Mut zur Lücke

Panama Ein Ort wie aus einem Indiana-Jones-Film: In Yaviza endet abrupt die längste Straße der Welt an einem geheimnisvollen Ort
Michael Marek | Ausgabe 43/2016

Es ist heiß und schwül im Süden Panamas. Nur die Klimaanlage des Autos bietet Abkühlung. . Es geht vorbei an flachen Häusern mit exotisch bunter Vegetation in den Vorgärten, wie es sie nur in wenigen anderen Weltgegenden gibt. Der Darién ist ein Dschungelgebiet an der Grenze zu Kolumbien. Es ist kaum erschlossen und nur dünn besiedelt. Etwa 46.000 Menschen leben hier und sie haben nur diese eine Straße. Überall gibt es Checkpoints: kleine Posten, einspurige Fahrbahn, großes Stoppschild, Sturmgewehre lehnen an der Wand. „Stolz an der Grenze zu leben und unser Land zu verteidigen. Für Gott und Vaterland“, so steht es in großen Lettern auf einer riesigen Tafel, wie aus dem Arsenal lateinamerikanischer Propaganda-Sprüche.

Der Uniformierte gibt die Pässe zurück. Es geht weiter auf der nun zweispurigen Trasse, die den Darién durchschneidet. Manchmal schnurgerade, dann wieder in weichen Schwüngen verläuft hier die transnationale Panamericana. Über rostende Eisenbrücken führt der Weg, vorbei an kleinen Siedlungen, deren Holzhütten fast verschluckt werden von der grünen Natur.

Namenlose Wasserwege

„Früher sollten die Soldaten vor allem kolumbianische Guerilleros oder Paramilitärs aufspüren. Heute geht es darum, illegale Einwanderer abzufangen und den Drogenhandel im Grenzgebiet einzudämmen“, erklärt Javier Calvo. Der stämmige 67-Jährige ist Ex-Militär und begleitet mich. Sein gesamtes Berufsleben war Calvo in der Armee. Heute ist er pensioniert, sein Sohn arbeitet als Diplomat im Ausland. Calvo kommt auf Manuel Noriega zu sprechen, den berüchtigten, 1989 von den USA durch eine Militärintervention gestürzten Machthaber Panamas. „Während Noriega an der Macht war, kontrollierte er etwa 80 Prozent des Rauschgiftgeschäfts und den Waffenhandel. Nachdem er verschwunden war, begannen seine Ex-Kumpanen auf eigene Rechnung Geschäfte zu machen.“ Dadurch seien Drogenkonsum und -handel in Panama ebenso dramatisch angestiegen wie Gewaltkriminalität und Waffenschieberei.

Noriega galt in den 80er Jahren als Protegé der CIA, fiel aber in Ungnade, nachdem er gemeinsame Sache mit dem kolumbianischen Medellín-Drogenkartell gemacht hatte. Der Fall des Diktators habe besonders dem Darién Instabilität gebracht, meint José Miguel Guerra. Der Enddreißiger ist Fernsehjournalist. In Panama schätzt man ihn als unabhängige Stimme von publizistischem Gewicht. „Geopolitisch hat der Tapón del Darién eine enorme Bedeutung. Auf einer Länge von etwa 100 Kilometern ist die Nord-Süd-Verbindung unterbrochen. Das Gebiet stellt eine wichtige Barriere dar, um das Einsickern der kolumbianischen FARC-Guerilla oder von Paramilitärs nach Panama zu verhindern.“ Unter Noriega habe es eine Art Übereinkunft mit diesen Gruppen gegeben, erklärt Guerra. „Man ließ sie in Ruhe, auch wenn sie die grüne Grenze überschritten, um sich mit Nachschub zu versorgen oder auszuruhen. Bis in die 80er Jahre hinein ging es im Darién äußerst friedlich zu.“

