Müde, zerfleddert

Roman Mit zehn Jahren Verspätung erscheint Meg Wolitzers Beststeller „Die Zehnjahrespause“ auf Deutsch. Endlich?
Müde, zerfleddert
Eine New Yorker Nachbarschaft, Brooklyn Heights

Foto: Imago Images/Levine-Roberts

Eine Marke im Genre feministische und/oder Frauenliteratur ist sie schon lange. Zuletzt landete die US-Autorin Meg Wolitzer mit Das weibliche Prinzip wieder mal einen Bestseller – mitten in eine von #MeToo aufgehitzte Atmosphäre und in den Zeitgeist hinein. Ihr Roman kreiste um die Frage, was moderner Feminusmus sein kann und ob der progressive den alten verrät, eventuell auch umgekehrt, plus: wer von wem lernen kann. Nicole Kidman – länger schon erfolgreiche Filmproduzentin – soll sich die Rechte gesichert haben, und man darf gespannt sein, denn die von ihr mitproduzierte Serie Big Little Lies (welche auf Liane Moriartys gleichnamigem Erfolgsroman basiert), bei der sie auch eine der Hauptrollen spielt, ist preisgekrönt.

Was in der deutschen Übersetzung bieder klingt, kommt in dem bereits 2008 erschienen Originaltitel The Ten-Year Nap provokanter daher: zehn Jahre verschlafen – das haben scheinbar die vier New Yorker Freundinnen Amy, Jill, Roberta und Karen. Eigentlich wollten sie nach der Geburt und einer kurzen Auszeit wieder in ihre Jobs zurück. Zehn Jahre später und erst als die zunehmende Selbstständigkeit ihrer Kinder, die allesamt dieselbe überteuerte New Yorker Privatschule besuchen, täglich eine mehrstündige Lücke in ihrem Alltag hinterlässt, beginnen sich die Anfang-Vierzigerinnen ernsthaft zu fragen, wie es weitergehen soll — allen voran Amy, deren Intellekt sich an der Faszination ihres Zehnjährigen für Fantasy-Monster reibt, während sich ihr Ehemann für die horrende Miete krummlegt und seine libidinösen Bedürfnisse lieber an der Keksdose statt an seiner Frau stillt. Als die Schulgebühren das Familienbudget zu sprengen drohen, drängt Amys Mutter, eine überzeugte Altfeministin, ihre Tochter, endlich wieder als Anwältin zu arbeiten. Doch ein einziges Vorstellungsgespräch genügt, um Amy davon zu überzeugen, dass sie mehr als nur die Digitalisierung verschlafen hat. Im Edelvorort Holly Hills fühlt unterdessen Amys beste Freundin Jill ihr Scheitern: Nach Jahren gelingt es ihr immer noch nicht, echte Muttergefühle für ihre Tochter zu entwickeln. Dabei haben die Akademikerin und ihr Ehemann – nach etlichen gescheiterten Schwangerschaften inklusive künstlicher Befruchtungen – Nadia aus einem sibirischen Waisenhaus gerettet.

Die Figurenkonstellation ähnelt der aus Big Little Lies, nur dass hier die Mittelständigen und Reichen in einem noblen Küstenort wohnen, in dem man die Kinder noch auf eine öffentliche Schule schicken und sich das Geld für die Privatschule sparen kann. Bei Meg Wolitzer gehört zum Quartett noch die Künstlerin Roberta, deren Talent über Grundschulbasteleien in den letzten zehn Jahren verwelkt ist. Lediglich die Ex-Finanzanalystin Karen scheint mit ihrer Rolle zufrieden. Was auch daran liegen mag, dass sie bisweilen ihren Marktwert testet, sich für Top-Jobs in der Finanzbranche bewirbt, die sie jedes Mal ablehnt – insgeheim erkennt sie aber schon, dass diese ihre Wahlfreiheit vom Banker-Gatten ordentlich gepampert wird.

Die vier Freundinnen repräsentieren die urbane privilegierte New Yorker Mittelschicht, der auch die 1959 geborene Autorin und Mutter von zwei Kindern Meg Wolitzer angehört — genauso wie vermutlich ein großer Teil ihrer Leserschaft. Diese Frauen können sich eine Auszeit leisten, die über die in den USA üblichen zwölf Mutterschutzwochen geht. Nicht zuletzt, weil ihre Männer die Last der Familienversorgung schultern, während sie selbst im „Golden Horn“ beim Latte über die Vereinbarkeit ihrer ererbten feministischen Überzeugungen mit ihrer Mutterrolle im Spätkapitalismus sinnieren: persönliche Bilanzen, die Wolitzer mit anekdotenhaften Rückblenden in das Leben ihrer Mütter, allesamt Altfeministinnen, durchbricht.

Ironisches Gestichel

Klar, in der feministischen Frage geht es auch um einen Generationenkonflikt. Doch bei allem handwerklichen Können, dem pointiert ironischen Gestichel, bleibt einfach die Handlung auf der Strecke, da kann auch Penny, Vorzeigemum und Karrierefrau nicht mehr Drive reinbringen. Und wer Big Little Lies gesehen hat, weiß, wie viel im Thema drinliegt – Konkurrenzdenken unter Frauen; Verbitterung aufgrund verlorener Jahre; Affären, damit wenigstens irgendwas wieder anläuft; Overparenting (besonders ausgeprägt bei Müttern mit schlechtem Gewissen); Mord; häusliche Gewalt. Den Big-Little-Lies-MacherInnen ist gelungen, sich auf der Höhe der Zeit mit all dem auseinanderzusetzen. Wolitzer zerfleddert ihren Plot, zeigt Frauenbiografien, die manchmal ins Klischee rutschen, wie etwa im Fall der Vorzeige-Asiatin Karen, die ihr Standing der Aufopferung der Mutter in einer Asiaküche verdankt.

Trotz diverser Hindernisse ist es (Mittelklasse-)Müttern natürlich möglich, zumindest in der Theorie, die „besten Jahre“ eben nicht zu verschlafen. Doch sobald Kinder im Spiel sind, kommt die Praxis, es fehlt an Betreuungsmöglichkeiten, und öfter hockt die Mutter doch länger in der Komfortzone als geplant, weil Mutterschaft krass anstrengend ist – oder noch schlichter: Weil es sich nicht für jeden x-beliebigen Job lohnt, sich die Doppelbelastung anzutun. Dass Die Zehnjahrespause mit zehnjähriger Verspätung auf Deutsch erscheint, führt zusätzlich dazu, dass so manche Auseinandersetzung etwas müde wirkt, sich erschöpft in alten Fragen. Möglicherweise hat der Roman zusätzlich durch die Übersetzung an Biss verloren. Insgesamt fehlt ein wirklicher Tiefgang.

Info

Die Zehnjahrespause Meg Wolitzer Michaela Grabinger (Übers.), Dumont 2019, 448 S., 24 €

06:00 12.10.2019
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