Friedrich Schorlemmer
07.01.2010 | 09:41 50

Mut von der Kanzel

Afghanistan Das Kanzelwort von Bischöfin Margot Käßmann zum Neuen Jahr verlangt im Blick auf Afghanistan zu Recht weniger militärische Tapferkeit und mehr zivilen Mut

Nachdem ich die Neujahrspredigt von Margot Käßmann in Gänze gehört habe, ist meine Empörung über die Empörten – vom Christdemokraten Wolfgang Schäuble bis zum Grünen Ralf Fücks – grenzenlos. Das sei eine „zur Routine gewordene Unart, im Brustton der höheren Moral politische Handlungsanweisungen zu erteilen“, wird die Bischöfin belehrt. Mit ihrer Predigt käme sie nicht „über gut gemeinte Banalitäten hinaus“. Man finde „Tagespolitik statt Transzendenz“, so Ralf Fücks. Thomas Schmid unterstellt in der Welt gar, Käßmann glaube, „die Parlamentarier, die diesen Einsatz beschlossen haben, seien gedankenlose Kriegstreiber“. Im Übrigen eben: „Hochmut von der Kanzel“.

Kein Segnen der Waffen

Margot Käßmann hatte in ihrer im Ganzen außerordentlich seelsorgerlich angelegten Predigt gegenüber der banalen Floskel „Alles ist gut“ darauf verwiesen, es sei „nichts gut“ in Sachen Klima, Afghanistan, Kinderarmut, Armutsscham und Leistungs­druck. Um so mehr hat sie das „Trotzdem“ eines Glaubens angerufen, der Mut macht. Der ohne Fassadenkult feiern kann und nichts ausblendet. Ach, hätte sie doch über alles Bedrängende religiöse Tünche gegossen!

Wo sonst, wenn nicht in der aus den Trümmern Dresdens wiedererstandenen Frauenkirche ist es angebracht, zum Neuen Jahr ein so deutliches, ein so prophetisches, ein so kritisches wie hoffnungsstiftendes Friedens-Wort aus dem Geiste des Bergpredigers an alle zu richten? Margot Käßmann wörtlich: „Nichts ist gut in Afghanistan. All diese Strategien, sie haben uns lange da­rüber hinweggetäuscht, dass Soldaten nun einmal Waffen benutzen und eben auch Zivilisten getötet werden. Wir brauchen Menschen, die nicht erschrecken vor der Logik des Krieges, sondern ein klares Friedenszeugnis in der Welt abgeben, gegen Gewalt und Krieg aufbegehren und sagen: Die Hoffnung auf Gottes Zukunft gibt mir schon hier und jetzt den Mut, von Alternativen zu reden und mich dafür einzusetzen. Manche finden das naiv. Ein Bundeswehroffizier schrieb mir, etwas zynisch, ich meinte wohl, ich könnte mit weiblichem Charme Taliban vom Frieden überzeugen. Ich bin nicht naiv. Aber Waffen schaffen offensichtlich auch keinen Frieden in Afghanistan. Wir brauchen mehr Fantasie für den Frieden … Das kann manchmal mehr bewirken als alles abgeklärte Einstimmen in den vermeintlich so pragmatischen Ruf zu den Waffen. Vor gut 20 Jahren haben viele Menschen die Kerzen und Gebete auch hier in Dresden belächelt …“

Wo, wenn nicht in dieser Stadt, ist die Erinnerung daran gut und richtig, dass mit dem Wende-Herbst 1989 Courage und Fantasie gebraucht wurden, um einen zivilen Umgang zwischen Staatsmacht und Bürgerbewegung zu finden? Nirgendwo als im 1945 sinnlos zerstörten Dresden kann es einleuchtender sein, dass ein mutmaßlich gerechtfertigter Krieg kein „gerechter“ ist. Dies gilt erst recht für einen Kampf ohne Fronten, in dem die Zahl ziviler Opfer die der militärischen haushoch übertrifft, und realistische Aussichten auf eine vorrangig militärische Lösung nicht bestehen. Nach acht Jahren Krieg (bei peinlicher Vermeidung dieses Wortes) sollten selbst diejenigen aufgerüttelt sein, die diesen Feldzug anfänglich bejaht haben, um die schrecklichen Taliban von der Macht zu vertreiben und Osama bin Laden zu fangen. Wer, wenn nicht eine christliche Kirche, muss dem Frieden und dem Friedenschaffen (möglichst ohne Waffen) mit Willenskraft und Fantasie das Wort reden? Sollte die Kirche lieber vornehm schweigen, wenn kriegerische Mittel samt den Leid und Hass schürenden Kollateralschäden keinen Erfolg versprechen und Hoffnung auf Frieden verhöhnen? Von dem durch einen Krieg freigesetzten Gewaltpotenzial ganz zu schweigen, das alle Beteiligten psychisch belastet und seelisch verstört. Eben deshalb brauchen und bekommen die vom Bundestag entsandten Soldaten seelsorgerische Begleitung. Doch werden sie dabei weder geistig noch geistlich aufmunitioniert, wie das in früheren Kriegen der Fall war, wenn man die Waffen segnen ließ. Den Gegner nicht besiegen, sondern ihn für einen gerechten Frieden gewinnen, das sollte die Devise einer Langzeitstrategie werden. Mit der westlichen Marionette Karsai und seinem korrupten Tross kann das nicht gelingen, eher schon mit den Taliban, die gemäßigt und verhandlungsbereit sind. Jedenfalls hat Margot Käßmann recht – es muss entschieden nach einer zivilen Strategie für eine Konfliktlösung und einen geordneten Rückzug gesucht werden.

Mit dem Latein am Ende

Nicht anders als verkommen sind publizistische und politische Sitten zu nennen, die dazu führen, eine solche Botschaft misszuverstehen, um draufhauen zu können. Als ob hier eine „jubelnde Linke“ dieser klugen, selbstbewussten, so nahe bei den Menschen predigenden Bischöfin die Hand geführt hätte. Die Aufregung hat etwas mit dem schlechten Gewissen der so pragmatisch-schlauen Truppen-Entsender zu tun, die offenbar mit ihrem kriegerischen Latein am Ende sind.

Wer aber, wenn nicht die Kirche, darf und muss rechtzeitig ein deutliches, diplomatisch nicht entschärftes Wort sagen: christlich und vernünftig, mutig ohne moralischen Hochmut, so fantasievoll wie realitätsbezogen. „Gesegnet sind die, die Frieden schaffen“. Auch auf der anstehenden Afghanistankonferenz.

Kommentare (50)

Joachim Petrick 08.01.2010 | 00:31

Lieber Friedrich Schorlemmer,
an anderer Stelle habe ich Bischöfin Margot Käßmann im Bunde mit papst benedikt XVI, Egon Bahr als Botschafterin der neuen Sicht der Gefahrenlage in Afghanistan für die Zivilbevölkerung, wie die Angehörigen der Bundeswehr und NGOs durch die EKD getadelt, weil es mir erschien, als ob die Kirche sich jetzt, von den Ereignissen in und um Kundus in Afghanistan bedrängt, in Gang gesetzt, sich verspätet mit Spektakel der neudeutschen Empörungskultur von den Kanzeln predigend an die Spitze der demokratisch Friedensbwegten gesetzt, als sei die Kirche schon immer, trotz jahrelangem Beschweigens des Bundeswehreinsatzes in Afghanistan, so friedens- und entspannungsförernd und-fordernd eingestellt gewesen, gleich ob katholisch, evangelisch, anglikanisch.

Dank der argumentativen Unterfütterung der Neujahrspredigt der EKD- Ratsvorsitzenden Dr. Margot Käßmann durch Ihren Artikel kann ich mit frohem Sinne bekunden, ich habe mich in der Landesbischöfin, Margot Käßmann im besten aller Sinne geirrt.
Margot Käßmann ist nicht die Botin, sie ist die frohe Btschaif aus dem Raum der evangelisch lutherischen Kirche.

tschüss
JP

PS.:
"Was haebn Sie gegen eine demokratisch- wie friedensbewegt „jubelnde Linke“?

disi 08.01.2010 | 02:35

Friedrich Schorlemmers Artikel stellt Bischöfin Käßmann und die "Empörten" in das ihnen zukommende Licht. Wir dürfen dankbar sein für diese Predigt. Ich bin überzeugt, dass ihr die Bedeutung eines Meilensteins auf dem Weg zu einer neuen Afghanistan Sicht zukommt. Im übrigen glaube ich nicht, dass die "Empörten" Frau Käßmann absichtlich mißverstehen wollen - die sind so gestrickt wie sie reden.

Joachim Petrick 08.01.2010 | 04:20

die so genannten Empörten wie Ralf Fücks, Wolfgang Schäuble, Thomas Schmid haben auf wundersame Weise eines gemeinsam, sie wollen im Tumult ihrer Sprachhülsen voll ätzender Empörung Margot Käßmann den Erfolg der Wahrhaftigkeit ihres Schneids und Mutes nicht nur auf der tückischer Reise ihres eigenen Selbstärgers Marke"Feigheit vor dem Freund/in!" abkaufen, sondern unsichtbar machen.

Das soll, das wird ihnen nicht gelingen.

tschüs
JP

Fro 08.01.2010 | 15:58

Ich bin Frau Käßmann sehr dankbar für ihr Engagement.

