zeit." Der 27-Jährige muss voraussichtlich vier Wochen im Krankenhaus bleiben und fühlt sich bereits nach acht Tagen wie Hans Castorp in Thomas Manns Tuberkulose-Klassiker Der Zauberberg: Er hat die horizontale Lebeweise satt.
"Es ist ja verlorene Zeit", seufzt er. "Hier sitzt man wie in einem Gefängnis und darf nicht raus. Alles, was ich mache, ist rumliegen, fernsehen, Besuch empfangen, ein bisschen am Computer rumspielen - die Zeit rumkriegen. Man schaut sich jeden Schrott im Fernsehen an."
Trotz seiner Krankheit ist er optimistisch und hat sich zum Ziel gesetzt, das Krankenhaus so schnell wie nur möglich zu verlassen. "Ich bin der perfekte Patient", sagt er und erläutert seine Strategie: "Ich meckere nicht, ich mache alles, was mir die Ärzte sagen und noch mehr. Ich hab ja mein Ziel, meinen Kreis in meinem Kalender".
Am Ende jedes langen Tages in der Charité setzt er dort ein rotes Kreuz hinein. Die Ärzte vermuten, dass sich der Student bereits in seiner Kindheit mit dem Tuberkulose-Erreger infiziert hat. Er selbst glaubt, ein Kunde in dem Spiel-Salon, in dem er jobbt, habe ihn angehustet. Eigentlich hatte Iwan I. keine Symptome, nur ein bisschen Husten und in der letzten Nacht zu Hause Fieber. Am nächsten Morgen spuckte er Blut, und seine 21-jährige Ehefrau hat geweint. Jetzt spielt sich das Eheleben auf der Seuchenstation statt: Cindy besucht Iwan jeden Tag, für mindestens fünf Stunden. Darüber geraten selbst die behandelnden Ärzte ins Schwärmen: Wenn alle Patienten so viel Besuch bekämen, sagen sie, dann würden viele von ihnen viel schneller gesund.

Der Tuberkulose-Erreger kennt keinen Pass


Patienten mit offener Tbc sind ansteckend, daher sind die engen Kontaktpersonen besonders gefährdet. Professor Reinhard Kurth, Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI) in Berlin, erläutert: "Es ist immer wieder wichtig, dass wir die Kontaktpersonen der Patienten finden und eine Untersuchung durchführen, damit ein Patient nicht, wie sonst üblich, 10 bis 20 weitere Menschen infizieren kann, wenn er bei einer offenen Lungentuberkulose ohne Behandlung bleibt. Diese Patienten werden, zumindest präventiv, einer Behandlung zugeführt." Wie viele andere Personen in der Umgebung ihres Mannes wurde auch Cindy I. untersucht. Bislang waren alle Tests negativ, niemand hat sich infiziert.
Früher galt die Lungen-Tbc als "Arme-Leute-Krankheit", weil Licht, Luft, Sonne und gute Ernährung fehlten. Doch auch noch heute existiert die Ansteckungsgefahr. Im Jahr 2000 starben in Deutschland mehrere hundert Menschen an Tuberkulose, 9.064 Neu-Erkrankungen wurden registriert. Von 100.000 Einwohnern leiden elf an der Krankheit. Die Zahl der Erkrankungen nimmt aber kontinuierlich ab, die Tuberkulose-Situation sei stabil, meint der DZK-Generalsekretär Professor Loddenkemper. Tuberkulose ist in Deutschland zunehmend eine Erkrankung älterer Menschen. Sie haben sich meist nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem Erreger infiziert, der erst Jahre später zum Ausbruch kommen kann. Dabei sind Männer deutlich häufiger betroffen, besonders mit zunehmendem Alter.
Die klassischen Symptome wie Husten, Fieber, Nachtschweiß oder Gewichtsabnahme lenken den Verdacht auf Tuberkulose. Bei älteren Kranken werden diese Symptome allerdings viel seltener beobachtet. Hier weisen oft nur ein diskreter Husten, Müdigkeit oder Abgeschlagenheit auf eine Erkrankung hin. Im Allgemeinen hängt die Krankheit stark von den Lebensbedingungen ab und kommt besonders bei abwehrgeschwächten Patienten zum Ausbruch. Gefährdet sind beispielsweise Alkohol- und Drogenkranke oder Patienten nach einer Organtransplantation. Eine weitere Risikogruppe bilden HIV-Infizierte: Weltweit sterben circa 40 Prozent der AIDS-Patienten an Tuberkulose.
Gleichzeitig verändert die Resistenzsituation, ursprünglich hoch wirksame Medikamente verlieren ihre Wirkung. Patienten mit einer MDR-Tuberkulose (Multi Drug Resistance) sind mindestens gegen die beiden Hauptwirkstoffe INH und RMP resistent. Ursachen für die Entwicklung einer MDR-Tbc sind Missmanagement oder Fehlbehandlung, schlechte Therapieadhärenz, unkontrollierte Verordnung und Verkauf von TB-Medikamenten sowie Anwendung qualitativ schlechter Medikamente.

