Musen gegen Maschinen

Gesellschaft Warum arbeiten? Eine Ausstellung in Dresden wagt die kulturelle Gesamtschau am Ende des Industriezeitalters

Es hätte so schön sein können. Als das Maschinenzeitalter anhob, sahen Visionäre bereits eine Zukunft voraus, in der die Menschheit nicht mehr würde arbeiten müssen. Damit wäre erstmals im großen Maßstab die Situation dafür geschaffen, die Frage nach dem Sinn menschlicher Existenz befreit von den Sorgen um das tägliche Überleben stellen zu können. In dieser Zukunft stünde es menschlicher Arbeit frei, sich Objekt und Ziel zu wählen. In gewisser Weise wäre das erst der eigentliche Beginn der Menschheit, die Zeit davor nur laues Vorspiel am Gängelband natürlicher Lebensbedingungen. Doch es kam anders. Der Anfang steht noch aus.

Das liegt nicht bloß am Stand der Technik. Tatsächlich übernehmen Maschinen viele und immer mehr Arbeiten, aber das wird nicht als Erfolg gewertet, sondern man nennt es strukturelle Arbeitslosigkeit und empfindet es als Krise. Die Folge der Maschinisierung ist nicht die Freude über die Befreiung (von) der Arbeit, sondern das Gefühl eines Verlusts. Das hat damit zu tun, dass Arbeit weiterhin das ökonomische oder moralische Medium ist, um aus eigener Anstrengung heraus seine Lebensbedingungen und den sozialen Status mindestens zu erhalten und womöglich zu verbessern. Wird die Erwerbsarbeit knapp, tritt sie damit mehr denn je auch als Produzent von Ungleichheit auf. Während die einen bis zur Erschöpfung schuften, sind die anderen verzweifelt auf Arbeitssuche; während die einen kaum von ihrer Arbeit leben können, haben andere das gar nicht erst nötig. Was ist schief gelaufen?

Im Reich der Soziologen

Keine ganz kleine Frage. Ihre Beantwortung gibt Tausenden von Fachleuten Arbeit. Viele geben der menschlichen Gier nach Geld und Macht oder der Differenz von bloßer Arbeitskraft und akkumulierbarem Besitz die Schuld. Andere argumentieren kleinteiliger und sehen die Probleme als immanente, aber optimierbare Folge komplexer Zusammenhänge, die sich einstellen, wenn Menschengruppen und ihre Institutionen kritische Größen überschreiten – willkommen im Reich der Soziologie.

So oder so gilt: Arbeit vermag ihre gesamtgesellschaftlich stabilisierende Rolle nicht mehr ohne weiteres einzunehmen und steht doch als Chiffre für Aktivität und Veränderung ohne Alternative da. Ihren Mangel hat die Arbeit selbst auszufüllen – als Begriff, der individuelle Lebensplanung mit gesellschaftlichen Vorgaben diffus genug in Zusammenhang bringt, um die Sinnfrage nicht stellen, aber auch nicht aufgeben zu müssen.

Für eine Ausstellung mit Bildungsauftrag ist diese Gemengelage naturgemäß eine Herausforderung. Arbeit ist kein Thema, dem allein mit wissenschaftlichem und/oder historischem Blick beizukommen wäre. Wissenschaft suggeriert eine Objektivierbarkeit der Zusammenhänge, die es bei der Arbeit nicht geben kann, da sie unvermeidlich auf ihr Ziel verwiesen und mithin eine politische Frage ist. Und der Blick des Historikers mag zwar eine Ahnung davon vermitteln, dass unsere Vorstellung von Arbeit nicht universell, sondern eher ein geschichtlicher Sonderfall ist – was damit aber der Arbeitende oder Arbeitsuchende von heute anfangen soll, bleibt unklar.

Wir haben uns daran gewöhnt, Politik als ein Ankreuzen von Optionen anzusehen, so, als handele es sich um feststehende Antworten aus einem begrenzten Pool von Möglichkeiten im Stile von Quizshows. Die zahlreichen Experten rund um die Arbeit haben die Funktion, dieses Phantasma des Politischen unter Bedingungen des Postpolitischen als Frage eines szientifischen Mehrwissens gehegt im Anderswo zu verorten und damit die gesellschaftlichen Glieder zu ordnen und also ruhig zu stellen. Diskussionen dieser Art sind nicht dazu angetan, Visionen zu eröffnen oder Handlungswillen zu erzeugen. Kein Sturm weht vom Paradiese her.