Die, die sich über Frau Käßmanns Predigt empörten, sind m.E. eifrige, obrigkeitshörige Ignoranten des demokratischen Geistes. Sie tun das, was wir Wessis den ehemaligen Vertretern des Politbürokraten-Regimes in der DDR berechtigterweise vorwerfen:
Sie sind nicht bereit ihre Politik oder politischen Ansichten darauf hin zu überprüfen, ob sie dem Gemeinwohl dienen und dem Gemeinwillen entsprechen. Sie unterwerfen sich lieber dem Willen mächtiger Interessensgruppen oder ideologischer Konzepte.

Diese Leute ignorieren den Willen des Souveräns. Nach dem Grundgesetz ein schwerwiegendes Vergehen.
Ist Deutschland auch ein Unrechtsstaat?
Darüber sollten diese Herrschaften einmal nachdenken.

Neueste Umfrage übrigens: 71% der Bürger wollen den schnellstmöglichen Rückzug aus Afghanistan.

Columbus 09.01.2010 | 00:21

Schön, Herr Schorlemmer, dass Sie ihrer Bischöfin beispringen.

Noch mehr aber, müsste man den Grünen beispringen, die gerade dabei sind aus ihren Fundamenten so eine Art allseits kauf- und buchbare Verbraucher- und Bürgerberatung zusammen zu zimmern. Wer genug Credits hat, der bekommt sogar noch einen Ökokorkenzieher dazu geschenkt.

Die halten das tatsächlich und mittlerweile in Mehrheit für klug, aus der Bewahrung der Schöpfung eine Art Ernährungstherapie für Bundesbürger zu basteln, aus der Kritik am Konsumismus und entlang der zerstörerischen Lehre des Kapitalismus wurde, unter der Grünen Ägide so etwas wie die Inwertsetzung von Naturresten.

Gebracht hat das, das geben mittlerweile sogar die Wissenschafler zu die einst darauf bestanden eine Ökologismus der Anrechenbarkeit aufzubauen, wenig bis nichts. - Größere Effekte auf den fortgesetzten Raubbau hatten bisher nur Wirtschaftskrisen, die immer mal wieder eine kurze Verschnaufpause verschaffen.

Bei der Kernenergie zeichnet sich jetzt schon ab, dass es auch Grünen nur darum geht die Lagerungsprobleme für einige Legislaturen aus den Füßen zu haben und man paktiert ganz offen, gegen vier Jahre Stillhalten der Partner auf Landesebene, -das kostet die konservativen und neoliberalen Partner kaum etwas, die Grünen nur viel Glaubwürdigkeit - , im Saarland mit Parteien, die auf Bundesebene ganz andere Pläne durchsetzen wollen und jahrzehntelang andere Ziele setzten.

Mich stört die derzeitige Wurstigkeit bei Leuten wie Fücks und auch Büttighofer, die mittlerweile mit Themen und Inhalten umgehen wie die anderen Parteien auch. Es sind nur noch Versatzstücke von Kampagnen, die abgerufen werden, wenn gerade wieder einmal ein Thema durch die Medien saust.

Ein Grund für die starke Stellung der CDU/CSU und FDP, ein Grund für die derzeitige eindeutige Überlegenheit ganz konservativer und rechter Denkhaltungen, ein Grund für die fast ungestörte Fortsetzung der Kanzlerschaft Merkels, selbst wenn es da nur noch um das Oben bleiben geht, ist diese substanzlose Alternativlosigkeit bei einem großen Teil der Opposition. - Gerhard Schröders Satz, "Wir wollen nicht Alles anders, aber Vieles besser machen", als Kohl und Co., war eigentlich das Credo von Rosarot und Grün insgesamt.

Auf einen Gegenentwurf verzichten heißt aber auch, immer zu hoffen, dass man als Trittbrettfahrer im allgmeinen Wischiwaschi irgendwann gebraucht wird und hoffen darf, irgendwie gewählt zu werden um zu regieren und sei es mit ganz anderen Mehrheiten, mit denen man sich dann im Grundsatz so einigt, wie einst mit der SPD. - Das ist dann Klientelpolitik, wie sie die FDP derzeit in gewagtem Stile vorturnt.

Stille herrscht bei den Grünen bezüglich alternativer Wirtschaftmodelle. Experimente wie Genossenschaften, dürfen zwar noch sein, aber letztlich will man lieber eine grün angestrichene, als eine andere Wirtschaft.

Was kostet mehr Menschenleben? Was kostet mehr und noch mehr Geld, wenn man denn wirklich die zweite Säule des Afghanistan-Projektes, den zivilen Aufbau ernst nähme und nicht nur ein paar Pflaster aufklebte? Woher sollen die neuen, ganz frischen Milliarden Dollars und Euro kommen, die bisher schon nicht in der versprochenen Form flossen und wenn doch, dann bei den falschen Leuten landeten? Wer beliefert, nachdem in Afghanistan dereinst die Befriedung und der Weizenanbau überall prosperiert, man gestatte mir die Polemik, die Welt mit Rauschdrogen, die doch vorzüglich von Jung und Alt hierzulande konsumiert und in Rhein, Main, Neckar,Elbe,Isar und Donau gepinkelt werden.

Solche Fragen müssten doch von Kirchen und von wirklich Grünen gestellt werden, als sich weiterhin hinter dem Schutzmantel zu verstecken, man wolle global humanitäre Projekte durchsetzen, von denen man glasklare Vorstellungen habe.

Das Gegenteil ist der Fall, und aus den Reaktionen bei den Grünen wird auch deutlich, dass viele in der Partei das insgeheim schon wissen.

Frau Käßmann hat in ihrer Predigt diese anderen Themen auch ganz deutlich angesprochen und Herr Fücks behauptet ja, er wenigstens sei nicht Teil der Kampagne gegen die Bischöfin in der "Welt", sondern er meine es ganz grundsätzlich. Die EKD-Vorsitzende gilt ihm daher als naiv, seine Kritiker aus den Reihen der Grünen werden arrogant und von oben herab als "Gedankenpolizei" abgemeiert. So bleibt man in wichtigen öffentlichen Funktionen, so machen das Alle, die sich selbst für überlegene Denker und Lenker halten.

Grüße
Christoph Leusch

Fro 09.01.2010 | 03:35

Meines Erachtens geht es hier um die Themen:
Frieden
Demokratie
und Meinungsfreiheit.

Und es geht darum, dass wir Bürger wünschen, dass diese Ideale von unseren Politikern als Leitlinien ihrer Politik verstanden werden. Dazu sind sie auch per Grundgesetz verpflichtet. Und jeder Bürger will das so – auch die Wähler der Kriegsbefürworter-Parteien CDU/CSU/FDP/SPD/Grünen.

Ist es nicht vollkommen absurd, wenn eine Mehrheit der Volksvertreter im Bundestag den Krieg befürwortet, obwohl der größte Teil des Volkes ihn ablehnt?

Und ist es nicht vollkommen irre, wenn einige Politiker sich genötigt sehen, sich in niederträchtigsterweise darin zu versuchen, den allgemeinen Willen nach Frieden – ausgedrückt von Frau Käßmann – als vollkommen unsinnig hin zu stellen?

Was soll das?

Um das Absurde zu verdeutlichen hier die „Thesen zu einem sinnlosen Krieg“
von Jürgen Todenhöfer. Ein sehr schönes Plädoyer gegen einen sinnlosen Krieg.

haydnplayer 09.01.2010 | 13:39

„Nicht anders als verkommen sind publizistische und politische Sitten zu nennen, die dazu führen, eine solche Botschaft misszuverstehen, um draufhauen zu können.“

Lieber Herr Schorlemmer, ich denke, dass die Botschaft von Frau Käßmann von allen Seiten tadellos verstanden wurde. Sie trifft aber auf eine schon aufgeheizte politische Gemengelage bezüglich des Afghanistan- Einsatzes. Und dann paßt eben manchem das mutige Bibelwort genau in den eigenen Streifen, und es wird gleich noch etwas mutiger zurechtgebogen. Und andere übertreiben den Kanzelmut von Frau Käßmann, um ihn anschließend um so besser attackieren zu können. Denn sooo mutig wurde ja der sofortige Abzug aus Afghanistan nun doch nicht von der Kanzel gefordert (wie auch ihr Zitat belegt).

Und auch so arg verkommen sind die Sitten nicht, es handelt sich doch um vertraute rhetorische Spiele, die auch innerhalb des kirchlichen Streitens gängig sind. Oder haben Sie noch nie im Eifer des Gefechtes die Ansicht eines Kontrahenten ein bißchen übertrieben, um ihn dann etwas zwingender widerlegen zu können?“

Avatar
Ehemaliger Nutzer 09.01.2010 | 15:06

Frau Käßmann verkündet die Mehrheitsmeinung der Bundesbürger zum Afghanistankrieg, was die Spatzen also von den Dächern pfeifen, von der Kanzel. Ich halte das durchaus für richtig aber was daran ist Mut von der Kanzel?
Dass die Grünen nach dem rotzgrünen Kosovo- und Afghanistankrieg immer noch als Friedenspartei und 'links' gelten, hat wohl mit der hartnäckigen Haltbarkeit von Legenden zu tun. Fücks und Schäuble zeigen doch nur auf, dass Entscheidungen FÜR einen Krieg KEIN Hinderungsgrund für schwatzgrüne Koalitionen sein werden.

