Mumifizierter Mythos

Lebendig in Paris begraben Ein Blick auf Marlene Dietrichs letzte Lebensjahre

Marie Magdalene Dietrich, 1901 in Berlin geboren, 1992 in Paris gestorben, war Amerikanerin. 1939 erhielt sie ihren amerikanischen Pass und blieb dabei. Tun die Pariser wie die Berliner sich deshalb so schwer, den Weltstar gebührend zu ehren? Immerhin gibt es in Berlin mittlerweile einen Marlene-Dietrich-Platz, und das Haus ihrer Geburt in der Leberstraße 53 ziert eine Gedenktafel. Das aber haben ihre Pariser Fans noch nicht erreicht. Nichts deutet in der Avenue Montaigne Nummer 12 im 8. Bezirk auf die illustre Mitbewohnerin hin. Eine Eigentümerversammlung des Hauses hat sich gegen eine Gedenktafel ausgesprochen. Auch der Bürgermeister wollte von der Umbenennung eines Platzes in seinem Bezirk nichts wissen. Im Frühjahr 2002 soll nun endlich ein Marlene-Dietrich-Platz im 16. Bezirk eingeweiht werden.

Hätte man Marlene auf ihrer Deutschland-Tournee 1960 nicht die kalte Schulter gezeigt - in Düsseldorf wurde sie bespuckt und in Berlin mit "Marlene, go home!" empfangen - vielleicht wäre sie eher in ihre Heimatstadt zurückgekehrt als erst zu ihrem Begräbnis. So aber blieb Paris ihre Wahlheimat. General De Gaulle ernannte die Dietrich 1951 zum Mitglied der Ehrenlegion. Aber als sie ihm später ihr Anliegen bekundete, in Frankreich begraben zu werden, soll er nur eine ausweichende Antwort gegeben haben. Das zumindest erzählt der Rundfunkjournalist Louis Bozon, in seinem Buch Marlène, la femme de ma vie. Als Marlenes Vertrauter verfügte Bozon 25 Jahre lang über ihren Wohnungsschlüssel. Dieses Privileg teilte er später mit wenigen Auserwählten, als die fast 80-jährige beschloss, sich vor zudringlichen Blicken endgültig in ihre Wohnung wie in eine Festung zurückzuziehen, um ihre Legende zu bewahren. Zu ihnen gehörten das Dienstmädchen Angel, der Rechtsanwalt Jacques Kam und die Sekretärin Norma Bosquet. Auch sie weiß, dass Marlene nach einer letzten Ruhestätte in der Umgebung von Paris suchte. Doch als sie einen passenden Friedhof gefunden hatte, sagte der Priester, sie müsse ein Grundstück in der Gemeinde besitzen, um dort begraben zu werden. Dabei besaß sie doch nicht einmal ihre eigene Wohnung.

Norma hatte über die amerikanische Botschaft erfahren, dass Marlene eine Sekretärin suchte. 1977 begegnete sie dem Weltstar zum ersten Mal. "Ich fand sie viel kleiner als in meiner Vorstellung und wunderte mich über ihr strohiges Haar. Sie trug einen Hosenanzug, später sah ich sie nur noch im Morgenrock. Sie hatte für mich gekocht, schaute mir aber beim Essen zu. Nach einer Woche kam ich, erst um 14 Uhr, die Zeremonie wurde mir einfach peinlich."

Alle, die mit ihr zu tun hatten, sind sich einig: Marlene liebte es, für andere zu kochen und sie bei der geringsten Unpässlichkeit mit Rezepten und Arzneien zu versorgen. Sie konnte ebenso fürsorglich wie sarkastisch sein, ebenso kühl wie leidenschaftlich. Eddy Marouani, ab 1959 ihr Pariser Impresario, beschreibt sie als eine "Mischung von Oberfeldwebel und Krankenschwester", ebenso despotisch wie hilfsbereit. Bei ihrer ersten Begegnung stand sie mit 50 Koffern am Flughafen und überreichte ihm zwei Umschläge. Der eine enthielt die Bestandsaufnahme des Inhalts der 50 Koffer, der andere den genauen Zeitplan ihrer Proben. "Sie war eine echte Preußin. Das hatte sie von ihrer Mutter", erzählt Eddy Marouani. Die soll sie und ihre Schwester morgens zur Abhärtung in eiskalte nasse Laken gehüllt haben, bevor es zur Schule ging. "Tu was" hatte ihr die Mutter früher gesagt, und das war zu Marlenes Leitmotiv für sich und die anderen geworden. Was die Dietrich vor allem verstand, war, Liebe zu erwecken. Männer, Frauen, das Publikum, alle lagen ihr zu Füßen. Doch nach ihrem - letzten - umjubelten Pariser Auftritt im "Espace Cardin" 1974 begann eine wahre Pechsträhne. In einem Washingtoner Theater stürzte sie in den Orchestergraben, bei einem Auftritt in Sidney im Dezember 1975 verwickelte Sie sich in die Kabel auf der Bühne und brach sich den Knöchel. Das bedeutete das Aus für die zweite Karriere. 1976 starb ihr Mann Rudi Sieber, mit dem sie vieles verband, obwohl sie getrennt lebten. Als David Hemming 1978 Marlene Dietrich eine kleine Rolle in Just a gigolo für eine Riesensumme Geld (über 1 Million FF) anbot, konnte sie nicht nein sagen. Seit dem Urteil von Nürnberg vor 17 Jahren hatte sie nicht mehr gedreht. Aber sie brauchte Geld.