In den folgenden Jahrzehnten war es damit vorbei. Nach Noriega wollte keine Regierung mehr, dass Panama ein Rückzugsgebiet für Rebellen ist und vom Darién aus Waffen nach Kolumbien geschmuggelt werden. Das geschah auch auf Druck der USA. Wir fahren weiter. Immer wieder gibt es Löcher und Blasen im Teer, über die Javiers alter Toyota wie ein Ziegenbock hüpft. Die Siedlungen werden immer kleiner. Rechts taucht Arimae auf, das Hauptreservat der beiden größten Indio-Stämme des Darién, der Emberá und Wounaan. Sie leben in ihren traditionellen, an den Seiten offenen Rundhütten, die auf hohen Stelzen stehen und so geräumig sind, dass sie je eine Großfamilie aufnehmen.

Wir machen Kaffeepause in einer Fonda, einem einfachen Lokal an der Panamericana. Ein paar Wellblechwände, abgenutzte Stühle und Tische, drinnen eine kleine Küche. Tagelöhner, Bauern, Lastwagenfahrer – alle essen hier. Es gibt Huhn und Rind, Reis mit Linsen, schwarze Bohnen, frittierte Bananen. Für drei Dollar schlägt man sich den Bauch voll. Die Panamericana ist die Lebensader für die Menschen des Darién. Ohne sie gäbe es in der Provinz keinen Anschluss zum Rest der Welt. Hier findet sich alles, was wichtig ist: Tankstellen, Geschäfte und Mobilfunkshops. Es geht zum Bus, zum Markt, ins nächste Dorf, zum nächsten Hospital und Polizeiposten.

Die meisten Farmer siedelten sich erst Mitte des 20. Jahrhunderts im Darién an und rückten mit dem Ausbau der Panamericana immer weiter in die Regenwaldzone vor. Sie halten Rinder, bauen Yams an, Bananen und Reis. Alles wird über die carretera, die Landstraße, wie sie die Panamericana nennen, in die Hauptstadt gebracht und verkauft. Von hier aus sind es nur noch wenige Kilometer bis zu unserem Ziel.

Zwiespältiger Ort

Schließlich taucht Yaviza auf, das in einem Bogen des Chucunaque liegt, des längsten Flusses in Panama. Mit seinen etwa 4.000 Bewohnern ist Yaviza einer der größten Orte in der Region. Dahinter beginnt die Wildnis: namenlose Wasserwege, ein tropisches Dickicht, Moskitos. Dort liegt auch der Darién-Nationalpark, der Lebensraum für etwa 500 Vogel- und 450 Baumarten bietet und zum Naturerbe der UNESCO zählt. Die Tourismus-Behörde schwärmt in Werbevideos von den Naturschönheiten dieser Gegend. Allerdings will sie, dass Urlauber nur zum Ort La Palma mit dem einzigen Flughafen im Darién reisen und von dort den Nationalpark besuchen. Es sind organisierte Gruppenausflüge. Sich auf eigene Faust diesem abgelegenen Winkel Mittelamerikas zu nähern, geht nur auf der Traumstraße. Aber von der berühmten Panamericana, ihrem abrupten Ende, davon schweigen die Tourismusmanager.

Überall hört man Stimmen, Kinder laufen hin und her. Am Bootsanleger, einer weiten überdachten Betonfläche, liegen piraguas. Die schlanken Holzboote sind bis obenhin voll mit Bananen. Männer entladen sie und schleppen die Stauden zu zwei Pick-ups, die bereits warten. Wir gehen ins Lokal Reposo, auf deutsch: Rast. Genau das ist es, was wir nach den Stunden im Auto brauchen. Das Gasthaus schiebt sich wie ein Grenzstein ins Asphaltband. Und dann kommt „El Repollito“ wie ein Walross durch die Küchentür. „Kohlköpfchen“ nennen alle in Yaviza den massigen Wirt.

