Müde in der Sonne

Flucht Der iranische Koch Majid Sattari wollte für sich und seinen Sohn eine Zukunft in Europa. Sie kamen bis Sarajevo
Müde in der Sonne
Mohammed (l.) soll einmal Fußballer werden

Foto: Felix Wellisch

Zu Mohammed Sattaris 15. Geburtstag hat sein Vater Majid Menschen aus aller Welt eingeladen, Japaner, Brasilianer, Deutsche, Inder. Gegen acht Uhr abends treffen die ersten Gäste in einem Billardcafé in Sarajevo ein. Ihre ältesten Freunde hier kennen die Sattaris seit etwas mehr als einem halben Jahr. Und trotzdem ist die Feier vor allem eines: herzlich. Majid begrüßt die meisten mit einer Umarmung – Arbeitskollegen, ein paar Bosnier, viele internationale Freiwillige, die etwas gegen die humanitäre Krise auf der Balkanroute tun wollen. Für die Sattaris sind sie das neue Zuhause. Einer der Gründe, weshalb sich Majid Sattari entschieden hat, hier ein neues Leben aufzubauen und den Traum vom Weg in einen EU-Staat aufzugeben – anders als die meisten, die im Vorjahr ins Land kamen. Weil Sattari im Iran als Küchenchef arbeitete, begann er wenig später für die Hilfsorganisation „Aid Brigade“ zu kochen, die Hunderte von Geflüchteten in Sarajevo versorgt. „Wir bereiten Essen wie in einer Großküche zu“, sagt Zoe, eine Freiwillige aus Großbritannien, „aber dank Majid ist es trotzdem Chefkoch-Essen.“

Sattari ist ein bekanntes Gesicht in der Helfer-Szene Sarajevos. Dabei stellt sich der 39-Jährige kaum in den Vordergrund, manchmal verschwindet er fast ein wenig hinter seinem dichten schwarzen Vollbart. Gelassen lässt er sich durch die Geburtstagsfeier seines Sohnes treiben. Für das Buffet hat er selbst gekocht. Es gibt Oliven an Granatapfelpaste mit getrockneter Minze und gemahlenen Walnüssen, auf Persisch Zeytoon Parvardeh. Sattari erzählt jedem, der fragt, begeistert von Zutaten und Zubereitung. „Granatapfelpaste findest du hier in Sarajevo nicht“, sagt er. „Die muss ich mir aus dem Iran oder aus Berlin schicken lassen.“

„Ich traf so viele gute Leute“

Als er vor einem Jahr mit seinem Sohn Mohammed in Bosnien-Herzegowina ankam, waren beide schon seit vier Monaten unterwegs. Von Mohammeds Mutter hatte sich Sattari vor Jahren getrennt. Fragt man ihn, weshalb er gegangen ist, kommt er immer wieder auf Mohammed zurück. „Er soll eine gute Karriere haben. Er ist ein guter Fußballspieler. Ich wollte mit ihm nach Europa, damit er einen guten Club findet.“

Vom Iran reisten sie in die Türkei, in Trucks versteckt kamen sie nach Bulgarien und weiter zur serbischen Hauptstadt, nach Belgrad. Dann ging es nicht mehr weiter. „Wir haben es oft versucht, ich habe mehrere Tausend Euro an Schmuggler gezahlt, um mit Mohammed Ungarn oder Kroatien zu erreichen, aber die Polizei hat uns jedes Mal zurückgebracht.“ Schließlich haben die beiden auf eigene Faust die Grenze nach Bosnien-Herzegowina überquert. Sattari: „Wir liefen drei Tage durch die Berge, haben draußen geschlafen, damals lag noch Schnee.“ Als ihnen Wasser und Essen ausgehen, rufen sie bei einer Tankstelle die Polizei, und diesmal werden sie nicht zurück nach Serbien gebracht, sondern ins bosnische Sarajevo.

