Muskelspiele

Unschuld mimen Einen kleinen Augenblick lang sah es so aus, als würden die USA auf die Terroranschläge nicht nach altem Muster reagieren. Zu früh gefreut. Überlegungen einer Amerikanerin in Deutschland

Gerade dachten wir, wir könnten uns weismachen, die Ereignisse des 11. September hätten nicht wirklich stattgefunden, da überrumpelten uns die Vergeltungsschläge: zu einem Augenblick, als wir vielleicht hofften, das Schlimmste sei allmählich ausgestanden, aber wussten, dass es in Wirklichkeit noch bevorstand. Es war nur eine Frage der Zeit.

Ich kam von einem Waldlauf zurück und wollte mich gerade um mein Abendessen kümmern, als ein Freund anrief, um mir zu sagen, dass die USA Afghanistan angegriffen hätten. Ich schaltete CNN ein und sah auf dem Fernsehschirm unheimliche grüne Bilder - merkwürdig pixelige Formen von Afghanistan, die mühsam Gestalt annahmen wie beim Belichtungsprozess in einer Camera Obscura. Verwaschene grüne Landschaften aus "Nachtsichtgeräten", seltsame, wie vom Mars gesendete Signale eines Fernsehkanals, der normalerweise hervorragend zu empfangen ist. Surrealismus versus Professionalismus. Ein blanker Widerspruch, diesmal nicht in Worten, sondern in Bildern.

In einem schwachen Moment würden die Amerikaner sagen: "Wir sind ein junges Land. Wir sind noch nicht erwachsen. Wir hatten nicht genug Zeit, um zu lernen, uns zu entwickeln und das zu sein, was wir sind - Dinge, die erst mit der Zeit und der Erfahrung kommen." Ich frage Sie, ist dies denn das Land, in das wir unser Vertrauen setzen möchten? Ein Land, das die Muskeln spielen lässt, aber wenn es hart auf hart kommt, Unschuld mimt ("wir sind so jung und wissen es eben nicht besser"). Eine Unschuld nach Art des Fußballspielers, der gerade jemanden gefoult hat und gleich darauf in einer Gebärde des "Wieso ich?" die Arme hochreißt - bloß dass die Konsequenzen hier ungleich schwerer wiegen. Ich bin zwar keine Mutter, aber ich weiß, dass Erziehung von Kindern auch darin besteht, ihnen das Nachdenken über ihr Tun beizubringen. Sich Ursachen und Wirkungen zu überlegen. Zu lernen, dass sie Verantwortung für die Folgen ihrer Handlungen übernehmen müssen. Jeder Heranwachsende weiß das, und man braucht wahrhaftig keine eigenen Kinder zu haben, um diese Entwicklung, die nicht unbedingt auf ein Endergebnis, sondern auf den Prozess zielt, zu begreifen.

In den wenigen Tagen nach dem 11. September hingen wir alle bange am Bildschirm und fragten uns, ob die USA Vergeltung üben würden. Nach einer Woche hatten wir unsere Ängste eingedämmt und hofften, der "Krieg gegen den Terror" würde ein leiser, subtiler sein. Ein allumfassendes "Antivirusprogramm", das wir weder sehen noch irgendwie erfassen könnten.

Fast ein Monat verging, ehe am 7. Oktober das Bombardement begann, und schon standen wir wieder am Ausgangspunkt. Die Frage des "fight oder flight" war längst beantwortet: Da die Option des Fliehens durch die Ereignisse vom 11. September hinfällig geworden war, was blieb da anderes übrig als die klassische amerikanische Reaktion, aufzustehen und zu kämpfen wie ein Mann? Mir scheint allerdings, bei den seit dem 7. Oktober von den USA ergriffenen Maßnahmen geht es weniger um Reflexion - den Prozess, sich zu fragen "was haben wir getan, um das zu verursachen?" - als vielmehr um das Endergebnis. Das, wie manche sagen würden, im Bombardieren besteht. Als Amerikanerin würde es mir als Verrat angerechnet, solche Gedanken überhaupt nur zu denken, ganz zu schweigen davon, die Frage zu stellen, ob Vergeltung gerechtfertigt ist. Ich würde als naiv und unpatriotisch gelten. Ziemlich wahrscheinlich als "rot".

Aber es kommt hier nicht auf Patriotismus an. Es geht um Reflektion, um das Lernen aus den eigenen Fehlern. Es geht darum, erwachsen zu werden. Darum, "sich den Sand aus den Augen zu wischen". Darum, jenseits der Schablonen zu denken und uns selbst zu fragen, was wir getan haben, um diese Geschehnisse zu verursachen. Es geht um das Bewusstsein, dass man durch Kratzen an der Wunde das Problem nur verschärft.

