Mozart hat 250. Geburtstag

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Mozart hat 250. Geburtstag. Und alle geben sich Mühe. Sollte man jedenfalls meinen. In der Titelgeschichte des Spiegel schreiben gleich drei Redakteure auf einmal, zum Beispiel: Dass er ein Genie war - klar -, ein Popstar - Bingo -, "ein göttliches" und gar "das "himmlische Kind" - nun ja -, und das alles "trotz aller Anflüge (!, d. V.) von Leere und Trostlosigkeit." Überraschend immerhin, dass er "durch und durch katholisch" und folglich "kein Revolutionär" gewesen sei. Stattdessen "fortschrittlich gesinnt, er liebte die Gleichheitsideen." Aber: "Er war kein politischer Kopf." Und so unentschieden, ja wirr, aber sehr professionell gefaselt immer weiter. Auf fünfzehn Seiten besten Papiers. Etwas wirklich Gescheites zu schreiben wäre gleichwohl schwer gewesen. Die Quellenlage bietet trotz Mozartjahr so gar nichts Neues.

Also wird, auch in den anderen deutschen Klatschnachrichtenmagazinen, recycelt, was das Zeug hält. Bestenfalls und selten fühlt man sich durch einen kompetenten Beitrag an etwas erinnert, das man schon gewusst haben konnte. Vor allem aber nimmt man interessiert und verblüfft wahr, wie sich die Perspektive des Blicks auf Mozart verändert hat seit dem letzten Erinnerungsjahr 1991. Damals gab es im Gefolge des Mozart-Buchs von Wolfgang Hildesheimer (1977) eine Fülle neuen Materials. Hatte die Musikwissenschaft noch in den fünfziger und sechziger Jahren am verzopften Mozart der Nazi-Ära weiter geflochten, entstand in den achtzigern eine erfrischend neue, vor allem materialistische und mit Gewinn psychologisierende Sicht auf den Wiener Klassiker aus Salzburg.

Im Januar 2006 aber sagt zum Beispiel der Mozart-Biograph und Würzburger Musikprofessor Konrad Ulrich in einem Interview: "Es klingt zwar altmodisch, aber Mozart war ein unglaublicher Menschenkenner." Da kommt man schon ins Grübeln: Sich mit Menschen zu befassen und gar so erfolgreich, dass man sie bis tief in ihr Herz kennt - das soll eine Frage der Mode sein? Gut, in der global freien Marktwirtschaft verhält man sich inzwischen so, dass sich täglich der Eindruck verstärkt: Der Mensch kommt aus der Mode. Muss so etwas aber der geistige, mit Kunst und Kultur befasste Teil der Menschheit derart hilflos und defensiv, so geradezu freiwillig, um nicht zu sagen: defätistisch hinnehmen?

Mozarts Menschenkenntnis, vor allem seine für einen Mann außergewöhnlich tiefe Einsicht ins Wesen der Frauen, war eine der Hauptvoraussetzungen seiner künstlerischen Einzigartigkeit. Sie begann bei der Vertrautheit mit den eigenen Gefühlen. Es traf sich, dass gerade zu Mozarts Zeit und vorzüglich in den Soloklavierwerken Carl Philip Emanuel Bachs das bürgerliche Individuum in Aufbruchstimmung die Facetten und Dimensionen seiner Subjektivität zu entdecken begann. Bachs Klavierfantasien und Sonaten waren für die ihm nachfolgenden Wiener Klassiker eine Art Tage- und Lehrbuch musikalischer Seelenerkundung und Seelendarstellung.

Lars Vogt, einer der führenden deutschen Pianisten der Gegenwart, hat Mozarts Musik für Soloklavier lange Zeit "vermieden", wie er sagt. "Aus Respekt." Denn sie ist, soll sie so einfach klingen, wie sie erscheint, das Schwerste, was ein Pianist sich vornehmen kann. Auf zwei CDs begegnet der Hörer nicht nur dem Menschenkenner Mozart in vielen seiner tiefsten und schönsten Stücke. Sondern auch dem Virtuosen, der beispielsweise in der beliebten A-Dur-Sonate K. 331 ( mit dem Alla turca) oder den pianistisch dankbaren Duport-Variationen K. 573 die Eleganz und gelegentlich den Tiefgang vorführt, womit Mozart das muntere Sprudeln seiner Ideen in vollendete Form zu bringen wusste.

Vogt hat gleich bei seiner ersten Beschäftigung mit diesem Repertoire die aufführungspraktischen Erkenntnisse der Originalklang-Bewegung auf den modernen Flügel angewandt. Innerhalb von dessen instrumentalen Grenzen hat er sich einen dynamisch äußerst fein abgestimmten, authentisch wirkenden Mozart erarbeitet. Er verzichtet weitgehend auf Legato und "Vibrato" und geht mit dem Pedal so sparsam und klug um, dass sich das Rätsel Mozart wie von selbst auffächert, und der ganze Kummer, die Kämpfe des mozartschen Seelentheaters - tröstlich tief - erfassbar und nacherlebbar werden.

Mozart: Klaviersonaten Fantasien K. 330, 331, 332, 397, 475, 485, 511, 573 und 540; Lars Vogt; EMI Classics 3360802

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00:00 20.01.2006

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