Geld blieb ein Leitmotiv der nächsten Jahre und wohl auch einer der Gründe - der andere war ihre Legende - für die vielen Prozesse in Sachen Verunglimpfung ihres Rufes.. Wagte es eine Zeitung, sie der Bisexualität zu verdächtigen, verklagte Dietrich sie. Norma Bosquet erinnert sich, wie sie sich oft mit Marlene den Kopf darüber zerbrach, welcher neue Prozess ihnen Geld einbringen könnte.

"Eines Morgens fand ich Marlene auf den Fliesen ihres Badezimmers vor. Sie war ausgerutscht und konnte sich nicht mehr aufrichten",erzählt Louis Bozon. Statt die gebrochene Hüfte zu operieren, verschreibt der Arzt Bettruhe. Das ist der Beginn von Marlenes Rückzug in ihr selbst gewähltes Gefängnis. Die Hüfte heilt nicht, den Heilgymnastiker schickt sie zum Teufel. Ihr Bett wird zum Lebensraum. Fernseher, Telefon, Adressbuch, Briefpapier, Bücher und Elektrokocher sind in Reichweite. Das Fenster bedient sie mit Bindfäden. Am Tisch neben dem Bett hilft Norma Bosquet ihr bei der Erledigung der Korrespondenz. Französische, amerikanische und deutsche Zeitungen und Illustrierte informieren sie über die Welt da draußen, zu der das Telefon die wichtigste Verbindung darstellt. Mit Normas Mann, dem Schriftsteller Alain Bosquet, telefoniert sie fast täglich. Sein Deutsch erinnert sie an das ihres Mannes. Es gelingt ihm, ihr 1990 ein langes Interview für den Figaro abzuringen. Natürlich verrät sie nichts von dem, was ihrer Legende schaden könnte: ihre Berliner Zeit vor Josef von Sternberg wird ausgeblendet, kein Wort über ihre nazifreundliche Schwester oder ihre Liebesaffären. Aus Geldnot hatte sie 1984 auch dem Drängen von Maximilian Schell nachgegeben, der einen Film über sie drehen wollte. Dabei durfte er nur ihre Stimme aufnehmen, es war eine Stimme, der man zuweilen den Alkoholkonsum anmerkte.

Dann geschieht das Unfassbare. Ein Paparazzo dringt unter Beihilfe des korrumpierten Hausmeisters in Marlenes Wohnung ein, macht Aufnahmen von der schlafenden Neunzigjährigen. Marlene erwacht und wirft ein Tuch über ihr Gesicht. Zu spät, der Eindringling flüchtet mit seiner Beute, dem Abbild einer alten Frau. Schon einmal hatte sich ein Fotograf mit Hilfe eines Krans in die Höhe ihrer Wohnung im 4. Stock gehievt. Unerschrocken hatte sie ihn mit einer Spielzeugpistole verjagen können. Marlene alarmiert ihre Tochter Maria Riva in New York. Ihrem Enkel Peter Riva gelingt es, die deutsche Illustrierte ausfindig zu machen, die die Fotos gekauft hat und ihre Veröffentlichung zu verhindern

Kurze Zeit darauf erlitt Marlene einen Schlaganfall. Sechs Monate nach dem Vorfall, am 6. Mai 1992, starb sie. In der Pariser Kirche La Madeleine fand die Trauerfeier statt, zehn Tage später die Beerdigung in Berlin. Maria Riva hatte entschieden, ihre Mutter solle im Grab neben ihrer Großmutter ruhen.

Noch im gleichen Jahr erschient das skandalöse Buch der Tochter: Meine Mutter Marlene "Die Welt muss endlich die Wahrheit erfahren", rechtfertigte Maria Riva den Blick unter die Bettdecke ihrer Mutter. Sie beschuldigt sie sogar, bei der Vergewaltigung der Tochter ihre Hand im Spiel gehabt zu haben. Für Norma Bosquet, die bis zum Schluss Marlene umsorgt hat, ist das Buch eine Ungeheuerlichkeit: "Ich habe nur das letzte Kapitel gelesen. Nichts stimmte. Das ersparte mir den Rest."

Wenige Monate nach dem Tod ihrer Mutter verkaufte Maria Riva ihren gesamten Nachlass an die Kinemathek in Berlin.Eine Ausstellung des Deutschen Filmmuseums Berlin zeigt bis zum 17. 2. 2002 wesentliche Stücke aus dieser Sammlung.

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00:00 21.12.2001

Ausgabe 42/2021

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