Ingrid Wenzl
14.06.2011 | 11:00 15

Mundraub auf moderne Weise

Profitabel Der Saatgutkonzern Monsanto hat sich das Patent für eine neue Melonenzüchtung ­gesichert. Ein neuer Fall von Biopiraterie, sagen NGOs. Und warnen vor den globalen Folgen

Seit einigen Jahren greift auf den Melonenfeldern der Mittelmeerländer und Nordamerikas eine sonderbare Krankheit um sich: Die Blätter der maladen Früchte verfärben sich gelb, rollen sich auf und werden brüchig. Die Wasser- und Honigmelonen selbst sehen normal aus, enthalten aber weit weniger Zucker als gesunde Früchte. Und deshalb kostet das Curcubit Yellow Stunting Disorder Virus (CYSDV), das die Krankheit auslöst, die Landwirte viel Geld. Wenn nicht gar die Existenz.

Aber nicht alle Melonen sind für CYSDV anfällig. Forscher haben in Indien eine resistente Sorte aufgespürt. Dem holländischen Unternehmen De Ruiter gelang die Kreuzung mit anderen Sorten. 2008 kaufte Monsanto die Firma – um die virusresistenten Melonen nun vom Europäischen Patentamt (EPA) patentieren zu lassen. „Dieser Fall ist ein Missbrauch des Patentrechtes, denn es handelt sich bei der Melone um keine Erfindung“, sagt Christoph Then, ein Sprecher des Bündnisses „Keine Patente auf Saatgut!“. „Das Patent steht im Widerspruch zum Verbot der Patentierung konventioneller Züchtung, das die EU in einer Richtlinie festgelegt hat.“

Im vergangenen Jahr hatte die Große Beschwerdekammer des EPA deshalb noch einen Patentantrag auf eine Brokkolisorte mit angeblich krebsprotektiven Eigenschaften abgelehnt. Seither allerdings hat die Behörde mehrfach das Saatgut und die Produkte konventioneller Züchtungen patentiert, wie nun die virusresistente Melone. Diese war, wie auch der Brokkoli, durch ein molekularbiologisch gestütztes, letztlich aber klassischen Auswahlprinzipien folgendes Verfahren entstanden. Für die Methode werden genetische Marker ermittelt und genutzt, anhand derer sich sehr früh im Zuchtprozess und vor allem ganz gezielt Pflanzen mit der gewünschten Eigenschaft erkennen lassen. Ohne Genmanipulation beschleunigt diese Marker-assistierte Selektion (MAS), auch Smart Breeding genannt, die Zucht enorm. Und sie eröffnet den Saatgutkonzernen neue Tore, weil die so gezüchteten Pflanzen patentierbar sind. Egal mit welchem Verfahren andere Züchter künftig zum selben Resultat gelangen: Dort, wo das Patent angemeldet ist, machen sie sich ohne die Zahlung von Lizenzgebühren strafbar. Gegner wie Then sagen, das Melonenpatent widerspreche dem Geist der Brokkoli-Entscheidung und der EU-Richtlinie. Endgültig soll das EPA über den Brokkoli-Fall im Herbst entscheiden.

Bereits in den 1930er Jahren erhielten US-amerikanische Züchter erste Patente auf Lebewesen. Der eigentliche Run darauf begann mit dem Aufkommen der Gentechnologie. Rund 350 Pflanzen und 25 Tiere sowie ihre Erzeugnisse hat das EPA allein 2010 patentiert. Dabei wächst der Anteil konventionell gezüchteter Pflanzen und Tiere seit einigen Jahren deutlich stärker als der genmanipulierter Organismen, im vergangenen Jahr war fast ein Drittel der patentierten Sorten konventionell gezüchtet. Der Großteil der Patente entfällt auf die fünf Riesen der Branche: Monsanto, BASF, DuPont, Syngenta und Bayer.

Verunsicherte Landwirte

Kleinere und mittelständische Züchter können sich Patente schlicht nicht leisten und kommen nicht mehr an züchterisch wertvolles Material heran, um Sorten weiterzuentwickeln. Immer mehr Betriebe werden von den Großen wie DeRuiter und Seminis von Monsanto aufgekauft – sehr zur Verunsicherung der Landwirte: „Die Bauern in den Niederlanden haben Angst, dass nach Betriebsübernahmen durch ausländische Firmen die Züchtung für die hiesigen Boden- und Klimagegebenheiten keine Priorität mehr genießt“, erklärt Niels Louwaars von der Universität Wageningen. Denn so ging es ihren skandinavischen Kollegen: „Niemand züchtet für die Klimazone des Nordens, weil der Saatgutmarkt dafür zu klein ist. Großbetriebe sind an großen Märkten interessiert und nicht in spezifisch angepassten Sorten“, sagt Louwaars.

