München feiert den Kleidermörder

Eventkritik Models mit Strumpfmasken, überlangem Pony und Balken vorm Gesicht - Eine Ausstellung zeigt das Werk des ungewöhnlichen Modemachers Martin Margiela aus Belgien

Misst man den Erfolg einer Veranstaltung am Andrang des Publikums, dürfte das Haus der Kunst den besten Coup seit langem gelandet haben. Menschenmassen drängen sich in den von DJs beschallten Räumen. Wiederholt sind Gesprächsfetzen wie „Ich wollte doch eigentlich nur an der Bar ein Bier trinken...“ zu hören. Die Münchner Schickeria beschäftigt sich angestrengt damit, alle Bekannten mit dem obligatorischen Bussi rechts, Bussi links zu begrüßen, während Kunstliebhaber und Modebegeisterte in den ruhigeren Ecken ihre Getränke hüten. Eine Blaskapelle spielt in der Vorhalle – die Hälfte der Besucher verlässt fluchtartig den Raum. Als die Eröffnungsrede der Vernissage gehalten ist, atmen vor allem die jüngeren im Publikum auf. Sie wollen sich ekstatisch zur Musik bewegen, auch die Modestudenten, verkleidet mit ihren eigenen Kreationen. Es ist wieder Karneval – und das Ende März.

Modemarke ohne Gesicht

Im ganzen Trubel geht das Wesentliche fast unter: Eine gelungene Ausstellung, die anlässlich des 20. Geburtstags des Modelabels Maison Martin Margiela einen beachtlichen Überblick über das komplette Schaffenswerk, die weltweiten Installationen und Veranstaltungen, aber auch Stil und Kommunikation des Modehauses liefert. Seit Coco Chanel und Yves Saint Laurent hat kaum ein Modeschöpfer einen ähnlich starken Einfluss ausgeübt wie Martin Margiela. Der Belgier ist bekannt für eine Vorgehensweise, die in vieler Hinsicht stark von dem abweicht, was in der Modebranche üblich ist. Um die Aufmerksamkeit auf die Produkte zu richten, verzichtet das Maison darauf, der Marke ein Gesicht zu geben. Margiela selbst tritt öffentlich nie in Erscheinung, Interviews werden nur per Fax oder E-Mail in der ersten Person Plural gegeben. Ebenso kompromisslos sind auch die Werke und deren Präsentation. Die Identität der Models wird gewahrt und beschützt, Strumpfmasken, überlange Ponys oder Sonnenbrillen in der Form eines schwarzen Balkens bedecken ihr Gesicht und ihre Augen.

In den 90er Jahren wurde Antwerpen Schauplatz einer Moderevolution. Das „Jahrhundert der Mode“ ging zu Ende und Paris verlor endgültig seine Monopolstellung. Die „Antwerpener Schule“ befasste sich erstmals mit Mode als System, ihre Kreationen sind Kommentare und Kritiken. Der wohl unverfälschteste, radikalste und zugleich eleganteste Designer dieser Bewegung ist Martin Margiela. Seine Arbeitsweise wird oft als Dekonstruktion bezeichnet, dabei ist sie viel eher eine Untersuchung der Mode selbst. Margiela nimmt Kleiderstücke auseinander, begeht einen rituellen Mord an ihnen, um sie dann wieder zusammen zu fügen. Er macht Nähte sichtbar und legt Konstruktionsweisen offen. Eine große Rolle spielt immer wieder der Bezug von Mode und Zeit. Das Thema Alter und Verfall wird in der eitlen Modebranche oft tabuisiert – genau hier setzt Margiela seinen Diskurs an. Er flickt Kleider aus Abfallstoffen zusammen oder überzieht sie mit Schimmelkulturen. Die Kombination aus klassischem Schneiderhandwerk und konzeptuellem Denken wird oft als negative oder Antimode bezeichnet, vielmehr ist sie aber ein humorvoller Widerstand gegen die gängigen Zwänge der Branche.

Mode kann keine Kunst sein

Das Haus der Kunst lässt sich mit der aktuellen Ausstellung nicht das erste Mal in modische Gefilde herab. Mit Aussagen über das Verhältnis zwischen Kunst und Mode ist man aber dennoch vorsichtig. Bei der Eröffnungsrede wird das Thema geschickt umschifft, einzig Kaat Debo, Direktorin des Fashion Museum Antwerpen, spricht von einem „wichtigen Schritt“. Das Publikum ist da unkritischer, sind doch Margielas Kreationen oft Objekte. Umso härter das Urteil von Chris Dercon, Leiter des Hauses der Kunst: „Mode kann keine Kunst sein.“

Trotzdem darf eine Auseinandersetzung mit ihr als wichtigem Teil dieser Kultur nicht fehlen. Konsequent lehnt sich die Ausstellung im Konzept an Margiela an. Bis auf den silbern glitzernden Boden ist fast alles in Weiß gehalten, ruhige Ecken mit in Laken verkleideten Stühlen sorgen für eine angenehme Atmosphäre. Das Konzept der Szenografie orientiert sich an Trompe-l‘œil, einer auf illusionistischen Effekten basierenden Ausstattungsmethode. Margiela verwendet sie bei seinen Kollektionen sowie für die Einrichtung seiner Läden. Die Exponate tragen lediglich Nummern, keine Beschreibungen. Begleitend bekommt jeder Besucher eine Broschüre, in der die Ausstellungsstücke gelistet sind. Die Kreationen sind liebevoll inszeniert, auch wenn ein paar fehlende Schrauben noch in großer Eile nachgezogen werden.

Champagner auf Kuhfell

Dennoch hat die Ausstellung einen fahlen Beigeschmack. Am selben Abend eröffnet der erste deutsche Margiela Store in der Münchner Maximilianstraße und schafft einen unglücklichen Brückenschlag. Er erinnert daran, worum es in der Mode auch gehen muss: den Verkauf von Kleidern und Profit. Bei aller Einzigartigkeit bleibt das Maison Martin Margiela eine Marke, die vermarktet werden will und die vor allem Massenware produziert. Natürlich kann sich diese nicht jeder leisten – trotzdem erscheinen viele der adrett gekleideten Gäste zur Shoperöffnung, wie es sich gehört, im Margiela-Look. Dass dabei eine gewisse Uniformität entsteht, interessiert niemanden. Man fühlt sich wohl unter seinesgleichen. Ein ernsthafteres Problem ist da schon die Getränkeversorgung: Der Einkauf stand ganz im Zeichen des Margiela- Minimalismus. Nach der zehnten und letzten geleerten Champagner Flasche setzt so mancher Gast, der sich zwischen weißen Kuhfellen und lasierten Stühlen aalt, eine verärgerte Miene auf. Aber hat man nicht allen Grund zu schmollen, wenn man sich mit einem Gesöff wie Wein abgeben muss? Da kann auch die Schachtel Kekse als Give-Away nicht mehr trösten.

06:00 26.03.2009

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