Mozart schwergemacht

Revolution des Hörens und Sehens "Die Entführung aus dem Serail" an der Komischen Oper Berlin

Mozart hat es uns leicht gemacht: Seine Musik ist gefällig, eingängig, schön, wie könnte man sie nicht lieben - und so wird sie auch geliebt. Er wusste das auch, schrieb er doch so, dass "Kenner Satisfaktion erhalten" und gleichzeitig "die Nichtkenner damit zufrieden sein müssen, ohne zu wissen warum." Die Meisten - wir Meisten - wissen es bis heute nicht so recht und wer ist schon wirklich "Kenner"? Wenn es aber um die Oper geht, um Mozarts Opern, da bilden wir uns alle ein, Kenner zu sein - die kennt man doch, hat sie irgendwann schon ein- oder mehrfach gesehen, man kann sich entspannt zurücklehnen und weiß so ungefähr, wie wunderbar sie enden: Mit dem Triumph der Liebe, der Menschlichkeit, der Weisheit. Auch da macht es uns Mozart leicht - scheint er doch alles sogar in seinen Texten deutlich auszusprechen.

Im Singspiel der Entführung aus dem Serail, das soeben in der Komischen Oper mit ihrer einmaligen Mozart-Tradition eine tumultöse Neuinszenierung erlebte, lautet die verteufelt humane Botschaft deutlich genug: Es ist "ein weit größer Vergnügen, eine erlittene Ungerechtigkeit durch Wohltaten zu vergelten, als Laster mit Lastern zu tilgen." Darauf scheint das Ganze angelegt, dies ist der Fluchtpunkt der Handlung, die Auflösung des dramatischen Knotens. Aber die scheinbar eindeutige Sache hat einen Haken: Ausgerechnet jener zentrale Satz wurde von Mozart nicht komponiert - Bassa Selim, der unangefochtene Boss des Serail-Palastes und Verkünder der noblen Sentenz, ist eine reine Sprechrolle.

Wollte sich Mozart von ihm und seinem Bilderbuch-Edelmut distanzieren, weil ihm diese Figur zu schön erschien, um wahr zu sein? Aber dann hat er dieselbe Aussage gleich darauf doch noch auskomponiert und lässt sie von den aus dem Serail Befreiten als Rondo mehrfach wiederholen: "Nichts ist so hässlich als die Rache; / Hingegen menschlich, gütig sein / Und ohne Eigennutz verzeihn, / Ist nur der großen Seelen Sache." Also hat er sie dann doch musikalisch nobilitiert?

Aber gemach, man höre genau hin: Dieses Finale über "Huld" und "edle Größe" des Sklavenbesitzers ist sprachlich und vor allem musikalisch von einer Banalität, die bei Mozart kaum ihresgleichen hat. Das schlichte Retournell wird explizit als "Vaudeville" gekennzeichnet, eine im 18.Jahrhundert praktizierte einfache Liedform, um, wie uns das Lexikon belehrt (wenn wir schon unseren Ohren nicht trauen wollen!), "ironische und politisch-satirische Texte" zu transportieren: Wäre es Mozart ernst gewesen mit jener unbekümmert propagandistischen Botschaft, dann hätte er, das zeigen die etwa die Finali von Figaro oder Così, eine ganz andere Musik zu einem anderen, weniger platten Text geschrieben.

Von einer solchen, zunächst von der Musik her begründeten radikalen Neulektüre des scheinbar harmlosen, des unendlich populären, aber seit langem schon nicht mehr genau gehörten Singspiels, und zwar von seinem Ende her, lebt die in jeder Hinsicht dramatische Inszenierung des Spaniers Calixto Bieito. Der lautstarke Protest einer Minderheit des in seinen traditionellen Sehgewohnheiten aufgestörten Opernpublikums war da vorhersehbar. Dabei wird doch schon nach den ersten Takten der Ouvertüre elektrisierend deutlich: Diese Sache wird spannend, da reibt man sich die Augen und zugleich die Ohren, denn das hat man noch nie gesehen und so gehört - eine Trapezkünstlerin, die aus einer Friedrichstadtpalast-Revue stammen könnte, schwingt sich so musikalisch präzise, frech und elegant zu Mozarts frisch-aggressiver Musik durch den Raum, dass man spontan applaudieren möchte, gäbe die stürmisch voranschreitende Musik dazu eine Chance. Aber damit natürlich nicht genug: Die rotlichtig ausgeleuchtete Bühne besteht aus werbeplakativen Glaskästen, in denen einschlägig entkleidete Prostituierte ihre Freier bedienen (um Authentizität bemüht, hat sich die Komische Oper dazu sogar professionell beraten lassen): schließlich sind wir in einem Bordell, der modernen Form sexueller Sklaverei. Bieito nimmt die vermeintlich bekannte Geschichte sowohl beim Wort als auch in der Sache ernst bis zum Exzess. Und dieser Exzess ist unerhört, ist so brutal, wie diese Mozartoper noch nie vorgeführt wurde.

