Michael Jäger, Thomas Seibert
08.03.2012 | 13:50 40

Mut für Occupy

1848 bis 2010 Ein Blick in die Geschichte der Demokratiebewegung zeigt: Nicht alles, was wie ein Scheitern ausschaut, ist es dann auch

Die Weltwirtschafts- und Finanzkrise spitzt sich zu, und viele erwarten, dass eine neue Revolte bevorsteht. Nach historischer Logik würde sie die nächstfrühere antikapitalistische Revolte ‚wiederholen‘, das heißt mit mehr Erfahrung noch einmal ausfechten. Ein neues 1968 also? 1968 war aber selbst schon für viele Beteiligte die ‚Wiederholung‘ von 1917. Und man muss weiter zurückgehen, bis 1848. Damals ging es um Verfassungen für mehr Demokratie oder für Demokratie überhaupt, und darum vor allem geht es auch heute.

Dass das Ereignis 1848 eine neue und grundsätzliche Aktualität erlangt hat, ist von mehreren schon bemerkt worden, zum Beispiel von Alain Badiou. Wir wollen die Aktualität des Ereignisses 1848 hier noch einmal explizieren. Was 1848 geschah, war eine europaweite Revolution, in der es zentral um die Demokratieforderung ging wie heute im Arabischen Frühling. Es war wie heute ein erster Anlauf, der einerseits ein Vorbild hatte – die Große Französische Revolution –, andererseits aber auch in Frankreich selbst wiederholt werden musste.

Repräsentativdemokratie

Wie heute in den arabischen Ländern um Formen der Demokratie gekämpft wird, die im Westen schon verwirklicht sind und dort längst als unvollkommen erkannt sind, waren damals fast alle Länder damit beschäftigt, die Repräsentativdemokratie, das Thema der Großen Französischen Revolution, aufzugreifen, während es in Frankreich selbst schon darum ging, um eine Demokratie auch fürs Proletariat, für die ökonomisch Abhängigen zu kämpfen. Eine Ausnahme bildete damals die Schweiz, hier setzte die Revolution eine landeseigene Demokratie-Entwicklung fort, die älter war als die französische. Und auch darin bildet sie eine Ausnahme, dass die Schweizer Revolution eine siegreiche Revolution war: Die Verfassung der Schweiz, wie wir sie heute kennen, wurde im Wesentlichen damals erkämpft.

Dass die Demokratiebewegungen überall sonst niedergeworfen wurden, ist wahrscheinlich auch ein Vergleichspunkt zwischen damals und heute. Dabei wäre noch eher damit zu rechnen, dass einige arabische Bewegungen siegreich sind, als dass sie es sofort auch in Europa und den USA sein könnten. Es zeichnet sich ja ab: In Tunesien, in Ägypten wird zusammen mit dem westlichen Repräsentativsystem auch das typisch westliche System der zwei Parteilager übernommen, von denen das eine die konservativ-religiöse – hier gemäßigt islamistische statt christdemokratische –, das andere die säkularisierte, in der Tendenz linke Linie verfolgt. Dabei kann, wie kürzere Zeit im Nachkriegsdeutschland, längere im Nachkriegsitalien, die Dominanz des religiösen Lagers erdrückend sein, ohne dass deshalb dem säkularen Lager die Chance zum Aufholen genommen wäre.

Ganz anders die Situation in Europa oder gar den USA. Wir müssen daran zweifeln, ja es für praktisch unmöglich halten, dass die vom arabischen Frühling angestoßenen Demokratiebewegungen in Europa und den USA sich irgendwo, in diesem ersten Anlauf, schon sollten durchsetzen können. Denn Ziele, die klar und fasslich wären, sind hier gar nicht vorhanden. Es ist ja gerade das Gute an Bewegungen wie Occupy, dass sie darüber zu debattieren beginnen, was eigentlich die bessere Welt wäre, die an die Stelle der Demokratie des Kapitals und der Finanzmärkte treten könnte. Vorstellungen gibt es, aber sie sind meistens sehr vage.

Das ist an sich nicht problematisch, denn die Suche bewegt sich in eine gute Richtung. Der Weg wird beschritten, mehr kann man nicht wollen. Aber er braucht Zeit. Deshalb sind die herrschenden Mächte zurzeit stärker. In den arabischen Ländern können die herrschenden Mächte die Plätze, die von der Demokratiebewegung besetzt sind, nicht so einfach abräumen. Wo es ihnen gelingt, müssen sie doch hohe Kosten zahlen. In Europa und den USA hingegen ist es zurzeit noch ganz leicht, Occupy zu vertreiben. Das wäre anders, wenn die Ziele der Bewegung schon ausgereift, überall bekannt und weithin populär wären.

In der Paulskirche

Sie sind es nicht. Es gibt nur erste Ansätze. Die spanische Bewegung, von der das westliche Occupy als Nachahmung des Arabischen Frühlings ausging, hat sogar schon die Kritik am Zweiparteienlager-System klar formuliert, womit sie in Deutschland bislang kein Gehör fand. Einig ist man überall, dass es möglich sein müsste, über mehr Sachverhalte, die vorerst nur Stück für Stück ins Blickfeld treten, demokratisch abzustimmen. Tendenziell läuft das auf die Forderung hinaus, einen Zustand zu beenden, in dem bestimmte Bereiche des Zusammenlebens und gerade diejenigen, auf denen alles andere basiert – die Bereiche der Ökonomie –, von der demokratischen Wahlfreiheit systematisch ausgenommen sind. Im Kampf gegen den Stuttgarter Tunnelbahnhof ist die Notwendigkeit einer solchen Forderung zum Greifen nahe, und es überrascht nicht, dass hier auch die Debatte besonders weit fortgeschritten ist.