Mit dem Übereinkommen über handelsbezogene Aspekte der geistigen Eigentumsrechte (TRIPS) verpflichtet sich jedes WTO-Mitglied, in seinem Land Patentschutz zu gewährleisten. Zwar gilt ein Patent nur da, wo es auch angemeldet ist, doch gerade bei großen Märkten und Abnehmern lohnt sich das für die Konzerne, wie im Fall der Bt-Baumwolle in Indien. „Die Bauern, die in diesen Ländern patentiertes Saatgut kaufen, müssen Lizenzgebühren zahlen. Nachbaurechte sind im Lizenzvertrag geregelt. Meist sind sie nicht oder nur gegen Gebühr gestattet“, erklärt Michael Frein vom Evangelischen Entwicklungsdienst (EED). Dies widerspricht jedoch der Tradition vieler Bauern im Süden, die jedes Jahr Saatgut für das nächste Jahr zurückbehalten und mit ihren Nachbarn tauschen. Problematisch sei es zudem, wie die EU versuche, die Länder des Südens in bilateralen Abkommen auf eine Auslegung von TRIPS festzulegen, die ­neben Patenten einen strengeren Sortenschutz vorsieht. Danach müssten die Kleinbauern für die Wiederaussaat des so geschützten Saatgutes 50 Prozent Lizenzgebühren zahlen und dürften ihr Saatgut nicht mehr tauschen.

Schwund auf kleinen Feldern

Die Arten- und Sortenvielfalt in der Landwirtschaft nimmt mit der wachsenden Oligopolisierung des Agrarmarktes stetig ab. Interessant sind nur die wichtigsten Arten und ertragreichsten Sorten, unabhängig von ihrer regionalen Anpassungsfähigkeit. „Nur noch kleinere Firmen bieten landwirtschaftliche Kulturarten wie kleinere Dinkelsorten, Triticale, Ackerbohne, Erbse oder Hafer an“, berichtet Stephanie Franck, Vorstandsmitglied des Bundes Deutscher Pflanzenzüchter (BDP). „Wenn sie aufgekauft werden, werden diese fallen gelassen und verschwinden aus dem Programm.“ Dabei ist die Menschheit in Zeiten des Klimawandels auf die Vielfalt der Sorten angewiesen, um neue widerstandsfähige Pflanzen zu entwickeln.

Auch an der Marburger Uni hat man sich kürzlich damit befasst. Auf dem Symposium „Biodiversität, Geistiges Eigentum und Innovation 2011“ wurde unter anderem die landläufige Behauptung kritisiert, Patente steigerten per se den Erfindergeist. Vielmehr blockieren Biopatente die Innovation, denn anders als im Sortenschutz, wo Züchter unentgeltlich weiterforschen und vermarkten können, ist dies bei patentierten Organismen verboten. Deshalb lehnt der BDP Patente auf gezüchtete Sorten ab: „Nur wer etwas wirklich Neues beiträgt, sollte ein Patent bekommen“, sagt Franck.

Der Deutsche Bauernverband, der Bundestag, die Kirchen und verschiedene NGOs teilen diese Meinung. Doch während der Bauernverband an die Lizenzgebühren denkt, stehen bei NGOs wie der Bundeskoordination (BUKO) ethische Motive im Vordergrund: „Wenn biologische Ressourcen patentiert werden, eignen sich Menschen diese an, ungeachtet dessen, dass viele andere Menschen vor ihnen daran gearbeitet (und damit zum Ergebnis beigetragen) haben“, erklärt Gregor Kaiser von der BUKO. Zudem haben NGOs und Kirchen die Folgen der Biopatente für den globalen Süden im Blick und lehnen genmanipulierte Pflanzen grundsätzlich ab. Besonders stark verurteilen entwicklungspolitische NGOs aber die Biopiraterie, die auf den Raub traditionellen Wissens von indigenen Völkern zurückgeht. Zwar sieht die Konvention Biologischer Vielfalt (CBD) seit 1993 vor, die Opfer am Gewinn der Konzerne zu beteiligen, doch die Praxis ist weit davon entfernt. Und dem EED fehlt noch etwas anderes: „In dieses Paket gehört nicht nur benefit-sharing, sondern auch die vorherige Zustimmung. Gefragt wird aber so gut wie nie“, kritisiert Frein.

