Münzklub

Kehrseite I In einem derart desolaten Zustand habe ich selten eine Person angetroffen. ...

In einem derart desolaten Zustand habe ich selten eine Person angetroffen.

Ich selbst kam gerade aus dem Kino, aus einer nicht gerade erbaulichen Vorstellung, war folglich nur mäßiger Laune und habe zur eigenen, aber auch zur Belustigung anderer Personen immer wieder gerufen: "Lass uns doch mal was ganz Verrücktes machen!" Das nämlich riefen im gerade gesehen Film abwechselnd zwei Schauspielerinnen, die laut anwesender Regisseurin kein Drehbuch hatten, (dieses nämlich hatten sie bereits am ersten Drehtag weggeschmissen, was weniger für den Film als für das Drehbuch spricht) und den gesprochenen Text improvisierten, der aufgrund der Geistesleere der Schauspielerinnenhirne keinen vernünftigen Satz entstehen ließ, sondern eben solche Ausrufe wie: "Lass uns doch mal was ganz Verrücktes machen!", worauf sie über eine Wiese rannten und gen Himmel schrieen. Ich selbst beließ es bei dem Ruf: "Lass uns doch mal was ganz Verrücktes machen!", befand ich mich schließlich mitten in Mitte und nicht auf einer Wiese.

Auf der Suche nach dem Münzklub gerieten wir in einen Hinterhof und staunten hinauf zu seltsam beleuchteten Wohnungen. Es gehört zur Berliner Klubkultur, dass nicht jeder weiß, wo sich der Klub befindet. "Dort oben wohnt Doktor Motte", rief einer aus der Gruppe, eine andere fragte: "Wer ist Doktor Motte?"

Also Münzstraße rauf und wieder runter. Als Individualperson hätte ich schon längst aufgegeben und mich in eines der vielen anderen Etablissements begeben, aber ich fügte mich der Ausgehgruppe, die heute unbedingt den Münzklub erreichen wollte. Endlich fand einer die Klingel. Münzklub. Ist es die Wohnung von Doktor Motte?

Das Treppenhaus ist beeindruckend, jede Stufe ein geschnitztes Kunstwerk. Man fragt sich, ob dieses Haus vor 60 Jahren von keiner Bombe getroffen worden war, oder ob es so aufwändig restauriert worden ist. Im Münzklub befinden sich lebende Menschen und ein lebendiger Hund, der als braune Stolperfalle im Weg rumliegt. Die jungen Menschen haben sich zu plaudernden Grüppchen geformt, wobei das Plaudern ein wenig erschwert wird durch des DJs laute Musik. Laute Beschallung gehört ebenso zur Berliner Klubkultur wie mehrere berühmte DJs, die nacheinander ihre Platten auflegen. Welcher DJ gerade seine gerühmte Arbeit verrichtet, ist nicht zu erkennen, das muss man wissen.

Der Münzklub ist voller Cocktail trinkender Künstler, die hier zu wohnen scheinen. Sie tragen das für Berliner Künstler typische Hauptsache-Scheiße-Outfit, an dem sich arglose Touristinnen in der Kastanienallee die Zähne ausbeißen und dann doch nur mit ein paar H wieder abreisen.

Ein Künstlermädchen trägt Sonnenbrille und Hut und stellt schweigend eine berühmte Prinzessin dar, da sind wir uns sicher. Als sie aufsteht, sind wir ein wenig enttäuscht von der ungeahnten Körperfülle. Je größer das Hinterteil, desto größer die Unterhose. Daneben schwingt ein magersüchtiges Künstlermädchen ihre weißen Cowboystiefel durch den Raum. Gekonnt macht sie einen großen Schritt über den Hund. Ein anderes Mädchen schwenkt ihren Glockenrock zu Birkenstocksandalen hinüber zum Kamin. Berühmte Maler, Lyriker, Schauspieler und Sänger, Filmregisseure, Schriftsteller, Choreografen, Grafiker und Designer, Musiker, Performer, Tänzer, Innen- und Außenarchitekten, Existenzgründer, Ladenbesitzer, Barkeeper und DJs sprechen von Projekten, haben tolle Ideen und geben sich Tipps.

Die Idee ist voll toll!

Dort gibt´s Supersuppe!

Das war ein Spitzen-Satz Schatz, sagt einer und lacht und zwinkert und signalisiert damit seinen Wunsch nach körperlicher Nähe. Sexuelle Orientierung ist sehr wichtig, gerade in einer Gruppe. Mögliche Paarungen müssen eruiert werden. Erst wenn eine Gruppe sexuell geordnet ist, entstehen interessante Gespräche.

Unsere Gruppe hat sich in der Zwischenzeit zu alten Bekannten an einen Tisch gesetzt. Auch das gehört zum Klub, dass man immer alte Bekannte trifft. Meinen Begleiter stelle ich mit Rudi vor, darüber freut sich meine Tischnachbarin sehr und ruft: "Mein Freund heißt auch Rudi. Lebst du hier?", fragt sie. "Ja, seit fünf Jahren." "Ach, genau so lange wie ich." "Ach echt?" "Ach ja."

Sie kann sich an mich nicht recht erinnern, weshalb wir über den Hund sprechen, über den gerade ein Künstler gestolpert ist, der sich vor Schreck nicht vorhandene Haarsträhnen, da von mehreren Haarspangen über der Stirn gehalten, aus dem Gesicht zu streichen versucht. "Wie kann man über einen Hund stolpern", beginne ich zu schimpfen und beklage die Eitelkeit, die sich wie eine Krankheit auf die Menschen legt, so dass sie ihre Umwelt nicht mehr ordentlich wahrnehmen können. Meine Gesprächspartnerin lächelt in ihr Cocktailglas. Der Hund gehört zu ihr und ist ein gutmütiges Tier. Vom Stolpern geweckt, macht er sich auf zu einer kleinen Lokalrunde. Sie fragt mich zum dritten Mal, ob ich in Berlin wohne. "Ja."

Die Frau ist in einem desolaten Zustand oder verrückt oder gerade dabei, mal was ganz Verrücktes zu machen und übt sich in Vergesslichkeit.

Immer wieder führen wir das gleiche Gespräch. Seit fünf Jahren in Berlin. Und Rudi heißt auch Rudi. Auf meine Frage, ob sie in der Zwischenzeit Schauspielerin geworden sei, spricht sie von großen internationalen Kunstprojekten, an denen sie plane. "Aha." "Lebst du in Berlin?" "Ja, seit fünf Jahren." "Ach, genau so lange wie ich." "Heißt dein Freund auch Rudi?" "Woher weißt du wie mein Freund heißt?" "Ich kann hellsehen." Sie lächelt. Ich nicht. Es wird langweilig.

Mit Ach-Du-Heißt-Auch-Rudi verlasse ich das Gespräch, die Gruppe und den Münzklub, rutsche das Treppengeländer hinunter und habe vergessen, nachzuschauen, ob auf dem Türschild Motte steht.

Marion Pfaus, geboren 1966, schreibt Texte, macht Filme und Medienkunst. Als the most unknown popstar immer erreichbar unter http://www.rigoletti.de.


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00:00 26.08.2005

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