Tbc-Resistenz und Armut


Die höchsten Resistenzraten hierzulande zeigen Patienten aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Besonders in den russischen Gefängnissen ist die Lage dramatisch; mit circa 1,2 Millionen Gefangenen sind sie die Brennpunkte für die Tuberkulose-Übertragung. "Wenn es dann zu einer Amnestie kommt, wie vor Weihnachten, dann ist das für die Betroffenen sehr schön", kommentiert RKI-Präsident Reinhard Kurth. Doch seuchenhygienisch sei dies eine Katastrophe, weil die Durchseuchungsraten in manchen Gefängnissen bei 20 Prozent, in einigen sogar noch höher lägen. In einer kürzlich veröffentlichten Studie aus Gefängnissen in Aserbeidschan liegt die MDR-Rate der Tuberkulose-Patienten sogar bei über 50 Prozent.
Angesichts der aktuellen Zahlen in Deutschland zeichnet Professor Kurth nur ein vorsichtig optimistisches Bild: "Wir können in unserer Aufmerksamkeit nicht nachlassen," meint er, "damit es nicht wieder zu einem Anstieg kommt. Insbesondere auch deshalb, um die Multiresistenzentwicklung im Griff halten zu können. Ich denke aber, wir müssen auch vor Ort helfen, damit wir das Risiko für unser Land eindämmen können."
Die Situation in Osteuropa wirkt so bedrohlich, dass Wissenschaftler angesichts der dortigen Tuberkulose-Entwicklung von einer Zeitbombe sprechen. Viele der betroffenen Länder sind aber weder finanziell noch logistisch in der Lage, das Risiko einzudämmen. Deshalb sieht Professor Loddenkemper keine Gründe für eine Entwarnung, "denn zwischen den gefährdeten Ländern und uns liegen nicht so viele Kilometer, und der Tuberkolose-Erreger kennt auch keinen Pass".

Richtet man das Tuberkulose-Mikroskop von Deutschland auf die Welt, dann verändert sich die Aussicht dramatisch: Tuberkulose ist weltweit der Killer Nr. 1 unter den Infektionskrankheiten, jedes Jahr sterben zwischen zwei und drei Millionen Menschen - das sind mehr als an Malaria und AIDS zusammen. Inzwischen gibt es jährlich fast neun Millionen Tuberkulose-Neuerkrankungen, mit steigender Tendenz. Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt, dass etwa ein Drittel der Weltbevölkerung mit dem Tuberkulose-Erreger infiziert ist. Jedes Jahr stecken sich etwa 100 Millionen Menschen neu an.
Eine kosteneffektive und wirkungsvolle Maßnahme zur Tuberkulose-Kontrolle ist die DOTS-Strategie (directly observed treatment, short course chemotherapy). Es wird geschätzt, dass weltweit nur jeder vierte TB-Patient Zugang zu DOTS-Programmen hat. Deshalb muss die DOTS-Strategie mit größtem Nachdruck weltweit ausgedehnt werden. Die UN-Vollversammlung verpflichtete sich im September 2000, innerhalb der nächsten zehn Jahre die Mortalität an Tuberkulose und Malaria zu halbieren und die Rate neuer HIV-Infektionen um 25 Prozent zu senken. Da bleibt noch viel zu tun, vor allem, weil Armut die Hauptursache der Tuberkuloseausbreitung ist. Deshalb wird die Tuberkulose ohne internationale Anstrengungen zur globalen Armutsbekämpfung auch weiter auf dem Vormarsch bleiben.

00:00 05.04.2002

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