Columbus 09.01.2010 | 17:01

Born3bmild,

Volltreffer. Ralph Fücks hat mittlerweile mehrfach betont,jetzt wieder in der SZ, dass für ihn nur Politiker und Politiken interessant sind, die mit dem gegebenen etablierten breiten Spektrum zusammen, Macht erhalten und ausüben. - Einzige und von ihm betonte Ausnahme, die "Linke". Nicht "reif", so sein nonchalantes Urteil.

Aber, bei seiner Person mag er keine Verbindung von Äußerung und öffentlicher Funktion als Stiftungsvorstand sehen. Er verteilt weiter fleißig politische Wertungspunkte. - Das nannte man einmal, bezogen auf Glaubenssätze, Bigotterie.

Geradezu perfide ist seine Aussage im SZ-Interview, mit der CDU, der CSU und der FDP sei es leichter Regierungen zu bilden, weil die nicht erwarteten, im Gegensatz zur SPD, dass man sich wie "Fleisch vom Fleische" benehme.

Mit dem Namensgeber der Stiftung und auch mit den Stiftungsanliegen, die wurden ja formuliert, haben die Auftritte Herrn Fücks wirklich nicht mehr viel zu tun. Da ist ja sogar die Konrad Adenauer Stiftung mittlerweile systematischer auf der Suchen nach Alternativen im Denken und Handeln, z.B. was die Migranten-Integration angeht.

In der SZ ( www.sueddeutsche.de/politik/588/331447/text/ ) hat er die "Ökologie" als letztes genuines Themenfeld der Grünen verortet, aber darauf hingewiesen, es sei damit vor allem so eine Art grüne Marktwirtschaft gemeint. - Damit kann man aber auch das niedlich große RWE-Monster, welches wie ein überdimensionales Überbleibsel aus Folge 100 eines Remakes von Harry Potter über allseits buntfarbige Landschaften daher trampelt, "ganz doll lieb" haben. - Mit einer politischen Alternative hat das nicht mehr viel zu tun, sondern ist nichts als "Schrö-Fi" (Schröder-Fischer), ein wenig mit dem guten Namen Heinrich Bölls ausstaffiert und ziseliert. Für so viel Wendigkeit gibt es dickes Lob von der "Welt", die Herrn Fücks als Mann mit "stategischem IQ", gleich neben Joschka Fischer platziert.

Allerdings sollte man sich nicht täuschen, Herr Fücks steht bei den Grünen nicht allein da. - Da gibt es in letzter Zeit eine ganze Riege, die ohne allzu viel Anstrengung einfach sagt, ich bin die Richtige, der Richtige, für die zu verteilenden öffentlichen Posten in der Gesellschaft.

Aus Opportunitätsgründen, es wäre unklug sich jetzt als Mitentscheider und Befürworter des Engagements allzu entschieden zu outen, halten sie sich derzeit, auch in den Gremien der evangelischen Kirche, eher zurück.

Sie wissen, sie haben die Mehrheit der eigentlichen Entscheider hinter sich, egal wie unpopulär der Krieg in Afghanistan auch bei der Bevölkerung und bei den eigenen Wählern sein möge. - Die spiegelten im Wahlverhalten ihre Ablehnung des Krieges allerdings nicht, denn die menschlichen und materiellen Kosten des Einsatzes am Hindukusch bleiben, trotz aller Medieninformation, eine Sache, die die meisten Menschen nicht alltäglich berühren kann, immer noch zu abstrakt, irgendwo abläuft. - Da lässt man es eben laufen.

In diesem Falle ist Frau Käßmanns Mut eher der einer mutig glaubenden Theologin. Denn sie verweist auf den einfachen Tatbestand, dass, evangelisch oder katholisch, kein Segen auf den Kampfhandlungen fern der Heimat liegen kann. - Wie auch!- Die Motive dort zu kämpfen sind allesamt nicht christlich. Umso schlimmer, den Soldaten, es sind viele Gläubige darunter, per ordre den Kampf zuzumuten.

Heinrich Böll hat sein Leben lang nie gesagt, man müsse immer die andere Backe auch noch hin halten, wenn die Schläger anrücken. Ganz im Gegenteil. Aber, dass Deutsche am Hindukusch Krieg führen, das hätte er mit Sicherheit strikt und mit allen seinen Mitteln, abgelehnt.

Grüße
Christoph Leusch

ad
Fro schrieb am 09.01.2010 um 02:35:

Derzeit könnten Sie in Deutschland wohl schneller ein Volksbegehren gegen Minarette auf die Beine stellen, weil es dafür schon genügend Akteure gibt, als die Leute zu einer Abstimmung um Krieg und Frieden zu motivieren.

Ich finde jedoch, Frau Käßmann hat als Theologin und Bischöfin, als Ratsvorsitzende gesprochen und theologisch gefragt ob man segnen könne, was man dort tue. - Segnen, im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes, also nicht nur aus den so genannten "realpolitischen Motiven" heraus.

Der evangelische Christ Fücks, ich wäre gespannt, was er da anzubieten hat, vermute aber, das geht ausser bei der Besetzung von öffentlichen Panels, gegen Null, fühlt sich in seinen Entscheidungen und Wertungen durchaus gesegnet.

Keineswegs ist die Antwort auf Frau Käßmann ein Produkt des Denkens, ich muss mal wieder ins Bild. Nein, Ralph Fücks vertritt gerne die "Realpolitik", die zu betreiben er den "Grünen", jedenfalls denen im Gefolge Fischers und Co., immer empfiehlt. Das war schon 2006 so, als er in Loccum zu "Religion und Realpoltik" Auskunft gab und es auch danach häufig wiederholte. - Gegen selbst ernannte "Realpolitiker" haben übrigens in allen Parteien andere Leute einen sehr schweren Stand. Was soll man gegen deren Kongruenz mit der Realität anführen?

Daher ist auch das Gerede Ralph Fücks eher intellektuell schwach, denn es gipfelt in dem Abkanzeln der anderen Position als "naiv" oder "banal". Solche Art Rhetorik zeichnete Realpolitiker tatsächlich, von Henry Kissinger, über Helmut Schmidt, bis... , von Zeit zu Zeit aus, ist aber eher ein frustraner Versuch Überlegenheit im Denken anzuzeigen, als ein wahrhaftiger Ausdruck von Intellekt.

Grüße
Christoph Leusch

Eyestar 09.01.2010 | 18:11

Doch, Herr Schorlemmer, das klingt nach moralischem Hochmut und Einäugigkeit!

Egal, wie wir es nennen, der Krieg ist doch längst im Gange. Er lag außerhalb unserer Macht. Er wird uns seit langem aufgezwungen. Aber von einem Zwang zum Handeln wollen Sie ja nichts wissen! Sie ignorieren das Faktische und führen zudem noch den "Kollateralschaden", also das versehentliche Danebenschießen, und getötete "Zivilisten" als Argumente an. Taliban aber sind Zivilisten denen es gleichgültig ist, wenn ihre zivilen Geiseln zu Hauf sterben!

Im Augenblick spricht nichts dafür, dass der islamistische Terror pausiert, um mit dem feigen, uneinigen, zerstrittenen Westen Verhandlungen zu führen. Die Spaltung der Koalition gegen den Terror ist eine Meisterleistung des islamistischen Terrors: Gerhard Schröder und Jacques Chirac hatten die Aufkündigung der Solidarität für historisch geboten gehalten, was dem Terror Luft verschaffte. Zu Verhandlungen ist es indes nie gekommen. Zeigen Sie mir Ihren "verhandlungsbereiten", "gemäßigten Taliban", den Sie so idealisieren und den Sie der "westlichen Marionette Karsai" vorziehen würden. Wenn das nicht realitätsfern und moralisch hochmütig ist...

Columbus 09.01.2010 | 20:57

ad Eyestar schrieb am 09.01.2010 um 17:11

So gut die Einwände gegen zu viel Einäugigkeit auch sein mögen.

Sie kennen ja die Geschichte, wie viel von den heutigen Terroristen ehemals, "unsere, für uns kämpfenden Freunde" waren, denen man sogar die Flugabwehr und ausreichende Logistik zukommen lies. - Sogar Hollywood hat das mal verfilmt, wie einzelne Kongreßabgeordnete für den "Freiheitskampf" mit Stinger-Raketen sorgten, wie man erst einmal die Terroristen, mit Hilfe des pakistanischen Geheimdienstes und der CIA nach Kabul brachte und im Lande ausreichend versorgte.

Zwischen "Taliban", "islamistischen Terroristen", dann der Zugehörigkeit zu einer Volksgruppe oder einem Klan, muss man dort doch strikt unterscheiden (Sehr informativ sind die Artikel Uli Ladurners aus der ZEIT, weil er sich länger vor Ort kundig machte und dazu immer vorsichtig berichtet).

Gespräche suchen derzeit Karsai, Gordon Brown, Barack Obama, neuerlich wieder die Deutschen (Willenserklärung), früher einmal auch, wohl eher pro forma, "Steini".

Karsai will nun eine große Ratsversammlung mit den "Taliban", die ja aus seiner Volksgruppe stammen, denn ein Land, das noch nie zentralistisch regiert wurde, lässt sich nicht in ein staatliches Konzept, von außen aufgesetzt pressen.

