Musik für das gute Gewissen

Danger Dan In den Jahrescharts von Radio Eins ist der Künstler Danger Dan einsame Spitze. Das passt in eine Zeit, in der politische Meinung allzu oft mit moralischer Erhöhung einhergeht
Gegen den Aachener Rapper Danger Dan ist nichts zu sagen: Er macht schöne Klaviermusik mit lustig nachdenklichen Texten
Gegen den Aachener Rapper Danger Dan ist nichts zu sagen: Er macht schöne Klaviermusik mit lustig nachdenklichen Texten

Foto: Carsten Thesing/Imago

Das vergangene Jahr möchte man gerne zu den sogenannten Akten legen, aber ein wenig müssen wir uns noch mit ihm beschäftigen, denn etwas wird bleiben. Die Hörerinnen und Hörer von Radio Eins haben ihre Jahrescharts gewählt und auf den Plätzen eins bis drei befindet sich der Künstler Danger Dan. Das ist nicht nur ein Rekord bei dem Sender, es könnte auch wirklich gar nichts den noch ein bisschen anhaltenden Zeitgeist besser beschreiben als sein konsensualer Siegeszug.

Gegen Danger Dan ist nichts zu sagen. Er macht schöne Klaviermusik mit lustig nachdenklichen Texten im Geiste von Kreisler und Grönemeyer. Singt Liebeslieder zu Streichern, sagt, dass man Nazis nicht mit Lichterketten beikommen kann. Karikiert auf seinem Album aggressives Eso-Zwangs-Optimismus-Gelaber – so ist für jede Abgrenzerin was dabei. Alle lieben ihn, er wird sogar im Deutschunterricht besprochen und als „Antideutscher“ kann er auch von Vice und Springer geliebt werden.

In seinem beliebtesten Lied Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt singt er, dass Oury Jalloh von Polizisten gefesselt und angezündet und der NSU vom Verfassungsschutz mit aufgebaut wurde, und leistet damit einen Dienst an der Aufklärung. Er muss sich hie und da allerdings auch anhören, dass die Provokation, Gauland einen Nationalsozialisten zu nennen, im besten Falle zu einer Anzeige und somit zu PR führt, denn seit der Verfassungsschutz-Beobachtung von Feine Sahne Fischfilet oder der Polizei-Kolumne von Hengameh Yaghoobifarah weiß man, Morddrohungen sind eine unverzeihliche Straftat, aber führen eben oft auch zu Fotomodell-Aufträgen für Luxuskaufhäuser oder an die Spitze von Radio-Charts. Doch Danger Dan thematisiert sogar die immer drohenden Widersprüche, wenn er davon singt, Sextouristen in Bangkok zu verprügeln, was vermutlich auch nicht das Patriarchat stürzen kann.

Ein paar Linke fanden ihn und seine Musikgruppe, von der ich immer denke, sie heißt Vorstadtkrokodile – dabei heißt sie Antilopen Gang – schon früher nicht progressiv genug, und vermutlich macht das nicht besser, dass er sich als linksradikal beschreibt, weil er für sichere Fluchtrouten ist. Aber umso interessanter ist es doch, dass die lauteste Linke seit langem – also die korrekte Bro-Culture-Gang von Böhmermann über Max Czollek bis Igor Levit – mit Danger Dan einen Liedermacher gefunden hat, den alle lieben, weil er Musik für ein gutes Gewissen macht, mit Antifa-Banner als Bühnenhintergrund, was auch keinen mehr zu provozieren scheint. Oder wie Radio Eins („Nur für Erwachsene“) sagt: Es ist ein „Konsens-Album“. Denn mit Danger Dan steht man auf der richtigen Seite.

Dass Subversivität kaum mehr möglich scheint, ist nicht Danger Dan anzulasten. Auch nicht, dass politische Meinung zu oft mit einer moralischen Erhöhung einhergeht. Aber zu einer Zeit, in der Kinder nicht geimpft werden, ohne dass die Eltern das in jeden kindesbezogenen Gruppenchat schreiben, in der Artikel über den Klimawandel damit beginnen, dass man selber ja nur Bahn fahre, macht Danger Dan eben die passende Musik. Eine Zeit, in der man sich als progressiv links verstehen und gleichzeitig Polizeigewalt und Staatsautorität herbeisehnen kann, sobald es die andere Seite trifft. Und mit dieser denkfaulen und eitlen Erhöhungs-Politisierung der Danger-Dan-HörerInnen werden wir uns auch in diesem Jahr noch beschäftigen.

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