Mylord, kennen Sie HipHop?

Mittagessen im britischen Oberhaus Eine Unterhaltung zwischen zwei Generationen über Fahrradpauschale, Weltkriegserfahrung und den Liberalismus

Unser Autor, ein Rockmusiker und gelegentlicher CD-Rezensent, hat eine Freundin, deren großer, stattlicher Großvater Mitglied des britischen Oberhauses ist und folgerichtig mit Lord Mackie of Benshie angeredet wird. Da musste einfach ein Treffen arrangiert werden. Weil der Rockmusiker und gelegentliche CD-Rezensent wissen wollte, was dabei herauskommt, wenn man sich mit jemandem wie dem Lord Mackie of Benshie an einem Ort wie dem Gästerestaurant des britischen Parlamentsgebäudes zum Lunch trifft.

FREITAG: Mylord, wie geht es Ihnen?
LORD MACKIE OF BENSHIE: Gut, danke.

Vielen Dank, dass Sie mich im Oberhaus empfangen.
Es ist mir ein Vergnügen.

Eigentlich hatte ich vor, mit dem Fahrrad zu kommen. Es schien mir dann aber irgendwie unpassend, mit meinem schäbigen Rennrad vorzufahren.
Dabei haben wir hier im House of Lords einen Fahrrad-Club.

Tatsächlich? Sind Sie Mitglied?
Um Himmelswillen, natürlich nicht.

Gibt es denn Lords und Baronessen, die mit dem Fahrrad zur Arbeit kommen?
Gewiss, ich glaube, es sind acht oder neun. Sie erhalten eine Pauschale von neun Pence pro Meile. Motorisierte Lords bekommen vierzig Pence pro Minute. Meine Londoner Wohnung ist nicht weit von hier entfernt, und wenn ich einen guten Tag habe, laufe ich zur Arbeit.

Ihr eigentlicher Wohnsitz ist in Schottland, nicht?
Jawohl, dort komme ich auch her.

Sie sind im Jahre 1974 für die Liberaldemokraten ins House of Lords berufen worden. Das heißt, Sie haben ihren Titel nicht geerbt.
Nein. Seit etwa 50 Jahren wird ein Teil der Oberhaussitze vergeben. Seit New Labour an der Macht ist, wurde der Prozentsatz der vererbten Sitze noch verkleinert. Sie sollen sogar ganz abgeschafft werden. Das finde ich auch richtig, denn so kommen kompetente Leute ins Oberhaus. Sie sollten meiner Meinung nach allerdings nicht gewählt, sondern eben berufen werden.

Wieso?
Weil ein Wahlvorgang die kompetenten Anwärter abschrecken würde. Ältere Herrschaften wie ich, die schon über ein halbes Leben lang andere Dinge getan haben, werden kaum Lust verspüren, einen monatelangen Wahlkampf zu betreiben.

Sie zum Beispiel waren außerdem zuvor Gutsbesitzer in Schottland und saßen auch eine Zeit lang im Unterhaus. Während des Zweiten Weltkriegs waren Sie Pilot der Royal Air Force und flogen zahlreiche Bombermissionen über Deutschland, Frankreich und dem östlichen Mittelmeerraum.
Das ist richtig. Ich hatte Anfang der achtziger Jahre einen guten Bekannten, einen Deutschen, der für die Sozialdemokraten im europäischen Parlament saß. Eines Tages erzählte er mir, er habe im Krieg in einem U-Boot in Benghazi mehrere Luftangriffe überlebt. Wir haben uns dann ausgerechnet, dass ich mindestens einen dieser Angriffe geflogen bin. Ich sagte zu ihm: "Zu dumm, dass ich nicht getroffen habe!" Er hat glücklicherweise gemerkt, dass ich scherzte.

Schon erstaunlich, wie man sich so gegenüber sitzen und so verschiedene Lebenserfahrungen haben kann. Eine Existenz voll von U-Bootkrieg und Luftangriffen kann ich mir in meinen wildesten Alpträumen nicht vorstellen. Aber auch schon unser heutiges Treffen ist für mich Neuland, denn meine gelegentliche journalistische Tätigkeit besteht in der Regel darin, daheim zu sitzen und mehr oder weniger obskure Pop-Alben zu rezensieren. Haben Sie schon einmal von Goldie Lookin´ Chain gehört?
Nein.