Der Terrorismus ist längst in Pakistan, im Jemen, in Somalia oder Nigeria angekommen und wer führt dort bald neue Kriege?

Zwischen 9-11 und Irakkrieg gibt es keine logische und sachliche Verbindung. Genau so, wie die iranische Staatsführung zwar eine ziemliche Pest sein mag, aber gegen die Quaida und gegen den Drogenschmuggel kämpft dieses Land ebenfalls, und das mit harten Bandagen.

Wahrscheinlich, so sehe ich das jedenfalls, war die Weigerung Schröders im Irak mit zu tun, das einzige Momentum dieser Regierung, mit dem real Schaden vom Deutschen Volke abgewendet wurde. - Von dieser Realpolitik wünschte ich mir mehr. Die Auswirkungen wären spürbar, überprüfbar und deutlich.

Noch mehr Schaden ließe sich durch den Rückzug, wie gesagt, einen geordneten Rückzug, abwenden.

Die Gegenthese, es komme zu viel mehr afghanischen Opfern und im Westen träten neue islamistische Terroristen auf, die ist zumindest ebenso nicht belegbar, wie die These, es werde in Afghanistan Alles besser, wenn wir gehen.

Aber die Auswirkungen sind andere. Wir werfen keine Bomben mehr und Hilfen bekommen dann jene, die sie haben wollen. Wer keine will, der bekommt auch nichts, darf frieren, darf ohne Schulen bleiben, darf ohne sanierte Straßen und Brunnen leben, darf, so lange seine Familien und sein Klans es so wollen.

Wir haben es nicht mit einem Diktator oder einer Verbrecherbande zu tun, die Jagd auf wehrlose Bauern, eine andere Ethnie, planmäßig und vollständig ins Werk setzt oder gar Krieg auf fremdem Gebiet anzettelt.

Ganz ehrlich, ich kann das Wort "Realpolitik" nicht mehr hören, auch "Realo" oder "Fundi" sind solche Hülsen, hinter denen absolut keine Argumente, sondern immer nur eine Denunziation des politischen Mitstreiters, manches Mal sogar in einer Partei, steht.

Allerdings wird in manchen intellektuellen Zirkeln immer noch gerne zwischen Verantwortungs- und Gesinnungsethikern unterschieden, das ist so eine Bildungsfloskel, aber das gibt es immer nur im Überflug und vom universitären Stammtisch.

Wer sich fest gefahren hat mit einer politischen Linie, die vielen Unschuldigen und sicher auch Schuldigen das Leben kostete, der muss einen anderen Weg einschlagen, sonst bleibt er doch gemein.

Grüße
Christoph Leusch

Fro 09.01.2010 | 22:58

Ein weiteres wichtiges Argument gegen den Afghanistankrieg, das J. Todenhöfer in seinen „Thesen zu einem sinnlosen Krieg“ anführt:

„Wir zerstören Deutschlands Ansehen als Friedensmacht. Wir sind durch 60 Jahre Friedenspolitik zu einem der geachtetsten und beliebtesten Länder der Welt geworden. Dieses hohe Gut wird in atemraubendem Tempo verspielt.“

@Columbus
In Ihrem vorherigen Beitrag schrieben Sie: „Derzeit könnten Sie in Deutschland wohl schneller ein Volksbegehren gegen Minarette auf die Beine stellen, weil es dafür schon genügend Akteure gibt, als die Leute zu einer Abstimmung um Krieg und Frieden zu motivieren.“

Das glaube ich nicht.
Eine Volksabstimmung ist auch gar nicht nötig – es ist allgemein anerkannt, dass die Mehrheit der Bevölkerung einen schnellstmöglichen Rückzug aus Afghanistan wünscht (71%).
Und von einer repräsentativen Demokratie sollte man erwarten, dass der allgemeine Bürgerwille auch in der politischen Haltung der Abgeordneten zum Ausdruck kommt. Das Grundgesetz verlangt, dass sie das ganze Volk zu vertreten haben - an keine Weisungen gebunden und ihrem Gewissen verpflichtet. Und wenn selbst ihr Gewissen nicht nach einer echten Friedenspolitik verlangt, dann tun mir diese Leute Leid – machen mich aber auch wütend, weil sie den Kriegseinsatz im Namen des Volkes beschlossen und vom Volk finanzieren lassen – obwohl es damit eigentlich nichts zu tun haben möchte.

Murkel 09.01.2010 | 23:05

Mir ist eigentlich niemand bekannt, der behauptet "Alles ist gut". Es klingt allerdings gut, sich gegen eine solche "Behauptung" auszusprechen.Es gibt auch unter den Politikern wohl niemanden, der gegen Frieden ist - den man vergeblich in Afghanistan zu erreichen versucht. Wobei allerdings das Gewaltpotential in Afghanistan auch vor diesem "Krieg" bereits unübersehbar war. Sicher ist Frau Käßmann zuzustimmen, wenn sie mehr Phantasie für eine friedliche Lösung einfordert. Aber das soll und kann doch wohl nicht heißen, Afghanistan ohne Vorgaben erneut den Hardlinern der Taliban zu überlassen und ohne eine Problemlösung alle Truppen abzuziehen.
Was die zitierte Armutsscham betrifft, die Scham des Jungen (Beispiel in der Rede) ist verständlich, aber doch nicht der Gemeinschaft anzulasten.
Unzweifelhaft gibt es den zitierten Leistungsdruck in der Gesellschaft, aber ob der Spitzensportler aus diesem Grund Angst hatte, seine Depression behandeln zu lassen, wage ich sehr zu bezweifeln.
Zum Schluss ein Zitat des griechischen Philosophen Epiktet: "Nicht die Dinge selbst beunruhigen den Menschen, sondern ihre Urteile und Meinungen über sie". (Übersetzt von Rainer Nickel)

Columbus 09.01.2010 | 23:45

ad
Fro schrieb am 09.01.2010 um 21:58

Volle Zustimmung, wir brauchen dafür keine Volksabstimmung, aber wohl ein anderes Wahlverhalten.

Denn die furchtbare Wahrheit ist ja, dass eine linksliberale grüne Partei und eine vorgeblich linke, "Rest"-Volkspartei, kontinuierlich und hartnäckig, -so lange sie nur noch einen politischen Willen staatstragend überhaupt ausführen konnten- , in die andere Richtung marschierten.

Den Grünen und der SPD waren sogar die Umfragen unter den eigenen Anhängern völlig egal. Weil man sich international mehr Mitsprache versprach, verstrickte man sich freiwillig und möchte nun die Maschen nicht fallen lassen. Sehen Sie zu einem ähnlich gelagerten Politfall, das umwerfend komische und treffende Video Herrn Grassmanns und Herrn Augsteins ( forum.politik.de/forum/parteien-und-wahlen/219426-die-gruenen-werden-30-kommt-nun-die-fusion-mit-der-fdp.html ). Das ist stimmgewaltig und augenöffnend.

Von der CDU oder der CSU habe ich mir in dieser Hinsicht (Krieg und Frieden) nie etwas versprochen. Die sind so dunkel und so kryptisch mit ihrem strategischen politischen Verhalten, dass da jeder Ausgang möglich ist. Denken Sie nur einmal an Angela Merkels Unterstützungsflug über den Atlantik, vor dem Feuerwerk im Irak.

Aber Herr von und zu Guttenberg, auch das wieder eine typisch paradoxe Politikgeschichte, dürfte der Verteidigungsminister werden, der die Truppen zurück führt, obwohl er dafür eigentlich nichts tat. - Jedenfalls arbeiten die beiden ehemaligen Bündnispartner SPD und Grüne derzeit Hand in Hand, oder vielmehr jeder für sich, um den schon immer so gefühlten eigentlichen Staatsparteien der Republik überall den Vortritt zu lassen.

Liebe Grüße
Christoph Leusch

Fro 10.01.2010 | 02:12

Ihre Ausführungen über den tristen Zustand der Parteien und das empörende Politiker-Verhalten gegenüber Frau Käßmanns Bekenntnis zu einer echten Friedenspolitik zeigen, wie nötig die Entwicklung eines demokratischen Bürgerbewusstseins und einer zeitgemäßen demokratischen Kultur in unserem Lande ist.
Eigentlich unglaublich, was wir uns von unseren Politikern und Parteien bieten lassen. Und wir sehen, dass sie aus eigener Erkenntnis nicht besser werden – der Trend geht eher nach unten.

Hans-Joachim 11.01.2010 | 12:07

Gut, dass Frau Margot Käßmann deutliche Worte zum Krieg in Afghanistan gefunden und ihre Kritik daran ausgesprochen hat. Dass sie einen empfindlichen Nerv bei Regierung und ihren Anhängseln, z. B. meinungsführenden Presseorganen, getroffen hat, zeigen die Kritiken, die man teilweise von beleidigt bis wütend klassifizieren kann. Endlich kam von der Kanzel ein gutes Wort, das den Mächtigen, die nicht nur in dieser Frage der Mehrheitsmeinung in der deutschen Bevölkerung zuwiderhandelt, immerhin zu denken gibt. Daraus abzuleitende Handlungen dauern dann sowieso immer etwas länger, wenn sie überhaupt erfolgen.

