„Wir können auch anders“ von Maja Göpel: Geschichten aus der Gemüseauslage

Transformationsforschung Maja Göpel hat (dieses Mal ganz offiziell mit Marcus Jauer) ein neues Buch geschrieben: „Wir können auch anders“. Weiß man nach der Lektüre, wie man die Zukunft bewusst gestalten kann?
Maja Göpel erklärt in diesem Bild mehr als in ihrem (und Marcus Jauers) neuem Buch „Wir können auch anders“
Maja Göpel erklärt in diesem Bild mehr als in ihrem (und Marcus Jauers) neuem Buch „Wir können auch anders“

Foto: Thomas Koehler/photothek.de

Nachdem vor Kurzem die Mitwirkung eines Ghostwriters beim letzten Buch der Transformationsforscherin Maja Göpel bekannt wurde, liest man ihr neues Buch mit etwas anderen Augen. Die Mitarbeit von Marcus Jauer ist nun explizit ausgewiesen, und so fragt man sich beim Lesen immer wieder: Was mag wohl Jauers Beitrag in so einem Buch sein? Sind es die oft weit hergeholten Geschichten über die Stenografin, die Monopoly erfunden hat, oder die Schönheit des Romanescos in der Gemüse-Auslage, mit denen die ersten Seiten jedes Kapitels gefüllt sind und bei denen man sich fragt, ob sie wirklich eine plausible Illustration der Kernaussage des Abschnitts sind? Oder ist es der Unternehmensberater-Duktus, in dem weite Abschnitte des Buchs formuliert sind, sodass man oft meint, das Manuskript einer jener Manager-Keynotes zu lesen, mit denen die Belegschaften großer Konzerne auf einen neuen Kurs eingeschworen werden sollen? Oder sind es die Merksätze am Ende eines jeden Kapitels?

Vielleicht sollen ja die vielen eingestreuten Geschichten in diesem Buch gar keine plausiblen, verständlichen Beispiele für das sein, worum es jeweils gerade geht, sondern eher so etwas wie ein großes Bild zeichnen. Dass dieser Romanesco wie ein Fraktal aussieht und dass Fraktale im Kleinen wie im Großen ähnlich komplexe Strukturen sind und dass deshalb (spätestens an dieser Stelle war der Rezensent dann abgehängt) die kleinen Strukturen die großen verändern können und es deshalb bei der notwendigen Transformation der Gesellschaft auf jeden Einzelnen ankommt – das soll vielleicht gar keine schlüssige Argumentation sein, sondern eben nur ein schöner „Lesefluss“, bei dem man sich mitgenommen fühlt – aber wohin eigentlich? Jeder von uns muss versuchen, etwas zu bewirken, damit sich die Probleme der Welt lösen lassen – hätte es dafür nicht einer etwas klareren Gedankenkette bedurft, als vom Kohl über mathematische Gebilde zur Wirksamkeit des eigenen Handelns zu gelangen?

Oft besteht das Argument, auf das sich Göpel stützt, darin, einen anderen Autor zu zitieren, der einen Begriff verwendet hat, und dieser Begriff ist dann ein englisches Wort, das klingt wie aus einem Management-Handbuch. „System Traps“, „purpose“, „critical slowing down“, „safe operating space“. Diese Begriffe tauchen dann später im Buch wieder auf, wobei man sich häufig fragt, ob sie wirklich in dem Sinn verwendet werden, wie man sie am Anfang verstanden hatte.

Wie entsteht, was man will?

Das alles macht es anstrengend, die Argumente des Buchs nachzuvollziehen, wenn man sich nicht auf die Merksätze verlassen will oder wenn man angesichts der Dürftigkeit vieler dieser Merksätze meint, dass da doch mehr enthalten sein müsste als Aussagen wie „Unsere Wirklichkeit ist in komplexen Systemen strukturiert, die in sich, aber auch untereinander vernetzt sind. (…) Wir müssen Zusammenhänge verstehen.“ Und in der Tat gibt es Anklänge einiger Thesen, die wirklich einer fundierten Auseinandersetzung wert sein könnten, etwa die Idee, Kipp-Punkte in sozialen Systemen produktiv zu machen für positive Veränderungen. Dass in instabilen Situationen die Eigendynamik eines sozialen Systems bei kleinen Erschütterungen zu radikalen Umwälzungen führen kann, weiß jeder, der schon eine Revolution erlebt hat. Aber wie bewirkt man, dass tatsächlich das entsteht, was man bewirken wollte?

Das wäre die Frage, die das Buch einer Transformationsforscherin zu beantworten versuchen sollte. Zwar verspricht der umfangreichste zweite Teil des Buchs, Handlungsempfehlungen zu geben, aber die Kipp-Punkt-Dynamik wird da gerade übersehen. Über schillernde Thesen kommt Göpel nicht hinaus: „Anders zu lernen, bedeutet, zur Vorwärtskopplung fähig zu werden. Es heißt, die Zukunft bewusst zu beeinflussen, bevor sie eintritt.“

Am Ende schreibt die Autorin, dieses sei ihr letztes Buch. Vielleicht wäre es die Sache aber doch wert, einen weiteren Versuch zu machen. Ohne Geschichten, ohne Berater-Sprech und stattdessen mit wohldurchdachten Analysen und Argumenten. Vielleicht kann Maja Göpel auch anders.

Wir können auch anders. Aufbruch in die Welt von morgen Maja Göpel, Ullstein 2022, 368 S., 19,99 €

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