Musiker mit Botschaft

Porträt Markus Rindt ist Intendant der Dresdner Sinfoniker und scheut keine politischen Konflikte
Susanne Kailitz | Ausgabe 33/2016 1

Markus Rindt hat bislang durchaus ein spannendes Leben geführt. Und doch wird ihm der April 2016 immer als der Monat seines persönlichen Ausnahmezustands in Erinnerung bleiben. Er war damals permanent in Anspannung. Und das ging mit feuchten Händen einher: Irgendwann war es so schlimm, dass der Sensor in seinem Handy, der normalerweise seinen Fingerabdruck scannt, nicht mehr funktionierte. Die Folge: Rindt konnte sein Handy nicht mehr entsperren – und das ausgerechnet in einer Zeit, in der das Telefon kaum noch stillstand. Rindt gab ein Interview nach dem anderen, sogar der Bundestag und das Auswärtige Amt befassten sich plötzlich mit ihm.

Kurz zuvor hatte der Intendant der Dresdner Sinfoniker publik gemacht, dass die Türkei eines seiner Konzertprojekte stoppen wollte: Aghet, eine Aufführung der Dresdner Musiker gemeinsam mit Künstlerkollegen aus der Türkei, Armenien und Jugoslawien, nach einer Idee des deutsch-türkischen Gitarristen Marc Sinan. Es geht um den Genozid an den Armeniern vor 100 Jahren. Weil Rindt und seine Kollegen in allen Ankündigungen diesen Völkermord auch als solchen benennen, hatte die türkische Regierung bei der Europäischen Union interveniert und gefordert, die finanzielle Förderung für das Projekt solle gestoppt werden. Einen „Angriff auf die Meinungsfreiheit“ nannte Rindt dieses Vorgehen und weigerte sich, das Programm sprachlich zu entschärfen: Man müsse die Dinge doch beim Namen nennen!

Am Ende konnte er sich durchsetzen, Aghet wurde wie geplant aufgeführt. Doch schon bald könnte der nächste Streit anstehen. Demnächst soll das Stück auch in der Türkei seine Premiere feiern.

Neue Musikstile und fremde Kulturen für Dresden

Markus Rindt hat sich schon immer als politischer Künstler verstanden. Er wurde 1967 in Magdeburg geboren, studierte Horn in Dresden. Im Jahr 1989 floh er über die DDR-Botschaft in Prag nach Westdeutschland. Mitte der 90er Jahre kehrte er nach Dresden zurück. Wenn Leute dann abfällig über die „Wessis“ gesprochen haben, dürfte er das mit seinen Erfahrungen in Köln verglichen haben. Gab es in Dresden vielleicht schon damals eine weitverbreitete Intoleranz gegen alles Fremde und Andersartige?

Rindt hatte jedenfalls das Bedürfnis, die Stadt neuen Musikstilen und fremden Kulturen zu öffnen. Und so holt er seit 1997, als er mit seinem Freund Sven Helbig die Dresdner Sinfoniker gründete, zeitgenössische Musik der anderen Art in die Stadt, die sonst so gern im Gemütlich-Bekannten schwelgt. Seit der Gründung des Orchesters kommen die Musiker zu einzigartigen Projekten zusammen: mit israelischen und arabischen Musikern zu Cinema Jenin: A Symphony, einem Stück um den Nahostkonflikt; zum Filmkonzert Waltz with Bashir über den Libanon-Krieg; oder zu Dede Korkut, der Aufführung eines asiatischen Heldenmythos über Ausgrenzung und Vertreibung. „Wir wollten uns immer schon bewusst vom klassischen Repertoire absetzen“, sagt Rindt, „und Programme aufführen, die auf den Spielplänen anderer Orchester nicht zu finden sind.“

Der große Mann mit den breiten Schultern und dem wilden Lockenschopf brennt für seine Projekte. Mit seinem Feuer kann er auch Leidenschaft bei denen entfachen, die zunächst skeptisch sind, etwa bei Teenagern.

Rindt geht es nämlich nicht nur um den Erfolg auf der Bühne. Parallel zu den Aghet-Proben schob er auch ein Vermittlungsprojekt zum Stoff des Stückes an: An zwei Gymnasien in Dresden erarbeiteten Rindt und sein Team mit Neunt- und Zehntklässlern ein Theaterstück zum Völkermord an den Armeniern. Die Jugendlichen kümmerten sich um Bühnenbild, Komposition, Text, sie drehten sogar ein Video über Proben und Aufführung. Am Ende entstand das Stück Die vierzig Tage des Musa Dagh, das den gleichnamigen großen Roman Franz Werfels aus dem Jahr 1933 dramatisiert.

Gegenentwurf zu Pegida

Im Wirbel um die türkische Intervention gegen Aghet ist all das nahezu untergegangen, Rindt schmerzt das bis heute. Für ihn war das Theaterstück „auch ein Gegenentwurf zu Pegida“. Schließlich habe es junge Leute in Dresden dazu gebracht, sich mit Flucht und Vertreibung auseinanderzusetzen. „Da haben wir eine ganz spannende Entwicklung erlebt: Am Anfang hatten viele der Schüler kaum Lust auf das Projekt. Zum Schluss brannten sie dafür. Und natürlich war der Stoff auch Anlass, über die aktuelle Politik zu diskutieren.“

Rindt hat daraus eine Lehre gezogen: „Wir werden möglichst oft versuchen, solche Vermittlungsprojekte zu realisieren.“ Dass es auch Kraft kostet, nimmt Rindt in Kauf. Schon jetzt ist sein Terminkalender rappelvoll; und es ist eine Herausforderung, das künstlerische Schaffen und die anstehenden Tourneen, etwa nach Mexiko, Kuba oder in die Ukraine, mit dem Familienleben zu koordineren, Frau und Kind leben in Brandenburg.

Gespannt wartet der Intendant der Dresdner Symphoniker nun auf die Aufführung von Aghet in Istanbul, die für November geplant ist. Dort gibt es dann eine Kammermusikversion des Stücks, außerdem wollen die Künstler mit Kollegen und Intellektuellen eine türkisch-armenisch-deutsche Friedensgesellschaft gründen. Die Initiative ist an die einst von Mikis Theodorakis gegründete griechisch-türkische Freundschaftsgesellschaft angelehnt. Rindt weiß, dass das erneut Wirbel verursachen wird. Es könne schon sein, dass dann wieder berichtet werde, und es Verstimmungen auf türkischer Seite gebe. Aber jetzt geht wenigstens am Handy wieder alles, dann sind die vielen Anrufe kein Problem.

Susanne Kailitz ist freie Journalistin in Dresden

06:00 24.08.2016

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