Mutig dem Feind entgegen

Scham und Gewalt Einige Bemerkungen zur psychischen Anziehungskraft des Krieges

Welche geopolitischen Ziele, welche Ölinteressen die Kriegsvorbereitungen gegen den Irak antreiben, kann in diversen Zeitungen, unter anderem im Freitag, nachgelesen werden. Aber sind es wirklich nur diese Interessen, die George Bush bei den letzten Kongresswahlen soviel Zustimmung sicherten und die seine Politik leiten? Auf Albert Einsteins Frage "Warum Krieg?" antwortete Sigmund Freud 1933, der Hauptgrund für Kriege seien die egoistischen Interessen der Machthaber. Damit sei allerdings noch nicht beantwortet, wodurch es möglich werde, Millionen von Menschen zum Mitmachen zu bewegen. Freud machte dafür den biologisch verankerten "Todestrieb" verantwortlich. Die Todestriebhypothese wird heute von vielen Psychoanalytikern bestritten. Womit aber, so bleibt die Frage, kann dann die seelische Anziehungskraft von Krieg erklärt werden?

Die meisten psychoanalytischen Autoren schildern Scham als Beginn einer Dynamik, die zu Mord und Selbstmord führen kann: Ein vernichtendes Schamgefühl wird als der heftigste Angriff auf das Selbstwertgefühl verstanden. Die schwersten Entgleisungen menschlicher Destruktivität hätten mit einer misslungenen Regulation des Selbstwertgefühls zu tun, einer "narzisstischen Störung".

1999 hatten in Littleton/Colorado zwei Schüler zwölf Mitschüler, einen Lehrer und sich selbst erschossen. Eine E-Mail eines Täters an seinen Mittäter verdeutlicht das Zerstörungspotenzial von Beschämung: "Heute hat dieser Idiot F. mich auf den Flur geschubst und mich eine Schwuchtel genannt, vor den Augen von Mr. E., das ist der neue Bio-Lehrer. ... Wenn ich die abknalle, muss dieser E. auch dran glauben. Schon weil er versucht hat, das auch noch zu entschuldigen."

Der Psychoanalytiker Melvin Glasser definiert Destruktivität als eine angeborene Reaktion zur Abwehr von Gefahr. Der Mensch, anders als das Tier, erlebe auch die Vernichtung seines Selbstwertgefühls als eine existentielle Gefahr. Diese These könnte die spezifisch menschliche, nicht der Arterhaltung dienende, "sinnlose" Destruktivität erklären: Nur der Mensch ist sich seiner selbst bewusst, deshalb kann nur der Mensch sich durch die Vernichtung seines Selbstwertgefühls bedroht fühlen.

Das Selbstwertgefühl kann bedroht sein durch Gefühle von Scham, Ohnmacht, Versagen, Schuld. Häufig wird versucht, diese unerträglichen Gefühle vom eigenen Selbstbild abzuspalten, in Andere zu projizieren und dort zu vernichten. So erklärt sich vernichtender Hass gegen Schwache wie Asylbewerber oder Obdachlose. Die Identifikation mit den "Herrenmenschen" erzeugt ein größenwahnsinniges Selbstbild, das unerträglich werden kann, weil es unvollständig und amputiert ist. Paradoxerweise entwickeln Täter dann eine Sehnsucht nach Wiedervereinigung mit dem abgespaltenen Selbstanteil. Bei Untersuchungen von politischen Gewalttätern hat man herausgefunden, dass sie diese Wiedervereinigung mit dem abgespaltenen Selbstanteil im Extremfall im eigenen Tod suchen.

Politische Gewalttäter und amoklaufende Schüler - die Psychologie von Einzelpersonen lässt sich mit Begriffen der Psychoanalyse erklären, die in zahllosen Einzelbehandlungen ausreichend Erfahrungen sammeln konnte. Aber lässt sich das psychoanalytische Schema auf die Dynamik zwischen ganzen Völkern und Staaten übertragen? Ja, das ist möglich. Etliche Autoren haben herausgearbeitet, dass die Lawine von Spaltung, Projektion und Gewalt in Großgruppen wie Völkern und Staaten sogar besonders leicht losgetreten werden kann, unter anderem weil dort die zivilisierende Funktion der Instanzen wie Gewissen und Realitätsprüfung von den Individuen nach außen abgegeben werden kann, zum Beispiel an die politischen Führer oder die Medien.

Auch die Vorbereitung des Irakkrieges ließe sich nach psychoanalytischem Muster deuten. Es ist offensichtlich, wie sehr die US-Administration die eigene Destruktivität auf die "Achse des Bösen" projiziert. Der ehemalige amerikanische Justizminister Ramsey Clark stellte dies so dar: 1981 ermutigte die US-Administration den Irak zum Angriff auf Iran. Fast eine Million junger Männer starben im iranisch-irakischen Krieg. Die USA unterstützten den Irak wirtschaftlich, rüsteten ihn militärisch auf, der CIA beriet den irakischen Geheimdienst und das Militär.

