Mürrisch stinkt der Fisch

Italien Land der Sehnsucht! Gustav Nicolai räumte 1834 mit diesem urdeutschen Mythos auf. Als Dank gab es nur Ärger
Mürrisch stinkt der Fisch
Es ist nicht alles Fisch, was glänzt

Foto: Angerer/Hoch Zwei/Imago

Die Botschaft konnte deutlicher nicht sein, auch wenn sie ziemlich barock daherkam: Italien wie es wirklich ist: Bericht über eine merkwürdige Reise im Jahre 1833 in den hesperischen Gefilden, als Warnungsstimme für Alle, welche sich dahin sehnen. Unter diesem Titel erschien 1834 in Leipzig ein zweibändiger Reisebericht, und er war ein Stich in die deutsche Seele. Sein Verfasser: Gustav Nicolai, seines Zeichens Militärgerichtsrat in Berlin.

„Auch mir war Italien das Eldorado meiner Phantasie“, schreibt er im Vorwort. „Allein als wir Italien erreicht hatten, sahen wir uns in unsern Erwartungen so schmerzlich betrogen, daß wir uns fast zur Umkehr entschlossen hätten“. Nur der Vorsatz, die Deutschen von ihrer „krankhaften Sehnsucht nach dem Süden“ zu heilen, die seit Goethes Italienischer Reise über sie gekommen sei, habe ihn bewogen, allen Widrigkeiten zu trotzen: verwanzten Hotelbetten, betrügerischen Wirten, Abzocke an den Zollstationen, Schmutz auf den Straßen, „elendem Brot“, „widrigem Öl“, „stinkenden Seefischen“ und vielem anderem.

Und die klassischen Sehenswürdigkeiten? In der Regel maßlos überschätzt, heruntergekommen oder vergällt durch geschwätzige Ciceroni. So reist Nicolai auf der klassischen Route über Venedig, Florenz und Rom bis Neapel. Dort aber reicht es ihm endgültig, „O Glück! O Wonne, so werden wir denn morgen den Rückweg aus diesem trübseligen Lande antreten!“

Das war nun aber auch wirklich an der Zeit gewesen! Verehrung gebiert Schändung, der Hymnus die Lästerung. Die Liebe zu Italien (unter den Deutschen bereits damals so intensiv und schwärmerisch wie in keinem anderen Land) musste den Hass geradezu auf den Plan rufen. Der preußische Jurist Gustav Nicolai hat das Genre des Anti-Italienbuchs nicht erfunden, er hat es aber perfektioniert. Schon im 18.Jahrhundert hatten englische Reisende wie Tobias Smollett oder Henry Swinburne mit ihrem sehr viel nüchterneren Blick auf Italien die politischen und sozialen Zustände des Landes heftig kritisiert. Auch deutsche Reisende wie Johann Wilhelm von Archenholz (England und Italien, 1787) oder der unvergleichliche Johann Gottfried Seume (Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802) hatten ihre Pfeile auf Italien abgeschossen.

Auf die Omme, du Philister

Nicolais „Warnungsstimme“ stellte nun das ganze Projekt infrage, die italienische Reise als Bildungserlebnis, als Landschaftserfahrung oder auch nur als simple Vergnügungstour. Das war nicht nur gnadenlose Abrechnung mit der Tradition des Klassizismus. Es zielte ins Herz einer im Vormärz sich entwickelnden nationalen Identität, die im Italienerlebnis eine ihrer Stützen suchte.

Natürlich wurde Nicolais Warnungsstimme nicht gehört, im Gegenteil. Spott und Hohn ergossen sich über den Autor. Zahlreiche Autoren rechneten in eigenen Italienbüchern mit dem „Philister“ ab, eine „Gustav-Nicolai-Affäre“ (so der Kunsthistoriker Golo Maurer in seinem Buch Italien als Erlebnis und Vorstellung erschütterte das Land der Italienpilger. Denn Nicolai hatte ein Tabu berührt, „heiligen Boden“ entweiht, wie Adolf Stahr das Land noch 1845 in seinem Reisebericht nennt. Und die Fronten waren klar: „Deutschland hat ihn längst gerichtet und verurteilt“ schreibt Karl August Mayer in seinem Neapel-Buch von 1842 über Nicolai.

Aber der Autor ließ nicht mit sich spaßen. Im Anhang der zweiten Auflage seines Buchs druckte er auf über 100 Seiten die Stimmen seiner Kritiker ab, samt eigenen polemischen Stellungnahmen. Einen seiner Rezensenten verklagte er sogar vor Gericht wegen Beleidigung, verlor aber den Prozess.

Dem einst Vielgeschmähten, den das Titelkupfer seines Buches als mürrisch blickenden Melancholiker zeigt, hat der kleine Berliner Comino Verlag vor zwei Jahren außerordentliche Ehre erwiesen: die Publikation einer vollständigen, neu gesetzten und lektorierten Neuausgabe samt Erläuterungen. Und die Lektüre lohnt sich. Nicht nur, weil Nicolais Bericht ein Feld unfreiwilliger Komik eröffnet und den Leser zum schadenfrohen Begleiter eines reisenden Unglücksraben macht. Sie zeigt auch, dass die Stilllegung der großen Gefühle den Blick schärfen kann für das Alltägliche. Wo reisende Idealisten gleichsam körperlos unterwegs waren, spürt Nicolai Flohstiche und schlechte Kutschenfederung. Statt auf Menschen mit antiken Physiognomien trifft er auf Bettler und zerlumptes Landvolk. Ohne Scheu äußert er seine nördlichen Aversionen gegenüber südlichen Menschen und Zuständen. Seine Anti-Reisebeschreibung summiert gnadenlos, was sonst verdrängt, ins Erhabene transformiert oder allenfalls am Rande Erwähnung finden durfte. Es wäre vermessen, zu sagen, dass diese Italienbeschreibung realistisch sei. Aber sie ist die notwendige Kontrafaktur zu einem deutschen Italienbild, welches uns das Land eher ferngerückt als nahegebracht hat.

Info

Italien wie es wirklich ist: Bericht über eine merkwürdige Reise im Jahr 1833 in den hesperischen Gefilden als Warnungsstimme für alle, welche sich dahin sehnen. Gustav Nicolai Paul Seeliger (Hrsg.), Comino Verlag 2016, 483 S., 17,90 €

06:00 30.06.2018

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