Wie die Sattaris weichen auch andere Migranten auf Bosnien aus. Kroatien und Ungarn bewachen ihre Grenzen zu Serbien mittlerweile streng, viele Migranten berichten von illegalen Rückführungen und brutalem Vorgehen der kroatischen und ungarischen Polizei. Seither versuchen viele, weiter westlich über Bosnien-Herzegowina nach Kroatien zu gelangen. Die beiden Länder haben eine fast 1.000 Kilometern lange gemeinsame Grenze, die besonders in den Bergregionen schwer zu kontrollieren ist. Kamen 2017 noch rund 1.000 Menschen in Bosnien an, waren es ein Jahr später annähernd 24.000, ohne dass die Regierung die nötigen Vorkehrungen getroffen hätte. So gab es Anfang 2018 nur eine einzige staatliche Einrichtung, in der Asylbewerber untergebracht werden konnten, abgelegen in den Bergen mit lediglich 160 Plätzen. Vielerorts wurde die Lage, so gut es ging, von der Bevölkerung und von Hilfsorganisationen bewältigt (der Freitag 46/2018).

Sattari hatte Glück und fand mit seinem Sohn einen Platz im „House of All“, einer von Freiwilligen betriebenen Unterkunft für Familien. Der Start in ein neues Leben, der gelernte Klempner und Küchenchef begann, beim Kochen zu helfen, und kümmerte sich neben seinem eigenen Sohn noch um Hussein, einen 17-Jährigen, den die beiden im „House of All“ kennengelernt hatten. „Am Anfang wollten wir weiter nach Kroatien und dann Slowenien“, sagt Sattari, „aber in Sarajevo traf ich so viele gute Leute, dass ich dachte, vielleicht können wir bleiben. Ich möchte nicht, dass Mohammed zu viel Zeit von seiner Jugend unterwegs verliert.“ Zudem habe es ihm in Sarajevo gefallen, wo ihn vieles an Teheran erinnerte: „Eine große Stadt, viele gute Menschen und eine schlechte Regierung.“

Kicken nur bei Testspielen

So entscheidet sich Sattari, ein neues Leben in Bosnien anzufangen. Eine bosnische Freundin bietet ihm eine leerstehende Wohnung an – umsonst, bis er eine bezahlte Arbeit findet. Und weil die bosnische Regierung Kindern von Asylbewerbern kaum Zugang zu Bildung ermöglicht, fragte ein anderer Freund bei einer privaten internationalen Schule in Sarajevo an. Seit September gehen Mohammed und Hussein wieder zur Schule. Auf das Schulgeld von 500 Euro im Monat wird fürs Erste verzichtet. Wie das geht? „Es ist sehr einfach“, sagt Sattari in seiner Küche, „wenn du weniger suchst, hast du mehr. Wenn du nicht über Geld nachdenkst und dich um die Leute ringsherum kümmerst, dann wirst du auch genug haben, das ist das Gleichgewicht der Welt.“

Für die meisten Flüchtlinge ist Bosnien nur eine Zwischenstation auf dem Weg nach Europa. Von knapp 24.000 Menschen, die im vergangenen Jahr eingereist sind, haben nur gut 1.500 einen Asylantrag gestellt. Am Bahnhof Sarajevo trifft man täglich Grüppchen auf dem Weg zum „Game“. So nennen es die Migranten, wenn sie versuchen, heimlich über die Grenze zu kommen. Ein kleiner Rucksack und ein Schlafsack sind verlässliche Erkennungszeichen. Bosnien wollen sie hinter sich lassen. „Keine Arbeit, keine Zukunft hier“, sagt Thabat aus Tunesien. Auf seinem Handy zeigt er den Weg, der vor ihm liegt. Wie Perlen an einer Schnur reihen sich Wegpunkte auf Google Maps aneinander, von Bosnien-Herzegowina durch Wälder und über kleine Wege nach Kroatien. Er und sein Begleiter Mohammed gehen zu Fuß, ohne Schlepper: „Nur laufen“, sagt Mohammed.

Doch viele, die zum „Game“ gehen, landen wieder in Bosnien. Das Land wird für sie zur Sackgasse. Es häufen sich Beschwerden über drogenabhängige und stehlende Migranten. Neven Crvenković, Bosnien-Beauftragter des UN-Flüchtlingshilfswerks, findet, dass viele Medienberichte zwar übertrieben seien, doch gebe es Unzufriedenheit in der Bevölkerung, die sich oft nicht gegen die Migranten richte, sondern gegen die Passivität des Staates.