Aber selbst hier ist keine programmatische Verallgemeinerung erreicht, zu schweigen davon, dass es den Versuch gäbe, die Implikationen im Einzelnen zu durchdenken. Die Parallele zu 1848 ist tatsächlich sehr stark: Damals fanden sich die Revolutionäre etwa in der Paulskirche wieder, wo sie darüber, was Demokratie sein solle, erst einmal lange berieten. Inzwischen konnte sich die preußische Militärmacht reorganisieren und das Ergebnis der Beratung mühelos zerschlagen.

Aber die Beratung hatte ein Ergebnis. Dies ist, wie wir hoffen und worauf wir hinarbeiten, der dritte Vergleichspunkt zwischen damals und heute. Nur die Durchsetzung des Ergebnisses konnte verhindert werden, nicht das Ergebnis selbst. Weil aber ein Ergebnis da war – die Paulskirchenverfassung –, kann man nicht einfach sagen, diese Demokratiebewegung sei gescheitert. Mit der Formulierung der Verfassung war den späteren Kämpfen ein Ziel gesetzt. Wenn man glaubt, das sei ja ein nur „ideeller“ und wohl gar „ideologischer“, aber kein „realer“ Erfolg gewesen, so irrt man, denn in Wahrheit bedurfte es gerade der Realität der am Ende zwar gescheiterten, doch erst einmal über Monate fortgesetzten Revolution, damit sich Mut und Energie für die Aufgabe der Zielformulierung überhaupt hatten regen können. Dies zeigte sich noch deutlicher auf dem in Deutschland eben erst entstehenden proletarischen Flügel der Revolution. Auch Marx und Engels brauchten nämlich die Luft der nahenden Revolution: um das Kommunistische Manifest zu schreiben.

Diskreditierte Alternative

Unsere Generation kann das gut nachvollziehen, weil es ihr recht ähnlich ergeht. Nachdem der Reale Sozialismus zusammengebrochen war, war es über fast zwei Jahrzehnte unmöglich, die große Chance zu nutzen, dass nun ein neuer, besserer Weg der gesellschaftlichen Emanzipation ausgelotet werden konnte, der aus der falschen Alternative „Westen“ versus „Ostblock“ hätte herausführen können.

Stattdessen wurde die unvollständige westliche Demokratie betoniert, zum „Ende der Geschichte“ erklärt und zugleich von da an schrittweise abgebaut, denn sie musste sich nicht mehr als das Bessere dem Ostblock gegenüber bewähren. Dieser wurde derweil, obwohl es ihn gar nicht mehr gab, als die einzig mögliche und zugleich unmögliche, weil endgültig diskreditierte Alternative hingestellt. Versuche, Debatten über eine andere Gesellschaft zu entfachen, sind in dieser langen mutlosen Zeit immer wieder versandet. Jetzt aber, während Revolten sich anbahnen oder schon ausgebrochen sind, werden solche Debatten ganz selbstverständlich geführt.

Die Radikalen von heute sind in derselben Lage wie damals Marx und Engels: Uns bleibt zunächst nur, auf den Zusammenschluss von Einzelnen und mehr oder minder kleinen Gruppen hinzuarbeiten. Die sich im Kommunistischen Manifest „Kommunisten“ nannten, waren keine Partei im heutigen Wortsinn.

Alle Zusammen. Jede für sich. Die Demokratie der Plätze (VSA Hamburg 2012, 72 S., 8 ) erscheint am 8. März und ist eine der vielen Flugschriften, deren Thema die Revolte ist. Der Name ihres Beginns ist Occupy, schreiben Freitag-Autor Michael Jäger und Thomas Seibert (Intervenionistische Linke, wissenschaftlicher Beirat der Rosa-Luxemburg-Stiftung) in der Einleitung. Der leicht bearbeitete Text ist dem Mittelteil des Buches entnommen, in die Autoren versuchen, den historischen Augenblick ökonomisch, politisch, kulturell und philosophisch zu bestimmen. Vorher und nachher erörtern Jäger und Seibert das Selbst der Revoltierenden wie auch der 99 Prozent, die noch passiv bleiben. Wenn alle einbezogen werden sollen, müsse berücksichtigt werden, dass sie in einer nihilistischen Situation leben. Die Befreiung des Selbst sei das Hauptthema der Revolte.

Kommentare (40)

Kurt Seifert 08.03.2012 | 15:58

Ein höchst lesenwerter Text von Michael Jäger und Thomas Seibert! Ich bin gespannt auf die Lektüre der gesamten "Flugschrift".

Ohne Zweifel: Wir brauchen ein neues 1848! Mit mehr realer Demokratie in allen Lebensbereichen. Die Verbindung zwischen dem Kampf gegen ein unsinniges Projekt wie Stuttgart 21 und der Forderung nach Wahlen im Bereich des ökonomischen Lebens, die mich nicht auf die Wahl zwischen zwei Automarken einschränken, sondern ermöglichen sollen, dass die Bürgerinnen und Bürger über das Verkehrssystem entscheiden können, ist bis jetzt noch nicht gegeben - doch daran sollte unbedingt gearbeitet werden.

Josef Knecht 08.03.2012 | 16:17

Ich finde auch die Verknüpfung von 1848 und der Demokratiebewegung heute, wurde in den richtigen Kontext gestellt. Insgesamt ein sehr guter Artikel, nur der Bezug zu Marx liegt mir etwas quer, obwohl es wohl sein kann das er die "Luft der nahenden Revolution" von 48 brauchte.

