Mühseliges Geschäft

Ausstieg für Rechtsextreme Eine Zwischenbilanz von "Exit"

Stärken Programme für rechtsgerichtete Jugendliche die rechte Jugendkultur? Für die so genannte "akzeptierende Jugendarbeit" mit rechtsgerichteten Jugendlichen ist die Frage berechtigt. Aber auch die Macher von Ausstiegsprogrammen aus der Szene, die ehemaligen Rechten bei den ersten Schritten in ein Leben ohne ihre alten Kameraden helfen, werden mit dieser Frage konfrontiert. Gemeint ist das zivilgesellschaftliche und größtenteils aus privaten Spenden finanzierte Programm Exit um den Rechtsextremismus-Experten Bernd Wagner wie auch das Ausstiegsprogramm des Bundesamtes für Verfassungsschutz. Immerhin, so die Vorwürfe, erfahren rechtsgerichtete Jugendliche in diesen Programmen eine soziale Einzelfallbetreuung. Ihnen wird geholfen bei der Suche nach einer neuen Wohnung, beim Finden einer Berufsausbildung, bei der Kontaktaufnahme zu einer Alkoholtherapie oder der Suche nach einem neuen sozialen Umfeld. Und wenn nötig, wird sogar die Mietkaution gestellt. Welcher Ausbildungsabbrecher, welcher Alkoholkranke oder ehemalige Strafgefangene erfährt denn sonst so viel Zuwendung? Wird hier rechtsextreme Gesinnung und Aktivität belohnt?
Nein, der Ansatz ist ein ganz anderer als der der akzeptierenden Jugendarbeit. Hier kümmern sich nicht unprofessionelle, mäßig bezahlte ABM-Kräfte um rechte Jugendliche, die in ihren Strukturen bleiben und diese somit stärken. Stattdessen betreuen professionelle Sozialarbeiter Jugendliche, die diesen Strukturen entkommen wollen, es aber aus eigener Kraft nicht schaffen. Schließlich geben rechtsextreme Parteien und Kameradschaften niemanden freiwillig her. Wer es auf eigene Faust versucht, kann durch seine alten Kameraden bedroht und misshandelt werden. Und wer frei kommt, hat außerhalb des alten Freundeskreises kaum soziale Kontakte.
Aber nichts schwächt die rechtsextremen Gruppierungen nachhaltiger als eine Verringerung der Zahl ihrer Mitglieder. Auch wenn die Motive des Ausstiegs nicht immer zuerst politisches Umdenken sind, sondern Partnerschaftsprobleme oder die Suche nach einem Leben ohne Strafverfolgung und Haftaufenthalte. Die Programme sind ein Anfang, und manchmal kommt dann auch der zweite Schritt später. Das nichtstaatliche Programm Exit jedenfalls legt Wert darauf, den Betreuten eine Selbstreflexion abzuverlangen. 112 Jugendliche wurden seit dem Herbst 2000 durch Exit betreut, 67 seit Mitte 2001 durch das Bundesamt für Verfassungsschutz. Geringe Zahlen angesichts des Anhangs, den die Gruppierungen haben. Doch jeder Einzelfall ist wichtig und die Ausstiegshilfe sehr arbeitsintensiv.
Dass es für Ausstiegswillige die Wahl gibt, sich Hilfe bei einer nichtstaatlichen Organisation zu holen oder beim Geheimdienst scheint sinnvoll. Ausstiegshelfer berichten, dass sich Rechtsextreme aus den alten Bundesländern mit Vorbehalten gegen den Staat eher an die NGO Exit wenden, während sich Ausstiegswillige aus dem Osten öfter an den Verfassungsschutz halten. Der schließt im Gegensatz zu Exit für die Zukunft nicht aus, auch gezielt zweifelnde Kandidaten anzusprechen. Dass der Verfassungsschutz über ein ausgeprägtes Spitzelsystem in rechten Kreisen verfügt, ist nicht erst seit den Enttarnungen während des NPD-Verbotsverfahrens bekannt. Nur gut, wenn die Verfassungsschützer selbst noch genau unterscheiden können und wollen, wann sie Aussteigern Hilfe anbieten und wann sie selbst einen kleinen Dienst erwiesen haben wollen.

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00:00 21.06.2002

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