Auch die virusresistente Melone ist ein Beispiel für Biopiraterie: Niemand hat die indischen Bauern gefragt, ob europäische Züchter ihre immune Melone mit anderen Sorten kreuzen dürfen, um anschließend für sich allein die Urherberrechte zu beanspruchen. Sollte Monsanto seine Melone auch in Indien patentieren lassen, dürften Bauern und Züchter ihre heimische Melone nur noch unter Vorbehalt mit anderen Sorten kreuzen. Sollten die Nachkommen gegen den Melonenvirus resistent sein, verstießen sie gegen das Patentrecht. „Wir haben Rückmeldung aus Indien bekommen, dass Organisationen dort überlegen, Einspruch gegen das Patent einzulegen“, sagt Christoph Then. Fällig wäre seiner Ansicht nach eine gesetzliche Klarstellung, die Patente auf Züchtungen inklusive ihres Saatgutes und ihrer Produkte verbietet.

Ingrid Wenzl ist freie Autorin und schreibt für den Freitag über Ökologie-Themen

Kommentare (15)

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Ehemaliger Nutzer 15.06.2011 | 12:59

Guten Tag Frau Wenzl,

ein wirklich ausgezeichneter Artikel. Ich finde es wunderbar, dass der Freitag dieses Thema endlich einmal aufgreift. Daraus kann noch viel mehr gemacht werden, bspw. ethische Aspekte uvm.
Gentechnisch veränderte Organismen (in Fachliteratur als GMOs bezeichnet) werden zunehmen. Ebenso wie der Versuch Güter der Allgemeinheit zu patentieren. Sie beschreiben in Ihrem Artikel einen riesigen Wachstumsmarkt.

Ein sehr negativer Aspekt daran ist, patentrechtlich geschützte Pflanzensorten die via "klassischer" Züchtung entstanden sind, müssen auf dem Lebensmittelmarkt nicht gekennzeichnet werden. Die Verbraucher wissen dann also nicht mehr was sie da vor sich haben. Hingegen direkt gentechnisch veränderte Nahrung ist (zumindest in Deutschland) Kennzeichnungspflichtig, was bisher dazu führt, dass die Menschen diese nicht kaufen. Diese "Marktmacht" bzw. Entscheidungsfreiheit fehlt dann.

Bereits heute werden "Eigenschaften" von Lebewesen (Rinder), welche (idiotischerweise) konkreten Gene zugeordnet werden, an verschiedenen Börsen gehandelt. Also wieder die berüchtigte Geld mit Geld machen Maschinerie.

Ich habe große Sorge, wenn diesem "Ideenreichtum" der Industrie nicht Einhalt geboten wird, dass Hunger (man müsste selbst für Einheimisches zahlen), Not und Umweltzerstörung (Pflicht zum Anbau von GMOs mitsamt deren umweltbeeinflussenden Eigenschaften wie Herbizid und Fungizidresistenzen) weiter Vortrieb erhalten werden.

beste Grüße vom Technixer an die Autorin

h.yuren 15.06.2011 | 18:56

es ist schön zu sehen, wie raub nachgewiesen wird. aber was sind solche nachweise gegen die herrschaft der konzerne und staatengestützten 'marktordnungen'?

was haben die europäischen bauern gegen den raub der herrschaft in früheren jahrhunderten getan? wenns zu bunt wurde, gabs mord und totschlag oder aber die flucht.

herrschaft lebt vom raub seit jahrtausenden. manchmal nennt man den raub auch 'steuern und abgaben'.

liebe ingrid wenzl, danke für die aufklärung über die räuberischen praktiken der weltkonzerne. das grundproblem, die imperialistische herrschaft, wird leider so nicht gelöst. selbst wenn raub verboten wäre, die räuber schert es nicht.

THX1138 17.06.2011 | 22:57

Wenn ich jeweils in meiner zweiten Heimat, den Philippinen bin, dann kann ich da jeweils das Ergebnis hoch gezüchteter Reissorten von Monsanto (aber auch anderer Saatgutkonzerne) mit eigenen Augen sehen.

Man muss sich vorstellen, dass Reisfelder vor geraumer Zeit noch richtige Biotope waren, die nur so vor Leben strotzten. Doch seit diese hoch frisierten, genetisch veränderten und deshalb gegen jeden erdenklichen Schädling resistenten High Tech-Reissorten landesweit angebaut werden, ist die natürliche Artenvielfalt in diesen grossen Feldern wie verschwunden: Der Mudfish und der kleine Catfish zum Beispiel, Krabben, schwarze Schnecken, Frösche etc. sind mittlerweile gänzlich verschwunden. Dabei darf nicht vergessen, dass verschiedene Fischarten (und Reptilien) für ärmere und (maus)arme Schichten auch wichtige Nahrungsmittel waren, die man sich jeweils gratis und schnell auf dem Feld holen konnte. Das fällt heute natürlich alles weg.