Das gute heutzutage ist, das man sich bemüht, frei von vorgefertigten Ideologien, Wege zu gehen. Und darüber freue ich mich.

konyhakert 08.03.2012 | 21:25

ja ja, der jahrzehntelange antikommunismus im westen hat folgen bis weit in die linke hinein...

dabei wäre es nicht das schlechteste, den guten mal als steinbruch zu nutzen, das heute noch brauchbare zu retten und auf das heute mit unseren heutigen erfahrungen und weiterentwickeltem denken zu ergänzen.

hier mal zwei links zu einem, der dies sehr erfolgreich macht: john holloway.

youtu.be/QNkNGHmUx1U

youtu.be/dSzQWNSmcm4

abghoul 08.03.2012 | 21:48

Vielleicht bräuchte es statt einer Schrift einen Groove, der einfach alle notwendigen Informationen enthält.
Es wird gehört und man weiß wie es geht.
Alle machen halt das beste draus.

Aber schade ist das in der heutigen Flut an Information jeder Groove nur Einer unter Vielen ist und so schnell in der Fülle der Medienwelt untergeht.
Leider geht es Schriften noch viel länger so wie heute auch den Grooves.
Nichtsdestotrotz ein hehres Ziel und schon allein dafür gibts ein Dankeschön.

Nietzsche 2011 08.03.2012 | 22:01

„Uns bleibt zunächst nur, auf den Zusammenschluss von Einzelnen und mehr oder minder kleinen Gruppen hinzuarbeiten.“

In der mathematischen Logik wird bekanntermaßen von einer notwendigen und einer hinreichenden Voraussetzung im Schlußverfahren gesprochen. Notwendige Bedingung könnte die ökonomische und ökologische Krisenhaftigkeit sein, welche ihre Fortsetzung in der Demontage der Demokratie findet. Als hinreichende Voraussetzung würde ich ein revolutionäres Subjekt betrachten.
Gibt es dieses revolutionäre Subjekt? Aus meiner Erfahrung heraus ist der deutsche Durchschnittsbürger alles andere als ein Kämpfertyp. Er ist gewohnt in Hierarchien zu denken und diese auch zu akzeptieren. Auch ist er weitgehend träge – körperlich träge (die Mehrheit der Deutschen hat bereits Übergewicht; auf das Auto verzichten auch die Wenigsten) und auch geistig träge (würde es eine PISA-Studie für Erwachsene geben, so würden die Deutschen vermutlich weit unten in der Rangliste stehen). Am liebsten möchte der deutsche Michel seine Ruhe. Stört jemand seine Ruhe, so wird im stillen Zimmerlein gepoltert (kann auch der Stammtisch sein), aber ansonsten sollen „die oben“ mal machen. Das Denken besorgen BILD und andere Gazetten.
Kurz, man kann – vor allem im Internet – lang und breit über revolutionäre Situationen schwadronieren. Daraus folgt zunächst gar nichts. Der Kommunismus als Theorie ist auch daran gescheitert, weil er das Individuum – den sog. Normalo – immer nur als Teil einer Masse (des Kollektivs) betrachtet hat.

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Ehemaliger Nutzer 08.03.2012 | 23:24

Ein durchaus verdienstvoller Artikel!

Unsere Demokratie ist eine "unvollständige"? Zustimmung!
Sie kennt zwar Wahlen und Rechtsstaatlichkeit, ist aber innen drin aber leer. Geldhaft, materialistisch, seelenlos.

Soweit bin ich d'accord.

Doch bei der Zeichenfolge "Marx" habe ich das gleiche Bauchgrimmen verspürt wie Josef Knecht oben. Und ich möchte Ihnen gerne darlegen warum.

Wenn Sie verstehen (und das tun Sie), dass "wirkliche Demokratie" mehr ist und mehr sein muss als ein reines Wirtschaftssystem und Finanzsystem nebst irgendwelcher Verteilungsfragen - dann versteht niemand, warum Sie "echte Demokratie" in einem Atemzug mit Karl Marx nennen.

Marx ist Materialismus von unten. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Wird die Stahlfabrik nur kollektiv betrieben - dann ist ja alles gut... Oder nicht?

Marx ist der schlimmste Gegner alldessen, was wirklichen Gemeinsinn jenseits ökonomischer Fragen tragen kann. Er kann mit Tradition, mit Kultur, mit Spiritualität, ja selbst mit Gemeinsinn nichts anfangen. Er ist ein Spalter. Er hetzt die einen gegen die anderen. Und ein Autokrat. Über wen gedachte das Proletariat denn per Diktatur zu regieren...?

Wer auf der Suche nach "wirklicher" Demokratie ausgerechnet bei Karl Marx landet (und das nach den Blutbädern des 20. Jahrhunderts) - wird nichts finden. Mit Marx kann allenfalls das zu eng Gedachte ungut umstürzen - nicht aber ergänzen, was fehlt. Was 1989 scheiterte, war ein der Welt unter furchtbaren Verbrechen militant aufzwungener Marxismus.

Echter Sozialismus, verstanden als ganzheitlicher Gemeinsinn und das gerne AUCH in Wirtschaftsfragen, muss viel weiter blicken. Und so kennt er anders als Marx' plebejische Theologie auch den Faktor Kultur.

Wirklicher Sozialismus ist bunt und sieht überall anders aus. UNSER wahrer Sozialismus erwacht bei jedem Länderspiel. Er wird getragen von Gemeinsinn und Pflicht zum Ganzen. Nicht zufällig trägt er die Farben Schwarz und weiß... Sein Ahnherr ist der alte Orgensgeist. Wobei dies nur EINE Facette ist. Aber man hat schon registriert, mit welcher Andacht Deutschland den 300. Geburtstag des alten Fritz im Januar beging. An DIESEM Staatsakt war nichts gespielt.