Nach dem Ende des iranisch-irakischen Krieges 1988 begannen die USA mit der Dämonisierung Saddam Husseins. Sie gaben bekannt, dass er Giftgas gegen die Kurden eingesetzt hatte. Dabei verschwiegen sie, dass sie dem Irak zur Produktion der chemischen Waffen verholfen und sowohl den Irak als auch die Türkei in ihren Angriffen auf die kurdische Bevölkerung unterstützt hatten.

Nach dem Einmarsch des Irak in Kuweit 1990 vereitelten die USA jede Bemühung, ein Abkommen über den Abzug des Irak aus Kuweit auszuhandeln. Unter dem Vorwand der Befreiung Kuweits begannen sie jedoch 1991, den Irak zu bombardieren: Die Explosivkraft der Bombenlast überstieg die der alliierten Luftoffensive während des Zweiten Weltkriegs. Über den von Autos verstopften Nationalstraßen wurden Bomben abgeworfen, die rasiermesserscharfe Hochgeschwindigkeitsschrapnelle ausstießen. Napalmbomben wurden gegen Menschen eingesetzt. Die Dämme und die Abwasserwerke wurden bombardiert. Seuchen brachen aus, Wasserversorgung, Bewässerung und Stromgewinnung waren außer Funktion gesetzt. Viehherden, Getreidesilos, Bauernhöfe, Krankenhäuser, Gesundheitszentren und Schulen wurden getroffen. Ramsay Clark, der der offiziellen US-Politik den Rücken gekehrt hatte, bereiste nun mehrmals den Irak zur Koordinierung von Hilfsmaßnahmen, denn er sah die UN-Sanktionen als genauso mörderisch an wie die Bombardierungen: Jede der mit Gesundheit, Ernährung oder Kindern befassten UN-Institutionen habe über Zehntausende von Todesfällen jedes Jahr berichtet, die direkt auf die Sanktionen zurückzuführen seien.

Clark erklärt diese Gewalttätigkeit mit wirtschaftlichen Machtinteressen: Der Zugang zum Öl des Nahen Ostens werde von den USA als der entscheidende weltweite Machtfaktor der kommenden Jahrzehnte angesehen. Wenn das alles so ist, dann scheint unser Deutungsmuster nicht zu stimmen, demzufolge die Abspaltung, Projektion und Bekämpfung böser Selbstanteile im Feind dem Schutz des bedrohten Selbstwertgefühls diene. Ist dann die Dämonisierung und Bekämpfung der eigenen Kreatur Saddam eine bewusste Propaganda zum Erreichen von Machtinteressen, unabhängig davon, ob Politiker unbewusst ein bedrohtes Selbstwertgefühl retten wollen?

Mit der Aufdeckung der Macht- und Wirtschaftsinteressen gibt sich Clark aber nicht zufrieden. Er fragt, wieso "die Bevölkerung ihrer Regierung deren Vorgehen erlaubt ... Die amerikanische Bevölkerung hat es die ganze Zeit gewusst. Dennoch hat das Wissen, dass unsere Regierung den Irak in Trümmer gelegt hat, nur wenige Menschen empört, weil unsere Regierung und unsere führenden Meinungsmacher uns weismachen, die USA seien mutig und selbstlos einem gefährlichen und bösartigen Feind entgegengetreten."

Diese Phantasie, "mutig und selbstlos einem gefährlichen Feind entgegenzutreten", könnte die seelische Akzeptanz des Krieges erklären: Für den Psychoanalytiker Stavros Mentzos bietet ein Krieg hervorragende Möglichkeiten zur Hebung des Selbstwertgefühls: Eigene Selbstunsicherheit und Selbsthass würden bekämpft, in dem der Gegner erniedrigt und zerstört werde. In diesem Sinne spricht Mentzos von der "psychosozialen Funktion des Krieges", mit dem Menschen seit Jahrtausenden ihr seelisches Gleichgewicht stabilisiert hätten. Kriegspropaganda würde Macht- und Wirtschaftsinteressen dienen, aber narzisstische Bedürftigkeiten für sich nutzbar machen.

Unerträglich für breite Schichten in den westlichen Ländern ist die zunehmende Gefahr des wirtschaftlichen Abstiegs und die Bedrohung durch den Terrorismus, was zu Existenzangst, narzisstischer Bedürftigkeit und Verführbarkeit zum Krieg beitragen kann. Besonders in den USA steht hierfür eine lange Tradition fundamentalistischer Spaltungen in Gut und Böse bereit, die jetzt nach neuen Dämonen sucht, nachdem das sowjetische "Reich des Bösen" - ein Ausdruck von Ronald Reagan - nicht mehr zur Verfügung steht.

Rüdiger Eschmann ist Arzt, Psychoanalytiker und Dozent an einem Berliner Ausbildungsinstitut für Psychotherapie und Psychoanalyse.

00:00 17.01.2003

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