Musik fließt von Maschinenbergen

Pop Wie Nils Frahms neoromantische Elektro-Klassik entsteht, kann man sich jetzt aus nächster Nähe ansehen
Musik fließt von Maschinenbergen
Nils Frahm bei einem Konzert im Funkhaus Berlin

Foto: Martin Müller/Imago Images

Tripping with Nils Frahm, wie könnte das aussehen? Man stellt sich Menschen hinter zugezogenen Gardinen in Ohrensesseln auf Fischgrätenparkett vor. Sie trinken riesige Mengen Wasser und haben zwei Telefone mit unterschiedlichen Notfallkontakten auf Kurzwahl neben sich liegen. Die Kinder sind bei den Großeltern geparkt, alle Termine für den Rest der Woche abgesagt. Lautsprecherboxen (ab 1000 Euro aufwärts) und Tripwillige bilden ein gleichseitiges Wohnzimmerdreieck. Auf dem Fernseher flimmert der neue Konzertfilm des Künstlers. Wirklich alles ist perfekt.

Aber ist es den Aufwand auch wert? Das ist immer die Frage bei Frahm. Der Komponist aus Berlin hat es mit Materialsammelmusik zum Star seiner eigenen Nische gebracht. Er schreibt eine Art neoromantische Elektro-Klassik am Klavier und an anderen Gerätschaften, er präpariert seine Instrumente, bearbeitet sie zum Beispiel mit Klobürsten und türmt sie zu Maschinenbergen auf, von denen immer wieder sehr schöne Musik herabfließt. Die Leute lieben das. Sie haben Frahm schon im Sydney Opera House angeguckt, in der Elbphilharmonie, der Londoner Royal Albert Hall oder der Walt Disney Concert Hall in Los Angeles. 21 Geräte zählt der sicherlich unvollständige Wikipedia-Eintrag des Künstlers unter dem Punkt Equipment auf. Auch das ist irgendwie cool.

Schmerz tropft aus Melodien

Wie das Equipment aussieht und klingt, zeigt nun Tripping with Nils Frahm, eine Kombination aus Livealbum und -film, aufgenommen vor zwei Jahren im Berliner Funkhaus, dem inoffiziellen Wohnzimmer des Musikers. In langen und sehr langen Stücken entfaltet sich das Zusammenspiel der Synthesizer und Drumcomputer, Orgeln und Effektgeräte mit Frahms Flügel. Der Künstler verschiebt Regler, drückt Tasten und Knöpfe, setzt sich hin, steht wieder auf und lässt kurz den Leistungssportler raushängen. Es gibt keine offensichtliche Trennung zwischen Performer und Publikum. Etwa tausend Leute sitzen um Frahm herum, sechs Kameras beäugen seine Hände und meist geschlossenen Augen, seine Bartstoppeln und Socken der Marke Happy Socks.

Der Regisseur Benoit Toulemonde hüllt die Ereignisse von vier Konzertabenden in schwaches Licht und ofenwarme Farben. Auch er betont noch einmal die Intimität des ganzen Unternehmens, die schon im fehlenden Bühnenaufbau, in Frahms Mimik und nicht zuletzt in seiner Musik angelegt war. Näher kommt man gerade nicht dran, stärker kann man ihn derzeit nicht spüren, das ist so weit die Botschaft. Trotzdem wundert man sich am Ende des Films. Wann geht denn nun eigentlich die Sache mit dem Trip los?

Frahm ist gerade der beste Langweiler im erweiterten Popbetrieb, das kann man genauso böse wie anerkennend meinen. Süßer Schmerz tropft aus seinen Melodien, Aufbau und Wendungen seiner Stücke rufen bewährte Effekte ab. Menschen hören ihn, weil er Wehmut und Spektakel in ungefährlichen Verhältnissen portioniert. Frahm ist nicht der Trip, sondern der Notfallkontakt. In der Filmversion von Tipping with Nils Frahm zeigt sich deshalb ein Dilemma, das auf seinen bisherigen Alben noch schwerer festzunageln war. Die Bilder und der Sound, der Körpereinsatz des Künstlers und die Kunst, die er damit bezweckt, stehen in unvorteilhaftem Gegensatz zueinander. Die Musik von Nils Frahm sieht spannender aus, als sie klingt.

Womöglich liegt darin auch ihr Reiz für das Publikum begründet. Wer wie die meisten Frahm-Fans vom Pop kommt, erlebt Frahm-Konzerte als Grenzerfahrung, die niemandem wehtut. Ein Bekenntnis zum edlen Schönklang, das zugleich als Aufbegehren gegen die Verkrachung des Alltags funktioniert. Nüchterner Erkenntnisgewinn nach 90 Minuten Tripping with Nils Frahm: Wo Hipster und Biedermeier das Gleiche wollen, baut dieser Mann seine Maschinen auf.

Info

Tripping with Nils Frahm Erased Tapes/Indigo und Mubi 2020

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06:00 13.12.2020

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