DAS ist die Grundlage und die Voraussetzung für alle wirtschaftlichen Fragen in diesem Land. Die dann sehr wohl "sozialistisch" sein können. Aber man ist nicht "Arbeiter" oder "Arbeitnehmer" im luftleeren Raum. Kulturen sind der reale Faktor auf diesem Planeten. Nicht zufällig hatte Marxens rote Bibel nirgendwo etwas mit der Realität zu tun.

Welch reale Kraft und welche tiefverwurzelte Bedeutung das hingegen hat, was ich hier skizziere, zeigt sein Mißbrauch durch die Nazis. Wobei es jedoch selbst nicht "nazi" ist. Es wohnt alledem ungefähr soviel davon inne wie einer tragischerweise missbrauchten Frau ihre Vergewaltigung. Dass Deutschland einem Schokoladenonkel hinterhergelaufen ist, sollte uns nicht daran hindern, unseren Instinkten zu vertrauen, die wir bei jedem Sportereignis in Schönheit aufblühen sehen.
Dieser Geist trägt auch außerhalb des Sports. Und das hat viel mit Occupy zu tun.

Und so ist Occupy ungeheuer wertvoll - in jedem Land auf seine Weise - aber nicht im marxistischen Gewandt. In dunkles Rot gekleidet ist Occupy lächerlich. Wenn Joachim Gauck DAS meint, hat er sogar Recht. In schwarz-rot-gold und getragen vom Geist der Republik wäre es hingegen eine Macht. Und weit mehr als ein Zeltlager von Leuten, deren Ethik über das Grübeln in Verteilungsfragen nur mühsam hinausreicht.

Es sind die vielen bunten Fahnen der wahren Demokratie, die den Finanzkapitalismus auf diesem Planeten gemeinsam besiegen.

Gut, dass Sie die Bedeutung von 1848 sehen!

Daniel Domeinski 09.03.2012 | 00:39

@Andreas Kuntz

Der Satz "UNSER wahrer Sozialismus erwacht bei jedem Länderspiel" ist der absolute Tiefpunkt in einem Kommentar, der sehr bemüht ist, die Glaubenssätze des deutschen Faschismus herunterzubeten. Er zeigt, dass es dem Autor nicht an substanzieller Gesellschaftskritik gelegen ist. Er gibt sich mit nationalistischer Propaganda zufrieden, die dem Einzelnen suggeriert, dass er Teil des großen Ganzen wäre. Diese Agitation war schon immer der beste Weg, die Unzufriedenheit von Menschen für imperialistische Ziele nutzbar zu machen und damit wirklichen gesellschaftlichen Wandel zu verhindern.

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Ehemaliger Nutzer 09.03.2012 | 17:16

Nun, ich habe das großgeschrieben, weil ich es problematisch fand und finde, eine bunte Welt unter einen einheitlichen roten Stern bringen zu wollen. Der Glaube, dass das falsch sei, hat Tibet nicht gutgetan. Man mag Occupy in Kommunistischen Kategorien denken, wenn einem keine besseren einfallen, aber ich halte das für falsch.

Occupy ist international. Es steht für Völkerfreundschaft und ein gemeinsames Ziel. Aber Sie können getrist davon ausgehen, dass die Muster, die auf das Ziel zuführen, am Ende in jedem Land etwas andere sind und nicht vom diktatorischen Weltpolitbüro einer Komintern geleitet wird.

Es ist Buntheit in den jeweils tragenden Farben wofür ich hier eintrete. Und weil ich mir über die kulturellen Tiefenschichten, die Occupy in Japan, in Indien oder in Mexiko oder andersort tragen können keine wirklich trittsichere Aussage zutraue, habe ich eben unsere in Deutschland - als ein Beispiel skizziert. Deswegen ist das Wort "unsere" Großgeschrieben. Das Problem hat man natürlich nicht, wenn man in den Gewalttempeln von Karl Marx betet jeden Menschen als ausgebeutetes Objekt eines kulturell luftleeren Raumes sieht.

Insofern fällt mir zu der peinlichen Ignoranz Ihres letzten Satzes eigentlich nur der berühmte Satz von Kurt Schumacher ein.

Exilant 09.03.2012 | 17:49

@Andreas Kuntz:
"der peinliche Ignoranz Ihres letzten Satzes..."
Sie haben doch den Satz "UNSER wahrer Sozialismus" geschrieben, doch nicht ich.

Occupy richtet sich gegen den Finanzkapitalismus ("wir sind 99%"), welcher von der Wall Street ausgeht - steht also nicht für das, was Sie schreiben. Ich weiß aber auch, daß sich da sehr viele rechtsextremistische Trittbrettfahrer tummeln.

Und welcher berühmte Satz von Kurt Schumacher fällt Ihnen denn ein?

Daniel Domeinski 10.03.2012 | 01:08

@Andreas Kuntz

Wenn sie Marx und den Marxismus kritisieren wollen, reicht es nicht aus, einfach das wiederzugeben, was Spengler dazu geschrieben. Spengler besaß nur ein rudimentäre Wissen zu diesem Thema und viele seiner Äußerungen waren politisch geprägt.
Ich finde es gerade reizvoll, dass Menschen mit einen kleinbürgerlichen Verständnis von Spiritualität, Marx für kalt und materialistisch halten. Die geistige Schönheit, die Marx Denken innewohnt, können sie nicht erkennen, weil Marx Schreibe, im Gegensatz zu den deutschen Volkstümlern des späten 19.Jh., nicht kitschig ist.