Deshalb (und auch aus anderen Gründen) gibt es auf den Philippinen Masipag, eine landesweite Vereinigung von Kleinbauern, die den Pfad der genmanipulierten Tugend verlassen haben und wieder auf traditionelle Reissorten wie zum Beispiel den Dinorado Reis u. a. setzen und damit grosse Erfolge feiern- auch aus Sicht z. T. erheblich gestiegener Ernteerträge.

Masipag: www.woz.ch/artikel/2009/nr19/.../17862.html

bertamberg 21.06.2011 | 11:24

Gestern im ARD gesehen:
www.ardmediathek.de/ard/servlet/content/3517136?documentId=7472730
"Der Amazonas Regenwald ist einer der reichsten Lebensräume der Erde. Hier existieren mehr Tier- und Pflanzenarten als irgendwo sonst an Land. Doch warum ist das so? Was ist das Geheimnis dieser Vielfalt? Amazonien ist weit mehr als eine bunte Ansammlung exotischer Arten - es ist ein Netzwerk aus komplexen Beziehungen, Symbiosen und Wechselwirkungen. Kommunikation etwa funktioniert in dem grünen Universum häufig über Farben - sie locken Partner an oder schrecken Feinde ab. Während Felsenhähne mit leuchtend rotem Gefieder Weibchen auf sich aufmerksam machen, signalisieren Pfeilgiftfrösche mit grellen Farben, wie ungenießbar sie sind. Im Kronendach mächtiger Urwaldriesen locken farbenprächtige Blüten winzig kleine Kolibris an. Die Form der Blütenkelche entspricht exakt der des Kolibrischnabels - so bleibt der Nektar und damit auch die Pollenverbreitung dem kleinen Vogel vorbehalten. Besonders raffiniert ist es, sich seinen Feind zum Freund zu machen. Ein kleiner Frosch etwa wagt sich in den Bau einer Vogelspinne und hält ihn von Ameisen und Parasiten frei. Im Gegenzug wird er von der Spinne geduldet und lebt in einem sicheren Domizil. Unser Wissen über den größten Regenwald der Erde und seine Bewohner wird immer detaillierter. Seit Tausenden von Jahren leben die Kayapó-Indianer mit und von dem Regenwald. Filmemacher Christian Baumeister begleitet die Kayapó bei ihren aufwendigen Vorbereitungen für das große Bo-Fest. "Mythos Amazonas - Triumph des Lebens" verwebt Einblicke in die Gesellschaft der Kayapó mit außergewöhnlichen Tierbeobachtungen. Ob Mensch, Otter, Kolibri oder Ameisenbaum - jeder spielt eine unverzichtbare Rolle in dem gigantischen Zusammenspiel der Arten. Es ist die Vernetzung, die den Regenwald am Leben erhält und gleichzeitig so verwundbar macht. Wir Menschen beginnen gerade erst zu verstehen, welch große Bedeutung der Regenwald am Amazonas für die gesamte Erde hat."

Zum Schluß: Ein Appell, den Regenwald zu schützen. Gegen wen oder vor was, wurde nicht erwähnt.

tlacuache 21.06.2011 | 12:04

Liebe
THX1138 schrieb am 21.06.2011 um 09:33
und @Technixer:

Den Biosprit aus Mais etc. z.B. muessen wir zur
"Verminderung der Diversität" gar nicht mehr erwaehnen, oder?

Wieder so NYSE, New York Stock Exchange DAX - Multis mässig, muss man das noch erwaehnen?
Nestle macht ja jetzt viel in Trinkwasser...

Auf Trinkwasser wird ja bald auch gewettet:
Ich kauf "Jetzt" 2011 50 Billiarden Kubikmeter Trinkwasser auf dem Papier ("virtuelles Wasser" im "realem Staudammwasser") zum Preis X als Option und "Wette" an der Boerse dass ich ihn zum Preis X+++ 2015 verkaufen kann (Optionsgeschaefte nennt man das).
Das is' natürlich jut für die Artenvielfalt...
Gruss

tlacuache 21.06.2011 | 12:16

"Zum Schluß: Ein Appell, den Regenwald zu schützen. Gegen wen oder vor was, wurde nicht erwähnt."

:-))))))
Da bekommt der Autor des Films in Absprache der IHK und AHK von der Merkel oder Nachfolger das "Bundesvergüllekreuz"...,
aber "Spenden sie jetzt für den Regenwald!",
und die EU kauft endlich Freilandhühner aus dem Regenwald, weil die bösen Grossbauern aus Europa fett wie gemästete Gänse sind...
Schön waren diese Lobbyzeiten