In der Baščaršija, dem alten Basar im historischen Zentrum Sarajevos, bekommt man zwischen Shisha-Cafés, Bierkneipen, Moscheen und Kirchen eine Ahnung von der Komplexität Bosnien-Herzegowinas. Hier treffen sich auch Migranten, die nicht wissen, wohin mit ihrer Zeit. „Manche klauen oder nehmen Drogen“, sagt Edim, Kellner in einem Café am Taubenplatz. „Das nimmt zu, und die Polizei tut kaum etwas dagegen. Ich habe kein Problem mit denen, die vor Krieg fliehen“, sagt der 25-Jährige, „auch nicht mit denen, die einfach ein besseres Leben suchen. Von hier gehen die Bosnier ja selbst weg, weil es nicht genug Arbeit gibt.“

Tatsächlich ist Sattaris Zukunft weniger sicher, als es scheint. Er hat vor zehn Monaten Asyl beantragt, weil das nach seiner illegalen Einreise der einzige Weg war, im Land zu bleiben. Seitdem wartet er auf eine Entscheidung. Von den gut 1.500 Personen, die 2018 den gleichen Antrag wie Sattari stellten, erhielten bis Anfang des Jahres 611 einen Bescheid. Niemandem wurde der Flüchtlingsstatus zugestanden, nur in zwei Fällen sah der bosnische Staat die Voraussetzungen für subsidiären Schutz gegeben. Schlechte Aussichten für Majid und Mohammed Sattari.

Dabei habe das Land das Potenzial, Menschen aufzunehmen. Der Beistand für die Geflüchteten sei in der Bevölkerung weit größer als bei den staatlichen Institutionen, meint Neven Crvenković vom UNHCR. „Die Behörden scheinen Bosnien-Herzegowina immer noch als Transitland wahrzunehmen, Aufnahme ist die Ausnahme.“ Auch ein Jahr nachdem sich die Zahl der Migranten erhöht hat, gebe es keinerlei Integrationsprogramme von staatlicher Seite. Bei den Flüchtlingen sei bekannt, dass die Chancen auf einen erfolgreichen Asylantrag gegen null gehen. Das führe in einen Teufelskreis. Dabei seien die Zahlen eigentlich nicht besorgniserregend. „Von den 24.000 Menschen, die 2018 kamen, sind schätzungsweise noch 5.000 im Land. Nichts, was Bosnien nicht bewältigen könnte“, sagt Crvenković. Die ersten Zahlen für Januar und Februar lassen indes vermuten, dass 2019 mehr Menschen nach Bosnien kommen könnten als im Vorjahr. Crvenković: „Das Aussitzen führt zu Problemen.“

Sattari setzt die Unsicherheit zu. „Sie sollen mir endlich sagen, ob ich bleiben kann oder nicht.“ Sein Sohn geht jeden Tag zur Schule und trainiert viermal pro Woche beim FK Sarajevo, einem der erfolgreichsten bosnischen Fußballvereine. Solange er nicht als Flüchtling anerkannt ist, darf er nur bei Freundschaftsspielen antreten. Auch sein Vater hat große Pläne. Ein bosnischer Bekannter habe ein Restaurant in einer Berghütte und wolle ein zweites eröffnen, er könne dort Koch werden, die Schlafzimmer zum Vermieten herrichten und eigenes Geld verdienen.

Noch steht Sattari freiwillig an den badewannengroßen Töpfen im Kiosk, der improvisierten Küche der „Aid Brigade“ in einer Hochhaussiedlung. Er rührt, schmeckt ab, probiert die angelieferten Paprika, den Kohl, die Datteln. Als das Mittagessen fertig ist, gönnt er sich eine Zigarette in der Sonne – und einen Moment der Schwäche: „Ich bin so müde von der Unsicherheit und davon, für Mohammed Vater und Mutter zu sein. Ich tue alles für ihn, damit er einen guten Fußballclub findet.“ Er sei kein religiöser Mensch, sei er nie gewesen, aber er glaube an Gott. „Und daran, dass der sich immer um mich kümmert.“ Vom Minarett der Moschee in der Nachbarschaft ruft der Muezzin die Gläubigen zum Gebet. Sattari bleibt sitzen und raucht seelenruhig weiter. Fast wie früher im Iran.

06:00 12.04.2019

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