Aber was Herrn Friedrich Schorlemmer dazu bewegt hat, festzustellen, dass der Ort, an dem Frau Käßmann ihre Predigt gehalten hat, doch gerade am besten geeignet gewesen sein soll, ist nicht nachvollziehbar. Der Ort Dresden nämlich sei, so Schorlemmer, ein Beispiel für eine im Krieg sinnlos zerstörte Stadt. Ich möchte nicht in die Diskussion eintreten, ob die Bombardierung Dresdens sinnvoll oder sinnlos war. Im Nachhinein lässt sich trefflich darüber streiten. Die Alliierten waren der Meinung, Dresden zu bombardieren, und so haben sie es getan. Und wir Deutschen sollten nun wirklich die Letzten sein, die darüber zu jammern haben. Denn vielleicht wäre ein anderer Ort für die Predigt Käßmanns, Schorlemmer folgend, wirklich geeigneter gewesen, z. B. Leningrad, wo die deutschen Soldaten den Hungertod von vielleicht einer Million Menschen bewusst verursacht haben, oder Warschau, keine deutsche Stadt ist dermaßen zerstört worden wie Polens Hauptstadt, oder Kiew oder Guernica oder oder oder.
Hans-Joachim Joergens

ChristianBerlin 12.01.2010 | 10:03

Lieber Friedrich,

Mut von der Kanzel tut gut,
Mut von der Kanzlerin täte besser.

Wenn das eine das andere bewirken soll, darf sich Margot jetzt nicht einwickeln und von von und zu Guttenberg in Afghanistan im Doppelpack mit Schulterschluss herumzeigen lassen.

Solche Bilder wirken in den Medien wie ein halber Rückzieher. Sie muss entweder absagen oder dort noch klarer sagen, dass jetzt Soldaten mit evangelischem Bekenntnis nach Luthers Lehre den Kriegsdienst verweigern müssen, da dieser Krieg ungerechtfertigt ist (falls sie das dann noch immer so sieht, wie sie es im Interview mit der Hannoverschen Allgemeinen zu ihrer Predigt klar gesagt hat). Und den Friedensbeauftragten der EKD soll sie aus ihrem Stab ebenfalls mitnehmen und ihn dort zu Wort kommen lassen. Sie kann das Protokoll dort mitbestimmen, weil sie jederzeit absagen kann.

Nur wenn sie jetzt inhaltlich am Ball bleibt und locker lässt, vermeidet sie, dass sie durch diese Reise für den Rest ihrer Amtszeit unglaubwürdig gemacht wird.

Sag ihr das doch irgendwie mal (falls Du das hier überhaupt liest) in netter geschwisterlicher Form, Du bist mit Deinen vielen Ehrenämtern selbst als Ruheständler an ihr und dem Kirchenamt der EKD bestimmt näher dran als ich.

LG Christian

Lethe 12.01.2010 | 16:35

oh. Kaum piepst also die oberste Repräsentantin eines bekannten deutschen Trachtenvereines mit einigen Jahren Verspätung nach, was ohnehin jede zweite Taube vom Dach gurrt, schon heimst sie im Freitag Lobeshymnen für sich und ihren Verein ein, als wäre sie Hélder Câmara und hätte gerade den Humanismus und den gesunden Menschenverstand erfunden. Ganz toll.

Joachim Petrick 12.01.2010 | 18:18

siehe dazu meinen Kommentar zu Michael Jägers Freitag Blog Beitrag:

www.freitag.de/politik/1001-kaessmann-afghanistan-bundeswehr-kirche-ekd-predigt-kritik

Lieber Michael,
selbst Du bist nicht frei davon, aus Margot Käßmanns Predigt den Weihnachtsfrau als Mann heraus zu hören, wo sie doch in Wahrheit und all ihr zu Gebote stehender Klarheit per Neujahrspredigt das Jahr 2010 in der Frauenkirche zu Dresden segensreich eingeläutet.
Margot Käßmann, Botschafterin der INSM (s. www.nachdenkseiten.de/Albrecht Müller) wurde von zu Guttenberg zum Rapport in den Bendlerblock nach Berlin "einbestellt", damit Margot Käßmann, geladen, wie sie dieses als Ratsvorsitzende der EKD von Amtswegen sein darf, weiter angestrengt zwischen so genannter Verantwortungsethik und Gesinnungsethik unterscheidet, wie sich Horst Seehofer dies Gestern bei Reinhold Beckmann in Gegenwart von Margot Käßmann mental so akrobatisch gewünscht, weiter sagt, was sie sagt, aber inbeded jeden Ansatz von Phantasie im Ringen um den Frieden und Aufbau der Zivilgesellschaf in Afghanistan ungenutzt, unverrichteter Dinge, gen Himmel fahren läßt, da die Phantasie womöglich auf den Trichter von beschwiegenen Gefahrenlagen kommt, z. B., dass die Allianz von Miltär und NGOs beim Aufbau der Zivilgesellschaft in Afghanistan nicht gelingen kann, weil die Militärs die NGOs nicht sichern, sondern gefährden, wie dies vielerorts in Afghanistan Angehörige der NGOs,ungehüört iwe Hände ringend, bekunden.

Inzwischen wurde die Ratsvorsitzende der EKD, Dr. Margot Käßmann nach Einbestellung in den Bendlerblock verdattert von Bundesverteidgungsminister Karl- Theodor zu Guttenberg zum besuchsweise öffentlichen Nachsitzen bei der Truppe in Afghanistan/Kundus vergattert, dass sie jetzt nur noch milde hüstelt
"vom Grunde her habe sie ja gar nichts gegen den Einsatz er Bundeswehr in Afghanistan"
"Frau wird ja noch mal fragen dürfen!",
habe ihr doch gerade ein Offizier der Bundeswehr offenbart, es seien 6000 Sicherheitskräfte im Norden von Afghanistan durch die Bundeswehr, durch einige Polizisten ausgebildet worden, wo es doch mindstens einer Zahl von 45.000 ausgebildeten Sicherheitskräften bedürfe, um allein die Region im Norden Afghanistans hinreichend zu befrieden.
Die Frage, wie viele von den 6000 ausgebildeten Sicherheitskräften im Norden Afghanistans überhaupt von der afghanischen Zentralregierung vor Ort eingestellt wurden, oder von den Taliban, von den Warlords, die besser bezahlen, übernommen wurden, traute sich da Margot Käßmann, ihrer theologischen Phantasie entäußert, schon gar nicht mehr bei dem inbeded Reinhold Beckmann in gegenwart des bayrischen Mniisterpräsidenten, Horst Seehofer, Dr. h.c, in den Raum zu stellen.

Gleichzeitig taugt Dr. Margot Käßmann auf wunderbare Weise als promotende Botschafterin in eigner Sache,
hat sie doch tasächlich einen Artikel von ihr im Zeit Magazin dieser Woche, 02- 1- 10, locker vom Talk- Hocker, bei Reinhold Beckmann mit einem riesigen Foto von ihr
"Margot Käßmann "Im Gusto des Zeit Magazin gemäß", schlafend mit geschlossenen Augen"
hoch in die Kamera gehalten.

Wenn Margot Käßmann stellvertretend für die EKD nun meint, sie sei für ihre seelsorger/innen bei der Bundeswehr, aus der Deutschen Bundestag "Parlamentsarmee Bundeswehr" Afghanistan Nummer heraus, dann hat sie sich zu Lasten Dritter furchtbar geiirt und getäuscht.

tschüss
JP

ChristianBerlin 13.01.2010 | 15:25

@Lethe

Sehr unsachlich, aber witzig geschrieben.

Um in Deiner Diktion zu bleiben:

Die Frage ist jetzt, welcher Trachtenverein welchen zurückpfeift: Der meinige den Zu-Guttenbergschen oder der Zu-Guttenbergsche den meinigen (oder schorlemmerschen, wenn friedrich nicht gerade als Herausgeber des Freitag spricht).

Im Moment sieht es nach einem Sieg der Olivgrünen zumindest an der Heimatfront aus - siehe unten oder oben JPs oder meinen Kommentar.

Darüber ärgert sich ein Pfaff wie ich naturgemäß schwärzer, als er schon ist, weil Margot mit einem Rückzieher nach ihrem fleißig bebellten Punktsieg über getroffene Hunde leider nun beweist, dass Du mit Deinem Trachtenverein Recht haben könntest - zumindest den Teil meiner Mannschaft betreffend, der am Sonntag auf den Kanzeln zum Wortgefecht mit dem Zeitgeist antritt; den diakonischen Teil meiner Truppe, der im Alltag in Häusern und Straßen mit den Folgen von Obdach- und Arbeitslosigkeit, Psychiatriebetroffenheit oder Existenzkrisen und - ängsten ringt, würde ich von jedem Verdacht ausnehmen wollen, nur Mummenschanz und moralische Anmaßung zu treiben.

Auch die Bundeswehr ist kein reiner Trachtenverein mehr. Die töten jetzt nicht mehr bloß Pappkameraden.

Fast kommt es mir deshalb zynisch vor, über ein so ernstes Thema spaßig zu schreiben. Doch wenn ich Kierkegaard richtig verstanden habe, ist das - lieber Lehre und lieber JP - das einzig Vernünftige in Anbetracht der Übermacht der Unvernunft.