Das ist eine zur Zeit recht populäre HipHop-Gruppe. Wissen Sie, was HipHop ist?
Ich fürchte, nein.

HipHop ist schwarze amerikanische Musik, bei der zu einem rhythmischen Hintergrund Sprechgesang deklamiert wird. Er ist derzeit die meistverkaufte Popmusik der Welt. Mir gefällt sie recht gut. Goldie Lookin´ Chain sind aber weiß, kommen aus Wales und geben ihrer Interpretation des Genres eine eher ironische Note. Das ist aber eigentlich jetzt ganz unwichtig. Ich suche nur nach Berührungspunkten zwischen Ihrer und meiner Erfahrung. Zum Beispiel kann man sagen, dass mich die Welt des Rock´n´Roll interessiert. Und wie man Ihrer Autobiographie* entnehmen kann, ließen Sie mit Ihren Mit-Piloten zwischen Missionen gerne mal die Korken knallen und unterhielten dabei auch junge Ladies! Das ist doch ganz schön Rock´n´Roll, oder?
Das tun doch alle jungen Männer! Sie etwa nicht?

Nun ja.
Aber nun gut. Während der Missionen konnte man nicht betrunken sein, das war zu gefährlich. Da nahm man eben zwischendrin jede Gelegenheit zum Feiern wahr, die sich bot. Möchten Sie ein Glas Wein?

Gerne. Sie sitzen, wie bereits erwähnt, für die Liberaldemokraten im Oberhaus. Der Begriff Liberalismus wurde und wird ja sehr unterschiedlich interpretiert. Einige sehen in ihm eine Haltung gegen Establishment und Marktwirtschaft.
Das ist die amerikanische Variante.

Viele sehen umgekehrt den Liberalismus im globalisierten Kapitalismus manifestiert. Was bedeutet Liberalismus für Sie?
Liberalismus bedeutet für mich unter anderem, logisches Denken anzuwenden. Es bedeutet, Prinzipien zu haben. Ein Liberaler sagt seine Meinung, wenn er glaubt, dass es nötig sei. Ich verbinde mit Liberalismus fundamentale demokratische Werte. Vor allem wurde ich aber Mitglied der liberalen Partei, weil ich gute Freunde hatte, die Liberale waren, und es zu jener Zeit für jeden einigermaßen vernünftig denkenden Menschen unmöglich war, Tory zu werden - das war die Zeit Chamberlains! Und obwohl Churchill ein starker, kluger Kopf war, sah ich auch nach dem Krieg die Notwendigkeit für ein Wiederaufleben der Liberaldemokraten.

Ihre Partei ist momentan tatsächlich weiter links anzusiedeln als die regierende Labour-Partei. Sie propagiert höhere Besteuerung insbesondere in den höheren Einkommensstufen, Abschaffung der Studiengebühren und opponierte stark gegen den Krieg im Irak.
Richtig. Den ersten beiden Punkten stimme auch ich zu - zumindest größtenteils. Wie Sie sich vielleicht denken können, halten mich die meisten Mitglieder der Partei für extrem rechts!

Um noch einmal auf meine ursprüngliche Frage zurückzukommen: Viele meiner Freunde lehnen Liberalismus als Konzept ab, weil er Synonym für eine kapitalistische Weltordnung ist, die in ihrer liberalen Natur jeden gegen sie gerichteten Dissens auslöscht, indem sie ihn als Randgruppenmeinung akzeptiert.
Vielleicht ist das eine Generationenfrage. Als ich in Ihrem Alter war, existierten in Europa sehr große und unheimliche Bedrohungen für Liberalismus und Demokratie. Wenn ich die Wahl zwischen Faschismus und Tyrannei einerseits und einem wie auch immer gearteten Liberalismus andererseits habe, wähle ich gewiss immer Liberalismus und Demokratie.

Wenn ich Sie noch einmal mit meinen kritischen Freunden nerven dürfte...
Bitte.

