Münchner "Hass"

Schauspiel Das Leben ist eine Müllkippe. Jedenfalls das von Vince, Saïd und Hubert, drei jungen Männern aus einer Pariser Banlieue, die sich auf die Bühne der ...

Das Leben ist eine Müllkippe. Jedenfalls das von Vince, Saïd und Hubert, drei jungen Männern aus einer Pariser Banlieue, die sich auf die Bühne der Münchner Kammerspiele verirrt haben. Zu Beginn öffnet sich ein großes Fenster in Muriel Gerstners graublauer Holzwand, Kartons prasseln herunter, drängen unter den Geräuschen einer Müllpresse auf die Vorderbühne bis zur Rampe und darüber hinaus. Mittendrin Katja Bürkle, Brigitte Hobmeier und Katharina Schubert in fröhlich blauen T-Shirts, auf denen weiß das Wort Hass prangt.

Hass, Mathieu Kassovitz´ Film von 1995, erzählt in brillant gefilmten Schwarzweiß-Bildern einen Tag im Leben von drei Pariser Vorstadtjugendlichen. Bei Unruhen wird ihr Freund Abdel von einem Polizisten schwer verletzt, und während die drei Geld eintreiben, Mist bauen und Witze reißen, stellt sich immer dringender die Frage, ob Vince im Fall von Abdels Tod tatsächlich einen Polizisten töten wird - Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Die Premiere der Hass-Adaption von Sebastian Nübling, Julia Lochte und dem Ensemble könnte nicht idealer liegen. Mitten in der Debatte um gewalttätige jugendliche Migranten, von Roland Koch und der ebenfalls wahlkämpfenden Münchner CSU hysterisch geschürt, verweigern sich die Kammerspiele der Sensationslogik. Wo Kassovitz von wütenden jungen Männern erzählt, stehen hier Frauen auf der Bühne, denen "Alter, Wichser, Arschloch" locker über die Lippen kommen. Statt eines tristen Vorstadtghettos gibt es sauberen Kunstmüll. Das kühle Schwarzweiß weicht knallbunten Farben. Und während bei Kassovitz aus dem Gepose und Gebrabbel der Jungs plötzlich Ernst wird, Gewalt, Erniedrigung, Druck erfahrbar werden, bleibt hier alles ein Spiel.

Und Spaß. Witzig ist es allemal, wie die drei grandiosen Schauspielerinnen über die Bühne schlurfen, sich durch den Müll wühlen, in Pose werfen, sich Witze erzählen und einander mit ihren Handys filmen. Wenn die Filmjugendlichen ins Pariser Zentrum aufbrechen, durchleben die coolen Mädchen ihre Stationen auf dem Müllberg, spielen das Publikum an oder übernehmen selbst die weiteren Rollen. Dazu setzen sie sich ramponierte Tiermasken auf; Katja Bürkles Hubert trägt ohnehin die ganze Zeit eine Pinocchio-Nase. Er, der Vernünftige, kann sich nicht durchsetzen gegen Katharina Schuberts Saïd, der redet wie eine Maschinenpistole, und Brigitte Hobmeiers lässigem Vince, der rhythmisch lässig seine Wortschwälle absondert.

Auch wegen der drei Frauen, aber vor allem, weil jeder Versuch einer realistischen Aneignung in Peinlichkeit geendet wäre, muss man Nübling für diese verfremdete Bühnenumsetzung dankbar sein - einerseits. Andererseits muss man den Film schon im Hinterkopf haben, um die Bühnenvorgänge jenseits des Spielwitzes verstehen zu können. Zudem gibt es - anders als im Film - nur wenige Momente, in denen man zusammenzuckt. Etwa die Szene, als Vince gerade zugegeben hat, die vom Polizisten verlorene Waffe gefunden zu haben. Brigitte Hobmeier zielt damit auf die Freunde, ins Publikum, auf die Decke der Kammerspiele. Sie drückt ab, es knallt und Putz rieselt auf die Köpfe der Zuschauer. Nun richtet sie die Knarre wieder aufs Publikum. Und obwohl man weiß, dass man einem ziemlich effektvollen Theatertrick beigewohnt hat, packt einen die Angst. Oder wenn Vince auf Kartons wie auf Fußbälle zielt, sich slapstickhaft in sie verheddert und dann doch schießt. Hinterher raunzt Hobmeier den getroffenen Zuschauer an: "Jetzt weißt du auch, warum die Karte in der ersten Reihe 7 Euro kostet, mein Schatz."

Sonst bleibt es harmlos und witzig. Ein ziemlich besonnener Kommentar zu Roland Koch und der CSU.

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