Nun gab es mal Zeiten, als Intellektuelle jeden, der nicht schnell genug auf den Bäumen war, über seine Entfremdung, Unterdrückung und Ausbeutung aufklären wollten. Die Bereitschaft, sich damit zu beschäftigen, ist heute geringer denn je. Der Wunsch nach Arbeit und Konsum überstrahlt jedes politische Engagement zur Veränderung der Macht-, Besitz- und Arbeitsverhältnisse. Doch das Politische ist nicht verschwunden, es hat nur sein Terrain gewechselt. Deshalb kommt es – im Rahmen einer Ausstellung – darauf an, einen Zugang zum Thema Arbeit zu finden, der den Besuchern ungewohnte Perspektiven auf Momente, Nuancen und Haltungen ihrer eigenen Lebenssituation anbietet, ohne diese durch den Verweis auf das Mehrwissen der Experten zu entwerten. Letztlich geht es darum, den in uns allen abgelegten Begriff der Arbeit zu verändern.

Vom Trieb zur Arbeitslosigkeit

Hierzu bietet es sich an, an den historischen wie systematischen Nullpunkt der modernen Utopie eines Jenseits der Arbeit zurückzukehren. Die angedeutete Freiheit der Wahl zeichnet nämlich auch den Trieb aus, wie ihn Sigmund Freud im Unterschied zu Instinkt und Bedürfnis charakterisiert. Während das Tier fest gefügt im Leben steht und seine Instinkte darauf abgestimmt sind, die lebensnotwendigen Bedürfnisse zu stillen, ist der Trieb dazu fähig und verdammt, seine Objekte auszuwählen.

Vielleicht ist die Psychoanalyse selbst ein Resultat dieses Umbruchs im Verständnis von Arbeit als Definiens moderner Gesellschaft. Freud formulierte seine Triebtheorie zu genau dem Zeitpunkt, als Maschinen bereits selbstverständliche Konkurrenten in der Arbeitswelt waren und die staatliche Fürsorge im Begriff war, ihre Institutionen zu etablieren. 1883/4 waren mit Bismarcks Sozialgesetzen die Krankenversicherung und die Unfallversicherung im Deutschen Reich eingeführt worden. Binnen einer Dekade folgten Alters-, Invaliditäts-, und Rentenversicherung. Österreich zog einige Jahre später nach. 1927 kam noch die Arbeitslosenversicherung hinzu – fertig war der Sozialstaat, wie wir ihn heute kennen.

Die zunehmende Freisetzung von Lebenszeit und die Absicherung des Einzelnen durch staatliche Instanzen können nicht ohne Auswirkungen auf seinen Psycho­haushalt bleiben. Was auf der einen Seite beruhigend ist, produziert auf der anderen Seite das Gefühl einer einengenden Überbetreuung und Kontrolle. Was einerseits die Sorgen nimmt, verhindert andererseits die Zuflucht zu archaischen Evidenzen und stellt einen vor Sinnfragen, die zuweilen überfordern. Technologie und Sozialgesetzgebung haben eine einmalige Konstellation geschaffen, deren Widersprüche in unserem Unbewussten arbeiten. Sie sind gleichermaßen gesellschaftlich wie individuell.

Der Ausstellung Arbeit. Sinn und Sorge geht es darum, die damit verbundenen und bis heute wirksamen Implikationen aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Neben der Arbeitsteilung und der damit verbundenen Solidarität aller Einzelglieder, die durch keinerlei Kunststück oder Gedankenexperiment zu unterlaufen ist und damit eigentlich viele, zumal neoliberale Argumente in die wohl verdiente Wüste schicken könnte, ist es vor allem das stärkste aller menschlichen Gefühle, die für unseren erstaunlichen Arbeitseifer verantwortlich ist: die Angst. Menschen arbeiten, weil sie es nicht aushielten, es nicht zu tun – sei es, weil sie Angst vor Strafe haben, sei es, weil sie schlicht nicht wüssten, was sie sonst tun sollen. Das hat auch damit zu tun, dass Arbeit Struktur gibt und Hierarchie im sozialen Miteinander schafft. Sie begrenzt die Exzesse von Übertragung und unmittelbarem Austausch.

Der letzte Punkt ist unter kapitalistischen Bedingungen der umfassendste, weil er am stärksten die individuellen und historischen Prozesse vorantreibt: noch im größten Nutzen verbirgt sich Verschwendung und umgekehrt. Beschreiben lässt sich dies am ehesten mit der Doppelstruktur des Todestriebs: Einerseits autodestruktiv, treibt er Menschen dazu, Dinge zu tun, die ungesund, unvernünftig und gefährlich sind; andererseits ist er der Trieb zu einem Mehr an Leben, der Wunsch, die Strukturen, die einen im Realismus der Gesellschaft verankern, abzutöten und also freier leben und handeln zu können. Verschwendung ist Widerstand gegen die ökonomische Norm des Mangels, die uns fest im Griff hält.