Ich sitze in Europa, Amerikas älterem Geschwisterkontinent, und wundere mich, dass Europa die Maßnahmen seines jüngeren Gegenparts nicht in Frage stellt. Ich sitze in Deutschland vor meinem Fernseher und schaue die Nachrichten, in denen es heißt, die PDS - letztes Bruchstück der Kommunistischen Partei sei die einzige Partei im Parlament, die sich gegen Vergeltung mit militärischen Mitteln ausspreche. Ich frage Sie: Wo sind die Grünen? Wie soll man heute Amerikanern die Ursprünge der im Pazifismus gegründeten Partei der Grünen erklären angesichts der Tatsache, dass sie sich nun für den Militäreinsatz gegen die Taleban in Afghanistan stark macht? Ohne substantiellen öffentlichen Beweis, dass solche Maßnahmen gerechtfertigt sind? Man möchte glauben, die Deutschen, zumindest die Grünen, würden sich auskennen mit den Gefahren von Propagandakriegen. Unterdessen haben die USA auch Unterstützung von England bekommen, einem Land, das von einem Mitglied der Arbeiterpartei regiert wird, die - möchte man annehmen - zur Verteidigung der Benachteiligten gegründet wurde. Meines Wissens galten die USA noch nie als benachteiligt. Nicht einmal am 11. September.

Diese schizophrene Haltung ist der "Terror", mit dem man sich befassen muss. Geht es nur mir so, oder finden andere es auch merkwürdig, Afghanistan zu bombardieren und gleichzeitig "Carepakete" auf die im Umkreis der Bomben verhungernden Menschen abzuwerfen? Carepakete, versichert uns CNN, die sogar als "halal" gekennzeichnete Kekse enthalten. Man darf sich fragen, ob diese Hilfsgüter für Hilfe sorgen sollen oder dafür, die humanistische europäische Welt nicht zu befremden.

Bei alledem gibt es ein paar kritische Geister, die sich gegen die Maßnahmen der USA ausgesprochen und gefordert haben, uns hinzusetzen und nachzudenken. Und zwar gründlich. Leute wie Susan Sontag, Noam Chomsky und Norman Mailer. Oder sogar Ulrich Wickert, der "Walter Cronkite" des deutschen Nachrichtenwesens von heute. In einer Kolumne für die deutsche Ausgabe der Zeitschrift Max zitierte Wickert einen Vergleich zwischen Präsident Bush und Osama bin Laden bezüglich ähnlicher "Denkstrukturen". Das heißt, ihrer beider Neigung zu pauschalen Verurteilungen. Viele in Deutschland, zumal die CDU-Konservativen, liefen Sturm gegen diesen Kommentar, was zum Ergebnis hatte, dass Wickert höflich aber bestimmt aufgefordert wurde, sich im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu entschuldigen. Doch wenn ich mir Aussagen in Erinnerung rufe, die ich in den vergangenen Wochen auf CNN hörte, die Menschen auf der ganzen Welt stünden entweder im "Lager des Glaubens oder des Unglaubens" (bin Laden), sie seien "für uns oder gegen uns" (Bush), so meine ich, dass Wickert mehr Gehör verdient. Selbst Bushs militärischer Oberbefehlshaber Colin Powell hat in der Vergangenheit mit seinen Aufrufen zu behutsamer Entscheidungsfindung und seiner mehrmaligen Ablehnung amerikanischer Militärschläge mehr Vertrauen erweckt. Wohl deshalb, weil er offenbar die Welt nicht nur in Schwarz-Weiß sieht.

Es bleibt abzuwarten, ob der Angriff auf Afghanistan gerechtfertigt ist. Ob er wirklich einem klaren Zweck gedient haben wird. Wir als CNN-Zuschauer - gewissermaßen Außenstehende, die von draußen hereinschauen auf die sorgfältig konstruierten Erklärungen an die Presse und den verschleierten Innenbetrieb der Regierung - können uns auf wenig "substantielles Beweismaterial" stützen, können die Carepakete nicht recht mit den Bomben in Einklang bringen. So vage und verschwommen die Bilder der Nachtsichtgeräte von der Bombardierung, so auch die möglichen positiven Resultate.