LG CB

Lethe 13.01.2010 | 17:39

Christian, Sachlichkeit war nicht das erklärte Ziel und mit Zynismus habe ich keine großen Probleme, wenn es denn Zynismus aus mir genehmen Beweggründen ist^^ der mir genehme Zyniker leidet an der Unausweichlichkeit des Menschlichen. Die andere Art Zyniker wird Politiker, Banker, Makler, Manager und dergleichen. Bei Pfarrern, Priestern und Juristen habe ich beide Sorten kennengelernt^^

Wirkliche Hochachtung vor Frau Käßmann würde ich entwickeln, wenn sie alle protestantischen Politiker aus der EKD ausschließen würde, die für den Afghanistaneinsatz plädieren. DAS wäre ein Zeichen, wie die EKD zum Krieg steht.

Aber so steht sie als Ganzes eben nicht zum Krieg, und deswegen wohl diese halbseidene Rede, die letztlich niemandem wirklich weh tat und mittlerweile zur PR-Maßnahme für das Verteidigungsministerium gerät, da dort nach dem ersten Schock mittlerweile das Potential erfasst wurde, das sich so unverhofft bot. Oberste deutsche Bischöfin mit Verteidigungsminister am Hindukusch, vor Bildern von in den Sonnenuntergang startenden Kampfjets.

ChristianBerlin 13.01.2010 | 21:01

@Lethe

Das hast Du schön gesagt, unsere Befürchtungen, sind dieselben - und auch die Bilder, die wir dabei vor Augen haben (s.o.).

Die EKD-Ratsvorsitzende ihre Glaubwürdigkeit jetzt nur noch auf zwei Arten wahren.

[Zitat CB]Sie muss entweder absagen oder dort noch klarer sagen, dass jetzt Soldaten mit evangelischem Bekenntnis nach Luthers Lehre den Kriegsdienst verweigern müssen, da dieser Krieg ungerechtfertigt ist[/Zitatende]

Über Deinen Vorschlag muss außerdem ernsthaft nachgedacht werden.

Wenn die Ratsvorsitzende darin recht hat, dass dieser Krieg nicht zu rechtfertigen ist, trifft die Verpflichtung, ihm nach Luthers Lehre ohne Wenn und Aber jede Unterstützung zu verweigern, nicht nur die Soldaten, auch ihren Souverän und seine Repräsentanten, also das Deutsche Volk, vertreten durch seine gewählten Politiker.

Kirchenrechtlich könnte über Deinen Vorschlag sogar jeder kleine evangelische Ortsgeistliche befinden, wenn er denn persönlich zuständig ist, weil einer der Kriegsverantwortlichen in seiner Gemeinde lebt.

Der Ausschluss von den Sakramenten war für sogenannte "öffentliche Sünder" noch bis ins späte 20. Jahrhundert hinein bei Evangelen mancherorts üblich und wird bekanntlich noch heute von Evangelikalen oder römischen Geistlichen etwa bei Wiederverheirateten ohne gültiges Annullierungsverfahren praktiziert - also bei kirchenrechtlichen Vergehen von anerkanntermaßen geringerer "Schwere der Materie" als bei ungerechtfertigtem Töten(lassen), denn das Gebot nicht zu morden rangiert auf der 2. Tafel vor allen anderen.

Wer das als Pfarrer tatsächlich tut, riskiert zwar, wegen Gemeindespaltung oder sogenannter Ungedeihlichkeit auf eine andere Stelle gesetzt zu werden, aber disziplinarisch müsste er nach der klaren Äußerung der EKD-Ratsvorsitzenden eigentlich nicht belangbar sein, wenn er das richtige Prozedere einhält (in jedem Fall Anhörung des Betroffenen und Einbeziehung des Gemeinderates, was schon Mt 18,15-17 vorschrieb).

[Zitat J.v.N. n. Matthäus, rev. Elberfelder Übers.]

Wenn aber dein Bruder sündigt, so geh hin, überführe ihn zwischen dir und ihm allein!

Wenn er auf dich hört, so hast du deinen Bruder gewonnen.

Wenn er aber nicht hört, so nimm noch einen oder zwei mit dir, damit aus zweier oder dreier Zeugen Mund jede Sache bestätigt werde!

Wenn er aber nicht auf sie hören wird, so sage es der Gemeinde;

wenn er aber auch auf die Gemeinde nicht hören wird, so sei er dir wie der Heide und der Zöllner![/Zitatende]

@Rahab
@Titta
@Jaguarle
@Gandow
@Ulrich Kasparick
@Friedrich Schorlemmer
@Katrin Göring-Eckardt

Mal eine eine Frage an die hier schreibenden und bloggenden Amtsgeschwister und (an)studierten Theologinnen, die mir auf Anhieb einfielen:

Wie findet ihr denn Lehtes Vorschlag?

Ich finde ihn - unter der Prämisse, dass unsere Ratsvorsitzende mit Ihrer Einschätzung darin recht hat, dass dieser Krieg durch nichts gerechtfertigt ist - nur konsequent.

(mal sehen, wer das von den angesprochenen Community-Mitgliedern überhaupt liest und sich zu antworten traut)

LG - und vielen Dank für die Idee

CB

Columbus 14.01.2010 | 02:11

Lieber Herr Petrick,

Die selbstdarstellerische Art der Landesbischöfin ist tatsächlich bemerkenswert und manchmal wirkt das reichlich aufgesetzt. Die Bischöfin beim Hausfriseur, die Bischöfin mit Kindern an einem Straßenbahndepot. Aber beide Nebendarsteller, die Kinder und der Friseur, dienen nur als Folie für den Auftritt.

Nur, für mich ist die Sache, das Thema und die klare Ansage wichtig.

Sehr gespannt bin ich, ob die Überrumpelung des gewieften von Guttenberg, "ich konfrontiere dich mit der Truppe", sie zu Abschwächungen ihres Standpunktes führt.

Die Militärseelsorge ist nochmals ein anderer Punkt. Die Frage muss ja lauten, ob ein Pfarrer nicht trotz seiner religiös begründeten Ablehnung dort für Gläubige und Nicht-Gläubige tätig sein kann.

Schwierig wird es, wenn ihn Soldaten um Rat fragen. Aber Waffen segnen, das dürften mittlerweile nur noch wenige Geistliche hin kriegen.
Die rationale Fiktion der meisten Soldaten im Einsatz, sie werden ja von uns, dem deutschen Volk geschickt, über das Votum unserer Vertreter, ich schieße zur Selbstverteidigung und zum Schutz von Zivilisten.

Ganz schwer dürften es Christen in den Spezialkräften haben, die aktiv Jagd auf vermutete und vielleicht wirklich kriegerische Taliban machen.

Das ist auch persönlich keine Verteidigung mehr, sondern aktiver Kampfeinsatz und Tötung von selbst definierten Gegnern, weit ab von jeder denkbaren Heimatgrenze (Deutschland, EU, NATO).

Christian Berlin hat ja, theologisch und institutionell viel kenntnisreicher, schon auf die verzwickte Lage hier bei uns hingewiesen und seine Befürchtungen teile ich durchaus.

Denn beginnen nun Pfarrer, wie in einem "Notbund", verstärkt im Sinne der Bischöfin zu predigen, dann können ihnen die Kichengemeinde-Vertreter,- nicht die Masse der Gläubigen-, sie sind meist auch gut mit der meist konservativen Politik vernetzt, gewaltig auf die Zehen steigen.

Aber der theologische Grundkonflikt bleibt und der/die Geistliche steht vor einer Gewissensentscheidung.
- siehe Christian Berlin oben, "Gemeindespaltung oder sogenannter Ungedeihlichkeit"

Grüße
Christoph Leusch

Joachim Petrick 14.01.2010 | 03:30

Lieber Herr Leusch,
die ratsvorsitzende der EKD und Landesbischöfin margot Käßmann hat nu ihren teil geliefert, egal wie wir diesen treffend wie unzutreffend, meine Person eingeschlossen, diesen im nachhallenden Klang und Echo bewerten.
Jetzt ist es an uns, umsere MdBs im Deutschen Bundestag als Wahlbürger/innen nach all den Korruption fördernden Unterlassungen, dem unerträglichen Organisationsverschulden beim Aufbau der Zivilgesellschat in Afghanistan in die Pflicht zu nehmen, ohne weiteren Verzug der Fürsorge für die Bundeswehr als Parlamensarmee in Afghanistan und bei anderen Auslandseinsätzen nachzukommen.
tschüss
JP

siehe dazu auch den folgenden Freitag Blog Beitrag:

« Ein “Kommissarsbefehl” in Afghanistan?? Hat die fatale Stunde geschlagen?

