Mut von der Kanzel

Afghanistan Das Kanzelwort von Bischöfin Margot Käßmann zum Neuen Jahr verlangt im Blick auf Afghanistan zu Recht weniger militärische Tapferkeit und mehr zivilen Mut

Nachdem ich die Neujahrspredigt von Margot Käßmann in Gänze gehört habe, ist meine Empörung über die Empörten – vom Christdemokraten Wolfgang Schäuble bis zum Grünen Ralf Fücks – grenzenlos. Das sei eine „zur Routine gewordene Unart, im Brustton der höheren Moral politische Handlungsanweisungen zu erteilen“, wird die Bischöfin belehrt. Mit ihrer Predigt käme sie nicht „über gut gemeinte Banalitäten hinaus“. Man finde „Tagespolitik statt Transzendenz“, so Ralf Fücks. Thomas Schmid unterstellt in der Welt gar, Käßmann glaube, „die Parlamentarier, die diesen Einsatz beschlossen haben, seien gedankenlose Kriegstreiber“. Im Übrigen eben: „Hochmut von der Kanzel“.

Kein Segnen der Waffen

Margot Käßmann hatte in ihrer im Ganzen außerordentlich seelsorgerlich angelegten Predigt gegenüber der banalen Floskel „Alles ist gut“ darauf verwiesen, es sei „nichts gut“ in Sachen Klima, Afghanistan, Kinderarmut, Armutsscham und Leistungs­druck. Um so mehr hat sie das „Trotzdem“ eines Glaubens angerufen, der Mut macht. Der ohne Fassadenkult feiern kann und nichts ausblendet. Ach, hätte sie doch über alles Bedrängende religiöse Tünche gegossen!

Wo sonst, wenn nicht in der aus den Trümmern Dresdens wiedererstandenen Frauenkirche ist es angebracht, zum Neuen Jahr ein so deutliches, ein so prophetisches, ein so kritisches wie hoffnungsstiftendes Friedens-Wort aus dem Geiste des Bergpredigers an alle zu richten? Margot Käßmann wörtlich: „Nichts ist gut in Afghanistan. All diese Strategien, sie haben uns lange da­rüber hinweggetäuscht, dass Soldaten nun einmal Waffen benutzen und eben auch Zivilisten getötet werden. Wir brauchen Menschen, die nicht erschrecken vor der Logik des Krieges, sondern ein klares Friedenszeugnis in der Welt abgeben, gegen Gewalt und Krieg aufbegehren und sagen: Die Hoffnung auf Gottes Zukunft gibt mir schon hier und jetzt den Mut, von Alternativen zu reden und mich dafür einzusetzen. Manche finden das naiv. Ein Bundeswehroffizier schrieb mir, etwas zynisch, ich meinte wohl, ich könnte mit weiblichem Charme Taliban vom Frieden überzeugen. Ich bin nicht naiv. Aber Waffen schaffen offensichtlich auch keinen Frieden in Afghanistan. Wir brauchen mehr Fantasie für den Frieden … Das kann manchmal mehr bewirken als alles abgeklärte Einstimmen in den vermeintlich so pragmatischen Ruf zu den Waffen. Vor gut 20 Jahren haben viele Menschen die Kerzen und Gebete auch hier in Dresden belächelt …“

Wo, wenn nicht in dieser Stadt, ist die Erinnerung daran gut und richtig, dass mit dem Wende-Herbst 1989 Courage und Fantasie gebraucht wurden, um einen zivilen Umgang zwischen Staatsmacht und Bürgerbewegung zu finden? Nirgendwo als im 1945 sinnlos zerstörten Dresden kann es einleuchtender sein, dass ein mutmaßlich gerechtfertigter Krieg kein „gerechter“ ist. Dies gilt erst recht für einen Kampf ohne Fronten, in dem die Zahl ziviler Opfer die der militärischen haushoch übertrifft, und realistische Aussichten auf eine vorrangig militärische Lösung nicht bestehen. Nach acht Jahren Krieg (bei peinlicher Vermeidung dieses Wortes) sollten selbst diejenigen aufgerüttelt sein, die diesen Feldzug anfänglich bejaht haben, um die schrecklichen Taliban von der Macht zu vertreiben und Osama bin Laden zu fangen. Wer, wenn nicht eine christliche Kirche, muss dem Frieden und dem Friedenschaffen (möglichst ohne Waffen) mit Willenskraft und Fantasie das Wort reden? Sollte die Kirche lieber vornehm schweigen, wenn kriegerische Mittel samt den Leid und Hass schürenden Kollateralschäden keinen Erfolg versprechen und Hoffnung auf Frieden verhöhnen? Von dem durch einen Krieg freigesetzten Gewaltpotenzial ganz zu schweigen, das alle Beteiligten psychisch belastet und seelisch verstört. Eben deshalb brauchen und bekommen die vom Bundestag entsandten Soldaten seelsorgerische Begleitung. Doch werden sie dabei weder geistig noch geistlich aufmunitioniert, wie das in früheren Kriegen der Fall war, wenn man die Waffen segnen ließ. Den Gegner nicht besiegen, sondern ihn für einen gerechten Frieden gewinnen, das sollte die Devise einer Langzeitstrategie werden. Mit der westlichen Marionette Karsai und seinem korrupten Tross kann das nicht gelingen, eher schon mit den Taliban, die gemäßigt und verhandlungsbereit sind. Jedenfalls hat Margot Käßmann recht – es muss entschieden nach einer zivilen Strategie für eine Konfliktlösung und einen geordneten Rückzug gesucht werden.

Mit dem Latein am Ende

Nicht anders als verkommen sind publizistische und politische Sitten zu nennen, die dazu führen, eine solche Botschaft misszuverstehen, um draufhauen zu können. Als ob hier eine „jubelnde Linke“ dieser klugen, selbstbewussten, so nahe bei den Menschen predigenden Bischöfin die Hand geführt hätte. Die Aufregung hat etwas mit dem schlechten Gewissen der so pragmatisch-schlauen Truppen-Entsender zu tun, die offenbar mit ihrem kriegerischen Latein am Ende sind.

Wer aber, wenn nicht die Kirche, darf und muss rechtzeitig ein deutliches, diplomatisch nicht entschärftes Wort sagen: christlich und vernünftig, mutig ohne moralischen Hochmut, so fantasievoll wie realitätsbezogen. „Gesegnet sind die, die Frieden schaffen“. Auch auf der anstehenden Afghanistankonferenz.

09:41 07.01.2010

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