Jörg Friedrich 10.03.2012 | 10:37

Man kann nicht über 1848 reden und die Marx'sche Analyse der Französischen Revolution im "18. Brumaire" verschweigen. Der entscheidende Text von Marx zu 1848-1852 ist nicht das Manifest, sondern der 18. Brumaire. Aus dem können wir für uns im hier und jetzt weit mehr lernen, denn da analysiert Marx treffend, was letztlich zum Scheitern der Revolution geführt hat: Das Erstarken der Bürokratie, des Apparates. Und der ist es auch jetzt, der uns die Luft zum Atmen nimmt und verhindert, dass wir überhaupt eine Idee entwickeln können, wie freiheit wirklich aussehen könnte. Deshalb haben wir heute keine Vision von einer anderen Gesellschaft, geschweige denn eine Theorie davon, wie diese aufgebaut werden könnte. Gerade die linke Seite des politischen Spektrums hat doch inzwischen einen Begriff von Freiheit entwickelt, der ohne Staatsbürokratie gar nicht mehr auskommt - sie ist damit konservativer geworden als manch eine politische Partei, die diese Bezeichnung (auch zu Recht) trägt. Daraus erwächst kein revolutionäres Potenzial.

"Die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift", auch so ein kluger Satz von Marx. Sind wir gegenwärtig von allem, was den Namen Theorie verdient, schon noch weit entfernt, so ist das Ergriffensein der Massen noch weiter weg. Die Massen haben sich eingerichtet im Funktionieren der politischen Bürokratie. Die Linken haben gar keine theoretische Alternative. Woher soll da eine revolutionäre Situation kommen?

Exilant 10.03.2012 | 18:41

@Josef Knecht:
Wenn Sie mich meinen: Inwiefern habe ich "meine Eindrücke nicht verifiziert?"

Man muß aber auch bezüglich der Demokratiebewegung der Vollständigkeit halber ergänzen, daß 1863 die SPD sich gründete (anfangs ADAV) und auch dann die Gewerkschaften.
Der 1848er Friedrich Hecker sprach auch von der "sozialen Demokratie".

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Ehemaliger Nutzer 11.03.2012 | 07:05

JF: Jein und nicht Alles. Bin stolzer "Kapital"-Besitzer (DDR-Ausgabe), doch im Erspüren echter Kollektive wohl tatsächlich besser als im Nachsinnen über vermeintliche...

Man bringt "die Arbeiterklasse" oder sonst wen in überhaupt keine relevante Richtung - "Deutschland" insgesamt schon eher. Die 99% - wer soll dass denn sein, wenn nicht die Nation selbst? Das schwarz-rot-goldene Kollektiv in diesem Land ist real (wenn auch im Wartestand) Das Gleiche gilt analog für jedes Land auf der ganzen Welt. Es verträgt sich mit Völkerfreundschaft sehr gut. Das ist, was ich mit den bunten Fahnen meinte. (Auch wenn der ein oder andere mitlesende Blogwart diesen Gedanken vielleicht nicht erträgt...)

Doch zum Thema! Zerrbild hin oder her - "Marx", das ist schon ein Reizwort, oder nicht?
Nach dem Verlauf und dem Ende des 20. Jahrhundert schwer beschädigt, um es ganz vorsichtig zu sagen. Ich denke als Schlagwort wie als Legitimationsgrundlage nicht zu retten. Und das gilt bis tief in das rotgrüne Lager hinein, was gar nichts damit zu tun hat, dass man gerade einen Kommunistenfresser zum Bundespräsidenten macht, den Gottseibeiuns all jener, die den Marxismus-Leninismus wirklich studiert haben... Das ist eher Symbol.

Ob die Worte "Marx" und "Marxismus" den Klang, den sie nun einmal haben auch verdientermaßen haben oder nicht - mag für Historiker mit Interesse an der Geistesgeschichte des 19. Jahrhunderts womöglich spannend sein. Es ist aber keine Fragestellung, die an der historischen Oberfläche heute irgendeine reale Bedeutung hat. Mit Marx argumentieren geht auf dem politischen Parkett dieser - und nicht nur dieser - Republik nach hinten los. Und nichts anderes ist mein Punkt. Ich bin mit dem Artikel oben ja an sich d`accord und illustriere nur gerade die Marx-Wirkung...

Haben Sie einmal eine diese kleinen Prozessionen der MLPD mit Marxbild in der Fußgängerzone gesehen - und die Reaktionen darauf?

Ist das ein massentaugliches Symbol? Oder braucht Occupy etwa keine breite gesellschaftliche Unterstützung? Warum eigentlich nicht die Symbolik, welche die 99% auch ganz offiziell vereint? Es geht doch um diese Republik oder etwa nicht...?

Es gibt nur einen einzigen Grund, warum dieser durchaus verdienstvolle Artikel da oben hier unten diesen kleinen "Fight" hier ausgelöst hat - und das ist "Marx". (siehe auch Josef Knechts Anmerkung, der etwas konzilianter darauf eingeht als ich.)

Nicht, dass Marx DER Geistesquell von Occupy wäre, aber ich habe ja auch nur begründet, warum ich finde, dass man Occupy nicht hilft, wenn man es mit Marx in Verbindung bringt.

Und wenn Sie diese Reaktion gewissermaßen gesamtgesellschaftlich "hochrechnen" - ist das für Occupy denn keine relevante Frage? Lieber klassenrein denken?

Eine allzu marxige Kapitalismusdebatte hätte für weite Teile der Bevölkerung einen Charme irgend zwischen Roter Faust und umbenanntem Chemnitz.

Die schwarz-rot-goldene Fahne hingegen, deren sehr wohl auch international ausdeutbare revolutionsgeschichtliche Symbolik der Artikel ja sehr gut thematisiert, brächte hingegen BREITERE Schichten hinter Occupy als die an Köpfen und politischer Macht recht überschaubare Szene der Marxnostalgiker...