Heraus aus der Sackgasse in Afghanistan!
Holt die Stabsärztebrüder nachhause! Ein Appell.
In vielen Einträgen dieses Blog wurde die Abwärtskurve der “Versumpfung” der Bundeswehr in A* dokumentiert. Mehr und mehr hörten und hören sich die Meldungen von dort an wie die Simulationen über den A*-Krieg im Roman “Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee.” Auch die “Stabsärztebrüder” des Romans sind im realen A* in ihrem gefährlichen Dienst tätig. Man konnte zu Weihnachten einige ihrer Feldpostbriefe im SZ-Magazin vom 23.12.2009 nachlesen, z.B.:
“Insgesamt hat der ISAF-Einsatz in Kundus nur noch wenig von einem Hilfseinsatz, sondern mehr von einem (asymmetrischen) Krieg. Wenigstens alle 3 Tage passiert etwas. Anfangs kamen in schöner Regelmäßigkeit Raketen, das hat nachgelassen. Dafür häufen sich Anschläge und Hinterhalte. Kaum ein Schutzzug, der noch kein Feuergefecht hatte. Mindestens 6mal wurden unsere Patrouillen angesprengt.” (Oberstabsarzt Jens Weimer, 34)
“Spätestens nach dem 2. Bunkeralarm entwickelt auch der größte Philanthrop blutige Rachegelüste. Die militärisch einfachste Lösung, die hier von den Soldaten auch favorisiert wird, ist der groß angelegte Artillerie-Gegenschlag. Technisch kein großes Problem: Abschussstelle orten, Kanone ausrichten und zurückschießen - dauert weniger als 1 Minute. Die ersten feindlichen Raketenschützen hätten wohl auch Pech, aber die Taliban sind nicht blöd. Schon die nächsten hätten ein langes Kabel und würden die Rakete neben einem Kindergarten starten.” (ders.)
Den Stabsärztebrüdern ist also klar: Die “Option” einer weiteren sehr blutigen Eskalation rückt näher.
Aber es gibt eine andere Option: den Rückzug. Dafür setzt sich der APPELL “HERAUS AUS DER SACKGASSE IN AFGHANISTAN!” ein, den die Zeitschrift “kultuRRevolution. zeitschrift für angewandte diskurstheorie” zusammen mit der Zeitschrift AMOS entwickelt hat. Er ist spezifisch für ein deutsches Publikum formuliert und soll rechtzeitig zur Londoner Konferenz am 28.1. veröffentlicht werden. (Wir bitten dafür um Unterstützung per Unterzeichnung bis zum 20.1.)

Vollständigen Appell als PDF lesen

Joachim Petrick 14.01.2010 | 03:33

korrigierte Fassung:

Lieber Herr Leusch,
die Ratsvorsitzende der EKD und Landesbischöfin Margot Käßmann hat nun ihren Teil geliefert, egal wie wir diesen treffend wie unzutreffend bewerten, meine Person eingeschlossen, diesen im nachhallenden Klang und Echo ausdeuten.

Jetzt ist es an uns, umsere MdBs im Deutschen Bundestag als Wahlbürger/innen nach all den Korruption fördernden Unterlassungen, dem unerträglichen Organisationsverschulden beim Aufbau der Zivilgesellschat in Afghanistan in die Pflicht zu nehmen, ohne weiteren Verzug der Fürsorge für die Bundeswehr als Parlamensarmee in Afghanistan und bei anderen Auslandseinsätzen nachzukommen.
tschüss
JP

siehe dazu auch den folgenden Freitag Blog Beitrag:

« Ein “Kommissarsbefehl” in Afghanistan?? Hat die fatale Stunde geschlagen?

Heraus aus der Sackgasse in Afghanistan!
Holt die Stabsärztebrüder nachhause! Ein Appell.
In vielen Einträgen dieses Blog wurde die Abwärtskurve der “Versumpfung” der Bundeswehr in A* dokumentiert. Mehr und mehr hörten und hören sich die Meldungen von dort an wie die Simulationen über den A*-Krieg im Roman “Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee.” Auch die “Stabsärztebrüder” des Romans sind im realen A* in ihrem gefährlichen Dienst tätig. Man konnte zu Weihnachten einige ihrer Feldpostbriefe im SZ-Magazin vom 23.12.2009 nachlesen, z.B.:
“Insgesamt hat der ISAF-Einsatz in Kundus nur noch wenig von einem Hilfseinsatz, sondern mehr von einem (asymmetrischen) Krieg. Wenigstens alle 3 Tage passiert etwas. Anfangs kamen in schöner Regelmäßigkeit Raketen, das hat nachgelassen. Dafür häufen sich Anschläge und Hinterhalte. Kaum ein Schutzzug, der noch kein Feuergefecht hatte. Mindestens 6mal wurden unsere Patrouillen angesprengt.” (Oberstabsarzt Jens Weimer, 34)
“Spätestens nach dem 2. Bunkeralarm entwickelt auch der größte Philanthrop blutige Rachegelüste. Die militärisch einfachste Lösung, die hier von den Soldaten auch favorisiert wird, ist der groß angelegte Artillerie-Gegenschlag. Technisch kein großes Problem: Abschussstelle orten, Kanone ausrichten und zurückschießen - dauert weniger als 1 Minute. Die ersten feindlichen Raketenschützen hätten wohl auch Pech, aber die Taliban sind nicht blöd. Schon die nächsten hätten ein langes Kabel und würden die Rakete neben einem Kindergarten starten.” (ders.)
Den Stabsärztebrüdern ist also klar: Die “Option” einer weiteren sehr blutigen Eskalation rückt näher.
Aber es gibt eine andere Option: den Rückzug. Dafür setzt sich der APPELL “HERAUS AUS DER SACKGASSE IN AFGHANISTAN!” ein, den die Zeitschrift “kultuRRevolution. zeitschrift für angewandte diskurstheorie” zusammen mit der Zeitschrift AMOS entwickelt hat. Er ist spezifisch für ein deutsches Publikum formuliert und soll rechtzeitig zur Londoner Konferenz am 28.1. veröffentlicht werden. (Wir bitten dafür um Unterstützung per Unterzeichnung bis zum 20.1.)

Vollständigen Appell als PDF lesen

ChristianBerlin 15.01.2010 | 01:32

@Rahab

Wieder ein schöner Fund. Hätte ich kennen müssen, kannte ich aber (noch) nicht. Der entscheidende Satz fällt kurz vor Schluss:

[Zitat ekd]Die Synode hält eine Vertiefung der theologischen Grundlagen in der Auseinandersetzung mit rassistischen, antisemitischen und menschenfeindlichen Überzeugungen und eine Prüfung der kirchenrechtlichen Konsequenzen (u.a. im Blick auf Mitgliedschaftsfragen) für dringend erforderlich.[/Zitatende]

Also stammt Lethes Forderung nach der Wiedereinführung der früher sog. "Kirchenzucht", jetzt aber für politische Verfehlungen statt für moralische, sogar ebenfalls von der EKD. In Verbindung mit den Äußerungen der Ratsvorsitzenden über den Krieg müsste sich daraus doch was machen lassen.

Einfach nur die EKD beim Wort nehmen!

Klasse, danke - hoffentlich antworten auch ein paar andere Theos.

LG Christian

Joachim Petrick 15.01.2010 | 02:37

OH heiliger Strohsack!,
"Wer irgendwie links sein will, sollte auch irgendwie Links setzen können".
*kleiner Spaß*

Du scheinst mir ja ein wahrer Schelm mit theologischem Helm.
Oh Mr. Wunderbar, im Talar, dazu noch mit ADAC Pannenhilfe Qualitäten. Dafür sei Dir Dank!
Du kommst mir vor, wie ein Pannenhelfer Riese von 3.60 mal 5 durch 4, während ich mich fühle wie 3.60 m durch sechs verhext.

Mir ist mein Missbeschick jetzt richtig peinlich.
Es hat sich Folgendes ereignet:
Ich dachte endlich einmal an nichts Böses, da war ich in einem rechtsgedrehten Datenmobil , ohne es auch nur zu ahnen, als Geisterfahrer "Alarm!Alarm!" auf die Datenautobahn geraten.
Was vorher natürlich links, war nun unversehens rechts, ohne. dass ich mir einen Reim noch Leim drauss machen konnte.
Was ich sonst nicht einmal im Traume tue, habe ich nun getan, nämlich schäbig dämlich allen entgegen kommenden Datenmobilen den Stinkefinger gezeigt, bis mich aprubt die Wirklichkeit meines Daten Geisterfahrer Daseins eingeholt ereilt, worauf ich in letzter Not, zweimal links geblinkt, um rechts das Weite suchend, ausgerechnet "Oh Schreck!" in der Mitte vor einer Wand kurz vor dem Aufprall zum Stillstand zu kommen....Puuuuhhhh!Keuch!Keuch!

tschüss und gute Nacht
JP
PS: Dein Text ist ja toll, aber wieso fünf Sterne?, ist das der Lohn für Deine Pannenhilfe?
Wenn ja!?, Wunderbar!

Avatar
rahab 15.01.2010 | 04:38

tja,CB, ab und zu sind iuris-prudentes doch zu wat zu jebrauchen.

scherz beiseite. spontan dachte ich 'ja', dann fragte ich mich 'geht das?' und beschloss ganz am ende, nachdem ich innerlich alles mögliche dagegen ins feld geführt hatte, ein bißchen zu guhgeln. und wurde fündig.

das spontane 'ja' kam, weil ich finde, das fragen von krieg doch allemal wichtiger sind als fragen der trinität und dergleichen. und wenn fragen von trinität disziplinarverfahren zu rechtfertigen vermögen, dann ...

deshalb: ja sicher, die EKD beim wort nehmen!

ChristianBerlin 15.01.2010 | 18:23

Die erste hat immerhin geantwortet und die nächsten beiden werden sich das ebenfalls nicht nehmen lassen. Titta scheint 3 Tage nicht online gewesen zu sein und Jaguarle wurden gestern mehrere Zähne gezogen, da kommt mit Sicherheit noch was.

