Musikmatrosen

Kehrseite I Wind und Meer haben in seinem Kopf Schiffe entstehen lassen. Immer wieder Schiffe. Er ließ sich Tusche schenken und brachte sie mit einer Feder auf ...

Wind und Meer haben in seinem Kopf Schiffe entstehen lassen. Immer wieder Schiffe. Er ließ sich Tusche schenken und brachte sie mit einer Feder auf Papier. Außer ein paar winzigen Fischkuttern sahen wir auf dem wirklichen Meer vor uns fast nie ein Schiff. Fast nie war sein Horizont von Masten durchstochen. - Durch meines Bruders Kopf aber fuhren Schiffe, alte Schiffe. Eine Fregatte, eine Brigg, ein Schoner, eine Kogge, eine Brigantine, eine Korvette. In seinem Zimmer sah ich Seekarten vom Skagerrak und vom Belt und einen Globus.

Mein Bruder veränderte sich, wurde kräftiger. Er boxte, stemmte Hanteln, ruderte mit anderen zusammen. Er schwamm auch im Herbst noch in der Ostsee. Im Dorf wurde erzählt, ein Zahnarzt aus Rostock hätte versucht, auf einer Luftmatratze das Meer zu überqueren. Ganz anders mein Bruder Jonas. Er hat uns auf seinen Schiffen stückweise verlassen, noch ehe ich es bemerkte.

Zwischen den Blättern mit den Schiffen hatte er Fotos an die Wand gezweckt. Unscharfe, kontraststarke, postkartengroße Fotografien. Jemand hatte Beatgruppen aus westdeutschen Illustrierten abfotografiert, die für uns unerreichbar waren. Aber diese unscharfen Handabzüge näherten uns den Musikern mehr, als es eine farbige Illustrierte vermocht hätte. Sie erschienen wie entfernte Verwandte in einem Fotoalbum. Ringo, George, John und Paul als grinsende Cousins. Gleichzeitig tauchten sie auf den schlechten Fotografien aus unüberwindlicher Entfernung auf, verschwommen, verwackelt, verlegen über die See grüßend. Nach seinem Erzählen waren sie so etwas wie Abenteurer, Draufgänger, Herzensbrecher: Musikmatrosen, deren Musik entweder bei allerstärkstem Sturm als ein Peitschen und Dröhnen in unser Dorf einfiel oder - bei Windstille und strahlend blauem Himmel - als fremde Klänge der BBC und Radio Luxemburg.

Soweit ich weiß, führte er kein Tagebuch. Stattdessen erfuhren seine Schulbücher erstaunliche Veränderungen. Die Schulbuchwahrheiten verschwanden unter Schichten von Skizzen, Notizen und Nachrichten von ihm, und das Unumstößliche, das diese Bücher an sich haben, verfiel. Auf dem Foto im Buch für den Staatsbürgerkundeunterricht hatte der Erste Sekretär des Zentralkomitees zwar noch immer seinen Spitzbart, aber er erschien jetzt unter einer unglaublichen Mähne aus blauen Locken. Eingebettet in die Kugelschreiberkringel erinnerte sein Gesicht an einen barocken Musiker. Jonas hatte ihm eine Gitarre umgehängt, die der Mann mit seinen Greisenhänden zu spielen schien. Die seitlich gewandten Köpfe der Führer der Arbeiterbewegung sangen dreistimmig a cappella. Im Russisch-Buch blähten sich die kyrillischen Buchstaben zu unverständlichen Formen auf und begegneten dem Betrachter wie Symbole in einer Phantasmagorie, dem Rauschzustand, der bedrohlichen Halluzination. Volksaufstände, Straßenschlachten, kurz der Klassenkampf, verwandelten sich im Geschichtsbuch zu nie gesehenen Open-Air-Festivals. Im Atlas und im Erdkundebuch durchkreuzten mächtige Segelschiffe nicht nur sämtliche Meere und Ozeane, sondern sie durchpflügten auch das Festland. Ihre Routen zerschnitten die Kontinente, und die Schiffe durchquerten die Territorien der sozialistischen Staatengemeinschaft ebenso wie die von NATO- und EG-Staaten. Mehrere mit Kanonen bestückte Fregatten lieferten sich in der Inneren Mongolei eine Seeschlacht, während die Alpen offensichtlich durch eine Seeblockade vom Rest der Welt abgeschnitten waren.

Die Tabellen und Formeln im gleichnamigen Nachschlagewerk waren nicht nur mit Texten von Rockballaden überschrieben, sondern auch mit Notenbeispielen und Zeichnungen, wie man die Gitarre zu greifen hat. Rotwein- und Bierflecke, Brandstellen, fehlende Seiten unterstrichen den zunehmenden Verlust von herkömmlicher Wahrheit. Die wohlgeordnete Welt auf der Grundlage des historischen und dialektischen Materialismus ging unter in einem zumeist englischsprachigen Chaos, in dem die Abenteuer, Reisen und die Rockmusik dominierten.

Später, als er fort war, viel später, stieß ich auf dem Dachboden auf seine Zeichnungen, die Hanteln, die Fotos. Ich hätte seine Schulbücher gern mit in die Schule genommen. Das, was davon übrig war. Sie enthielten Wirklichkeit. Die Beatles-Texte und seine Schiffe darin: Sie hätten mich bewahrt. Vor der Lähmung, die von Schulbüchern ausgeht. Ich war immer ganz erstarrt und deprimiert, wenn ich zu Beginn eines Schuljahres meine neuen Bücher bekam. Sie verlangten viel Einverständnis von mir, Nicken und Verstummen. Aber ich konnte seine Bücher nicht nehmen. Die Zeit für Jonas´ Schulbücher war abgelaufen. Sie entsprachen nicht mehr dem Lehrplan.

Stattdessen musste ich die eigenen Bücher bemalen, beschmutzen und sie allmählich zersetzen. Und das jedes Jahr! Das war viel Arbeit und geschah mit längst nicht so viel Liebe wie bei ihm, glaube ich. Hatte man deshalb den Lehrplan geändert? Zu viel Liebe war in seiner Zerstörung?

Dirk Werner, 1961 in Gera geboren, lebt als Filmvorführer und Autor in Esslingen/Neckar. Zuletzt erschien im Freitag 29/2007 seine Geschichte Manet, Monet, Money.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare