Müssen wir Angst vor der Inflation haben?

Geldentwertung Die Preise steigen. Während die einen ihr Vermögen retten wollen, belächeln die anderen eine typisch deutsche Art der Panikmache
Müssen wir Angst vor der Inflation haben?

Foto: claudiodiviza/iStock

In der Welt bekommen „Sparer“ bereits Tipps, wie sie ihr „Geld retten“ können. Droht die große Inflation? Fangen wir mit dem Zählbaren an: Gegenüber 2020 stiegen in Deutschland die Preise im Mai um durchschnittlich 2,5 Prozent, so stark wie schon länger nicht. Die USA seien bei fünf Prozent und die Bundesbank rechne, kann man verschiedentlich lesen, auch hierzulande bis Jahresende mit drei oder vier Prozent, zumindest vorübergehend. Müssen wir uns Sorgen machen?

Sorgen haben ja auch eine subjektive Seite – gerade die vor der Geldentwertung. Hierzulande geht es schnell um die Hyperinflation von 1923. Eine Folge des Ersten Weltkriegs, von der manche sagen, sie habe Hitler mit zur Macht verholfen. Dabei war das zehn Jahre später. Linken steht wohl Venezuela vor Augen, wo die Teuerung 2014 noch 69 Prozent und 2018 dann 130.000 Prozent betrug, laut IWF gar 1,3 Millionen. Nicolás Maduro hat das nicht allein angerichtet, ein Faktor sind die Sanktionen, die Barack Obama 2015 verhängte. Aber hier ist Panik gerechtfertigt.

Ein Schreckgespenst ist Inflation aber immer. Auch manche Linken reden gern von einer „kalten Enteignung der kleinen Sparer“. Weil Geld in der Inflation irgendwie nichts mehr wert sei, fordern sie für „Sparer“ Dinge wie garantierte Kapitalerträge, ein bisschen leistungsloses Einkommen. Höhere Zinsen, das wäre fein! Sie werfen Äpfel und Birnen zusammen und sagen: Sind alles Äpfel. Es ist ja klar, wem höhere Zinsen zuerst nutzen: Nicht dem Mann, der sein Geld auf dem Bierdeckel überblicken kann, oder der Frau, die im Sommer auf die Winterstiefel der Kinder spart.

Meist kommen die Unkenrufe allerdings aus anderen Ecken. Ökonomen wie Hans-Werner Sinn werden nicht müde, so ziemlich alles, was wirtschaftlich schieflaufe, der Europäischen Zentralbank in die Schuhe zu schieben: Die EZB-Politik des massiven Staatsanleihenkaufs müsse geradezu Inflation schaffen. Thilo Sarrazin sah 2012 die große Entwertung kommen. Dahinter steht die grob vereinfachte Vorstellung, für eine aus dem Ruder laufende Inflation müsse nur immer mehr Geld in Umlauf kommen. Doch so einfach ist das nicht. Der Ökonom Heiner Flassbeck sagt, die Geldmenge sei zwar eine notwendige, aber bei Weitem nicht hinreichende Bedingung. Hinzutreten müssten eine hohe Nachfrage auf dem Gütermarkt und stark steigende Kosten für die Unternehmen. Daher versuchen viele Staaten – weit vorn Deutschland – über das Kleinhalten der Löhne zu verhindern, dass es so kommt.

Die allgemeine Frage – eine von vielen – ist, ob sich in der Zirkulations- oder Produktionssphäre entscheidet, wer die Lasten einer inflationären oder deflationären Entwicklung trägt. Wenn die Preise steigen, ohne dass die Löhne mithalten oder wenn diese gar sinken, neigt sich die Waage zuungunsten der Arbeitenden ohne Produktionsmittel. Ist eine moderate Inflation Folge von unter anderem Lohnsteigerungen, ist das anders zu bewerten.

Was aber ist konkret der Fall? Von 1923 oder Venezuela sind wir weit entfernt. Zwar gab es 2020 spektakuläre Preissteigerungen bei spezifischen Waren, bei Webcams waren es 99 Prozent. Verteuert hatten sich auch Haushalts- und Fitnessgeräte. Im Gesamtjahr 2020 lag die Inflation dennoch bei nur 0,5 Prozent. Nun gilt unter anderem der Rohölpreis als Treiber, der 2020 zeitweise stark gefallen war. Hierzulande gibt es Sondereffekte wie die seit Januar erhobene CO₂-Abgabe; auch die Mehrwertsteuer, die 2020 gesenkt worden war, ist seit Januar wieder auf Vor-Corona-Niveau.

Die jetzige Teuerung folgt also auf ein Jahr mit sehr niedrigem Niveau – in dessen zweiter Hälfte es sogar Monate mit negativer Inflationsrate gegeben hat. Und eins kann man festhalten: Eine solche Deflation, in der die Wirtschaft zu schrumpfen droht, weil aufgrund sinkender Preiserwartung nicht investiert wird, das wäre das schlimmere Szenario.

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Lesen Sie hier eine Erwiderung von Stephan Kaufmann auf diesen Artikel

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06:00 06.07.2021

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