Dass meine Überlegungen unrealistisch sind, weiß ich selbst. Sich mit den Farben der eigenen Republik zu schmücken, wenn man gegen die unheimlich Macht des Geldes auf die Entwicklung unserer Demokratie demonstriert. Das geht nun wirklich nicht.

Doch WENN man versteht, dass es nicht auf das rauschebärtige Rechthaben im Keller ankommt, sondern auf die Wirkung in der Stadt, dann können die Marxsachverständigen ja sicher die ein oder andere Weisheit einschmuggeln. Warum denn auch nicht! Wobei ich mir sicher bin, dass es selbst dann vielleicht klüger ist, die Quelle nicht zu nennen.

So in die Richtung...
;)

Jörg Friedrich 11.03.2012 | 12:16

Mir ist es - ehrlich gesagt - völlig egal, ob man Marxens symphatisches Altersfoto auf Demonstrationsplakate klebt oder nicht. Mir geht es nicht um die Symbolik einer kommenden Revolution sondern um die Bedingungen, die eine solche Revolution überhaupt möglich machen können und um die Ziele, die sie haben könnte. Ob die dann Marx-Zitate vor sich her trägt oder sich ihre Losungen selber ausdenkt - geschenkt.

Die Oberfläche der gesellschaftlichen Strukturen drängt sich heute - medial verstärkt - so sehr ins Denken dass es kaum noch möglich ist, das Wesen der Dinge selbst zu sehen. Man wird überall von Offensichtlichkeiten geblendet und meint, da schon den strahlenden Kern zu sehen, dabei sind es nur die Reflexionen der eigenen Vorurteile. Aber der Kern der Sache ist verschüttet, verstellt, verbaut, die Kullissen müssen erst mal gründlich weggeräumt werden, nicht nur die oberste Schicht hinter der wir nur die Herrschaftsstrukturen sehen, die wir vorher schon vermutet haben, wir müssen viel tiefer vordringen. Das bedeutet konkret: Die angeblichen Machtstrukturen, die wir im Finanzkapital so schön einfach zu erkennen glauben, sind selbst nur Oberfläche, und genau genommen sind sie auch nicht plausibel, da dem Finanzkapital die politische Macht völlig gleichgültig ist, es begnügt sich ja gern mit der ökonomischen Macht. Und eben das können Sie im 18. Brumaire wunderbar nachlesen. Marx zu lesen ist deshalb interessant weil er hier zeigt, wie tief man eigentlich in der Analyse gehen muss um die Phänomene wirklich zu verstehen, und dass man sich dabei auch von eigenen Illusionen und Visionen verabschieden muss.

Das ist alles nicht in ein paar Kommentarzeilen erläuterbar, Entschuldigung, und sicher sehr missverständlich. Ich bin selbst weder ein Demonstrant noch ein Ideen-Einschmuggler, ich glaube aber, dass es jeder irgendwie revolutionären Bewegung zu mehr Kraft verhelfen würde, ein bisschen tiefer in die Zusammenhänge einzudringen und die vorgeblichen Offensichtlichkeiten zu hinterfragen. Dann würde Occupy vielleicht auch verstehen, warum die 99% achtlos an ihren Zelten vorbei gehen und beginnen, eine konkrete Vision einer anderen Gesellschaft zu entwickeln.

Daniel Domeinski 11.03.2012 | 14:27

@Andreas Kuntz

Der Verweis auf Nordkorea war ein Schnitt ins eigene Fleisch, denn der dort vollzogene Bruch mit dem Marxismus-Leninismus, der durch die Etablierung der Chuche Ideologie markiert ist, sollte gerade einen nationalen Sozialismus hervorbringen, der die kulturellen Besonderheiten Nordkoreas beachtet. Man kann auch nicht behaupten, dass die Länder des "Real-Sozialismus", die dem Marxismus-Leninismus treu geblieben sind, die National-Kultur zurückgedrängt hätten. Die preußischen Traditionen sind in der DDR durchaus fortgeführt worden. Die Behauptung, dass der Marxismus feindlich gegenüber jeder gewachsenen Tradition sei, ist ein antikommunistischer Mythos den Faschisten und Kalte Krieger immer wieder bemüht haben.

Daniel Domeinski 11.03.2012 | 15:00

@Andreas Kuntz

"Was soll bürgerliche Spiritualität überhaupt sein?"

Gemeint ist die religiöse Überhöhung von immanenten Begriffen, die Ausdruck von materiellen Verhältnissen sind. Das bedeutet für jede authentische Spiritualität den Tod.

Ich hebe nicht auf Spengler ab. Mir ist nur klar, wo sie ständig abschreiben. Adorno Schwäche für Spengler sei ihm verziehen. Ich halte es lieber mit Nietzsche und Weber, die das "Kulturproblem" subtiler analysiert haben als Spengler.

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Ehemaliger Nutzer 11.03.2012 | 15:48

Sie haben 'Sozialismus' wirklich verstanden. Genauso wie Demokratie

Den Eindruck habe ich auch. Hier wird quasi nach dem Motto verfahren: Widdewiddewitt und Drei macht Neune !! Ich mach' mir die Welt Widdewidde wie sie mir gefällt ….

Bedauerlicherweise scheint es sich beim Verständnis des Herrn Kuntz über das Wesen und dem Sinn und Zweck der Occupy-Bewegung genau so zu verhalten.

Manifest – Occupy exemplarisch

claudia 11.03.2012 | 16:23

>>daß 1863 die SPD sich gründete (anfangs ADAV) und auch dann die Gewerkschaften.

