Mutter

Kehrseite II Beim Briefkasten schloss er kurz die Augen und bog dann in die Leiblstrasse, wo er sich auf eine Bank setzte und die fleischfarbene Knetmasse aus der ...

Beim Briefkasten schloss er kurz die Augen und bog dann in die Leiblstrasse, wo er sich auf eine Bank setzte und die fleischfarbene Knetmasse aus der Einkaufstüte holte, ein Kilo etwa, ausreichend für eine Mutter. Eine schmächtige Frau war gestorben, aus deren Bauch er angeblich vor einem halben Jahrhundert gekommen war, doch er hatte das nie geglaubt, auch nicht heute in der Aussegnungshalle. Er hatte nichts gegen diese Frau, warum hätte er ihr so schmerzhafte und blutige Dinge zumuten sollen wie das Heranwachsen in ihrem Körper und eine Geburt? Er knetete die Stücke zu einem großen Batzen zusammen, drückte seine Faust in dessen Mitte und modellierte dann Bauch, Becken und Gesäß. Auf die Gliedmaßen und den Kopf verwandte er weniger Material und Sorgfalt, das Wesentliche war ja gelungen. Jetzt ging es nur noch darum, für Mutter im Backofen die richtige Temperatur finden. Das Foto jener zarten alten Frau würde er woanders hintun. Er brauchte eine Mutter für seinen Schreibtisch.

Rupprecht Mayer (* 1946) ist Autor, Sinologe, Übersetzer für Chinesisch. Er lebt in Burghausen und Berlin.


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00:00 16.06.2006

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