Da gibt es nicht nur nichts zu lachen über die Späße des Osmin, den drolligen Pedrillo oder das schnippische Blondchen, es möchten sich vielmehr sogar die sprichwörtlichen Nackenhaare aufstellen, wenn "Martern aller Arten" nicht nur besungen, sondern am lebendigen Körper vollzogen werden: Wie gesagt: Hier wird ernst gemacht bis zum Exzess.

Natürlich ist dies nicht das erste Mal, dass die Entführung aktualisiert wird. Gerade heute mit der Türkei und dem Islam ante portas bietet es sich an, hier den Schlüssel zu finden, um sie aus dem Singspiel-Klischee zu befreien - mit bisweilen überzeugenden Resultaten. Eine ganz andere Aktualisierung ergab sich aus der Entdeckung der menschlichen Komplexität der Figuren, aber auch sie kam bisher nie aus ohne den Orientalismus. Bieito nun hat darauf völlig verzichtet, weil er der (allerdings bestreitbaren) Meinung ist, das Türkische in Musik und Handlung sei für Mozart nur die Bedienung einer zeitgenössischen Mode gewesen, ohne substanzielle Bedeutung. Sein Interpretationsrahmen ist das moderne Bordell, der Ort, an dem die Brutalität gegen Frauen, ihre Erniedrigung zum Sexualobjekt, ihre Käuflichkeit und faktische Versklavung auf den modernen Begriff gebracht wird. Gewalt gegen Frauen ist die unter dem schönen Schein des Singspiels verborgene böse Wahrheit, für die Mozart offensichtlich besonders sensibel war (geht es nicht im Figaro, in Così fan tutte und im Don Giovanni um dasselbe Thema?) und sie ist noch immer eine der bitteren Wahrheiten unserer Zeit. Ein Publikum, das da mit dümmlichen Zwischenrufen protestieren zu müssen glaubt, will offensichtlich nichts wirklich wissen von den "Martern aller Arten", sondern nur die schönen Koloraturen hören, will nicht zugeben, dass die von unserer aufgeklärt-humanistischen Führungsmacht praktizierten Foltern im Irak - Bassa Selim selbst, im Libretto die reinste Verkörperung aufklärerischer Tugenden, ist ein Zeitgenosse der amerikanischen Freiheitsrevolution - auch etwas mit uns zu tun haben. Als einen einzigen großen Angstschrei hat man die berühmte Martern-Arie, in jeder Hinsicht das Kernstück der Entführung, wohl kaum je erleben und erleiden können. Um nicht weniger als darum geht es hier - also emphatisch gesprochen: Ums Ganze.

Bieito nimmt dem Bassa Selim die Tugendfigur und lässt ihn von einem brillanten Schauspieler (Guntbert Warns) so unverstellt und brutal-direkt sprechen, dass aus dem Bordellbesitzer und brutalen Zuhälter ein zerrissen-zerstörter Mann wird. Wie überhaupt die Zwischendialoge ersatzlos zugunsten der freien Rede der Schauspieler-SängerInnen gestrichen wurden, die aussprechen dürfen, was sie wirklich empfinden; und das ist in ihrer entwürdigten und erniedrigten Lage nicht angenehm zu hören für die Liebliches gewohnten Opernohren. Logischerweise muss da auch das edle Schlusswort Selims fehlen - ja, der ganze Schluss ist so erschütternd wie überzeugend, dabei radikal anders als von Mozart konventionell gewollt und doch von ihm musikalisch auch mit dem Vaudeville vorgegeben: Ein von den Befreiern errichteter Leichenberg, zu dem sie sich selbst beglückwünschen.

Selten werden auf der Opernbühne solche schauspielerischen Leistungen von so großartigen Sängern und Sängerinnen erbracht, wie es hier der Fall ist: Man meint zu spüren, dass sie ganz und gar hinter dieser Produktion stehen, sie sich ihre Figuren selbst erarbeitet haben, einschließlich der Sprechdialoge. Am Schluss umarmen sie demonstrativ den von einem kleinen aber aggressiven Teil des Publikums ausgebuhten Regisseur.

Schwergemachter Mozart: Indem diese Musik - das Schönste und Hoffnungsträchtigste, das die europäische Aufklärung hervorgebracht hat! - ihre Botschaft ohne die Hilfestellung eines Märchens aus dem Morgenland und gegen die inszenierte brutale Wirklichkeit durchsetzen muss, wird sie auf die größtmögliche Probe gestellt. Kirill Petrenko bringt mit seinem wunderbar musizierenden Orchester alle ihre Facetten zum Klingen: die aggressiv-dynamischen, die seelenkundigen, die kammermusikalischen, die kompositorisch komplexen und führt Mozart mit seiner, mit unserer Hoffnung auf eine Überwindung der Gewalt zu einem unvergesslichen Sieg. Er wird Geschichte machen.


00:00 25.06.2004

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