Die "Sozialdemokratische Arbeiterpartei Deutschlands" wurde 1869 gegründet, im Wesentlichen als deutsche Sektion der "Internationalen Arbeiterassoziation".
An der Gründung waren auch EHEMALIGE Mitglieder des ADAV beteiligt.

Der "ADAV" war mit Lassalles "ehernem Lohngesetz" eher eine bürgerliche Gegenveranstaltung gegen die Gründung von Gewerkschaften.
Ausserdem vertrat er einen preussischen Nationalismus im Sinne von Bismarcks "kleindeutscher Lösung".
Nach dem Tod Lassalles bei einem Duell verlor der ADAV allerdings an Einfluss: Es war wohl kein adäquater Agitator verfügbar. 1875 vereinigte sich der ADAV mit der SDAP, eher nicht zu deren Vorteil, wie wir heute wissen.
Möglicherweise ist es dem nachwirkenden Einfluss des ADAV zu "verdanken", dass sich die SPD-Reichstagsfraktion 1914 von der Losung der Internationale "keinen Mann und keine Mark für den Krieg" distanzierte und ihre Genossen in den Tod schickte.
Die weitere Entwicklung der SPD als Herrschaftsinstrument kann als bekannt vorausgesetzt werden.

claudia 11.03.2012 | 16:38

>>Der 1848er Friedrich Hecker sprach auch von der "sozialen Demokratie".
Ja, man sollte unterscheiden lernen zwischen der bürgerlich-nationalen "Revolution" und den eher proletarisch-sozialen Zielen.
Eine "soziale Demokratie" ist mit Nationalismus nicht zu machen, schon wegen der nationalen Kriegspolitik. Wie in der Internationalen Arbeiterassoziation (IAA) übrigens schon im 19. Jahrhundert durchaus erkannt wurde.
Auch heute erleben wir ja, dass Nationalimus für den ruinösen Lohnkrieg national gebundener Arbeitskraftverkäufer benützt wird. Das aktuellste Beispiel ist die Ausbeutung der "faulen Griechen" als Discountlohnkonkurrenten: Wir werden zweifellos bald zu hören bekommen, dass wir so billig wie die Griechen werden müssen.

Exilant 12.03.2012 | 16:09

Danke für den Geschichtsunterricht in Sachen ADAV/SDAP.

Ja, die Grenzen sind in Wahrheit nicht zwischen den Nationen, sondern zwischen oben und unten, deswegen muß man ja Feindbilder entwickeln, um davon abzulenken.

Allerdings habe ich Schwierigkeiten mit den Begriffen "bürgerlich-national" oder "proletarisch-sozial".
Was ist bürgerlich? Was ist proletarisch?
Warum gibt es nicht "bürgerlich-sozial oder "national-proletarisch"?

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Ehemaliger Nutzer 12.03.2012 | 22:07

Aha, das sind also "Nazis" in Nordkorea... Diese Einschätzung überrascht mich jetzt, wobei ich sie gut finde, denn sie verträgt sich ganz hervorragend mit Hannah Arendts Klassifikation totalitärer Staaten. Wobei, wieder ernst, Nordkorea vermutlich eher aufgrund seiner Stalinistischen Muster dort hineingehört.

Und Sie das mit dem Marxismus-Leninismus mal den Letten, wo es aufgrund der Russifizierungspolitik der Sowjetunion (vergleichbar mit dem, was China in Tibet macht) bis heute "Nichtbürger" geben darf, damit das kleine Völkchen in seiner eigenen Hauptstadt überhaupt noch etwas zu sagen hat...

Daniel Domeinski 12.03.2012 | 22:37

@Andreas Kuntz

Wo habe ich denn geschrieben, dass die politischen Führer Nordkoreas "Nazis" sind. Sie vertreten einen nationalen Sozialismus. Die Nazis haben dieses Konzept nicht erfunden. Diese Regime einfach als eine Art Stalinismus zu charakterisieren, greift mir auch zu kurz.

Ihr Vergleich Tibet-Lettland ist sehr gewagt. Ich bezweifle, dass diese beiden Entwicklung so einfach parallelisiert werden können, ohne dass dabei die Komplexität leidet.

toco 13.03.2012 | 00:24

Ich habe im letzten Jahr zum Thema eine politische Radtour durch die Pfalz gemacht, haben viel darüber nachgedacht, was die Menschen damals bewogen hat, zu rebellieren und ihr Leben zu riskieren. Manche Parallelen zu den ersten demokratischen Bewegungen in Deutschland und den revolutionären Bewegungen in Ägypten, Tunesien oder Libyen beschäftigten nicht nur mich, sondern erleichterten den Zugang ungemein. Wir haben auch über die Aktualität der damaligen Forderungen diskutiert. Auf der Webseite: www.politische-radreisen.de gibt es hierzu auch Artikel. Übrigens will Thomas Handrich, der Initiator der Reise, im Herbst wieder in der Pfalz zum Thema mit einer Gruppe recherchieren.

claudia 13.03.2012 | 07:24

>>Was ist bürgerlich? Was ist proletarisch?
Die Erklärung des Begriffes "Proletariat" ist einfach: Alle, die vom Verkauf ihrer Arbeistkraft leben müssen, weil sie nichts Anderes besitzen, das sie für ihren Lebensunterhalt einsetzen können.
Als Gegensatz dazu wäre "Bürgertum" auch einfach erklärt: Alle, die nicht auf den Verkauf ihrer Arbeitskraft angewiesen sind.
Aber der Begriff ist natürlich vielschichtig: Nicht nur der Milliardenerbe, sondern auch ein Besitzer eines kleinen Ladens verkauft ja nicht seine Arbeitskraft, setzt sie allerdings, im Gegensatz zum Milliardär, ein. Auch in Konzernleitungen Aufgestiegene (mit "Unternehmerfunktion) können zumindest bewusstseinsmässig eher dem Bürgertum zugerechnet werden, obwohl sie nicht Besitzer, sondern Arbeitskraftverkäufer sind. Am ehesten trifft hier der Begriff "Prärorianergarde der Besitzklasse" zu.