Bei den nächsten vier weiß ich nicht, was ich glauben soll: Entweder fehlt als ihnen Promi-Theos der Mut sich mit einer Antwort entweder in das eine oder das andere politische Abseits zu stellen, oder sie sind tatsächlich so überlastet, dass ihnen keine Zeit bleibt, sich eine Antwort zu überlegen.

Warten wir mal noch ein bisschen ab, kann nichts schaden.

LG Chr.

ChristianBerlin 16.01.2010 | 08:49

@Alien59

Danke, ist in meinen Augen Information, die nur wie Werbung aussieht.

Allerdings ist der dort von zitierte Beitrag nur eine (kritische) Stimme. Vertreter der Provinzregierungen erwarten von unseren Soldaten nicht den Rückzug, sondern mehr Sicherheit - für sie heißt das: Aufständische töten, Aufständische töten, Aufständische töten - und sei es durch weitere Bomben auf Tanklaster. (Quelle: Ein übersetztes Interview mit dem Gouverneur einer Nordprovinz, DR 14.01.)

ChristianBerlin 16.01.2010 | 09:48

@Columbus @Rahab @andere Theos

Nochmal zu Risiken und Nebenwirkungen bei "Mut von der Kanzel"

www.tinyurl.com/Beispiel-Ungedeihlichkeit

Seit seiner Einführung ins Recht der Gliedkirchen der DEK durch Reichsbischof Müller ist die Ungedeihlichkeitsregelung - ein klassischer Gummiparagraf mit "unbestimmtem Rechtsbegriff" - immer wieder von der Leitungsebene missbraucht worden. Niemand ist vor ihr sicher: Selbst vor einem Mitglied des Theologischen Prüfungsausschusses oder des Bischofswahlkollegiums wird nicht Halt gemacht, dass der betroffene Pfarrer 1983-89 als "OPK Scheitholz" von der Stasi verfolgt wurde wie schon sein Vater als BK-Pastor und "Mischling 1. Grades" von der Gestapo, schuf hier kein Ansehen der Person, das den betroffenen Bruder vor der Anwendung des Müller-Paragrafen durch Wolfgang Huber hätte schützen können.

Detailinformationen zum Beispiel-Fall:

www.unser-pfarrer-soll-im-dorf-bleiben.de/

Die Seite ist mit Vorsicht zu genießen, weil Fakten und persönliche Bewertungen nicht immer klar getrennt werden. Ich kenne übrigens diesen Fall bisher nur vom Lesen im Internet. Der Pfarrverein - die Gewerkschaft und Vertretung der Pfarrerschaft - wurde nicht mit dieser Personalsache befasst, ich gebe deshalb keine Interna preis (würde ich auch nicht tun).

Katrin Göring-Eckardt 28.01.2010 | 13:57

Lieber Christian,

die Heftigkeit der andauernde Debatte über den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan zeigt, das zu lange zu wenig in Deutschland über dieses Thema diskutiert wurde. Es ist gut, dass sich auch evangelischen Christinnen und Christen an der Debatte beteiligen, es steht uns gut an, dass es mit Margot Käßmann die Vorsitzende des Rats der EKD war, die die Diskussion neu ausgelöst hat. Das Gedankenexperiment allerdings, protestantische Poltikerinnen und Politiker aus der EKD auszuschließen, wenn sie den Afghanistaneinsatz nicht grundsätzlich ablehnen, halte ich für deutlich überzogen. Statt darüber nachzudenken, wer wann warum aus der Gemeinschaft der Evangelischen Kirche ausgeschlossen werden muss, sollten wir es mit der guten protestantischen Tradition halten, in der Sache zu streiten, Argumente zu wägen und auch andere Haltungen und Einschätzungen zu akzeptieren.

Viele Grüße, Katrin Göring-Eckardt

www.sz-online.de/nachrichten/artikel.asp?id=2372189

ChristianBerlin 30.01.2010 | 14:58

@Rahab

Dieser Widerspruch ist mir auch sofort aufgefallen. Immerhin war Sr. Katrin die Vorsitzende der Synode, die das beschlossen hat.

A

[Zitat ekd]Die Synode hält eine Vertiefung der theologischen Grundlagen in der Auseinandersetzung mit rassistischen, antisemitischen und menschenfeindlichen Überzeugungen und eine Prüfung der kirchenrechtlichen Konsequenzen (u.a. im Blick auf Mitgliedschaftsfragen) für dringend erforderlich.[/Zitatende]

B

[Zitat Katrin Göring-Eckardt]Statt darüber nachzudenken, wer wann warum aus der Gemeinschaft der Evangelischen Kirche ausgeschlossen werden muss, sollten wir es mit der guten protestantischen Tradition halten, in der Sache zu streiten, Argumente zu wägen und auch andere Haltungen und Einschätzungen zu akzeptieren.[Zitatende]

Beide Äußerungen zusammen gestatten zumindest einen sicheren Schluss:

C

[Zitat Katrin Göring-Eckardt]Den Weg, das Komplizierte und Widersprüchliche auszusprechen, mitten hinein in die Unvollkommenheit und in die Tragik dieser Welt, geht die evangelische Kirche ganz bewusst.[/Zitatende]

ChristianBerlin 30.01.2010 | 15:05

Liebe Katrin,

eigentlich wollte ich Dir gar keine Falle stellen. Sorry, wenn Du trotzdem hineingetappt bist.

Der diametrale Widerspruch zwischen Deinen beiden Äußerungen (A und B) ist schwer zu glätten. Wenn ich gemein wäre, würde ich das mit Beschlüssen der Bündnisgrünen Bundestagsfraktion zum Kosovo-Konflikt vor und nach der 98er Wahl vergleichen, die passten genauso wenig zusammen.

Bei Dir kann man zumindest den inneren Konflikt damit erahnen.

[Zitat Katrin Göring-Eckardt]Es ist schmerzlich anzuerkennen, dass unbedingt Gewolltes auch an Realitäten scheitern kann, dass gewiss Geglaubtes auch Veränderung erfahren muss.[/Zitatende]

Das ist nicht das besserwisserisch-überlegene Realo-Bekenntnis, das man sonst hört und in dieser Diskussion z.B. bei Ralf Fücks lesen konnte:

[Zitat Ralf Fücks]Jeder Krieg ist furchtbar. Dennoch gibt es immer wieder Situationen, in denen das Völkerrecht gewaltsam verteidigt und Frieden erzwungen werden muss.[/Zitatende]

[Zitat Katrin Göring-Eckardt]Krieg soll um Gottes willen nicht sein. Gleichzeitig gibt es kaum noch Eindeutigkeit darüber, wie Krieg zu begegnen ist.[/Zitatende]

Klingt doch ganz anders, auch wenn beides auf dasselbe hinausläuft. Ein Fragezeichen ist zu wenig, um die mit dem Ausrufezeichen zu stoppen. Aber es ist leider richtig, die Eindeutigkeit haben wir verloren und noch nicht wiedergefunden.

Dein Satz "Krieg soll um Gottes willen nicht sein" stammt ja noch aus der Blütezeit des deutschen Protestantismus, als alles klar und eindeutig schien. Das war die Zeit, die unsere Generation geprägt hat, in der Margot Käßmann, Du und ich Theologie studiert haben. Wie viele hier in der Freitags-Community glaubten wir damals - "hüben" wie "drüben" - an die Möglichkeit einer besseren Welt, wollten sie von Kriegen und/oder dem Rüstungswahn befreien und hatten damit sogar Erfolg - und das mehr, als wir je zu hoffen gewagt hatten.

Doch mit dem Mauerfall begann auch unsere Verfallsgeschichte. Klarheit und Glaubwürdigkeit waren so schnell weg, dass wir es selbst gar nicht bemerkten. Schon 1991, beim damaligen Irak-Krieg, war Gottfried Forck fast der einzige, der von uns in dem Moment noch gegen Krieg demonstrierte.

"Eindeutigkeit darüber, wie Krieg zu begegnen ist", kann es erst wieder geben, wenn wir diesen Widerspruch verstanden und aufgearbeitet haben.

Bis dahin fehlt uns leider die Legitimation, Politikern oder Soldaten zu sagen, dass sie sich außerhalb des evangelischen Konsenses bewegen und damit außerhalb der Gemeinschaft befinden.

Inhaltlich richtig ist es dennoch. Wenn stimmt, was unsere Ratsvorsitzende gesagt hat, ergibt sich das als logische Konsequenz.

Aber danke für Deinen Kommentar. Bleibt an dieser Diskussion bitte weiter dran, bei den Grünen wie in der EKD - und schau mal wieder bei Freitag.de vorbei, es lohnt sich und kann das Niveau der Diskussionen hier nur befördern.

Liebe Grüße
ChristianBerlin

Lethe 01.02.2010 | 14:34

nun ja, inwieweit das wirkliche Gewissensqualen sind oder nicht doch einfach nur Folge der Entschlossenheit, niemandem so ernsthaft die Leviten zu lesen, dass es ernsthaft weh täte, bleibt eher fraglich. Es geht mir jedoch zutiefst gegen den Strich, dass die Lügen von Politikern und Medienschaffenden zu einer Uneindeutigkeit der Sache umgedeutet werden sollen, wo es einfach nur um multimedial unterfütterte Kriegspropaganda geht.