Jeder, der sich in den vergangenen sechs Wochen über die Weltnachrichten auf dem laufenden gehalten hat, weiß, dass die Sowjetunion einen zehn Jahre währenden Krieg gegen Afghanistan führte, nur um nach einem langen Blutbad in den gefahrenträchtigen afghanischen Bergen den Rückzug antreten zu müssen. Knapp zwei Wochen nach den Angriffen auf das World Trade Center sprach ich mit mehreren Amerikanern, einer davon ein konservativer, Bush wählender Vietnam-Veteran. Doch bevor ich noch das Wort "Vietnam" in den Mund nehmen konnte, hatte er es bereits für mich ausgesprochen. Und er fuhr fort: "Die Amerikaner gehen an Orte, wo sie nicht hingehören und über die sie nichts wissen." Tatsächlich birgt das Wort "Vietnam" für die meisten Amerikaner einen sinnlosen Krieg, der sie zwang, den Schwanz einzuziehen und wie blamierte Hunde nach Hause zu gehen. Ein Krieg, der ihnen schnell über den Kopf wuchs, weil sie ihn mit der arroganten und ignoranten Überzeugung antraten, sie könnten im Namen der Demokratie ein Land erobern, über das sie nichts wussten und obwohl sie nicht einmal mit dem dortigen Terrain vertraut waren.

Wir Amerikaner - als vermeintlich "zivilisierte" Wesen - sollen unser Vertrauen in die USA setzen ("Entweder seid ihr für uns oder gegen uns"). Gleichzeitig lässt man uns im Dunkeln. Wie kann ich - die ich mit einem Vietnam-Veteranen aufwuchs - um den Gedanken umhin, dass hier keine speziell ausgebildeten "Elitesoldaten" nach Afghanistan gesandt werden, sondern milchgesichtige Neunzehnjährige aus den Maisfeldern des amerikanischen Mittleren Westens? Soldaten, gesandt in ein Land, dessen Geostruktur sie vermutlich in derartige Verwirrung stürzen wird, dass sie zu einer Napalmversion des 21. Jahrhunderts werden greifen müssen. Und dies im Namen der "Gerechtigkeit", vollstreckt an einem ungreifbaren Feind, der nicht wirklich in Afghanistan ansässig ist. Wenn diese Soldaten überleben, werden sie sich dann nicht, wie die Vietnam-Veteranen, fragen müssen: "Was genau haben wir eigentlich in Afghanistan gewollt?". Es ist wahrlich anmaßend und unwissend, zu glauben, eine Auslöschung bin Ladens werde zugleich den Terrorismus auslöschen. Verwendeten die Amerikaner ihre Zeit ernstlich auf den Versuch, die wahren Gründe für die Ereignisse des 11. September zu entschlüsseln, dann hätten sie nicht einmal mehr Zeit für die gegenwärtigen Militäreinsätze in Afghanistan.

Auf der anderen Seite der Welt hat die indische Schriftstellerin Arundhati Roy eine beredte und detaillierte Analyse darüber vorgelegt, was den Amerikanern ins Haus stünde, wenn sie nur damit anfingen, aufrichtig die Frage nach dem Warum zu stellen. Lebhaft schildert sie in diesem Aufsatz die Dreistigkeit und Verlogenheit US-amerikanischer Außenpolitik, die - wenn wir sie denn zur Kenntnis nähmen - durchaus eine der Wurzeln des Dilemmas sein könnte, das wir jetzt zur Kenntnis nehmen müssen. Das heißt nicht, dass die Amerikaner für die faktischen Ereignisse am 11. September verantwortlich sind. Aber, wie Roy sagt, diese Ereignisse erschienen nicht "überraschend", wenn wir uns entschlössen, dem Problem ins Auge zu sehen. Doch das ist gerade das Problem. Wir wissen alle, dass die Amerikaner Happy Ends lieben. Aber im Unterschied zu den meisten anderen Menschen werden sie alles nur Erdenkliche tun, um ein Happy End herbeizuführen - oder sogar zu erzwingen -, und sie können dies, weil sie eine ziemlich einzigartige Begabung besitzen, Denkanstrengungen zu umschiffen, zu verschludern, ja zu sabotieren.

Im Englischen sagen wir "hits home". Das entspricht dem deutschen "Aha-Erlebnis", dem Moment, in dem wir etwas blitzartig in seiner ganzen Dimension begreifen. In dem uns "ein Licht aufgeht". Buchstäblich waren die Ereignisse des 11. September gewiss ein "Schlag ins Haus". Ob die Gründe dafür allerdings ebenso schlagartig ins Hirn vorgedrungen sind oder nicht, diese Frage zu beantworten, bedarf offenbar noch einiger Reflektion. Oder, zum Witz zugespitzt: "How many ›hits home‹ does it take for something to ›hit home‹?" Wie oft muss es in der eigenen Stube einschlagen, ehe es im Oberstübchen eingeschlagen hat? Mit Durchschlagskraft, so scheint es, entscheidet das amerikanische Militär derzeit in Afghanistan.

Aus dem Englischen von Stefan Barmann

Die amerikanische Journalistin, Schriftstellerin, Übersetzerin und Trendforscherin A. Louisa Schaefer lebt seit 1990 in Köln und arbeitet unter anderem für die U.S. Radiosendung Germany Today.

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00:00 02.11.2001

Ausgabe 43/2021

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