Dafür, dass Nationalismus und Sozialismus unvereinbar sind, habe ich oben ja ein Beispiel angeführt.
Die Spaltung des Proletariates in nationale Proletariate dient der Ausbeutung, indem Arbeitskraftverkäufer in ruinöse Lohnkämpfe gegeneinander geführt werden.
Und Schiesskriege der "Nationen" sind für Besitzende auch nicht vorteilhaft, zaghaft ausgedrückt.

Solange sich Nichtbesitzende dazu missbrauchen lassen, im Interesse ihrer Herren gegeneinander zu kämpfen, ob mit Waffen oder mit Lohnkonkurrenz, werden sie auf der Verliererseite bleiben.

>>Ja, die Grenzen sind in Wahrheit nicht zwischen den Nationen, sondern zwischen oben und unten,...
Das sehe ich auch so. Nur dass ich statt Grenze sage: Interessengegensatz. Das halte ich für klarer.

Exilant 13.03.2012 | 16:55

Ich habe deswegen mit dem Begriff "bürgerlich" oder "proletarisch" Schwierigkeiten, weil ich ein anderes Verständnis dafür habe.
Zum Beispiel war die franz. Revolution mit ihren Idealen "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" eine bürgerliche. Nur bei einer klassenlosen, solidarischen Gesellschaft, so folgere ich daraus, ist die Freiheit des Einzelnen möglich. Die deutschen Revolutionen von 1832 oder 1848 hatten wahrscheinlich dieses Vorbild: dazu kommt, daß die Pfalz und Baden ans Elsaß grenzen.
Bezüglich "bürgerlich" ist es heute doch in der Parteipolitik so, daß lediglich Union und FDP damit verbunden werden, obwohl alle Parteien bürgerlich sind.

Ich glaube, daß der Begriff "Proletarier" veraltet ist.
Die Gesellschaft ist vielschichtiger geworden.
Um es mal verkürzt darzustellen:
Es gab Fabrikanten und Großgrundbesitzer und wahrscheinlich wenig Mittelstand im heutigen Sinne.
Die volkswirtschaftlichen Sektoren haben sich geändert. Der größte Sektor dürfte der Dienstleistungssektor sein.
Ansonsten glaube ich, daß die Schilderung der Vielschichtigkeit eines eigenen Blogs bedarf.

claudia 13.03.2012 | 22:46

>>Ansonsten glaube ich, daß die Schilderung der Vielschichtigkeit eines eigenen Blogs bedarf.
Das sehe ich auch so.

Über den Begriff "Proletariat" (und den neuen Begriff "Prekariat") wurde in der FC ja schon gelegentlich diskutiert.

Es ist leicht nachweisbar, dass der Anteil derer, die vom Verkauf ihrer Arbeitskraft leben müssen, im Laufe des 20. Jahrhunderts in den Industriestaaten stark zugenommen hat. Man denke nur an die Vernichtung der vielen kleinbürgerlichen Existenzen im Einzelhandel. Auch Leiharbeiter und "Werkverträgler" leben vom Verkauf ihrer Arbeitskraft: Die unterschiedlichen Vetragsarten ändern nichts daran, dass Produktionsmittelbesitzer die Arbeitskraft kaufen und über Inhalte und Ziele der gekauften AK entscheiden. Nur die Einkommen sinken, zum Beispiel dadurch, dass die "Dienstleistung" Leiharbeit den Industrietarifen entzogen ist.

Dass die Arbeit sich inhaltlich verändert, hat mit der Frage "Lohnarbeit oder nicht?" nichts zu tun: Veränderung von Arbeitsinhalten gibt es Steinzeit.
1925 zum Beispiel gab es sehr viel weniger Dampfmaschinenmechaniker als 1875, dafür mehr Elektromechaniker. Was hat das an der am Prinzip der Lohnarbeit geändert?

Eine andere Veränderung der Arbeit kann man in Mondragón feststellen: Ein Verbund von Industriekooperativen, in denen jede/r Arbeitende gleichen Anteil und 1 Stimme hat.
In der Mondragón Corporación Cooperativa gibt es in der Tat kein Proletariat mehr.
Aber bezogen auf die Gesamtmenge der Arbeitenden ist das nur ein winziger Teil, etwa 80 000 Menschen weltweit.
Natürlich müssen auch die Mondragoner in einem kapitalistischen Umfeld behaupten: Insofern entscheiden sie nicht wirklich frei über Arbeitsziele, sondern müssen sich den Konzernen, die ihre Kunden sind, anpassen. Intern sind sie aber trotzdem freier als Angestellte, entscheiden z.B. über die Verwendung ihres erwirtschafteten Mehrwertes für sich selbst, ohne sich den Wünschen von Aktionären bzw. ihren Anlageberatern fügen zu müssen.

Ich sehe in Mondragón einen Fortschritt in die richtige Richtung, auch wenn die Ziele demokratischen Wirtschaftens aufgrund des undemokratisches Umfeldes modifiziert werden müssen.

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Im Übrigen bin ich der Meinung, dass eine Fokussierung der Kapitalismuskritik auf das "Finanzkapital" zu kurz greift.
"Finanzkapital" ist nichts Anderes als privatisierter Mehrwert, und der ist durch menschliche Lohnarbeit entstanden.