Mutatis mutandis

Weltverbesserung Die Superhelden-Gruppe X-Men arbeitet sich in „Zukunft ist Vergangenheit“ durch die 7oer Jahre der US-amerikanischen Politik
Andreas Busche | Ausgabe 21/2014
Mutatis mutandis
Bild: Twentieth Century Fox

Tricky Dicky wieder. Der – rechnet man die zwei vergessenswerten Wolverine-Ableger mit – siebte Film aus der X-Men-Reihe verzeichnet einen prominenten Neuzugang in der Galerie sinisterer Schurken, die dem Mutantenstadl von Marvel den Krieg erklären. Niemand Geringeres als Richard Milhous Nixon, im zeitgenössischen Hollywood-Kino der Universal-Sündenbock für alles, was in den siebziger Jahren in den USA schiefgelaufen ist.

Nixon muss sich in X-Men: Zukunft ist Vergangenheit an gleich zwei Fronten behaupten: Außenpolitisch ist die Niederlage in Vietnam unabwendbar, im Inneren droht Gefahr durch eine Gruppe von X-Men, die gerade seine Friedensgespräche vor den Augen der Weltöffentlichkeit sabotiert haben. Also lässt er sich von einem dubiosen Unternehmer aus dem militärisch-industriellen Komplex (Game of Thrones-Star Peter Dinklage) überreden, ein Drohnenprogramm zu verabschieden, das die Menschheit – sprich: Amerika – zukünftig vor der Bedrohung durch widerständige Mutanten schützen soll. Die haben allerdings allen Grund, sauer zu sein: Im Vietnamkrieg werden sie für illegale Experimente missbraucht, als letzte Waffe.

Dass Nixon in X-Men: Zukunft ist Vergangenheit, anders als Kennedy im ersten Prequel X-Men: Erste Entscheidung, nicht bloß in Archivaufnahmen zu sehen ist, sondern von einem Schauspieler verkörpert wird (Mark Camacho, der Nixon irgendwo zwischen Dan Hedayas Wurstigkeit in Ich liebe Dick und Frank Langellas bräsiger Hybris aus Frost/Nixon spielt), deutet an, wie sehr Marvel darum bemüht ist, das ausufernde X-Men-Narrativ in ein historisches Kontinuum einzuschreiben, das die Weltgeschichte im großen Stil neu interpretiert.

Während Erste Entscheidung einen frivolen Erzählbogen von Nazi-Deutschland zur Kuba-Krise schlug, liefert in Zukunft ist Vergangenheit der Vietnam-Komplex Stoff für einige Verschwörungstheorien (vom Dallas-Attentat bis zum Scheitern des Pariser Friedensgipfels). Um von Kennedy bei Nixon zu landen, betreibt Regisseur Bryan Singer, der nach zehnjähriger Pause zu seinem Franchise zurückgekehrt ist, allerdings einen beträchtlichen erzählerischen Aufwand, der – wie der Filmtitel suggeriert – über das Jahr 2023 führt.

X-Men: Zukunft ist Vergangenheit beginnt als düstere Dystopie. Organische Drohnen, sogenannte Sentinels, haben fast alle Mutanten und einen Großteil der Menschheit ausgelöscht. Die überlebenden X-Men Professor X, Magneto, Wolverine, Storm und Shadowcat versammeln sich in einem Kloster in der Mongolei zur letzten Schlacht gegen den übermächtigen Gegner. Ihre einzige Chance besteht darin, durch einen Sprung in die Vergangenheit die Entwicklung der Sentinels aufzuhalten, die die DNA der Mutantin Mystique in sich tragen. Wolverines Bewusstsein wird in sein 50 Jahre jüngeres Selbst teleportiert (als Hauptattraktion des Films darf Hugh Jackman in beiden Zeitebenen den Wolverine spielen), um zu verhindern, dass Mystique in die Hände des Militärs fällt.

Nach diesem etwas umständlichen Prolog kommt Zukunft ist Vergangenheit im Jahr 1973 an. Das Marketing-Versprechen, ähnlich wie in J.J. Abrams Star Trek-Reboot die originalen X-Men auf ihre jüngeren Alter Egos treffen zu lassen, wird nur bedingt eingelöst. Die Handlungsstränge verlaufen bis auf einige telepathische Übertragungen (in einer Art Erweckungsansprache therapiert Patrick Stewart den mental lädierten James McAvoy – eines der wenigen Fan-Zugeständnisse in einer ansonsten angenehm selbstironischen Anverwandlung des Superhelden-Topos) parallel. Die Proliferation der Erzählung findet innerhalb der X-Men-Kosmologie statt: Die Mutantenfamilie bekommt Zuwachs. Der Kurzauftritt des ultraschnellen Quicksilver (Leihgabe aus Marvels Avengers-Zyklus), der während eines Einbruchs in das Pentagon das Sicherheitspersonal in einer ballettartigen Zeitlupenchoreografie im Alleingang ausschaltet, gehört zu den Höhepunkten des Films.

Dass die Zukunft der USA im Nixon-Jahr 1973 noch einmal symbolisch gerettet wird, ist eine schöne politische Fantasie der Gegenwart, für die Singer ein gewaltiges Bild findet. In einem irren Showdown versetzt Magneto das Baseballstadion von Washington auf den Rasen vor dem Weißen Haus: Der Vergnügungstempel des Volkes umgibt die Schaltzentrale der Macht wie einen Riegel. So geht praktizierte Demokratie. Man darf gespannt sein, welches Feindbild für die nächste Dekade reaktiviert wird.

X-Men: Zukunft ist Vergangenheit Bryan Singer USA, GB 2014, 131 Minuten

 

06:00 22.05.2014

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