Mutti und der Fernseh-Fischer

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Ach, wie werden sie gehätschelt unsere Mütter all, mindestens ein- zweimal im Jahr. Gekusselt von Kindern und Männern, mit Blumen beschenkt, mehr für ihre täglich privaten Dienste als aus wirklicher Liebe. Meine Mutti ist keine der Nation wie Meysels Inge, keine des Landes und erst recht keine der Revolution wie die ewig quengelnde Bärbel B., deren Frucht kaum jemand sein will. Meiner Mutter Sprache fand weder im Fernsehen noch auf der Straße statt, sondern auf der Opernbühne. Sie war Sängerin wie keine und eine Künstlerin wie viele: Der Alltag kümmerte sie wenig, was mir erdenklichen Kummer machte. Schon deshalb hätte jeder Dank zum Tag der Frauen nicht allzu üppig ausfallen brauchen. Im Haus war ich, der Sohn, die Frau, unter ihrem Dirigat versteht sich.

Es war der 8. März 1981, als ich Mutti tatsächlich beglücken konnte. Die Geschichte handelt ganz weit draußen, vom Fischer und einer Frau, die mich geboren hatte, vom Rosenkavaliers-Gastspiel der Dresdner Staatsoper in Japan. Es war November, als ich närrisch durchs Städtl lief und, wie vor Westreisen üblich, ausgesuchte Konserven kaufte. All die feinen Dinge stapelten im Sturmgepäck, daneben der obligatorische Wasserkocher, in dem die Dosen warm geblubbert wurden. So hielten es alle, oder fast, denn 55 Deutsche Spesenmark musste für Längerfristiges als Sushi gespart werden. Noch heute erzählen sich die Freunde der sächsischen Oper über feuchtfröhliche Fressorgien in den teuersten Hotels der Welt, wie Tischlein deck dich eine dosierte Tafel mit Heringshappen, Carnito, Ox-Tail-Clear, Halberstädter, Corned Beaf und Schweineschmalz gezaubert wurde. Mutti schlürfte bei solchen Anlässen die berühmte Fischsoljanka, damals schwer zu ergattern, im heutigen Handel völlig untergetaucht. Dermaßen gesättigt, begrüßte das große Ensemble mehr als einmal in der japanischen Nobelherberge die aufgehende Sonne, gestärkt für den Tag, vorbeiziehende Sushis vorbeiziehen zu lassen - in der knisternden Faust die jenseitigen Yens.

Die Wertpapiere sparten die Dresdner für Mr. Fischer. Ihm gehörte eine immense Ladenpassage neben dem Hotel, die jeder Gast passieren musste. Mr. Fischer war Spezialist für deutsche, vornehmlich ostdeutsche Kunden. Er kannte die Tourdaten der Künstler zwischen Kap Arkona und Fichtelberg und wusste um ihre Sache. Er unterbot die Preise des Westens um die Hälfte und verkaufte das Doppelte. Fischelant stromerte Mr. Fischer zwischen den Regalen, bot diebisch lächelnd den letzten Hifi-Schrei feil, als Mutti in seinem Kaufmannsladen nach Fernsehern schielte. Binnen einer viertel Stunde verwickelte er Mutti in ein Verkaufsgespräch, entwickelte die Funktionen des 450-Mark-Geräts und wickelte ihr das gute Stück sorgsam in filzige Lappen, bevor es im Karton verschwand. Sie war zufrieden mit sich, dem Televisor und der Reise. Immerhin, sie wurde umjubelt, in Tokio sowieso, und später in Fukuoka vor 3.500 Zuschauern, als sie zum letzten Mal den Oktavian gab, minutenlang gefeiert. Das dicke Ende lauerte im Schmalhansland. Wieder in Dresden gab es einen Theaterskandal.

Als die kostbare Fracht in Rostock andockte, kochte der Staatsapparat. Nicht nur Mutti hatte eine Flimmerkiste im Schlepptau, sondern 137 andere Opernfreunde auch. Der ferne Mr. Fischer hatte ganze Arbeit geleistet, da half auch Fischers Oskar nicht, ein eherner Kunde in legendärer Passage. Der Fall kam vor die oberste Konfliktkommission. Dank herausragender Presse wurde die Dresdner Oper durch Erich und Erich begnadigt, doch ein bissl Schikane musste sein. Am 8. März 1981 holte ich wie 137 andere in Berlin-Pankow den Fernseher bei Deutrans ab. Der Transitbetrieb lagerte nahe einer Laubenkolonie, die an diesem Tag, zu dieser Stunde, von Halteverbotsschildern umstellt war, so dass alle Abholer weniger wohl als übel falsch parken mussten. Denn 500 Meter ein Fernsehkasten zu hucken, war selbst für den stärksten Sachsen zu viel. Einer war, der verstand ob solcher Machtspielerei, wie so oft, die Welt nicht mehr, da er ausschließlich auf tönernen Füßen unterwegs war. Dieser sächsische Choleriker stieß nun in Berlin-Pankow, unterm Arm einen japanischen Fernseher, auf einen strafzettelschreibenden Volkspolizisten. So behutsam wie er den kostbaren Karton auf das Pflaster stellte, so unwirsch herrschte er das Schnittlauch an, packte und schüttelte den Erschreckten, schrie etwas vom grünen Hirnie und wurde prompt von anderen Grünlingen festgenommen, zur Feststellung der Personalien.

Nach ein paar beruhigenden Stunden wurde der Musiker auf freien Fuß gesetzt und erreichte noch am Abend sächsischen Boden - ein fernsehunfreundliches Terrain, eine terrestrische Falle. Selbst am Rande des Dresdner Tales, wo wir wohnten, blieb man ahnungslos. So guckte ich mit Mutti in die japanische Röhre und schauten der blauhaarigen Volksmutter zu, die grauhaarigen Werksfrauen Blumen reichte.

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00:00 14.12.2001

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