Die behaupten nämlich, unsere liberale, demokratische Welt sei gar nicht liberal oder demokratisch, die Unterdrückung erfolge bloß nicht mehr auf direkt politischem Wege, sondern durch omnipräsente Medien, globale Modekampagnen und durch die Tatsache, dass ein Großteil der Welt ausgebeutet wird, damit wir uns den Konsum leisten können. Sie sagen, wir beuten nicht mehr die Arbeiter "unserer" Länder aus, weil das vor uns selber ja unethisch aussehen würde, sondern betreiben gewissermaßen ein Outsourcing der Ausbeutung in "andere" Erdteile. Sie sagen, was schon Marx gesagt hat: der freie Welthandel ist das Übel.
Nun, da bin ich anderer Meinung. Ich glaube an das liberale Prinzip. Aber natürlich muss es Einschränkungen geben. Wir brauchen mehr Kontrolle. Wir Liberaldemokraten sind ja nicht wie unser deutsches Äquivalent, die FDP, Apostel des radikal freien Marktes. Wir unterstützen zahlreiche Initiativen zum fairen Welthandel. Übrigens reden Sie immer von Ihren Freunden, was denken Sie denn selbst?

Ich bin doch bloß Popmusiker, ich denke nicht so viel. Allerdings ist Popmusik "die" Musiksprache der Globalisierung. Das macht mir schon manchmal Gedanken. Meine Freunde hören alle Popmusik. Spielt man ihnen etwas abstraktere, regionale Musik vor, wie etwa Stockhausen oder afghanische Volksweisen, können sie damit nichts anfangen.
Nun, davon verstehe ich nicht sehr viel. Ich mag die Musik bei einem Ceilidh, einem traditionellen schottischen Tanzvergnügen. Von Ferne bewundere ich auch Jazz.

Haben Sie früher auch Charleston getanzt?
Nein, das konnte ich nicht.

Wie stehen Sie eigentlich zur Monarchie?
Sie ist reformbedürftig. Ich will sie aber nicht abschaffen. Die Briten sind nicht Republikaner genug.

Tatsächlich fällt mir als in London wohnhaftem Ausländer immer die Diskrepanz auf zwischen den 70 Prozent der britischen Bevölkerung, die laut Umfragen die königliche Familie abschaffen wollen, und der Medienpopularität der Windsors. Glauben Sie, dass große Teile der britischen Bevölkerung die königliche Familie eigentlich lieben, sich dabei aber auf Befragen zu altmodisch vorkommen?
Das kann gut sein. Mir schwebt jedenfalls ein unaufgeregteres Verhältnis zur Monarchie vor, so wie man es in Skandinavien findet. All die Aufregung um Charles und Camilla fand ich eher anstrengend. Ich hatte ja gar nichts gegen die Hochzeit, nur wünschte ich, sie würden endlich mal voran machen. Nun hat es sich ja damit.

Da kann ich nur zustimmen.
Nun muss ich zur Question Time in die Kammer. Wir werden einige Minister der Labour-Administration zur Rechenschaft ziehen. Möchten Sie zusehen?

Es würde mir großes Vergnügen bereiten.

Und so folgte unser Autor dem Lord Mackie of Benshie ins House of Lords. Man verabschiedete sich voneinander, der Rockmusiker und CD-Rezensent nahm auf den Besucherrängen Platz und beobachtete den Einzug des Vorsitzenden des Hauses, des Lord Chancellor, welcher die Kammer in Perücke, schwarzem Gewand und von einem Gewandhochhalter gefolgt betrat. Auf ein Eingangsgebet folgte die Question Time. Die Frage, warum sich Asylsuchende bei der Einreise nach Großbritannien keinem HIV-Test unterziehen müssen, wurde zwölf Minuten lang behandelt; die Frage, warum trotz erheblicher Vergrößerung des Verteidigungsetats das Armee-Musikkorps um acht Musiker dezimiert wurde, nahm 23 Minuten in Anspruch. Danach erhob sich der Rockmusiker und CD-Rezensent, entschwand durch die ehrwürdigen Korridore nach draußen und ging durch Touristenmengen vor Big Ben der U-Bahnstation entgegen.

* Flying, Farming and Politics. A Liberal Life. The Memoir Club, London 2004


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00:00 22.04.2005

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