„Was wollt ihr essen?“, fragt er. „Was hast du?“ – „Pargo blanco.“ Flussbrasse. „Kommt in zehn Minuten wieder, dann ist sie fertig!“ Draußen rücken die Häuser zusammen, als wollten sie der Straße die Luft abdrücken. Der Asphalt franst aus. Dann liegt plötzlich ein Fahrweg quer und dahinter, wie ein Riegel, eine Reihe Holzbuden. Das war es. Kein Abgrund, kein Ozean, kein unüberwindbares Gebirge, das sich uns in den Weg stellt. Nach 13.000 Kilometern durch Nord- und Mittelamerika endet der Mythos Panamericana hier mitten im Dschungel Panamas so banal, dass einem die Worte fehlen.

Yaviza ist ein Ort wie aus einem Indiana-Jones-Film: Alles erscheint unwirklich und aus einer vergangenen Zeit zu sein. Yaviza ist dekadent, Yaviza ist derb. Abfall liegt unter den Stelzenhäusern. Ein Ort mit grellen, abblätternden Farben; mit cantinas, in denen Latinohits dröhnen; mit dunklen Läden voll obskurer Ware; mit stoischen Indios und hellhäutigen Panamaer aus dem Westen des Landes, die uns Weiße aus wetterfesten Gesichtern anstarren, als wären wir rosa Kaninchen. Ein Soldat kommt und fragt, was wir in Yaviza wollen. Er ist vom Indiostamm der Emberá und schwitzt in der Hitze trotz der Camouflage kein bisschen. „Mal schauen, wie es hier so ist“, antworten wir. „Habt ihr euch beim Militärposten angemeldet?“ – „Nein, aber wir sind an den Checkpoints kontrolliert worden.“ Der Mann ist zufrieden. Der Fisch müsste jetzt fertig sein, also zurück zu „El Repollito“.

Dessen Tochter wischt den Boden, während andere ihre Bestellungen aufgeben. Ein hagerer alter Mann kommt auf uns zu. Eine ungewöhnliche Erscheinung in einer Gegend, deren Indio-Bevölkerung eher gedrungen und kompakt ist. Kique, so nennt ihn jeder. Enrique Lorén wurde vor 74 Jahren im Darién geboren. Seit zwei Jahrzehnten kümmert er sich um die Belange der Bewohner. Er wird von allen geschätzt und noch mehr respektiert. „Ich bin Repräsentant von Canclón und Yaviza und möchte die Lebensbedingungen hier verbessern.“

Leben mit und von der Natur, ohne dabei unterzugehen, darum geht es im Darién. „Ohne die carretera gibt es für uns keine Zukunft“, sagt Kique und kommt richtig in Fahrt. Mit seiner asketischen Gestalt, den scharfen Gesichtszügen gleicht er fast einem Kaziken aus verflossener Zeit; einem Häuptling, der für das Wohlergehen seines Stammes kämpft. „Erst seit einigen Jahren ist die Straße bis Yaviza asphaltiert. Zehn Jahre haben wir für die 26 Kilometer von Canclón hierher gekämpft. Wenn jemand krank war, dauerte es unglaublich lange, bis ein Arzt aus Metetí im Norden auf dem Fluss hierher kam – wenn überhaupt.“

Es ist eine unübersichtliche Gemengelage im Darién: eine Regierung, die die Panamericana schon ausbauen würde, um das Gebiet zu entwickeln, aber Angst vor Guerilleros und Drogenkartellen hat; Siedler wie Enrique Lorén, die ihre Ernte vermarkten wollen; Ökologen, die die Artenvielfalt des Regenwalds in Gefahr sehen; Indios, die alles so lassen wollen, wie es ist.

Kolumbien wäre an einem Ausbau der Panamericana durch den Darién interessiert, da auch dort im Grenzgebiet Armut herrscht – aber nur, wenn sich Panama beteiligt. Die USA, nach der Rückgabe des Kanals weiter der „Große Bruder“ im Hintergrund panamaischer Politik, tun alles, um das zu verhindern. Sie befürchten das Einsickern von Rebellen und Drogenkurieren. Divergierende Interessen sorgen dafür, dass die lächerlich kleine Lücke in der längsten Straße der Welt Bestand hat.

Michael Marek lebt in Hamburg und ist oft in Lateinamerika unterwegs

06:00 09.11.2016

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