Was das mit Arbeit zu tun hat, liegt auf der Hand. Eine Arbeit, die dem sicheren Einkommen dient, ist, so explizit gemacht, ebenso lebensförderlich wie lebensfeindlich, gibt sie dem einzelnen doch bereits vor, dass die Arbeit nützlich ist. Das Oszillieren des Triebs wird neutralisiert, er verliert seine verschwenderische Dimension. Man leidet an der Arbeit, in der doch eigentlich alles stimmt. Das spiegelt sich dann in der Freizeit, in der nun um so mehr verschwendet werden soll: Komasaufen, Kampfsport, Konsumorgien. Der freien Zeit wird alles an Verschwendung aufgebürdet, was in der Arbeit ohne Schuldgefühl nicht auszuleben ist. Wer arbeitslos ist und also nur noch Freizeit hat, ist dem oft hilflos ausgeliefert.

Fünf Perspektiven

Ausgehend von diesen drei Grundfiguren: der Arbeitsteilung, der Angst und dem Alternieren zwischen Nutzen und Verschwendung entwickelt die Ausstellung im Hygiene-Museum ihre fünf Perspektiven auf die Arbeit. Der „Frei-Raum“ geht von der schönen Definition aus, dass Arbeit dasjenige ist, was man auch lassen könnte. Allerdings ist es nicht gesagt, ob man wirklich die Wahl hat. Arbeit ist eine Form der Triebsublimierung trifft es schon besser. Doch was der Trieb ist, weiß man eben nur durch seine Repräsentanzen. Und diese werden durch und als Arbeit hervorgebracht.

Mit diesem Aspekt ist angesprochen, was im folgenden Teil im Zentrum steht: Arbeit dient der Befriedigung von Wünschen. Die kapitalistische Erfolgsgeschichte dieses Satzes in Westdeutschland seit 1945 und ab 1990 in ganz Deutschland ist sein Thema. Der Titel „Maschinen-Raum“ zeigt an, dass die moderne Ökonomie der Idee eines rational funktionierenden und auf Optimierung orientierten Aggregats anhängt. Der Bürger hat sich dem zu fügen und tut es unter dem Diktat des Genießens auch weitgehend. Die daraus folgenden Forderungen sind ambivalent. Etwa Bildung auf die Bedürfnisse eines kapitalistischen Systems hin ausrichten zu wollen, bedeutet eine Verarmung menschlicher Existenz und eine Fokussierung auf Aspekte, deren Sinn nur vorläufig sein kann.

Dagegen wird in der Abteilung „Übungs-Raum“ an eine ganz andere Funktion von Bildung erinnert: Arbeit bildet die Persönlichkeit. Auch dies bleibt eine ambivalente Definition und ist insbesondere in Deutschland mit Konnotationen verbunden, die man nicht ernst genug nehmen kann. Nichtsdestoweniger ist Arbeit ein Medium der Intensität. Ohne die Fähigkeit, sich in ein enges Verhältnis zu den Dingen und Aufgaben zu begeben, fehlt dem Menschen eine entscheidende und unverzichtbare Dimension seiner Existenz. Erziehung kann dafür nur die Grundlagen legen; letztlich bleibt es dem Einzelnen und seiner Haltung zur Arbeit in den gegebenen Umständen überlassen, ob er ins Gefüge findet – dem flüchtigen und ephemeren Protagonisten des „Werk-Raums“. Der letzte Bereich schließlich nimmt die traditionelle Definition Arbeit ist Veränderung von Welt auf und variiert die Präposition: Arbeit ist Veränderung für die Welt.

So könnte sich die Moderne und die Welt der Maschinisierung am Ende doch noch als ein großes gnostisches Unterfangen und Erklimmen einer neuen Stufe des Menschseins erweisen. Der Weg wissenschaftlicher Erkenntnis führt über lange Wege zu kybernetischen Zirkelschlüssen der Argumentation, die die Interdependenz so weit treiben, dass wir gar nicht anders können, als uns auch um das Leben am anderen Ende dieser Welt zu sorgen. Das frei zu wählende Objekt menschlicher Arbeit wäre dann das Resultat eines kausalen Denkzwangs. Wissenschaft könnte ein Weg sein, ein globales Gefühl zu erzeugen, die Welt sinn-fällig zu machen. Bleibt abzuwarten, was der Trieb zu dieser Repräsentanz sagen wird.

Die Ausstellung Arbeit, Sinn und Sorge ist ab heute bis zum 11. April 2010 im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden zu sehen - täglich außer Montag 10-18 Uhr. Eintritt 6, ermäßigt 3 Euro. Kurator der Ausstellung ist die Praxis für Ausstellung und Theorie unter der wissenschaftlichen Leitung unseres Autors Daniel Tyradellis

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11:51 26.06.2009

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